Sunday, June 25, 2017

Therapie mit Neurofeedback - David Mehler ist jetzt bei Real Scientists DE!


Wir freuen uns, euch unseren neuen Kurator David Mehler (@neuroccino) vorstellen zu dürfen! David ist Mediziner und Hobby-Philosoph, dem das Hirn den Kopf verdreht hat. Nach seinem Medizinstudium in Münster wanderte er für den Dr. med. nach London aus, um dort motorisches Lernen zu erforschen. Seitdem ist er auf der Insel geblieben, bastelt derzeit an seinem PhD in Neurowissenschaften in Cardiff (Wales), und wird diese Woche für euch live von einer Konferenz in Vancouver tweeten.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Dank den Öffentlich-Rechtlichen. Und einigen guten Freunden und Mentoren. Habe 2005 am Nano Camp des Senders 3sat teilgenommen, das ist ein einwöchiges Camp an einem Wissenschaftsstandort in Deutschland, Österreich oder der Schweiz bei welchem Jugendliche verschiedene Institute besuchen können und Wissenschaft live miterleben. Wir waren damals während des sogenannten "Einsteinjahres" in Berlin Adlershof und haben unter anderem einen Teilchenbeschleuniger und eine Fabrikationsstätte für Mikroprozessoren besucht. Das war mein erster richtiger Kontakt mit Wissenschaft und Wissenschaftlern und hat mir richtig Spass gemacht hat und meine Neugierde geweckt. In der Wissenschaft gelandet bin ich dann vor allem aufgrund meines Interesses an Neurowissenschaften.

Ich hatte immer ein starkes Interesse für Philosophie, vor allem Erkenntnistheorie, und auch Psychologie. Eines Abends während der Zivi-Zeit lief dann auf Arte die Doku "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" über das Leben und die Forschung des US-amerikanischen Neurowissenschaftlers Eric Kandel. "I was hooked immediately!" Meine Neugierde für Neurowissenschaften und internationale Forschung war geweckt. Habe anschließend jede Ferienzeit genutzt um Praktika im In-und Ausland zu machen und Erfahrungen zu sammeln. Für die medizinische Doktorarbeit stand für mich klar, dass ich ein neurowissenschaftliches Thema im Ausland bearbeiten wollte und es ergab sich die Möglichkeit, in einem führenden Neuro-Zentrum in London zu arbeiten. Die Arbeitserfahrung, das Erlernen von Datenanalyse und Programmieren sowie das wissenschaftliche Umfeld waren sehr inspirierend. Schnell stand fest, dass ich künftig wissenschaftlich arbeiten möchte und ich habe mich deshalb während eines klinisches Auslandsjahres in Cardiff dort parallel für einen PhD in Neurowissenschaften beworben.

Ich arbeite mit bildgebenden Verfahren, um die Funktionsweise des menschlichen Gehirns besser verstehen zu lernen. Mit diesen Methoden lassen sich, allgemein gesagt, Verarbeitungsprozesse im Gehirn messbar machen. Hauptsächlich arbeite ich mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT), einem nicht-invasiven Verfahren, d.h. wir müssen keine Schädel öffnen oder Elektroden implantieren um Gehirnprozesse messen zu können. Derzeit forsche ich hauptsächlich zu klinischen Anwendungen von fMRT-gestütztem Neurofeedback-Training, einer Art Biofeedback-Methode. Dafür werden Daten von Versuchspersonen aufgenommen, in Echtzeit aufgewertet und unmittelbar in einer intuitiven Weise als Feedback präsentiert - zum Beispiel in Form eines Thermometers, dessen Füllstand den Aktivitätsstand einer bestimmten Gehirnregion widerspiegelt. Versuchspersonen werden instruiert, dieses Feedback durch mentale Vorstellungskraft zu kontrollieren, zum Beispiel durch das Vorstellen von Bewegungen, wenn Feedback von einer Gehirnregion gezeigt wird, die in Bewegungsplanung involviert ist. So eine Form von Neurofeedback-Training hat bei neurologischen Patienten (v.a. Parkinson) in Kombination mit Bewegungstherapie bereits vielversprechende Verbesserungen von motorischen Symptomen gezeigt. Andere klinische Anwendungen für Neurofeedback-Training gibt es in der Psychiatrie, zum Beispiel als Zusatzbehandlung für Depressionspatienten. Wir haben vor kurzem erst eine randomisierte kontrollierte klinische Studie abgeschlossen, welche positive klinische Ergebnisse gezeigt hat. Das Feld befindet sich noch in der Entwicklung, aber erste Ergebnisse sind vielversprechend. Aktuell arbeite ich an einer neuen Studie mit Schlaganfallpatienten. Die Hoffnung ist, dass eines Tages diese Form von Training Patienten als zusätzliche Therapie in der Rehabilitation angeboten werden kann. .

