Sunday, February 21, 2021

Dinge herstellen, besitzen und loswerden - Amrei Bahr ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Amrei Bahr (@amreibahr) vorstellen zu dürfen! Amrei ist seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zuvor hat sie in Münster und Wien Philosophie und Evangelische Religionslehre studiert und anschließend in Münster im Fach Philosophie promoviert. In ihrer Doktorarbeit hat sie untersucht, wie sich moralische Rechte von Urheber_innen an ihren geistigen Schöpfungen begründen lassen und welche Kopierhandlungen solche Rechte verletzen können. Während sich ihre Doktorarbeit darum drehte, was beim Herstellen von Dingen erlaubt ist, geht sie in ihrem Habilitationsprojekt der Frage nach, was wir tun dürfen, wenn wir Dinge wieder loswerden wollen: Ist Recycling aus ethischer Sicht wirklich die beste Art der Abfallentsorgung? Wie kann ein gerechter Umgang mit Abfall aussehen, der den Interessen jetziger und zukünftiger Generationen überall auf der Welt angemessen Rechnung trägt? Um Gerechtigkeitsfragen geht es auch in Amreis Forschung zur Ethik wissenschaftlichen Publizierens: Wie sollte das wissenschaftliche Publikationssystem verändert werden, um faire Teilhabemöglichkeiten auch für Forscher_innen und Studierende zu schaffen, die aktuell aufgrund hoher Preise für Publikationen keinen Zugriff darauf haben? Neben ihren Tätigkeiten in Forschung und Lehre engagiert sich Amrei in universitätsinternen Gremien, auf Twitter und in den Medien für faire Arbeitsbedingungen von befristet angestellten Wissenschaftler_innen.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Für mich war schon im Bachelorstudium klar, dass ich mein Glück in der akademischen Philosophie versuchen möchte, weil mich die Philosophie mit all ihren Facetten von Anfang an begeistert hat. Bereits in dieser Zeit hatte ich an der WWU Münster die Gelegenheit, gemeinsam mit anderen Studierenden und Mitarbeitenden aus dem Mittelbau philosophische Aufsätze zu schreiben und konnte so erste Einblicke in die philosophische Forschung gewinnen. Als ich die Chance hatte, im ‚Fast-Track-Verfahren‘ direkt nach dem Bachelor zu promovieren, habe ich sie deshalb sofort ergriffen. An der Promotion habe ich nicht nur im Rahmen einer Stelle als Mitarbeiterin gearbeitet: In der Promotionsphase war ich auch für 10 Monate Fellow der interdisziplinären Forschungsgruppe „Ethik des Kopierens“ am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Uni Bielefeld. Hier habe ich für mein Promotionsprojekt viele wertvolle Impulse aus ganz unterschiedlichen Disziplinen erhalten und möchte seitdem den interdisziplinären Austausch zu meinen Forschungsthemen nicht mehr missen.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Für mich sind aktuelle Relevanz und Anwendungsbezug wesentliche Kriterien bei der Wahl meiner Forschungsthemen. Dass ich dabei immer wieder bei hergestellten Dingen — den Artefakten — lande, liegt daran, dass mich diese Kristallisationspunkte menschlicher Kultur in ihrer Vielfalt besonders faszinieren: Gebrauchsgegenstände, Kunstwerke, technische Geräte, wissenschaftliche Theorien — all das sind Artefakte. Mit ihnen gestalten wir unsere Welt, während sie gleichzeitig unsere Welt und unseren Umgang damit prägen. Wie diese Dinge in die Welt kommen, welche Funktionen sie in ihr erfüllen und wie sie wieder daraus verschwinden, welche Rolle wir dabei spielen und welche Möglichkeiten und Grenzen sich für uns aus ethischer Perspektive ergeben — diesen Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und in Bezug auf verschiedene Gegenstände nachzugehen macht mir viel Freude.


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Forschung und Lehre sind die zwei wesentlichen Säulen meiner Arbeit, die mir beide gleichermaßen wichtig sind. Wenn möglich, freue ich mich immer, beide miteinander zu verbinden, weil dadurch nach meiner Erfahrung auch beide profitieren. Der interdisziplinäre Austausch spielt dabei stets eine wichtige Rolle — sei es in von mir mitorganisierten Workshops (etwa zur Authentizität von Artefakten, gemeinsam mit Gerrit Fröhlich), im Team-Teaching oder in der gemeinsamen Arbeit an Publikationsprojekten mit Kolleg_innen anderer Disziplinen. Philosophische Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit zu tragen und auch Studierende dazu zu befähigen, an diesem Prozess teilzuhaben, ist mir ein wichtiges Anliegen. Deshalb setze ich auch in der Lehre auf die Vermittlung von Fähigkeiten in der Wissenschaftskommunikation (z.B. im Seminar zum Wissenschaftsbloggen mit Anna Soßdorf und Lukas Gallach).


Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Das Anfertigen von Kopien, mit dem ich mich in meiner Forschung auseinandersetze, kann für die Öffentlichkeit viel Nutzen, aber aus Sicht von Urheber_innen und Verwerter_innen durchaus auch Schaden mit sich bringen. Deshalb ist nicht verwunderlich, dass die Frage nach der Legitimität von Kopierhandlungen immer wieder zum Gegenstand breiter öffentlicher Debatten wird. Ein Konsens darüber, wann eine Kopierhandlung moralisch erlaubt, verboten oder sogar geboten ist, ließ sich im Rahmen dieser Debatten jedoch bisher nicht erzielen. Die rechtlichen Erlaubnisse und Verbote von Kopierhandlungen passen zudem oft nicht mit den moralischen Intuitionen der Kopist_innen sowie der Nutzer_innen und Rezipient_innen von Kopien zusammen. Davon zeugt etwa die Selbstverständlichkeit, mit der viele Nutzer_innen digitaler Medien gegen das geltende Urheberrecht verstoßen, indem sie Fotografien, Filme, Musik und Software kopieren und verbreiten. Meine Forschung leistet einen Beitrag dazu, Licht ins Dunkel der ethischen Bewertung von Kopierhandlungen zu bringen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei der Zugang der Öffentlichkeit zu Bildung und Kultur.

