Monday, January 26, 2026

Unweltchemikalien und Darmentzündungen - Elena Katharina Nicolay ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Elena Katharina Nicolay. Ronja (@enicolay.bsky.social) ist Doktorantin in der Ökotoxikologie (mTox Gruppe) am UFZ Leipzig und untersucht die Auswirkung von endokrinen Disruptoren auf die Darmgesundheit. Es handelt sich dabei um Umweltchemikalien, die das körpereigene Hormonsystem beeinflussen. Dabei hat sie ein besonderes Augenmerk auf Darm-assoziierte Makrophagen und Neuronen.


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Tatsächlich bin ich durch die Arbeit mit Tieren in costa-ricanischen Auffangstationen in der Wissenschaft gelandet. Ich habe dort mehrere Monate lang ehrenamtlich gearbeitet und fand es sehr erfüllend. Das hat mich dazu motiviert, einen Beruf zu ergreifen, der jeden Tag neu und abwechslungsreich ist. Ich habe eine Ausbildung zur biologisch-technischen Assistentin absolviert, erste Erfahrungen in einem Pharmaunternehmen gesammelt und mich dann für Studienplätze beworben. Mit meinem Fachabitur waren meine Studienmöglichkeiten jedoch begrenzt. Glücklicherweise habe ich dann den Bachelor of Science in Molekularbiologie an der WHS Recklinghausen gefunden und absolviert. Anschließend habe ich einen Master of Science in Regenerativer Biologie und Medizin an der TU Dresden studiert, wo ich die Möglichkeit hatte, den Zebrafisch als faszinierenden Modellorganismus für die neuronale Regeneration kennenzulernen.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Hattet ihr schon mal so ein Bauchgefühl? Eine emotionale Reaktion aus dem Bauch heraus, stimuliert von einer Entscheidung oder Person? Der Verdauungstrakt ist durchzogen mit einem Nervengeflecht, das autonom funktioniert und die Darmmotilität steuert – das enterischeNervensystem. Der Vagusnerv verbindet dieses Nervensystem mit dem Hirnstamm und sorgt für bilaterale Kommunikation. Motorische Impulse werden vom Gehirn zum Darm gesendet und sensorische Impulse vom Darm ins Gehirn. Gerät dieses sensible System aus dem Gleichgewicht, kann es zu Verdauungsstörungen und psychischen Beeinträchtigungen kommen. Ob durch Umweltchemikalien induzierte Darmentzündung eine Auswirkung auf das enterischeNervensystem haben, ist die Hauptfragestellung meiner Doktorarbeit. Ich bin also meinem eigenen Bauchgefühl gefolgt. 😊  


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Auf meiner Suche nach Laboren die mit der Darm-Hirn Achse im Zebrafisch arbeiten, bin ich auf die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Tamara Tal am UFZ Leipzig gestoßen. In Kombination mit meinem Hintergrund in Mikroskopie und Bildanalyse haben wir strategisch ein Projekt entwickelt, bei dem transgene Zebrafischembryonen eingesetzt werden, um die Auswirkungen von endokrinen Disruptoren zu untersuchen. Dies ist eine Klasse von Chemikalien, die auf das körpereigene Hormonsystem einwirken, beispielsweise durch Immunmodulation. Besonders interessiert mich dabei der Einfluss auf Makrophagen im Darm und der potentielle Zusammenhang zu Störungen des enterischen Nervensystems. Hier kann ich einen Beitrag zu wichtigen Forschungsfragen der Immun- und Neurotoxikologie leisten. Dafür setze ich transgene Zebrafischembryonen mit unterschiedlichen fluoreszierend markierten Zelltypen in High-Content-Mikroskopie-Assays ein.


Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Das Forschen in der Toxikologie ist spannend und sehr wichtig, da wir ständig einer Vielzahl von Umweltchemikalien ausgesetzt sind. Ob in Form von Pestiziden auf Feldern, Weichmachern in Behältern oder Zusätze in Kosmetikprodukten – es gibt viele Wege, wie Chemikalien ihren Weg in unsere Körper finden. Viele dieser Chemikalien wurden nur unzureichend oder gar nicht auf ihre Nebenwirkungen getestet, ganz zu schweigen davon, wie sie mit anderen Chemikalien interagieren. Hier setzt mein Projektan, mit dem Ziel, einen in-vivo Test zu entwickeln, mit dem diese Untersuchungen schneller durchgeführt werden können.


Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Seit 2023 bin ich Teil der Young Microscopists and Image Analysts (YMIA). Wir sind ein Team von German BioImaging e.V. (GerBI) mit der Mission, Nachwuchswissenschaftler*innen zu vernetzen, die mit Mikroskopie und Bildanalyse arbeiten. Wir möchten problemorientiertes Lernen zu flexiblen, bedarfsorientierten Themen vermitteln, indem wir Watch-Partys, Workshops und Expert*innenrunden anbieten. Seit 2025 bin ich auch Teil des Vorstands von GerBi und vertrete dort die Interessen der YMIA.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich spiele gerne, egal ob Brettspiele oder Computerspiele. Dabei genieße ich am Meisten die Auszeit zu meinem sonst sehr geschäftigen Alltag und liebe es neue Welten zu entdecken, die Entwickler*innen für die Spielcommunity kreieren.


Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 

Ausschlafen, weil die Kätzchen auch noch zu müde sind um uns zu wecken. Dann ein ausgiebiges Frühstück mit meinem Partner, gefolgt von einem Spaziergang in dem nahegelegenen Wald. Später am Tag dann mit meinen Freundinnen Pizza selber machen und einen Film schauen.

 

Bitte begrüßt Elena ganz herzlich auf dem Kanal!


Sunday, January 18, 2026

Postvirale Syndrome, Psychologie und Stigma - Ronja Büchner ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Ronja Büchner. Ronja (@buechnerronja.bsky.social) ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe „Psychiatrie und Gesellschaft“ von Prof. Georg Schomerus an der Universität Leipzig (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie). Innerhalb der AG verantwortet sie gemeinsam mit Prof. Schomerus die Themenbereiche Long COVID, ME/CFS und PAIS und beschäftigt sich in ihrer Promotion mit der Stigmatisierung von Menschen mit postviralen Erkrankungen. Zudem befindet sie sich in der Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin im Verfahren Verhaltenstherapie. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Überraschend, würde ich sagen. Als ich angefangen habe Psychologie zu studieren, war mir nicht klar, dass meine Professor*innen nicht einfach wie Lehrer*innen sind, sondern neben der Lehre auch alle forschen. Wissenschaft war in meinem Kopf vorher eher mit weißem Kittel im Labor stehen und es macht *Knallpuffpeng*.

Ich war während meines Bachelorstudiums studentische Hilfskraft am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (inkl. 2 Monate „Feldforschung“ in Namibia!) und habe ein Forschungspraktilum in Brisbane (Australien) in der Sozialpsychologie gemacht und bei beidem gemerkt wie sehr ich wissenschaftliches Denken liebe. Während des Master habe ich allerdings erst mal gemeinsam mit einer Freundin ein Café im Leipziger Westen eröffnet (Café Kater, gibt’s noch immer) und dabei die Wissenschaft fast vergessen. Nach der Geburt meines Kindes bin ich dann über Zufälle in einer Studienambulanz für Long COVID gelandet und habe dort mein Promotionsthema gefunden.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
In der Long COVID Studienambulanz war es als Psychologin meine Aufgabe, strukturierte diagnostische Interviews zu führen, um mögliche psychische Ko-Morbiditäten festzustellen. Das habe ich manchmal, aber viel mehr habe ich gemerkt wie unfassbar groß die Symptomüberlappung von Long COVID und psychischen Erkrankungen ist und wie groß (auch aber nicht nur) deshalb die Gefahr einer ‚Psychologisierung‘ der Erkrankungen um Long COVID ist. Seitdem erforsche ich die Psychologisierung und den Zusammenhang mit der Stigmatisierung der Betroffenen und das alles kommt mir sowohl wichtig als auch spannend vor, sodass ich nicht wüsste, warum ich damit aufhören sollte. Außerdem schätze ich den Austausch mit Betroffenen und das von ihnen Lernen, weswegen mir auch die partizipative Forschung ein großes Anliegen ist.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich arbeite in der Arbeitsgruppe „Psychiatrie & Gesellschaft“ von Prof. Georg Schomerus an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich eigentlich vor allem mit der Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Seit ich da bin, gibt es nun auch den Schwerpunkt Stigmatisierung von Menschen mit postviralen Syndromen wie Long COVID und ME/CFS, das ist nämlich das Thema meiner Promotion. Zusätzlich mache ich die Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) und sehe einen Tag in der Woche Patient*innen. 

