Sunday, November 30, 2025

Sprachwissenschaft und KI, im Kontext der Arbeitsgeschichte! Hagen Blix ist jetzt bei Real Scientists DE!

Hagen Blix Portraitfoto
Diese Woche freuen wir uns auf unseren Kurator Hagen Blix (@hagenblix.bsky.social)! Hagen ist Kognitionswissenschaftler und Linguist in New York. In seiner Dissertation ging es vor allem um Syntax, und die Frage was die kleinsten Bausteine der Sprache sind, aber in den letzten Jahren hat er vor allem an künstlicher Intelligenz und deren politischer Ökonomie gearbeitet. Mit Ingeborg Glimmer hat er gerade das Buch Why We Fear AI veröffentlicht.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Mich hat eigentlich immer schon interessiert "was die Welt im Innersten zusammenhält". Und wahrscheinlich hatte ich viel Glück, dass mir die Neugierde darüber, wie Dinge funktionieren, mit denen ja die meisten Kinder der Welt erstmal begegnen, weder abhandengekommen, noch ausgetrieben worden ist.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Ich bin eigentlich Kognitions- und Sprachwissenschaftler, und in den letzten Jahren hat mich interessiert, was das Verhältnis zwischen Kognition und künstlicher Intelligenz ist. Zum einen sind das ganz direkte Fragen davon, was Sprachmodelle eigentlich machen, welche Teile von Sprache sie modellieren, was für Informationen in diesen Modellen eigentlich drin stecken. Da kann man Erkenntnisse aus der Kognitionswissenschaft nutzen und damit die KI selbst untersuchen.

Als Sprachwissenschaftler hat man bis dato tendenziell eher Nischenforschung betrieben - aber in dem Moment wo Natural Language Processing oder Computerlinguistik ein Teil des ganzen KI-Komplexes werden, steht man plötzlich auch vor gesellschaftlichen Fragen. Was heißt da überhaupt "Intelligenz", hat das hier mit Fragen von Kognition zu tun, oder ist das eher eine Frage davon, wie unsere Gesellschaft organisiert ist? Was für Effekte hat das, wenn wir jetzt die Produktion von Sprache teilautomatisieren können? Und da fangen Felder wie z.B. Science and Technology Studies eine Rolle zu spielen.

Und weil ich glaube, dass die Geschichte zeigt, dass Wissenschaftler die gesellschaftlichen Effekte ihrer Forschung ernst nehmen müssen, bin ich gerade an diesem Spannungsfeld interessiert, daran, was man die politische Ökonomie von KI nennen könnte.


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Gemeinsam mit Ingeborg Glimmer habe ich gerade ein Buch geschrieben, Why We Fear AI. Da gehen wir solchen gesellschaftlichen Fragen zur KI nach. Warum sagen selbst Leute, die die KI programmieren, dass sie nicht verstehen, warum oder wie sie funktioniert? Wenn ein Sprachmodell eine Textsammlung modelliert, was wird da eigentlich als "normaler Text" festgeschrieben? Welche Kriterien bestimmen eigentlich, wo in der Gesellschaft oder an Arbeitsplätzen Informationsverarbeitung stattfindet? Hat das nur was mit Effizienz zu tun, oder auch mit Löhnen, oder sogar Macht?

Ein zentrales Argument in unserem Buch ist, dass man KI im Kontext der Geschichte von Arbeitskämpfen verstehen muss. Da geht es zum Beispiel darum, ob gewisse Fähigkeiten Mitarbeitenden oder einer Technologie wie KI zugeschrieben werden können, und darum, wer Kontrolle über bestimmtes Wissen hat, wer das beeinflussen kann, usw. Und mindestens seit dem Aufkommen des Taylorismus hat man das auch mit den Instrumenten der Wissenschaft zu beeinflussen versucht. Da verschränken sich dann Management und Vermessung der (Arbeits-)Welt, und der Taylorismus schlägt damals schon vor man müsse alles Wissen davon, wie Arbeitsprozesse funktionieren, zusammenhängen, und in welche Teile sie zerfallen, im Management konzentrieren. Da geht's natürlich darum, einzelne Leute ersetzbar zu machen, Kontrolle auszuüben, und Löhne zu reduzieren. 