Auch meine Forschung zur Abfallentsorgung schließt an aktuelle, für die Öffentlichkeit wichtige Fragestellungen an. Wie wir mit den immer größer werdenden Abfallmengen umgehen sollten, ist schließlich eine drängende moralische Frage, die jede_n von uns betrifft: Unser Um­gang mit Abfall wirkt sich auf die menschliche Gesundheit ebenso aus wie auf die lokale und die globale Umwelt und die Wirtschaft, wobei die Folgen verheerend sein können. Allerdings lässt sich hier selten eine Lösung finden, die den Schutz der Ge­sundheit aller jetzt und in Zukunft Betroffenen überall auf der Welt bei gleichzeitiger Schonung der Umwelt ohne größere wirt­schaftliche Belastungen gewährleistet. Eine Philosophie der Entsorgung kann hier einen wesentlichen Beitrag zur öffentlichen Debatte leisten: Sie gibt Auskunft darüber, wie die verschiedenen Faktoren fair in Einklang gebracht werden können, damit eine gerechte Abfallentsorgung sichergestellt werden kann.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Zusätzlich zu meiner Arbeit in Forschung und Lehre bin ich in der akademischen Selbstverwaltung aktiv, u.a. als Vertreterin des wissenschaftlichen Mittelbaus im Institutsvorstand sowie als Mitglied des Runden Tischs Bürgeruniversität und der Senats-AG Nachhaltigkeit. Im vergangenen Jahr habe ich gemeinsam mit Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon die Aktion #95vsWissZeitVG auf Twitter angestoßen, mit der wir auf die Nachteile des aktuellen deutschen Wissenschaftssystems für die darin Beschäftigten, aber auch für die Lehre und die Wissenschaft als solche aufmerksam machen. Wissenschaftskommunikation ist ein weiteres Tätigkeitsfeld, das mir sehr am Herzen liegt — u.a. auf Twitter in meiner Reihe #InsidePhilo oder im Rahmen des Formats denXte, bei dem wir gemeinsam mit Philosophieinteressierten philosophische Gedankenexperimente anstellen.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Als Ausgleich zur Schreibtischarbeit mache ich gern Yoga und lange Spaziergänge. Beim Spazierengehen habe ich oft eine Kamera im Gepäck, um Fotos von Wildtieren zu machen (bei Twitter zu finden unter #AmreisFotos). Auch Häkeln gehört zu meinen Hobbies.


Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Ausschlafen, entspanntes Frühstück (Müsli und Kaffee), dann mit der Kamera raus in die Natur und Zeit haben, an meinem liebsten Fotospot — einem Hohlweg — auf Vögel, Eichhörnchen, Mäuse usw. zu warten. (Sonst ist Geduld nicht meine Stärke — hier genieße ich es aber, minutenlang einfach still dazustehen, zuzuhören und meine Umgebung zu beobachten.) Yoga darf auch nicht fehlen, und Zeit zum Häkeln oder Lesen. Wenn nicht gerade Corona ist, gern auch ein Treffen mit Freund_innen oder Kolleg_innen zum Kaffee oder zum Essen. 

Bitte begrüßt Amrei ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, February 14, 2021

Wer wo wann wie wessen Geschichte erzählt - Andrea Geier ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Andrea Geier (@geierandrea2017) vorstellen zu dürfen! Andrea ist seit 2009 Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Gender Studies an der Universität Trier. Sie ist seit 2010 im Vorstand des Trierer Centrums für Postcolonial und Gender Studies (CePoG) und seit 2020 im Vorstand der Fachgesellschaft Geschlechterstudien. Nach einem Studium der Germanistik, Allgemeinen Rhetorik und Empirischen Kulturwissenschaft promovierte sie mit einer Arbeit über „‚Gewalt’ und ‚Geschlecht’. Diskurse in deutschsprachiger Prosa der 1980er und 1990er Jahre“ an der Universität Tübingen. Sie arbeitete u.a. mehrere Jahre an der Universität Marburg und hatte in den letzten 10 Jahren drei Gastprofessuren in den USA. Zu ihren Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören deutschsprachige Gegenwartsliteratur, kultur- und literaturwissenschaftliche Gender Studies, Interkulturalitätsforschung und Postcolonial Studies, Rhetorik sowie Literatur im Medienwechsel. Informationen zu Publikationen, Wissenschaftskommunikation u.am.: https://www.uni-trier.de/index.php?id=29978

