Sunday, April 5, 2026

Entstigmatisierung und Tiefenpsychologie - Heiko Westerburg ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Heiko Westerburg (@heikowes.bsky.social)! Heiko (er/kein Pronomen) ist M.Sc. Psychologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und empirisch-quantitative Tiefenpsychologie an der Universität zu Köln und parallel in psychologisch-psychotherapeutischer Ausbildung (tiefenpsychologisch fundiert). Heikos Interessen liegen unter anderem in den Bereichen von Entstigmatisierung, Volunteering und Aktivismus, Diversität und Antidiskriminierung, sowie Psychotherapie- und Kompetenzforschung in helfenden Berufenim weiteren Sinne. Nähere Informationen finden sich hier: https://www.hf.uni-koeln.de/41478
 
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich erkläre mir das aktuell durch eine Mischung aus Zufall, Neugier und guten Gesprächen. Hilfskrafttätigkeiten und Praktika in universitären und universitätsangebundenen Einrichtungen haben mein Interesse an der Schnittstelle von (klinisch-)psychologischer Forschung und Praxis geweckt. Als mir mein aktueller Doktorvater am Ende des Masterstudiums eine Stelle anbot, war ich zunächst überrascht, nach kurzem Überlegen allerdings umso begeisterter über die Chance, mein Wirken in Forschung und Lehre auch einer gewissen gesellschaftlichen Verantwortung des Fachs Psychologie und Wissenschaft bzw. Universität als demokratiestärkenden Institutionen zu widmen. Um gleichzeitig ganz ehrlich zu bleiben, hat mich die Realisation dieses Weges nichtdestotrotz insgesamt überrascht: Ausgehend vom jahrelangen Engagement als Workshopleitung in einem Entstigmatisierungs-Projekt und als Guide in einer kunstpsychologischen Initiative, kam die Orientierung in wissenschaftlicher Richtung in Teilen durchausunerwartet, aber dazu womöglich in der Woche auf Bluesky mehr.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich arbeite an der Schnittstelle von angewandter Präventions-und Antidiskriminierungsforschung sowie klinischer Psychologie. Sich im Kontext des eigenen Forschens und Handelns mit Entstigmatisierung und Vielfalt zu beschäftigen, resultiert auch aus jahrelanger eigener (ehrenamtlicher) Tätigkeitin diesen Bereichen. In meiner Sicht gibt es – ohne strukturelleHerausforderungen (z.B. WissZeitVG) hier außen vor zu lassen– aktuell kaum etwas Bereichernderes, als sich gedanklich und methodisch in wissenschaftlicher Tiefe Themen widmen zu dürfen, die im besten Fall auch gesellschaftlich breitenrelevantund in jedem Fall persönliche Herzensanliegen sind.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
In wissenschaftlicher Mitarbeit liegen meine Aufgaben hauptsächlich in Forschung, Administration und Lehre. Im Rahmen meiner Promotion untersuche ich die Wirksamkeit und potenziell relevante Kontext- und Prozessfaktoren von Entstigmatisierungs-Trainings für Schüler*innen und Erwachsene in unterschiedlichen europäischen Ländern, die von ehrenamtlich engagierten, geschulten Psychologiestudierenden durchgeführt werden. Außerdem plane ich im Zuge der Promotion ein systematisches Review mit meta-analytischen Komponenten, um die aktuelle Evidenzlage der Entstigmatisierungsforschung in Europa zusammenzutragen und um interkulturelle Aspekte zu erweitern. Daneben begleite ich Bachelor- und Master-Arbeiten und biete im M.Sc. Psychologie Kolloquien zu Wissenschaftskommunikation in meinen Schwerpunktthemen an.
Ganz aktuell bin ich zusätzlich in den ersten Zügen, gemeinsam mit dem Organisationsteam die Planung für das Erstsemester-Einführungsprogramm für Psychologiestudierende an der Universität zu Köln zum Start des kommenden Wintersemesters 26/27 auf den Weg zu bringen – ein seit zehn Jahren hier in Köln bestehendes Programm, um eine aus Sicht der Studienanfänger*innen möglichst hilfreiche, wissenschaftspropädeutische Einführung ins Psychologiestudium anzubieten.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
« Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke »: WHO-Schätzungen zufolge erreicht jährlich im Mittel nur rund die Hälfte der Personen, die die formalen Kriterien zur Diagnoseeiner psychischen Störung erfüllen, diejenige adäquate psychische Gesundheitsversorgung, die zur Linderung individuellen Leidens beitragen könnte. Wenn es um schwere psychische Störungen (z.B. Schizophrenie) geht oder Systeme, in denen Ressourcen knapp sind, sinken Schätzungen sogar auf teilweise bis zu 30 % oder unter 10 %. Dieses Phänomen wird konzeptuell auch als „Behandlungslücke“ bezeichnet. Verglichen damit: Auf ein Jahr gerechnet weisen rund ein Drittel der Menschen (in Deutschland) eine oder mehrere klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheitauf. Das Stigma rund um das, was „die“ klinische Psychologie (was auch immer das heißen mag) gemeinhin als „psychische Störungen“ bezeichnet, ist dabei ein wesentlicher personenbezogener und struktureller Hinderungsfaktor, diejenige Hilfe aufzusuchen, die es bei eigenem oder im Umfeld beobachtetem, seelischem Leiden brauchen könnte. Qualitativ hochwertige Programme, die wissenschaftlich fundierteAufklärung mit Entstigmatisierung psychischer Störungen vereinen, können dazu beitragen, gesellschaftlich mehr Bewusstsein zu stiften. So ließen sich aus meiner Sicht auf mehreren Ebenen Hemmschwellen reduzieren, sich mit sich selbst zu beschäftigen, offen darüber zu sprechen, wenn es auch mal nicht so gut geht, sowie Strukturen zu schaffen, die unterstützen: Individuell wie auch politisch und strukturell.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Aktuell leite ich ehrenamtlich ein Forschungsprojekt mit einem Team internationaler Studierender zu einer in Europa ländervergleichenden Untersuchung personenbezogenerFaktoren, Beziehungszufriedenheit und Kommunikations- sowie Konfliktlösungsstrategien im Vergleich zwischen Personen, die intime Beziehungen eher monogam versus eher nicht-monogam gestalten. 
Zudem bin ich als Medizinredakteur für die Apothekenumschau, als Co-Dozent in der Ausbildung von Mediator*innen an einem universitären An-Institut, in freier Mitarbeit für Diversity-Trainings am Institut für Diversity- undAntidiskriminierungsforschung, sowie auch in sehr geringem Umfang selbstständig in Mediation und systemischem Coaching tätig.
Last but not least übernehme ich Referenten- und Personalangelegenheiten für eine kunstpsychologische Initiativein Köln, die sowohl für den dortigen Museumsdienst als auch im weiteren Sinne das lokale Gesundheitswesen, etwa in Schulprojekten zur Stärkung von Persönlichkeitsfunktionen belasteter Schüler*innen, tätig ist.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Auch wenn die Zeit für Hobbies neben beruflichen Rollenaktuell überschaubar und das, was „interessant“ klingt, sehr individuell sein möge, freue ich mich stets, zu bouldern. Ein in meiner Sicht übrigens durchaus psychologischer Sport: Frei zu klettern lädt ein zum Ausprobieren des eigenen Umgangs mit Grenzen, Festhalten und Loslassen, Kippmomenten und Überwindung. Oder zu schwimmen – eine Leidenschaft, die ich früher auf Leistungsniveau verfolgt und zu der ich heute ein gelasseneres Verhältnis habe: Das Rauschen des Wassers beim Bahnenziehen hat in meinem Erleben etwas Meditatives. Gut für Rücken und Wohlbefinden ist beides; zur Schonung von Gelenken eignet sich vermutlich eher das Wasser.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?
Mir fällt da ein psychoanalytisches Konzept ein, das des sogenannten „Ideal-Selbst“, hinter dem die Realität manchmal zurückbleibt. Daher freue ich mich im Prinzip darüber, am Tagesende oder an freien Tagen selbstbestimmt Zeit dafür zu haben, zum Beispiel zu lesen, zu spazieren, ins Museum zu gehen, oder Filme bzw. Serien zu schauen.