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil die Lebensrealitäten von Menschen mit Long COVID und/oder ME/CFS gesellschaftlich viel zu oft noch immer unsichtbar sind, obwohl sie uns alle etwas angehen - wenn wir nämlich so weiter machen, wird die Zahl der Betroffenen weiter steigen (Stichwort Prävention/Infektionssschutz) während die Versorgung weiterhin unmenschlich ist (Stichwort Stigmatisierung). Außerdem ist es eine gute Idee, sich mal mit den Grenzen und auch Gefahren der Psychologie und der Psychosomatik auseinander zu setzen - Disziplinen, die fälschlicherweise oft für durchweg progressiv gehalten werden.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Gemeinsam mit drei Kolleginnen und unserem Chef Georg Schomerus organisiere ich seit 2022 die Veranstaltungsreihe „Rausch & Stigma - Bilder von Sucht“ in einem Leipziger Kino. Die Abende laufen immer so ab, dass es erst ein Podiumsgespräch und dann einen Filmklassiker zu sehen gibt. Zu Gast sind Menschen mit eigener Suchterfahrung, Wissenschaftler*innen und lokale Akteur*innen wie Beratungsstellen, Sober-Rave-Organisator*innen oder die Suchtbeauftragte der Stadt. Zentraler Bestandteil der Abende ist der Austausch mit dem Publikum. Audiomitschnitte der Veranstaltungen sind über unsere Homepage verfügbar.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Wirklich gar nicht, alles sehr unspektakulär. Ich mag Bücher, Kaffee und schöne Dinge.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 
Morgens Kaffee im Bett, dann ein Spaziergang zur Leipziger „Spinnerei“. Dort in der besten Bäckerei der Stadt den 2.Kaffee und Leckereien genießen und in den Galerien bisschen Kunst gucken.
 
Bitte begrüßt Ronja ganz herzlich auf dem Kanal!


Sunday, January 11, 2026

Renaissance, zeitgenössische britische Literatur und die Rolle von Piraten auf der Theaterbühne! Susanne Gruß ist jetzt bei Real Scientists DE!