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Während des Studiums habe ich als wissenschaftliche Hilfskraft in meinem Nebenfach Allgemeine Rhetorik gearbeitet, und diese Mitarbeit im ‚Betrieb‘ war ein wirklich wichtiger Impuls. Ich war in einem Hiwi-Team, in dem sich einige schon sicher waren, dass sie nach dem Abschluss des Studiums gerne promovieren und in die Wissenschaft gehen würden. Ich hatte mir das vorher nie überlegt. Ich habe mit Germanistik, Allgemeiner Rhetorik und Empirischer Kulturwissenschaft genau die Fächer gewählt, die mich damals interessiert haben, und ich habe nicht nur gern studiert, ich war auch eine sehr gute Studentin. Aber die Vorstellung, an der Uni zu studieren und die Frage, was ich später mal arbeiten werde, waren in meiner Vorstellungswelt bis dahin einfach getrennt. Ich habe mich da nicht gesehen.
Während der Magisterarbeit in Germanistik wurde mir dann klar, dass ich weiter machen will, und der Rest war, was es immer ist: Eine Mischung aus viel Arbeit, Warten auf Chancen, eigenen Entscheidungen, von denen man aber nie weiß, ob sie nützen oder nicht, und Glück.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Während des Studiums habe ich vor allem dank einiger Dozent:innen in einem meiner beiden Nebenfächer, der Empirischen Kulturwissenschaft, Fragestellungen und erste Methodendiskussionen in der Geschlechterforschung kennengelernt. Mein eigentliches Feld – und auch Hauptfach im Studium – war die Germanistik, aber ohne diese zweite Perspektive hätte ich meine literaturwissenschaftlichen Interessen nicht so eigenständig entwickeln können. Während meines Studiums gab es nämlich zu Gender Studies im Hauptfach noch recht wenige Angebote. Das hat mich aber gar nicht abgeschreckt, eher im Gegenteil: Ich stieß auf offene Ohren und hatte das Gefühl, das für mich entdecken und gewissermaßen ‚übertragen‘ zu können, und bald ergaben sich dann auch viele Anschlussmöglichkeiten – zum Beispiel in interdisziplinären Diskussionsrunden von Nachwuchswissenschaftler:innen.
Was mich dort hält? Spontan sagt man auf die Frage, was einen in dem eigenen Feld hält, selbstverständlich intrinisische Motivation, und das stimmt 100% für mich. Aber ebenso selbstverständlich ist es mir nur möglich, dort zu bleiben, wo ich bin, weil ich heute eine Professur habe und auf dem Weg dorthin nur wenige Phasen ‚irgendwie‘ überbrücken musste. Ich hatte Stipendien während der Promotions- und Postdoc-Phase und eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin, von der ich nach fünf Jahren dann auf eine Professur berufen wurde. Ich finde es wichtig, dass wir immer auch die institutionellen Bedingungen thematisieren und nicht so tun, als könnte sich Motivation und Begeisterung für Forschungsfelder unabhängig von den institutionellen Rahmenbedingungen entwickeln und entfalten.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Als Professorin gehören Forschung, Lehre und Engagement in der Selbstverwaltung zu meinen Aufgaben, ich leite seit 2010 immer im Rahmen eines Teams das Trierer Centrum für Postcolonial und Gender Studies (CePoG) und bin seit letztem Jahr im Vorstand der Fachgesellschaft Geschlechterstudien. Die Verbindung von Forschung und Lehre ist mir wichtig und ist immer in zwei Richtungen zu denken: Ich biete an, worüber ich schon viel gearbeitet habe, aber ich kann mich über die Lehre auch weiterentwickeln, indem ich in bekannte Themen neue Bausteine einfüge etc. Innerhalb eines vorgegebenen Rahmens – Studiengangsstrukturen etc. – kann ich sehr frei in der Wahl meines Angebotes sein. Ich muss also nicht unbedingt jedes Semester eine bestimmte Epoche abdecken, sondern kann sowohl epochenspezifische als auch epochenübergreifende Veranstaltungen machen. Als Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Gender Studies biete ich regelmäßig interdisziplinäre Veranstaltungen an wie etwa die Einführung in die Gender Studies und Interkulturalitätsforschung. Und damit sind auch schon zentrale Forschungsfelder benannt. Ich interessiere mich für verschiedene Alteritätskonstruktionen, also ‚Geschlecht‘ und/oder Ethnizität, und habe einen Schwerpunkt in der Gegenwartsliteratur, aber ich habe auch publiziert über Turcica in der Frühen Neuzeit, Literarischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert, Misogynie in der Literatur des 18. Jahrhunderts, und in der Gegenwart über Medienwechsel und postdramatisches Theater, Mythosrezeption oder Erzählen über Kolonialgeschichte …Schaut euch gerne mal um: https://www.uni-trier.de/index.php?id=29978

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Als kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaftlerin mit Schwerpunkten in den Gender Studies, der Interkulturalitätsforschung und den Postcolonial Studies habe ich es mit ganz unterschiedlichen Erwartungen zu tun – je nachdem, unter welchem „Hut“ ich mich gerade sichtbar mache. Grundsätzlich denke ich nicht, dass sich alle Menschen für Literaturwissenschaft begeistern müssten, aber ich hoffe selbstverständlich, dass ich ansprechende Angebote zu ästhetischen, gesellschaftspolitischen und ethischen Fragestellungen mache: Welche Formen ästhetischer Repräsentation gibt es? Wie verändern sie sich historisch? Wie wird (wessen) Geschichte in Geschichten erzählt? Welchen Zugang zu und Perspektiven auf Themen eröffnen Texte? Welche ästhetischen Erfahrungen kann man damit machen?
Als literaturwissenschaftliche Kulturwissenschaftlerin möchte ich also vermitteln, dass nicht nur Themen interessant sind – also etwa die Frage, welche Geschlechterbilder langer Dauer in der Literatur entwickelt, tradiert und verändert werden – sondern vor allem, wie sie dargestellt werden.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ob das Mitarbeiten in der Fachgesellschaft Geschlechterstudien eine externe Aufgabe ist? Es ist zumindest eine zusätzliche, aber zugleich zeitlich begrenzte Tätigkeit. Ich bin zwar schon lange Mitglied, aber erst seit Kurzem wirklich engagiert – was auch damit zu tun hat, dass ich seit 2010 das Trierer Centrum immer im Tandem mit einer Kollegin leite und mich vor allem auch darauf konzentriert habe. Wir sind ein gutes Team im Vorstand der Fachgesellschaft, und die interdisziplinäre Ausrichtung macht es natürlich besonders interessant.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Noch nicht, aber ich strebe an, mehr schöne Puzzles zu besitzen und natürlich Zeit, sie auch zu machen. Immerhin habe ich schon eine Puzzlematte und damit einen gewissen Professionalisierungsgrad erreicht. Und vielleicht kann das ja vor allem deshalb als Hobby zählen, weil es mir als erstes zu dieser Frage einfällt. Für mich ist es eine schöne händische und visuelle Begleitung zu Podcasts oder auch Talkshows – wenn ich nicht gerade meine Reaktionen auf Sendungsinhalte direkt vertwittere.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher:innen sind ja auch nur Menschen)?
Meistens: Ein unverplanter Tag, Zeit für Lektüre, die nicht unter beruflichem Verwertungsdruck steht.