Für Wissenschaftler ist das eigentlich harter Tobak, weil es darum geht, Wissenschaft zu verwenden, um Wissen unzugänglich, oder zumindest unnütz für Individuen zu machen. Und wenn KI in dieser Tradition steht, wirft das einiges an Fragen auf, zu den Rollen von Wissen und Wissenschaft in der Gesellschaft, die wir alle demokratisch diskutieren müssen.


Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Rein als Linguist würde ich sagen, weil Sprache ein faszinierender Teil dessen ist, was uns als Mensch ausmacht. Als jemand der in den letzten Jahren zu diesen eher gesellschaftlichen Fragen gearbeitet hat, die ich gerade beschrieben habe: Weil wir dringend gesellschaftliche Reflektionen und Debatten brauchen; sonst machen das ein paar Leute in Venture Capital Bereich, und ein paar Silicon Valley Milliardäre unter sich aus.


Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Dies und das, aber nichts, was gerade interessant für andere wäre.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich lese gerne, spiele auch gerne mal Computerspiele (gerade zum zweiten Mal Disco Elysium). Vielleicht das eigenartigste Hobby: Meine Frau und ich übersetzen gerade Wittgensteins Traktatus neu ins Englische.


Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?

Ein paar Stunden in einem der botanischen Gärten in New York spazieren, für ein, zwei Stunden ein gutes Buch lesen, und abends mit Freunden ein Bierchen trinken.



Bitte begrüßt Hagen ganz herzlich bei Real Scientists DE!

 

Sunday, November 23, 2025

Von Evolutionsbiologie und Ameisenpsychologie - Volker Nehring ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Volker Nehring. Volker (@volkernehring.bsky.social) ist Evolutionsbiologe und untersucht Koevolution von Parasiten und Wirten, Evolution von Sozialverhalten und chemische Kommunikation bei Arthropoden. Bisher hat er sich hauptsächlich mit Totengräberkäfern und ihren phoretischen Milben sowie Blattschneiderameisen und ihren Sozialparasiten beschäftigt. Eigentlich interessiert ihn aber alles.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich glaube ich habe nie etwas anderes gemacht als geforscht, habe mich schon immer für Naturwissenschaften interessiert. Ich fand es immer faszinieren, Dinge zu sehen oder herauszufinden, von man oberflächlich betrachtet nichts ahnt.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Vermutlich ist für Kinder der Zugang zur Wissenschaft über Viehzeug wesentlich seichter als wenn man sich mit theoretischer Physik beschäftigt. Letztendlich war es eine Kette von “ah, klingt interessant, will ich mal ausprobieren”-Events. Zum Beispiel gab es in meinem Studium 
soziale Insekten nur am Rande und ich habe dann mal bei jemanden, der mit ihnen arbeitet, ein Praktikum machen wollen. Später bin ich dann für die Doktorarbeit ins gleiche Labor gegangen. Ich habe mich auch früh für Evolutionsbiologie interessiert, spätestens ausgelöst durch die früheren Dawkins-Bücher.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich bin gewissermaßen Ameisenpsychologe. Was denken die Ameisen und wieso sind es so viele? Mich interessiert Variation zwischen Individuen im Allgemeinen (warum sind wir nicht alle gleich?) und Verhaltensvariation im Speziellen. Wie sehr werden Handlungen durch Unterschiede in der Wahrnehmung beeinflusst und wie sehr durch Entscheidungsregeln?

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil sie interessant ist? Aber wer weiß, vielleicht fällt auch zufällig 
mal ein Mittel gegen Haarausfall ab.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich habe mich immer in wissenschaftlichen Gesellschaften engagiert. Früher bei der Deutschen Zoologischen Gesellschaft, jetzt bei den sozialen Insektenleuten Mitteleuropas (IUSSI). Zur Zeit planen wir einen internationalen Kongress in Freiburg. In wie fern die Organisation interessant ist weiß ich nicht, aber zusätzlich ist die Aufgabe auf jeden Fall. Ansonsten bin ich noch Editor bei Plos One und bei uns im 
Institut für die Sammlung zuständig (auch die Schausammlung – kommt uns gerne besuchen!).