 Susanne Gruß in der Vorlesung zu PiratenDiese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin Susanne Gruß (@susannegruss.bsky.social)! Susanne ist Anglistin und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Renaissance und mit zeitgenössischer britischer Literatur und Kultur. Seit April 2024 ist sie Professorin für Englische Literaturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Davor war sie nach Vertretungen an den Universitäten Frankfurt/Main, Passau und Bonn Professorin für Englische Literatur und Kultur (mit Schwerpunkt Gender und Queer Studies) an der Universität zu Köln. Studiert (Lehramt für Gymnasium und Magister im Doppelstudium), promoviert und habilitiert hat sie an der FAU Erlangen-Nürnberg. In ihren Spezialgebieten konzentriert sie sich insbesondere auf frühneuzeitliche Kultur und Drama (v.a. Rachetragödien und Tragikomödien), Kollaboration im Theater, frühneuzeitliche Piraterie und Recht und Literatur auf der einen Seite; auf der anderen arbeitet sie zu Gender Studies und feministischer Theoriebildung, Neoviktorianismus (und kulturellen Aneignungen des 19. Jahrhunderts), den kulturellen und literarischen Implikationen der Welt der Pilze, sowie seit Kurzem auch zur Darstellung von Hexenfiguren. In beiden Forschungsfeldern interessiert sie sich für Populärkultur und Fragen von Kanonisierung und Genre.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Wie viele der Menschen in meinem Umfeld durch eine Mischung aus Zufall, Glück und Sturheit. Als ich angefangen habe zu studieren, hatte ich noch nie darüber nachgedacht, dass „Professorin“ ein echter Beruf ist. Mein Vater war Lehrer, ich bin also in einem bildungsbürgerlichen Haushalt aufgewachsen und habe (Achtung, Klischee) schon immer gerne gelesen. Studiert habe ich dann zunächst Englisch und Deutsch auf Lehramt (mit Erweiterungsfach Geschichte), hatte aber eigentlich den vagen Plan, Journalistin zu werden. Den habe ich dann schnell wieder verworfen, und obwohl ich zu Beginn meines Studiums als Lehrerstochter nie Lehrerin werden wollte, fand ich die Schulpraktika überraschend spannend. Viel spannender allerdings waren für mich von Anfang an insbesondere die literaturwissenschaftlichen Kurse in Anglistik, und dann hatte ich riesiges Glück: mir wurde nach Abschluss des Magisters eine volle Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Promotion angeboten. Wie selten das ist, ist mir erst nach einer Weile bewusst geworden. Ich habe dann parallel zur Stelle trotzdem noch mein erstes Staatsexamen gemacht (als Sicherheitsnetz), aber schnell festgestellt, dass die Kombination aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Forschung und universitärer Lehre für mich ein Volltreffer ist. Nach Promotions- und Habilitationszeit (in der ich auch zwei Kinder bekommen habe) hatte ich dann tatsächlich das Glück, ziemlich schnell eine erste und dann eine zweite, meine jetzige Professur zu bekommen.

 

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Ich bin noch mit einem sehr kanonischen Verständnis von Literatur aus der Schule gekommen – große, wichtige (männliche, weiße, tote) Autoren. Dass an der Universität dieser Kanon v.a. in der Anglistik/Amerikanistik hinterfragt und aufgebrochen wurde, hat mich fasziniert. Bei einem Auslandsjahr am Trinity College in Dublin ist mir dann zum ersten Mal Literaturtheorie untergekommen, das war eine ganz neue, fordernde und spannende Herangehensweise an Literatur für mich, die inzwischen ganz selbstverständlicher Teil des Studiums ist. Außerdem wurden parallel zu meinem Studium und meiner Promotionszeit in der Anglistik im deutschsprachigen Raum die Cultural Studies als neue Subdisziplin etabliert. Nicht nur literarische Werke, sondern auch (pop)kulturelle Phänomene als Texte verstehen und analysieren zu können und damit etwas über eine Kultur und die Ideologien, die sie unterfüttern, zu lernen, finde ich nach wie vor produktiv und aufschlussreich. Aktiv zu gestalten, wie sich unser Blick auf (historische) Texte verändert, ist ein weiteres Privileg meines Jobs. Ich habe heute z.B. ein ganz anderes Bild vom Theater der Shakespeare-Zeit als noch vor 15 Jahren, weil archäologische Forschung oder das Arbeiten mit den Repertoires einzelner Theatergruppen unser Verständnis korrigieren und erweitern.

 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Mich interessieren sehr häufig widerständige Figuren: In der frühen Neuzeit habe ich die Rolle von Piraten auf der Theaterbühne in den Blick genommen. Dort werden sie nicht nur für Abenteuer auf dem Meer eingesetzt, sondern auch, um Recht und politische Systeme kritisch zu hinterfragen. In der zeitgenössischen Literatur beschäftige ich mich gerade mit Hexen, die eine ähnliche Funktion haben: insbesondere Hexen in historischen Romanen werden oft dazu benutzt, ein kritisches Schlaglicht auf die Position von Frauen heute zu werfen. Dabei stelle ich mir begleitend Fragen nach der Funktion von Genres und Produktionsbedingungen: Wie wirkt sich die Struktur eines Textes darauf aus, wie wir ihn lesen? Inwiefern unterscheidet sich ein Stück, das für ein Open Air-Theater wie das Globe in London geschrieben wurde, von einem, das für eine Innenbühne konzipiert wurde?