Bitte begrüßt Andrea ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, February 7, 2021

Impuls und Kontrolle - Matthias Aulbach ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unseren neuen Kurator Matthias Aulbach (@MatthiasAulbach) vorstellen! Matthias hat an der Ludwig-Maximilians-Universität in Würzburg und dem ISCTE Lissabon Psychologie studiert und hat danach als Suchtberater für die Caritas Augsburg und als Therapeut für Kompass Kompakt Drogenhilfe in Augsburg gearbeitet. Danach hat er sich an die Universität Helsinki in Finnland aufgemacht und dort in der Forschungsgruppe „Behavior Change and Well-Being“ in Sozialpsychologie promoviert. In seiner Doktorarbeit hat er sich mit digitalen Interventionen beschäftigt, die darauf abzielen, Impulse bezüglich ungesunder Lebensmittel zu vermindern und damit deren Konsum zu verringern.
Seit Januar arbeitet er als Postdoc in einem Projekt, in dem er mit seinen KollegInnen erforschen will, wie wir Begegnungen mit Mitgliedern verschiedener sozialer Gruppen psychologisch, psychophysiologisch, sowie neurologisch verarbeiten und wie man diese Reaktionen so verändern kann, dass wir weniger diskriminierend agieren. Grundsätzlich gilt sein Hauptinteresse Phänomenen rund um das Thema Selbst- und Impulskontrolle sowie psychologischer Forschungsmethodik.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich habe mich schon während des Psychologie-Studiums sehr für Forschungsmethoden und Statistik interessiert. Nach dem Abschluss wollte ich dann aber doch eine Weile weg von der Uni und habe ca. 2 Jahre lang als Suchtberater und -therapeut gearbeitet. Da ich zu der Zeit schon eine finnische Freundin hatte, wollte ich nach Helsinki ziehen und habe das als Gelegenheit genutzt, doch noch zu promovieren. Das hatte ich auch während der praktischen Arbeit mit Klienten schon immer noch im Auge.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Das Thema meiner Doktorarbeit (wie man impulsive Aspekte von Essverhalten verändern kann) kam durch die Kombination meines Interesses an Impulsivität und Selbstkontrolle und der Arbeit an gesundheitspsychologischen Interventionen meiner Betreuer zustande. Impulsives Verhalten und Selbstkontrollkonflikte fand ich schon immer spannend (daher auch die Arbeit im Suchtbereich): wieso machen wir Sachen, die schlecht für uns sind? Wie schaffen wir es, Verlockungen nicht nach zu gehen bzw. unsere Impulse nicht einfach aus zu agieren? Essverhalten eignet sich da besonders gut, da es sich dabei um ein so alltägliches Phänomen handelt.
Zwar habe ich für den Postdoc den Inhalt meiner Arbeit gewechselt (siehe nächste Frage). Was ich aber vom genauen Forschungsgegenstand unabhängig spannend finde ist die Frage, wie man ein Thema angeht, also die verschiedenen wissenschaftlichen Methoden um Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Und natürlich bleibt im Mittelpunkt der Mensch mit seinem Erleben und Verhalten als Forschungsobjekt – spannender geht es kaum.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Im Oktober 2020 habe ich erfolgreich meine Doktorarbeit verteidigt. Thema war, wie man durch das Durchführen kurzer Aufgaben am Computer leichter ungesundem Essen widerstehen kann. Dazu habe ich drei verschiedene Studien durchgeführt wovon zwei schon veröffentlicht sind. Ich würde sagen, meine Doktorarbeit umspannt insofern ein weites methodisches Feld weil ich von Meta-Analyse (also Übersicht über die vorhandene Literatur) über EEG-Studie (also Gehirnstrommessung) bis zu mHealth (also Interventionen via Smartphone) durch gegangen bin.
Jetzt bereite ich mich gerade auf meine Postdoc Stelle vor und da das Projekt schon läuft, ist etwas Eile geboten. In dem Projekt geht es um Vorurteile, und wie die Wahrnehmung von Mitgliedern verschiedener sozialer Gruppen (ethnische Minderheiten, Menschen mit verschiedenen Krankheiten, etc.) von diversen Situationsfaktoren abhängt. Dazu werden wir verschiedene Methoden verwenden, z.B. virtuelle Realität, elektrophysiologische Maße, Computer-Aufgaben, oder Fragebögen. Ich lese mich also gerade in ein für mich weitestgehend neues Forschungsthema ein. Das ist super spannend und gleichzeitig recht anstrengend weil es zu jedem denkbaren natürlich sehr viel Literatur gibt. Dass man dann auch noch an vielen Ergebnissen zweifeln muss (Stichwort: Replikationskrise) macht es nicht einfacher. Aber insgesamt macht es viel Spaß, mit den Kollegen neue Studien zu planen und Ideen zu entwickeln.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil (Sozial-)Psychologie in vielen Fällen relativ direkte Relevanz für unseren Alltag hat. Natürlich sollte man nicht von ein, zwei Studien ausgehend denken, man wüsste jetzt wahnsinnig viel über menschliches Verhalten, aber in seiner Gesamtheit können wir einige Phänomene sicher besser verstehen wenn wir uns mit Psychologie befassen. Konkret von mir kann man sich vielleicht was mitnehmen was die eigene essensbezogene Impulsivität angeht oder eben, wie wir Mitgliedern anderer sozialer Gruppen begegnen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Derzeit bin ich (noch) Mitglied im Executive Committee von CREATE, der Assoziation für Jungwissenschaftler innerhalb von EHPS (das ist die Europäische Gesellschaft für Gesundheitspsychologie). Als Grant Master und Liaison Officer bin ich dafür zuständig, Bewerbungen für Konferenz- und Workshop-Stipendien zu beurteilen (was dank Corona gerade natürlich flach liegt) aber auch, im Austausch mit ähnlichen Organisationen zu sein.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich bin aktiv beim FC Germania Helsinki, dem größten deutschsprachigen Fußballverein Finnlands (das klingt nur beim ersten Lesen imposant). Das ist unter anderem der Versuch, ein Stück deutsche (Fußball-)Kultur nach Finnland zu bringen. Und natürlich irgendwann mal finnischer Meister zu werden.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Das hängt hier in Finnland natürlich stark von der Jahreszeit ab. Was sicher nicht fehlen darf, ist das Meer, das in Helsinki nie weit ist. Im Sommer also baden am nahegelegen Strand zusammen mit meiner Partnerin und guten Freunden. Ein bisschen Fußball spielen oder auch einfach im Sand liegen und ein gutes Buch lesen.
Im Winter ein langer Spaziergang (gerne auf der Ostsee wenn das Eis dick genug ist) und ein gemütlicher Spieleabend mit Freunden, dazu ein gutes Essen mit feinen Getränken. Und gerade im Winter darf natürlich der Saunabesuch nicht fehlen.

