Sunday, April 5, 2026

Entstigmatisierung und Tiefenpsychologie - Heiko Westerburg ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Heiko Westerburg (@heikowes.bsky.social)! Heiko (er/kein Pronomen) ist M.Sc. Psychologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und empirisch-quantitative Tiefenpsychologie an der Universität zu Köln und parallel in psychologisch-psychotherapeutischer Ausbildung (tiefenpsychologisch fundiert). Heikos Interessen liegen unter anderem in den Bereichen von Entstigmatisierung, Volunteering und Aktivismus, Diversität und Antidiskriminierung, sowie Psychotherapie- und Kompetenzforschung in helfenden Berufenim weiteren Sinne. Nähere Informationen finden sich hier: https://www.hf.uni-koeln.de/41478
 
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich erkläre mir das aktuell durch eine Mischung aus Zufall, Neugier und guten Gesprächen. Hilfskrafttätigkeiten und Praktika in universitären und universitätsangebundenen Einrichtungen haben mein Interesse an der Schnittstelle von (klinisch-)psychologischer Forschung und Praxis geweckt. Als mir mein aktueller Doktorvater am Ende des Masterstudiums eine Stelle anbot, war ich zunächst überrascht, nach kurzem Überlegen allerdings umso begeisterter über die Chance, mein Wirken in Forschung und Lehre auch einer gewissen gesellschaftlichen Verantwortung des Fachs Psychologie und Wissenschaft bzw. Universität als demokratiestärkenden Institutionen zu widmen. Um gleichzeitig ganz ehrlich zu bleiben, hat mich die Realisation dieses Weges nichtdestotrotz insgesamt überrascht: Ausgehend vom jahrelangen Engagement als Workshopleitung in einem Entstigmatisierungs-Projekt und als Guide in einer kunstpsychologischen Initiative, kam die Orientierung in wissenschaftlicher Richtung in Teilen durchausunerwartet, aber dazu womöglich in der Woche auf Bluesky mehr.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich arbeite an der Schnittstelle von angewandter Präventions-und Antidiskriminierungsforschung sowie klinischer Psychologie. Sich im Kontext des eigenen Forschens und Handelns mit Entstigmatisierung und Vielfalt zu beschäftigen, resultiert auch aus jahrelanger eigener (ehrenamtlicher) Tätigkeitin diesen Bereichen. In meiner Sicht gibt es – ohne strukturelleHerausforderungen (z.B. WissZeitVG) hier außen vor zu lassen– aktuell kaum etwas Bereichernderes, als sich gedanklich und methodisch in wissenschaftlicher Tiefe Themen widmen zu dürfen, die im besten Fall auch gesellschaftlich breitenrelevantund in jedem Fall persönliche Herzensanliegen sind.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
In wissenschaftlicher Mitarbeit liegen meine Aufgaben hauptsächlich in Forschung, Administration und Lehre. Im Rahmen meiner Promotion untersuche ich die Wirksamkeit und potenziell relevante Kontext- und Prozessfaktoren von Entstigmatisierungs-Trainings für Schüler*innen und Erwachsene in unterschiedlichen europäischen Ländern, die von ehrenamtlich engagierten, geschulten Psychologiestudierenden durchgeführt werden. Außerdem plane ich im Zuge der Promotion ein systematisches Review mit meta-analytischen Komponenten, um die aktuelle Evidenzlage der Entstigmatisierungsforschung in Europa zusammenzutragen und um interkulturelle Aspekte zu erweitern. Daneben begleite ich Bachelor- und Master-Arbeiten und biete im M.Sc. Psychologie Kolloquien zu Wissenschaftskommunikation in meinen Schwerpunktthemen an.
Ganz aktuell bin ich zusätzlich in den ersten Zügen, gemeinsam mit dem Organisationsteam die Planung für das Erstsemester-Einführungsprogramm für Psychologiestudierende an der Universität zu Köln zum Start des kommenden Wintersemesters 26/27 auf den Weg zu bringen – ein seit zehn Jahren hier in Köln bestehendes Programm, um eine aus Sicht der Studienanfänger*innen möglichst hilfreiche, wissenschaftspropädeutische Einführung ins Psychologiestudium anzubieten.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
« Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke »: WHO-Schätzungen zufolge erreicht jährlich im Mittel nur rund die Hälfte der Personen, die die formalen Kriterien zur Diagnoseeiner psychischen Störung erfüllen, diejenige adäquate psychische Gesundheitsversorgung, die zur Linderung individuellen Leidens beitragen könnte. Wenn es um schwere psychische Störungen (z.B. Schizophrenie) geht oder Systeme, in denen Ressourcen knapp sind, sinken Schätzungen sogar auf teilweise bis zu 30 % oder unter 10 %. Dieses Phänomen wird konzeptuell auch als „Behandlungslücke“ bezeichnet. Verglichen damit: Auf ein Jahr gerechnet weisen rund ein Drittel der Menschen (in Deutschland) eine oder mehrere klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheitauf. Das Stigma rund um das, was „die“ klinische Psychologie (was auch immer das heißen mag) gemeinhin als „psychische Störungen“ bezeichnet, ist dabei ein wesentlicher personenbezogener und struktureller Hinderungsfaktor, diejenige Hilfe aufzusuchen, die es bei eigenem oder im Umfeld beobachtetem, seelischem Leiden brauchen könnte. Qualitativ hochwertige Programme, die wissenschaftlich fundierteAufklärung mit Entstigmatisierung psychischer Störungen vereinen, können dazu beitragen, gesellschaftlich mehr Bewusstsein zu stiften. So ließen sich aus meiner Sicht auf mehreren Ebenen Hemmschwellen reduzieren, sich mit sich selbst zu beschäftigen, offen darüber zu sprechen, wenn es auch mal nicht so gut geht, sowie Strukturen zu schaffen, die unterstützen: Individuell wie auch politisch und strukturell.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Aktuell leite ich ehrenamtlich ein Forschungsprojekt mit einem Team internationaler Studierender zu einer in Europa ländervergleichenden Untersuchung personenbezogenerFaktoren, Beziehungszufriedenheit und Kommunikations- sowie Konfliktlösungsstrategien im Vergleich zwischen Personen, die intime Beziehungen eher monogam versus eher nicht-monogam gestalten. 
Zudem bin ich als Medizinredakteur für die Apothekenumschau, als Co-Dozent in der Ausbildung von Mediator*innen an einem universitären An-Institut, in freier Mitarbeit für Diversity-Trainings am Institut für Diversity- undAntidiskriminierungsforschung, sowie auch in sehr geringem Umfang selbstständig in Mediation und systemischem Coaching tätig.
Last but not least übernehme ich Referenten- und Personalangelegenheiten für eine kunstpsychologische Initiativein Köln, die sowohl für den dortigen Museumsdienst als auch im weiteren Sinne das lokale Gesundheitswesen, etwa in Schulprojekten zur Stärkung von Persönlichkeitsfunktionen belasteter Schüler*innen, tätig ist.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Auch wenn die Zeit für Hobbies neben beruflichen Rollenaktuell überschaubar und das, was „interessant“ klingt, sehr individuell sein möge, freue ich mich stets, zu bouldern. Ein in meiner Sicht übrigens durchaus psychologischer Sport: Frei zu klettern lädt ein zum Ausprobieren des eigenen Umgangs mit Grenzen, Festhalten und Loslassen, Kippmomenten und Überwindung. Oder zu schwimmen – eine Leidenschaft, die ich früher auf Leistungsniveau verfolgt und zu der ich heute ein gelasseneres Verhältnis habe: Das Rauschen des Wassers beim Bahnenziehen hat in meinem Erleben etwas Meditatives. Gut für Rücken und Wohlbefinden ist beides; zur Schonung von Gelenken eignet sich vermutlich eher das Wasser.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?
Mir fällt da ein psychoanalytisches Konzept ein, das des sogenannten „Ideal-Selbst“, hinter dem die Realität manchmal zurückbleibt. Daher freue ich mich im Prinzip darüber, am Tagesende oder an freien Tagen selbstbestimmt Zeit dafür zu haben, zum Beispiel zu lesen, zu spazieren, ins Museum zu gehen, oder Filme bzw. Serien zu schauen.

Bitte begrüßt Heiko ganz herzlich auf dem Kanal!


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