 

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Weil die literatur- und kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit Texten so viel mehr ist als „Spaß am Lesen und Texte verstehen haben“. Über das Verstehen von Texten lernen wir etwas über Gesellschaften sowie über kollektives und kulturelles Gedächtnis. Mit einer Freundin und Kollegin arbeite ich beispielsweise gerade an einem Projekt zur Rolle von kollaborativem Schreiben und Arbeiten in der frühen Neuzeit und darüber hinaus. Das klingt vielleicht erst einmal nicht relevant für den Alltag, aber unser Verständnis von Autorschaft ist an eine Fiktion von Einzelautorschaft geknüpft. Wenn wir Kollaboration als Regelfall kultureller Praxis positionieren, ändert sich auch unser Verständnis davon, was „ein Text“ ist und unsere Wertung davon, was wir als „guten“ oder „wichtigen“ Text ansehen.

 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Ich bin (Mit)Herausgeberin von mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften – das ist viel Arbeit, die häufig unsichtbar bleibt. Gleichzeitig behalte ich dadurch einen Überblick über aktuelle Entwicklungen in den Bereichen, die mich interessieren (die Renaissance, Neoviktorianismus, Feminismus und Gender Studies).

 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Weil die Arbeit an geisteswissenschaftlichen Projekten manchmal erst nach Jahren greifbare Ergebnisse bringt (in der Form von Sammelbänden, Zeitschriftensonderheften oder Aufsätzen), beschäftige ich mich gerne mit Dingen, die schnell sichtbare, materielle Ergebnisse haben. Ich häkle und stricke (nicht gut, aber mit Enthusiasmus) oder dekoriere und zeichne in ein Bullet Journal. Nichts davon mache ich besonders professionell, aber ich freue mich trotzdem über die Ergebnisse.

 

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?

Mein perfekter Tag wäre in erster Linie faul – aber mit zwei Kindern klappt das eher selten. Deshalb vielleicht ein ganz klassischer Familientag ganz ohne Haushalt und organisatorischen Balanceakt: ein bisschen im Bett lesen, ein ausgiebiges Frühstück, ein kleiner Ausflug und dann ein gemeinsamer Film. 


Bitte begrüßt Susanne ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, January 4, 2026

KI zur Bilddatenverarbeitung in der Biomedizin! Joana Grah ist jetzt bei Real Scientists DE!