Bitte begrüßt Matthias ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, January 31, 2021

Sprechen mit und über Menschen - Naomi Truan ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Naomi Truan (@BerLinguistin) vorstellen zu dürfen! Naomi ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Leipzig. 2019 hat sie ihre Promotion an der Sorbonne Université Paris und der Freien Universität Berlin. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich u.a. mit Soziolinguistik, Digitale Linguistik, Korpuslinguistik sowie Grammatik und Schule. Das sagt Naomi zu sich in ihren eigenen Worten:

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Ich hatte ursprünglich gar nicht vor, zu promovieren. Und ich wusste auch nicht, dass mir Hochschullehre so viel Spaß machen würde! Während meines Studiums der Philosophie, Geschichte, Sprach- und Literaturwissenschaften mit einem Fokus auf Germanistik hatte ich die Gelegenheit, zwei intensive sechsmonatige Praktika zu absolvieren: Das erste war in der Presse- und Kommunikationsstelle der französischen Botschaft in Berlin und das zweite bei einer Abgeordneten im Deutschen Bundestag. Gleichzeitig schrieb ich zwei Masterarbeiten in der kontrastiven Linguistik (Deutsch/Englisch) und konnte dabei feststellen, dass die Untersuchung politischer Kommunikation aus sprachwissenschaftlicher Perspektive mich begeisterte.

Und so fing es an: Nach dem Staatsexamen hatte ich das Glück, eine dreijährige Promotionsstelle an der Sorbonne zu bekommen und Personenreferenz (das heißt, wie sprechen wir mit und über Menschen?) in drei parlamentarischen Kontexten (Deutschland, Grobbritannien, Frankreich) auszuloten. Mein Buch, The Politics of Person Reference, erscheint in wenigen Monaten und darauf freue ich mich sehr!


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Während meinem Bachelor in Lyon befasste ich mich mit den Geisteswissenschaften in ihrer ganzen Spannbreite – dies ist eine Besonderheit der französischen sogenannten. „Vorbereitungsklassen“ im Hochschulstudium. Zu der Germanistik kam ich erstmal, um weiterhin so viele Disziplinen wie möglich studieren zu dürfen: In der Auslandsgermanistik studiert man neben Literatur- und Sprachwissenschaft noch die Geschichte und Philosophie deutschsprachiger Kulturräume. Als begeisterte Literaturwissenschaftlerin entdeckte ich die Stilistik — sehr grob gesagt, Linguistik für die Interpretation literarischer Texte — und verstand dann, dass es bei mir eigentlich darum gehen würde!

Seitdem freue ich mich wirklich sehr, Literatur nur noch aus Spaß zu lesen und den Fokus auf unseren Sprachgebrauch gesetzt zu haben. Dadurch kann ich sowohl über das Deutsche, das Englische und das Französische forschen (ich arbeite sehr gerne kontrastiv) und lerne jeden Tag Neues über Sprache und unsere Vorstellungen darüber. Damit meine ich nicht nur neue Ausdrücke (obwohl das natürlich sehr schön ist), sondern vor allem: Welche medial-öffentlichen Debatten prägen unser Sprachbewusstsein? Welche Rolle spielen Institutionen wie etwa die Schule in unseren Sprachbiografien?