Neurofeedback-Training ermöglicht uns einen neuen Zugang zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert, und es hat Potential für verschiedene erfolgreiche klinische Anwendungen. Vor allem Patienten der Rehabilitationsmedizin könnten von dieser Methode profitieren. Erste klinische Studien für psychiatrische Erkrankungen wie der Depression als auch neurologische Erkrankungen wie Parkinson haben vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Im Rahmen eines Projekts der Europäischen Union forscht ein Konsortium von 10 Partnerinstitutionen namens BRAINTRAIN derzeit an weiteren klinischen Neurofeedback-Studien, unter anderem zur Behandlung von Autismus und Alkoholabhängigkeit.

Mich interessiert populärwissenschaftliches Schreiben, d.h. ich verfasse gerne allgemeinverständliche Artikel und Blogs über neurowissenschaftliche Themen. Zum Beispiel bin ich aktiv im Kommunikationskommittee der Organization for Human Brain Mapping (OHBM), einer Fachgessellschaft für bildgebungsbasierte neurowissenschaftliche Forschung, und schreibe regelmäßig Blogartikel, zum Beispiel über Neurofeedback-Training, oder führe Interviews zu speziellen Themen wie Open Science. Während meiner Zeit als Kurator hier werde ich  jährliche  Fachtagung der OHBM besuchen, die dieses Mal im kanadischen Vancouver stattfindet. Dort werde ich auch Nachwuchswissenschaftler*innen interviewen zu ihren Eindrücken und Vorstellungen von Wissenschaft. Stay tuned!

Ansonsten, wie schon erwähnt, interessiert mich die Open-Science-Bewegung, sie erscheint mir wichtig für künftige Entwicklungen in der Wissenschaft, aber auch ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit. Daten und Ergebnisse sollten generell öffentlich zugänglich sein, schließlich sind die meisten Projekte von Steuern zumindest teilfinanziert. Auch wird sich die Qualität von wissenschaftlichen Studien verbessern wenn erstmal alle Daten, Skripte und Materialien zur allgemeinen Verfügung stehen. Derzeit arbeite ich an verschiedenen Projekten, z.B. organisiere ich einen Workshop für Nachwuchswissenschaftler*innen zu diesem Thema an der Universität in Cardiff. Nachwuchsförderung liegt mir ebenfalls am Herzen, z.B. ich bin als Mentor aktiv und habe mehrere Gaststudenten aus dem Ausland bei Forschungsprojekten betreut. Dies war auch für mich ein Beweggrund hier zu tweeten und junge Menschen neugierig zu machen auf Neurowissenschaften, und etwas zurückgeben zu können von der tollen Unterstützung, welche ich von meinen Mentoren und Profs erhalten habe.

Meine externen Aufgaben sind im Grunde auch meine Hobbies, vor allem das Schreiben. Ansonsten höre ich viel Musik (Blues, Rock, und Folk), besuche "open mic"-Sessions und Konzerte, zuletzt Bob Dylan. Ich gehe gerne aus zum Tanzen (Funk, Soul und Indierock) und bin gern in der Natur zum Wandern oder Spazierengehen.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ein langer Spaziergang in der Natur, vielleicht am Meer oder in den Bergen mit guten Freunden. Nachts dann irgendwo einkehren für eine gute Party in einer noch unbekannten Stadt und dort das Nachtleben entdecken. Am nächsten Tag ausschlafen.


Bitte begrüßt David ganz herzlich bei Real Scientists DE!

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