Joana Grah auf dem Soapbox Science Event
Foto © Soapbox Science Berlin
 Diese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin Joana Grah (@joanagrah.bsky.social)! Joana ist Mathematikerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und stellvertretende Fachgebietsleitung in der Bildanalyse am Zentrum für Künstliche Intelligenz in der Public Health-Forschung am Robert Koch-Institut in Berlin/Wildau. Sie hat Mathematik (BSc und MSc) an der Uni Münster studiert und an der University of Cambridge, UK, zu mathematischen Bildverarbeitungs-Tools für die Krebsforschung promoviert. Danach hat sie als Postdoc am Alan Turing Institute in London, UK, zu computergestützter personalisierter Brustkrebsvorsorge und anschließend an der Technischen Universität Graz, Österreich, zu Variationsnetzwerken für Denoising und Demosaicing geforscht. Sie war außerdem als freiberufliche Beraterin zu Digitalisierung und KI im Rahmen der Steiermark Schau am Kunsthaus Graz tätig. Danach hat sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heine Center for Artificial Intelligence and Data Science and der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf gearbeitet. Dort entwickelte sie den KI-Campus Online-Kurs „KI für alle“, gab Programmier- und KI-Workshops für Wissenschaftler*innen an der HHU, und entwickelte den KI-Podcast „Inside HeiCAD“ und die YouTube-Serie „Heine und Lovelace fragen nach“. Seit April 2023 ist sie in Berlin am RKI.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Durch viel Zufall, Glück und auf mein Bauchgefühl Hören würde ich sagen. Ich hatte nie diesen lebenslangen Traum schon als Kind Wissenschaftlerin zu werden. Ich bin in einem nicht-akademischen Haushalt aufgewachsen, war aber schon immer sehr gut in der Schule und hatte Spaß daran, neue Dinge zu lernen. Als dann die Entscheidung anstand, was ich nach dem Abi mache, bewarb ich mich für Studiengänge, die verwandt mit Schulfächern waren, die ich immer cool fand, also Sprachen und Mathe. Ich habe mich dann aus dem Bauch heraus für Mathe in Münster entschieden. Das Studium war alles andere als leicht für mich, aber je weiter ich kam, desto mehr Spaß hatte ich an den Inhalten und desto mehr merkte ich, wofür die ganzen Grundlagen eigentlich gut waren und wie befriedigend es ist, diese Dinge auf reale Problemstellungen anzuwenden. Daher spezialisierte ich mich auch auf Statistik und angewandte Mathe und schrieb meine Masterarbeit in der Bildverarbeitung. Dafür verbrachte ich ein halbes Jahr in der Arbeitsgruppe und mit der Professorin in Cambridge, bei der ich auch im Anschluss meinen PhD gemacht habe, und fühlte mich sofort wohl dort. Danach gab es dann immer tolle Angebote und Projekte, sodass ich nie das Bedürfnis hatte, mir einen Job außerhalb der Wissenschaft zu suchen. Heute bin ich überzeugt davon, dass es der perfekte Beruf für mich ist.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Mathe spielt tatsächlich in so gut wie allen anderen Forschungsfeldern - manchmal sehr offensichtlich, aber manchmal auch gut versteckt - eine Rolle. Das Tolle am Mathestudium ist, dass man sich durch die Theorie so eine Art Toolset aneignet und Methoden lernt, die man dann später in vielen verschiedenen Gebieten anwenden kann. Mein Forschungsschwerpunkt war immer die Bildverarbeitung. Das Schöne daran ist, dass auch Bilder als Daten ja in den verschiedensten Bereichen auftreten können, z.B. in der Astronomie, in der Kunstgeschichte, in den Materialwissenschaften, in der Medizin oder in den Pflanzenwissenschaften. Dadurch wird es nie langweilig. Mein Herz schlägt aber definitiv am Meisten für Anwendungen in der Biologie und Medizin, d.h. dort können Daten z.B. Mikroskopiebilder, CT-/Röntgenaufnahmen oder MRT-Bilder sein. Im letzten Jahrzehnt hat sich das Feld der Bildverarbeitung durch die Popularität von Methoden der so genannten Künstlichen Intelligenz ziemlich schnell verändert und weiterentwickelt. Gestartet bin ich in meiner Masterarbeit und Promotion mit mathematischen Bildverarbeitungsmethoden, aber dann habe ich mich immer mehr auch mit KI bzw. maschinellem Lernen beschäftigt. Es ist total spannend und ein großes Privileg, hautnah mitzubekommen, wie sich ein ganzes Forschungsfeld in Echtzeit verändert. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass KI nie wirklich “traditionelle” Methoden ablösen wird, sondern dass vernünftige, nachhaltige, faire, erklärbare und für die Gesellschaft nützliche Lösungen eine Kombination aus beidem sein werden.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich arbeite zur Zeit an verschiedenen Projekten, die natürlich alle als gemeinsamen Nenner Bilddaten beinhalten, und versuche entweder, ausgehend von einer biologischen oder medizinischen Fragestellung KI-Methoden zu entwickeln, oder umgekehrt die Methodik für eine bestimmte Problemstellung in der Bildverarbeitung zu verbessern oder weiter zu entwickeln und dann auf Probleme in der Biomedizin anzuwenden. Im Moment arbeite ich mit Lichtmikroskopiebildern, wo man je nach Mikroskopietechnik lebende Zellen beobachten und z.B. morphologische Unterschiede untersuchen kann oder einzelne Zellbestandteile einfärben und sichtbar machen kann. Mit Hilfe von Bildverarbeitung kann man dann beispielsweise Zellen automatisiert erkennen, klassifizieren oder segmentieren, also Objekte einzeln präzise erfassen. Eine weitere Modalität, mit der wir viel arbeiten, ist die Elektronenmikroskopie. Diese erreicht noch höhere Auflösungen als Lichtmikroskopie und kann z.B. Viren sichtbar machen. Seit Kurzem hab ich auch ein Projekt, das in der Radiologie angesiedelt ist. Dort versuche ich, Krebs in Computertomographie (CT)-Bildern des Abdomens automatisiert zu erkennen.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Ich glaube, alleine das Buzzword “KI” erregt schon automatisch sehr viel Aufmerksamkeit. Das ist nicht immer gut, weil ich nicht immer mit der Darstellung von KI in der Öffentlichkeit einverstanden bin. Ich finde, es gibt zu viel Hype sowohl was die Möglichkeiten und Chancen von KI betrifft - es gibt immer noch keine AGI (artificial general intelligence), also KI, die diverse menschliche Fähigkeiten übersteigt und nicht nur eine bestimmte Aufgabe besser und schneller lösen kann - als auch bezüglich ihrer Risiken, während die wirklichen Herausforderungen, mit denen wir uns intensiv beschäftigen sollten, in der Regulierung und den gesellschaftlichen Konsequenzen von KI liegen. Es gibt viele Themen, die in meinen Augen zu wenig diskutiert werden, z.B. die unverhältnismäßig große Macht von großen Konzernen, die damit einhergehende ungleiche Verteilung von Ressourcen wie GPUs (Grafikkarten), die für große Modelle benötigt werden, die Ausbeutung von Natur und Menschen, die psychosozialen Konsequenzen, und viele mehr. Daher ist es umso wichtiger, aufzuklären und gute Wissenschaftskommunikation zu betreiben.