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Wie kommunizieren wir? Und wie denken wir, dass wir das tun? Als Sprachwissenschaftlerin untersuche ich zurzeit sowohl unsere digitalen Schreibpraktiken (z.B. auf Twitter) als auch unsere Vorstellungen zu „richtigem Deutsch“ und Mehrsprachigkeit im (Hoch-)Schulkontext. 

Gegenwärtig befasse ich mich nun in meinem Habilitationsprojekt sowie verbundenen Projekten mit dem Zusammenhang zwischen sprachwissenschaftlichem Wissen, Grammatikvermittlung und offener Wissenschaft. Dabei ist mir wichtig, Grammatik nicht nur systemlinguistisch aufzufassen, sondern in ihre soziolinguistischen — in meinem Fall vorwiegend digitalen, mehrsprachigen, (hoch-)schulischen — Kontexte einzubetten.

Warum das von hoher Relevanz ist, wird zum Beispiel in diesem Twitter-Thread zu Grammatikvermittlung (Klein- und Großschreibung und Wortarten an der Schule) vor Augen geführt: https://twitter.com/BerLinguistin/status/1314864722290802689.


Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Das würde ich gerne anhand zwei Drittmittelprojekte, die mir sehr am Herzen liegen, beleuchten. Zurzeit bin ich in zwei forschungsorientierten Lehrprojekten involviert: das Digital Fellowship Sachsen und das Fellow-Programm Freies Wissen

Mit einem Lehr-Lernkonzept zu „Grammatik und Schule im digitalen Zeitalter“, das gerade durch ein Digital Fellowship Sachsen gefördert wird, wird Grammatik gemeinsam mit den Seminarteilnehmenden anhand ihrer eigenen digitalen Daten erprobt und dann in ein Unterrichtskonzept integriert.

Im Rahmen des Fellow-Programms Freies Wissen rücken Open Educational Resources in den Vordergrund. Die im Seminar erworbenen forschungsorientierten Ergebnisse beleuchten nicht nur, inwiefern sprachliche Muster in digitaler Kommunikation (wirklich) anders sind, sondern auch, inwiefern Medienideologien unser Verständnis davon, was grammatisch ist oder nicht und unsere Definition von Grammatik beeinflussen.

In beiden Projekten geht es also darum, digitale Kommunikation ­­— ein ganz aktueller Forschungsgegenstand — mit Grammatikwissen und -erfahrungen in Verbindung zu setzen, unser (schul-)grammatisches Wissen kritisch zu reflektieren und die dadurch gewonnenen Erkenntnisse für andere zugänglich zu machen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Im Rahmen meiner Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin übernehme ich regelmäßig Verwaltungsaufgaben. Zurzeit bin ich Studienfachberaterin für den Fach-Master Germanistik (Kernfach) und den Master Lehramt Deutsch an der Universität Leipzig. Zu meinen Hauptaufgaben gehören die Beratung zu Themen wie Bewerbung (inklusive aus dem Ausland) und Studienorganisation. Was mich bei dieser Tätigkeit besonders anspricht, ist der persönliche Austausch mit den Studierenden, da mich immer wieder sehr individuelle Anfragen erreichen.

Außerdem interessiere mich sehr für Wissenschaftskommunikation. Auf meinem Blog poste ich regelmäßig Reflexionen und Ressourcen zum wissenschaftlichen Schreiben und Arbeiten, Tipps zur Hochschullehre und mehrsprachigen Lebenswelten. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Lesen (auf Deutsch, Englisch oder Französisch, je nach Laune) bleibt eine meiner Lieblingstätigkeit, obwohl ich zugeben muss, dass ich nach langen Stunden am Laptop eigentlich auch gerne lange spazieren gehe und dabei häufig Fotos mache oder noch etwas mit meinen Händen tue: z.B. Backen (dabei bin ich nicht besonders begabt, so dass es häufig nicht toll aussieht aber doch schmeckt) oder Collagen, eine meiner wiedergefundenen Do-It-Yourself-Hobbies in Corona-Zeiten. Ich treibe auch sehr viel Sport (fast jeden Tag Cardio, HIIT, Yoga oder Pilates), tanze regelmäßig (auch von zu Hause!) und schaue mir gerne Serien an. Sonst schreibe ich aus Spaß auch gerne. Notizbücher, Glitter-Stickers und Farbstifte sind mein Ding! 

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher*innen sind ja auch nur Menschen)?

Ich stehe früh auf und fange den Tag mit einem Espresso auf dem Balkon an. Den Tag verbringe ich draußen, gerne in der Natur, aber es muss nicht sein, da ich auch viel Spaß an den zwischenmenschlichen Interaktionen in Großstädten habe und zum Beispiel gerne Fahrrad durch Städte fahre. Das einzige Kriterium: Sonne! Schnell brauche ich schon meinen zweiten Kaffee J Viel lesen, vielleicht ein bisschen schreiben, ziellos laufen. Gerne höre ich mir Podcasts zu Themen wie Feminismus und Diversität an, um mich weiterzubilden. Wie der ideale Tag aber ganz konkret aussieht, kann ich nicht verraten, weil ich eben in meiner Freizeit gerne spontan bin und meiner Intuition folge!

 Bitte begrüßt Naomiherzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, January 24, 2021

Inklusion durch Kommunikation - Annamaria Fabian ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Annamaria Fabian (@Inklusionsling) vorstellen zu dürfen! Annamaria hat kürzlich ihre Promotion an der Uni Bamberg abgeschlossen und bereitet sich aktuell auf ihre Habilitation zum Thema "Die Linguistik von Inklusion und Exklusion von Minoritäten" vor. Das sagt Annamaria zu sich in ihren eigenen Worten.


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?   
 