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich brauche Bewegung, also Sport. Unter anderem laufe ich, aber Laufen finde ich wirklich nicht interessant. Als die Kinder größer wurden haben sie mich zum Fußball zurückgebracht.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 
Inzwischen bin ich froh, wenn mal nichts passieren muss und ich wie eine Qualle durch den Tag treiben kann (Michaela würde sagen, dass Ihr das nicht gefällt).
 
Bitte begrüßt Volker ganz herzlich auf dem Kanal!


Sunday, November 16, 2025

Stoffwechsel und Ernährung auf molekularer Ebene - Alexander Bartelt ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Alexander Bartelt. Alex (@barteltlab.bsky.social) ist Professor für Translationale Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Mich begeistern die Wunder der Natur und ich wollte schon immer den Nobel-Preis gewinnen.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich wollte gerne ein Thema erforschen, dass die Menschen im Alltag betrifft – Stoffwechsel und Ernährung sind mega wichtig für die Gesundheit, denn die führende Todesursache in Deutschland sind kardiometabolische Erkrankungen. Es gibt hier noch viel zu tun, sowohl was Grundlagen als auch Aufklärung und Therapien angeht.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Als Prof an der Uni mit Forschungslabor verbringe die meiste Zeit des Tages mit Reden, Lesen und Schreiben: Vorlesungen und Praktika für die Studis, Vorträge zu unserer Forschung, universitäre Sitzungen, doch am liebsten bespreche ich mit den Labormitgliedern die neuesten Daten.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Ernährung betrifft uns alle, doch die wenigsten wissen wirklich, was auf molekularer Ebene im Körper passiert. Viele Menschen in Deutschland kämpfen mit ihrem Übergewicht und die meisten Infos auf Social Media sind irreführend oder schlichtweg falsch. Hier sehe ich meine Rolle, wissenschaftlich fundierte Tips und Tricks unter das Volk zu bringen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich staubsauge gerne unsere Büroräume pro bono, das hilft mir zu entspannen und entlastet unsere Reinigungskräfte.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich spiele gerne, am liebsten Kartenspiele mit meinen Freunden, Skat oder auch Euchre, aber auch Brettspiele und Puzzles machen mich glücklich.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 
Ausschlafen, alte Videospiele (Zelda!) spielen, ein Runde laufen, Nickerchen und dann ein Bier zum Skatabend.
 
Bitte begrüßt Alex ganz herzlich auf dem Kanal!


Wie unser Körper Insulin herstellt - Andreas Müller ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Andreas Müller. Andreas ist Wissenschaftler am Paul Langerhans Institut Dresden. Er untersucht die Funktion der insulinproduzierenden Betazellen mit Licht- und Elektronenmikroskopie. Sein Ziel ist die Darstellung der Feinstruktur von Betazellen und ihre Interaktionen mit ihren Nachbarzellen.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich habe mich schon immer für Pflanzen und Tiere interessiert und irgendwie war es dann logisch Biologie zu studieren.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich bin über die Mikroskopie in die Diabetesforschung gerutscht. Ich habe mir über die Jahre eine gute Expertise erarbeitet und habe eine ziemlich einzigartige Sicht auf Betazellfunktion. Deshalb ist das Feld immernoch spannend für mich und es gibt noch viel zu tun.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich forsche an den Betazellen des Pankreas. Diese Zellen stellen das Hormon Insulin her, das dafür sorgt, dass unsere Zellen Glukose aus dem Blut aufnehmen können. Funktionieren die Betazellen nicht richtig, führt das zu Diabetes. Betazellen sind Teil der Langerhansschen Inseln. Das sind Kluster aus hunderten Zellen inklusive Betazellen, aber auch anderen Zelltypen. Mich interesiert auch, wie Betazellen mit anderen Zelltypen interagieren und was das mit ihrer Funktion zu tun hat.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Ich hoffe, dass ich ein bisschen die Beigeisterung für die Nanometerwelt unseres Körpers wecken kann.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 
Rausgehen mit den Kindern. Schwimmen oder in den Zoo.

Bitte begrüßt Andreas ganz herzlich auf dem Kanal!