Am ZKI-PH betrachten wir das Thema KI für Public Health ganzheitlich, passend zum “One Health”-Ansatz. Es gibt neben der Bildanalyse Arbeitsgruppen zum Thema Phylogenomik, zur Klima- und Gesellschaftsanalytik und zur Visualisierung, und die Erklärbarkeit von Methoden und Kommunikation nach außen bildet einen Schwerpunkt. In meinen aktuellen Projekten können zum einen durch die automatisierte Analyse am Computer viel Zeit, Kosten und Personalressourcen gespart werden. Zum anderen unterstützen die Analysen und Ergebnisse die biomedizinische Forschung, indem z.B. die Wirksamkeit von Medikamenten verifiziert werden kann oder einzelne Beobachtungen wie etwa zu morphologischen Veränderungen generalisiert werden können.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
In meiner Freizeit betreibe ich seit 5 Jahren mit einem fantastischen Team die Plattform “Her Maths Story”. Wir haben eine Website (https://hermathsstory.eu) und sind auf fünf Plattformen in den sozialen Medien unterwegs (Bluesky, Mastodon, LinkedIn, Instagram und Facebook). Alle zwei Wochen veröffentlichen wir eine neue Story, die von einer Frau in der Mathematik erzählt wird. Dabei teilen sie ihren persönlichen Weg in die Mathematik, ihre Erfahrungen als Frau in einem leider immer noch von Männern dominierten Forschungsfeld und erzählen davon, was sie beruflich machen. Unser Ziel ist es, Frauen in der Mathematik sichtbarer zu machen und dadurch Menschen zu erreichen, die sich in ähnlichen Situationen weniger alleine fühlen und vielleicht sogar motiviert werden, eine Karriere in der Mathematik anzustreben oder weiterzuführen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich tanze schon seit ich 4 Jahre alt bin und für mich ist das einfach immer ein toller Ausgleich zum Alltag, bei dem ich mich sportlich, mental und sozial betätigen kann. Das beinhaltet alles von Contemporary, Dancehall oder Modern Dance Stunden über Social Dancing wie Salsa bis hin zu Tanzen in einem Berliner Club.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?
Ich kann ausschlafen und ausgiebig Brunchen, danach gehe ich (aktuell im Schnee!) mit meinem Partner und unserem Hund im Grunewald spazieren, um dann Zuhause gemeinsam Zeit zu verbringen und den Tag mit einer Yoga- oder Tanzstunde ausklingen zu lassen.


Bitte begrüßt Joana ganz herzlich bei Real Scientists DE!