Meine Beschäftigung mit Sprachen geht auf meine Kindheit in einer mehrsprachigen Stadt und einer mehrsprachigen Familie zurück. Sprachen, das Vokabular und das grammatische System sowie ihr Potenzial für Argumentationen im kommunikativen Einsatz haben mich schon immer fasziniert. Von Kindesbeinen an saß ich oft im Friseursalon meiner Mutter in Ungarn und hörte, wie ältere Damen Deutsch, andere Slowakisch und die jüngeren Menschen Ungarisch miteinander gesprochen haben. Alles in einem kleinen Raum. Dieser natürliche Umgang mit gelebter Interkulturalität und Diversität war auch in meinem familiären Umfeld Alltag. Doch habe ich mich immer gefragt, warum ein Wort in einer der drei Sprachen eine Bedeutung trägt und in einer anderen mir bekannten Sprache vielleicht eine abweichende. Auch die Abweichungen in den unterschiedlichen Systemen fand ich faszinierend. Ebenfalls spannend sind für mich noch die Funktion und die Wirkung von Wörtern, sprachlicher Praktiken und kommunikativer Strategien in der Kommunikation. Diese aktive Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Sprach(en)systemen und der Funktion sprachlicher Einheiten veranlassten mich im Alter von acht Jahren dazu, mich für die Sprachwissenschaft zu entscheiden. Mein Traum ist es natürlich, dauerhaft in der Wissenschaft zu bleiben, aber befristete Arbeitsverträge – und in meinem Fall noch unsicherer – und Stipendien für ein bis zu zwei Jahren verhindern eine effiziente berufliche Lebensplanung. Für Frauen mit Kindern, und insbesondere mit Kindern mit Behinderung, bleibt eine wissenschaftliche Karriere leider noch zu oft verwehrt, da leider viel zu oft mangelnde Flexibilität sowie eine geringere Belastbarkeit vermutet wird. Dabei musste ich – wie auch andere Mütter und insbesondere der Mütter der Kinder mit Behinderung – früh lernen, meine Zeit hocheffektiv zu planen. Die Stereotypie also, dass Frauen mit Kindern – ob mit oder ohne Behinderung – weniger belastbar sind, ist folglich nicht haltbar. Vielmehr müssen wir fortwährend unsere Fähigkeit für Multitasking, Zuverlässigkeit und Flexibilität unter Beweis stellen, damit wir keine wissenschaftliche Exklusion erleben. Ich hoffe, dass es sich langsam ändert und ich dauerhaft in der Forschung bleiben darf.  
 
Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort? 
Ich bin an einer Vielfalt von Forschungsgebieten in der Linguistik und den Kommunikationswissenschaften – was ich ebenfalls studiert habe – interessiert und bin auch immer für Neues zu begeistern. Deshalb eine komplexe Frage. Ich befasse mich neben dem Sprachgebrauch in der Politik und der linguistischen Argumentationsanalyse auch mit digitaler Linguistik, Grammatik (Dependenz, Valenz und Konstruktion), Kognitionslinguistik, Diskursanalyse und Sprachkritik (synchron, aber auch diachron). Mit Mehsprachigkeit in beruflichem Kontext sowie mit dem Deutschen als Minderheitensprache habe ich mich ebenfalls bereits beschäftigt. Als überzeugte Verfechterin von Inklusion, Diversität und Gleichberechtigung bin ich derzeit mit der Etablierung eines Forschungsgebietes beschäftigt, das ich „Inklusionslinguistik“ nenne. Damit befasse ich mich in meinem Habilitationsvorhaben („Die Linguistik von Inklusion und Exklusion von Minoritäten - diachron und synchron“). Die berufliche und soziale Partizipation von Minoritäten war für mich schon immer wichtig. In meinem Freundeskreis und meinem familiären Umfeld habe ich aber bereits früh bemerken müssen, dass die diffamierende Kraft der Sprache zu oft unterschätzt wird und Inklusion verhindert. Zugleich kann an Diskursen im Internet - #MeToo oder auch über Behinderung, Transidentität etc. – erkannt werden, dass sprachliche Praktiken einen höheren Grad an Inklusion für Angehörige von Minoritäten ermöglichen. Nach der Geburt meiner Zwillinge (3 J., ein Sohn mit körperlicher Behinderung) habe ich diese Diffamierung und seltener, aber zum Glück auch die inkludierende Kraft sensiblen Sprachgebrauchs, mehrfach erlebt. Mein Sohn spürt die Bedeutung dieser Worte noch nicht, seine Eltern umso schmerzlicher. Ich hoffe, dass ich mit meiner Forschung und der Etablierung der Inklusionslinguistik dazu beitragen kann, dass er und andere Kinder und Erwachsene mit Behinderung, abweichender Hautfarbe oder Genderidentität etc. diesen Schmerz durch Diffamierung und Exklusion irgendwann nicht so oft erleben müssen. Unsere Gesellschaft ist divers und wir sollten durch eine aktive linguistische und kommunikationswissenschaftliche Beschäftigung mit der Rolle der Sprache für die Inklusion und der Bedeutung inklusiver Kommunikation für Diversität und Partizipation einstehen.
Erzähle uns etwas über deine Arbeit! 
In meiner Habilitation befasse ich mich mit der Etablierung der sogenannten Inklusionslinguistik. Diese beschäftigt sich mit sprachlichen und kommunikativen Merkmalen von Inklusion und Exklusion in Korpora/Diskurs- und Interaktionskontext. Exkludierende Merkmale werden von mir ebenfalls zur Inklusionslinguistik zugeordnet, weil diese den Stand der Inklusion aufzeigen können. Dieses Forschungsfeld bietet die Chance, eine inklusionsrelevante Sprachdiagnostik zu betreiben. Durch die Erfassung exkludierender sprachlicher und kommunikativer Merkmale und Muster kann eine Inventur unsensiblen Sprachgebrauchs erstellt und gezielte kommunikative Methoden entwickelt werden, die argumentativ gegen Exklusion und Hass durch sprachliche Handlung als eine Art „Counterspeech“ vorgehen. Auf diese Weise sollen diffamierte Minderheiten geschützt werden und Verbündete („ally“) für ihr Engagement für Inklusion finden, aber auch psychosozial ist eine kollektive Solidarität für Angehörige der Minderheiten wichtig. In meinem Habilitationsvorhaben befasse ich mich vor allem mit der Untersuchung von Diskursen und Texten, in denen Konzepte der Behinderung, Gender und LGBTQ* thematisiert werden. Neben exkludierenden sprachlichen und kommunikativen Mustern finden aber in der Inklusionslinguistik auch sprachliche und kommunikative Merkmale der Inklusion Berücksichtigung. Die Sprache der Inklusion und der Exklusion soll letztendlich systematisch und argumentativ analysiert werden, damit Weiterbildungsmaßnahmen und Counterspeech strukturiert entstehen können.
 
Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren? 
Die Inklusionslinguistik, also die Beschäftigung mit sprachlichen Merkmalen der Inklusion und der Exklusion und ihre Bedeutung für die inklusive Kommunikation hat eine gesamtgesellschaftliche Relevanz. Unsere Gesellschaft ist divers, aber diese Diversität schlägt sich in der Öffentlichkeit bislang kaum nieder. Gerade in den letzten Jahren wurden aber Diversität und Inklusion immer öfter zu Leitbegriffen in vielen Presseorganen, wodurch die Forderungen für gelebte Partizipation in der Öffentlichkeit zum Glück immer stärker werden. In diesen schweren Zeiten von Corona entsteht allerdings leider auch eine neue Unsichtbarkeit mancher Minoritäten. So werden zum Beispiel Angehörige der Risikogruppen in jedem Alter inklusive Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen seit ca. 1 Jahr isoliert, damit sie vor Corona geschützt werden. Wenn eine Gruppe aber unsichtbar ist, werden ihre Interessen in der Öffentlichkeit nicht repräsentiert. So haben zum Beispiel Kinder mit Vorerkrankung haben keinen Zugang zum Impfstoff gegen Covid-19, aber auch andere politische Regelungen zu ihrem Schutz fehlen. Corona und ihre Unsichtbarkeit im Diskurs führt also nicht nur zur Exklusion, sondern auch zur Lebensgefahr. Die Anti-Diskriminierungsstellen melden aber auch eine erhöhte Anzahl verbaler und körperlicher Diffamierung gegen dunkelhäutige Menschen und andere Minderheiten. Gerade in einer Pandemie ist die Frustration in der Gesellschaft groß, was für Minoritäten Exklusion zur Folge haben kann. Aus diesem Grund ist es erst recht relevant, dass der Sprachgebrauch inklusiv gestaltet wird und sich Diversität im Pressediskurs und Diskurs der Politik niederschlägt.
 
Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin Geschäftsführende des internationalen Arbeitskreises „Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation“ (https://www.sgpk.uni-passau.de/informationen/). In dem Arbeitskreis befassen sich Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Fächern fächerübergreifend mit politischer Kommunikation synchron und diachron. So wird derzeit eine Tagung zu Konzepten der Nation und Populismus vorbereitet und bald erscheint auch das Buch von Prof. Dr. Armin Owzar (Sorbonne Nouvelle/Geschichtswissenschaften), Prof. Dr. Igor Trost (Universität Passau/Germanistische Linguistik) und mir „Stereotypie in der politischen Kultur des 19. Jahrhunderts in Europa“. Außerdem erscheint ein Sammelband von mir ebenfalls noch 2021, in dem linguistische und kommunikationswissenschaftliche Analysen die Repräsentation von „Flüchtlingen“ und „Migranten“ im Mediendiskurs in Europa zwischen 2015-2015 im ländervergleichenden Überblick durchgeführt wurden. Für das Superwahljahr 2021 bringt der Arbeitskreis unter meiner Veranstaltung außerdem eine Tagung zum Wahlkampf und Wahlkampfkommunikation (länder- und fächerübergreifend) mit. Gleichzeitig bin ich Mitherausgeberin der internationalen Reihen (Publikationen auf Deutsch und Englisch) „Linguistik in Empirie und Theorie“ sowie „Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation“ (https://www.springer.com/series/16336). Beide Reihen erscheinen bei Springer/Metzler. Die Veröffentlichungen sind kostenfrei, im Übrigen auch für Qualifikationsarbeiten. Ein doppeltes Blind-Peer-Review-Verfahren wird von renommierten Kolleg:innen aus den unterschiedlichen Sprachwissenschaften, de Geschichtswissenschaften und von den Politikwissenschaften etc. gewährleistet. Wir freuen uns über neue Einsendungen.  
 
Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?     
Unterschiedlich. Gern verbringe ich freie Tage mit meinen Zwillingen entweder in der Natur am Fluss oder einem See oder zu Hause. Zu Hause lesen wir oft Bücher und unterhalten uns über Sprachen und die Namen der Gegenstände, da auch sie aufgrund ihrer familiären Situation mehrsprachig aufwachsen. Backen, Kochen, Lesen, Tanzen, Städtetrips und Schreiben mag ich auch sehr gern. 
 
Bitte begrüßt Annamaria herzlich bei Real Scientists DE!