Bitte begrüßt Heiko ganz herzlich auf dem Kanal!


Sunday, March 22, 2026

Eie räumliche und soziale Strukturen Ungleichheit erzeugen und aufrechterhalten! Laura Fürsich ist jetzt bei Real Scientists DE

Foto von Laura Fürsich am Esstisch. Sie trinkt einen Kaffe. Im Vordergrund ist ein Telle mit einem Burger.

Diese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin Laura Fürsich (@laurafursich.bsky.social)! Sie ist bin Post Doc am Mansueto Institute for Urban Innovation an der University of Chicago und am Institut für Analytische Soziologie (IAS) an der Universität Linköping. Ihre Forschung untersucht, wie soziale Ungleichheiten in räumlichen und institutionellen Kontexten fortbestehen und sich verändern. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem dynamischen Zusammenspiel von sozialen Netzwerken, residenzieller Segregation und sozialer Stratifikation.

Als Computational Social Scientist verbindet sie Ansätze aus der Soziologie, der Stadtforschung und der Komplexitätswissenschaft. Dabei kombiniert sie agentenbasierte Modellierung, Informationstheorie, diskrete Entscheidungsmodelle und Netzwerkanalyse mit großen administrativen Datensätzen aus Schweden und den Niederlanden. Sie interessiert besonders, wie statistische Informationen genutzt werden können, um die Mechanismen hinter räumlicher Ungleichheit, sozialem Einfluss und Intergruppenbeziehungen aufzudecken. Diese Perspektive ermöglicht es ihr, über reine Beschreibung hinauszugehen und in Daten Muster und Zusammenhänge zu identifizieren, die sowohl bestehende als auch neu entstehende Formen von Ungleichheit beleuchten.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ehrlich gesagt nicht auf dem direktesten Weg. Ich habe schon im Bachelor angefangen als HiWi an einem Lehrstuhl zu arbeiten. Was mich letztlich in die Forschung gezogen hat, war die Möglichkeit, gesellschaftliche Fragen (wie entsteht Ungleichheit? warum leben Menschen so getrennt voneinander?) mit Daten und formalen Methoden zu untersuchen. 


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich arbeite an der Schnittstelle von Soziologie, Netzwerkforschung und Computational Social Science. Was mich daran fasziniert, ist, dass man mit den richtigen Daten und Methoden Dinge sichtbar machen kann, die man mit bloßem Auge nicht sieht: Wie hängen die Orte, an denen Menschen wohnen und arbeiten, mit ihren Lebenschancen zusammen? Wie verändern sich Nachbarschaften über die Zeit – und für wen?

Was mich im Feld hält, ist zum einen die methodische Vielfalt. Ich arbeite mit administrativen Registerdaten, baue Netzwerkmodelle und setze agentenbasierte Simulationen ein. Zum anderen die Interdisziplinarität: Ich arbeite mit Leuten zusammen, die aus der Physik, Informatik und Ökonomie kommen. Das zwingt einen, die eigenen Annahmen ständig zu hinterfragen, und das finde ich produktiv.


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Forschung dreht sich um die Frage, wie räumliche und soziale Strukturen Ungleichheit erzeugen und aufrechterhalten. Ein Schwerpunkt liegt auf Segregation – also der Frage, wie stark Menschen unterschiedlicher Herkunft oder unterschiedlichen Einkommens voneinander getrennt leben und wie sich das auf ihre sozialen Kontakte auswirkt.

Aktuell arbeite ich an mehreren Projekten gleichzeitig. In einem Paper untersuche ich mit Chicagoer Zensusdaten, wie sich städtisches Einkommenswachstum über Jahrzehnte zusammensetzt: Liegt es daran, dass die Einkommen der Bewohner*innen steigen, oder daran, dass besserverdienende Menschen zuziehen und andere wegziehen? In einem anderen Projekt schaue ich mir mit niederländischen Registerdaten an, wie die räumliche Nähe in Mikro-Nachbarschaften den Kontakt zwischen Jugendlichen verschiedener Herkunft beeinflusst.

Daneben arbeite ich viel mit schwedischen Registerdaten. Schweden hat umfassende administrative Daten über Wohnorte, Arbeitsplätze, Einkommen und Familienbeziehungen – anonymisiert und streng reguliert. Damit lassen sich soziale Prozesse über lange Zeiträume und auf sehr feiner räumlicher Ebene untersuchen, was mit Umfragedaten kaum möglich wäre.


Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil die Fragen, die ich untersuche, den Alltag aller betreffen – auch wenn man nicht darüber nachdenkt. In welcher Nachbarschaft man aufwächst, mit wem man zur Schule geht, wo man arbeitet: All das beeinflusst, welche Chancen man hat und welchen Menschen man begegnet. Segregation ist kein abstraktes Konzept – sie bestimmt mit, wer wen kennt, wer welche Informationen bekommt und wer aufsteigen kann.

Meine Forschung versucht, diese Zusammenhänge sichtbar und messbar zu machen. Das ist relevant, weil politische Entscheidungen – über Wohnungsbau, Stadtplanung, Bildungspolitik – diese Strukturen direkt beeinflussen. Wenn wir verstehen, wie räumliche Sortierung und soziale Netzwerke zusammenhängen, können wir auch besser beurteilen, welche Maßnahmen tatsächlich etwas verändern.


Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin sowohl an der Universität Linköping als auch am Mansueto Institute for Urban Innovation an der University of Chicago angebunden und in zwei sehr unterschiedlichen akademischen Kulturen arbeite. Das ist manchmal logistisch herausfordernd, aber wissenschaftlich extrem bereichernd, weil die Perspektiven auf Stadtforschung und Ungleichheit sich stark unterscheiden.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich bin am liebsten auf dem Rad oder im Kanu – beides geht in Schweden hervorragend, solange man mit dem Wetter nicht zu wählerisch ist. Wenn ich in Chicago bin, gerne mit dem Rad am Lakefront Trail. Die Stadt ist überraschend gut für Radfahrer*innen. Dazu kommt seit einer Weile ein Welpe, der an den intensivsten Arbeitstagen zuverlässig dafür sorgt, dass ich vor die Tür komme. 

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?
Morgens eine lange Runde mit dem Hund, am liebsten am Wasser. Norrköping hat da ein paar schöne Ecken. Danach Kaffee und in Ruhe etwas lesen, das nichts mit Arbeit zu tun hat. Nachmittags eine Radtour, bei der ich nicht wissen muss, wann ich zurück bin. 



Bitte begrüßt Laura ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, March 15, 2026

Als Scientist Practitioner die Schnittstelle zwischen Psychotherapie und Strafverfahren und die psychische Gesundheit rund um die Geburt beforschen! Larissa Wolkenstein ist jetzt bei Real Scientists DE!

Potraitfoto Dr. Larissa Wolkenstein

Diese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin Dr. Larissa Wolkenstein (@lawolkenstein.bsky.social)! Larissa ist Akademische Direktorin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Nach dem Studium der Psychologie an den Universitäten Konstanz und Tübingen (2000–2005) promovierte sie 2009 an der Eberhard Karls Universität Tübingen. 2010 erhielt sie die Approbation als Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie). Von 2008 bis 2015 war sie am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie (Prof. Dr. Martin Hautzinger) an der Universität Tübingen tätig, zunächst als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, anschließend als Akademische Rätin a. Z. Ein Forschungsaufenthalt führte sie 2013 an die University of Miami (Prof. Dr. Jutta Joormann), Florida, USA. Seit 2015 ist sie am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der LMU München tätig (zunächst als Akademische Rätin, später als Akademische Oberrätin). 2023 wurde ihr die Venia legendi im Fach Psychologie verliehen.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Als ich mit meinem Studium begonnen habe, war mein Plan eigentlich, Psychotherapeutin zu werden. Meine Begeisterung für die Wissenschaft habe ich erst im Studium entdeckt. Da fand ich forschungsbezogene Lehrveranstaltungen besonders spannend. Bei der Erstellung meiner Abschlussarbeit habe ich dann erstmals eigenständig wissenschaftlich gearbeitet und gemerkt, dass mir das wirklich Spaß macht. Als mein Betreuer mich fragte, ob ich nicht weiter wissenschaftlich arbeiten möchte, war die Entscheidung schnell gefallen. Ich bin trotzdem auch Psychotherapeutin geworden – habe also nach meinem Studium neben der Promotion auch die psychotherapeutische Ausbildung gemacht, die mit der Approbation abschließt. Auch heute schlägt mein Herz nach wie vor für beides – psychotherapeutische Praxis und Forschung. Ich würde mich ganz klar als Scientist-Practitioner bezeichnen. Diese Schnittstelle macht meine Arbeit für mich so spannend.

 

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Ich mache klinisch-psychologische Forschung, weil es mir wichtig ist, mit meiner Forschung etwas für Menschen mit psychischen Störungen zu bewegen. Ich möchte dazu beitragen, psychische Störungen besser zu verstehen und die Behandlung und Versorgung von Betroffenen zu verbessern.

 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

In den letzten Jahren habe ich mich in meiner Forschung insbesondere mit zwei Bereichen beschäftigt: Das ist einmal die Schnittstelle zwischen Psychotherapie und Strafverfahren und den wissenschaftlichen Fragen, die sich aus dieser Schnittstelle ergeben. Insbesondere beschäftigt mich die Frage, ob und wie sich psychotherapeutische Interventionen auf die Erinnerung an ein traumatisches Ereignis auswirken. Mein zweiter Forschungsschwerpunkt ist die psychische Gesundheit im Peripartalzeitraum, also dem Zeitraum rund um die Geburt eines Kindes. Hier habe ich mich bislang vor allem mit der postpartalen Depression beschäftigt, aber auch mit den Auswirkungen von Kindsverlust auf betroffene Eltern und das gesamte familiäre System. 

 

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Die Schnittstelle zwischen Psychotherapie und Strafverfahren betrifft viele Überlebende von Gewalt- oder Sexualstraftaten. Sofern sie eine entsprechende Straftat zur Anzeige bringen (oder in Erwägung ziehen, das zukünftig zu tun) und zudem psychotherapeutisch behandelt werden, bewegen sie sich genau in dieser Schnittstelle. Eine psychotherapeutische Behandlung steht ihnen zu und ist in vielen Fällen auch indiziert. Allerdings gibt es Konstellationen, in denen eine solche Behandlung bei einem Strafverfahren zum Problem werden kann. Insbesondere wenn das Trauma in der Psychotherapie besprochen wird, kann sich dies negativ auf die Aussageglaubhaftigkeit Betroffener auswirken, die dann in einem Strafverfahren als Opferzeug:innen fungieren.

Das Thema der peripartalen Gesundheit betrifft ebenfalls einen großen Teil unserer Gesellschaft – nämlich alle Frauen, die ein Kind gebären und deren Angehörige. Meines Erachtens finden Themen, die (auf den ersten Blick) vorrangig Frauen betreffen, nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit. Erstaunlich, wo Frauen doch die Hälfte der Menschheit ausmachen. Wenn wir nun auch noch ihre Kinder, Partner und Partnerinnen mit einbeziehen, betrifft das Thema der peripartalen Gesundheit fast alle Menschen. Zumindest irgendwann in ihrem Leben. Wir wissen, dass es sich zum Beispiel ganz deutlich auf die Gesundheit eines Kindes auswirkt, wenn seine Mutter unter einer postpartalen Depression leidet. Nicht nur zum Zeitpunkt der mütterlichen Erkrankung, sondern weit darüber hinaus. Insofern geht uns dieses Thema fast alle an.

 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Zwar umfasst meine aktuelle Position auch Forschung, aber ich bin auch für die therapeutische Leitung und Forschungskoordination in unserer Psychotherapeutischen Hochschulambulanz zuständig. Das bedeutet vor allem, dass ich therapeutische Konzepte ausarbeite und implementiere und Forschungsstrukturen in der Ambulanz etabliere und kontinuierlich verbessere. Außerdem supervidiere ich die Therapien, die bei uns stattfinden und bin Ansprechpartnerin für alle inhaltlichen Fragen, die unsere therapeutischen Kolleginnen und Kollegen haben.

Zudem bin ich auch in der Lehre tätig. Ich habe das große Glück, dass ich auch in der Lehre meine beiden Leidenschaften – Psychotherapie und Forschung – gut abbilden kann. Oft habe ich sehr praktische Lehrveranstaltungen oder eben Lehrveranstaltungen mit Forschungsbezug. Aktuell führe ich zum Beispiel ein Fallseminar durch, in dem eine psychotherapeutische Behandlung im Beisein und unter Mitwirkung Studierender stattfindet.

Ansonsten gebe ich häufiger Workshops oder Seminare an Aus-/Weiterbildungsinstituten (also in der postgradualen Aus- und Weiterbildung) oder auch Einrichtungen wie z.B. Kliniken. Ich bin zudem als Supervisorin und Selbsterfahrungsleiterin tätig.

 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich habe das große Glück, inmitten wunderschöner Natur zu leben, etwas südlich von München. Da sind Berge und Seen nicht weit. Die genieße ich gemeinsam mit meiner Familie. Ich bin gerne draußen – ob mit unseren drei Kindern, unserem Hund oder auch auf dem Pferd.

Außerdem lese ich sehr gerne, gehe gerne ins Kabarett, ins Kino oder ins Theater.

Außerdem liebe ich es, zu Konzerten zu gehen – auch wenn ich das viel zu selten unterbekomme. Das letzte Konzert, auf dem ich war, war von Cypress Hill. Als nächstes stehen neben klassischen Konzerten von Bruce Liu und Rachel Podger auch AnnenMayKantereit, das Black Forest on Fire Reggae Festival und die Abschiedstournee der Fantastischen Vier an. Alle Karten liegen bereit und ich freue mich auf jedes einzelne Konzert riesig.

In meiner Freizeit setze ich mich auch für den Schutz von Demokratie und Menschenwürde ein. Deswegen bin ich Gründungs- und Vorstandsmitglied von Holzkirchen ist bunt e.V. – einem Verein, der für Vielfalt, Toleranz und Menschlichkeit eintritt. Man sieht mich also ab und zu auch auf einer Demonstration oder entsprechenden Veranstaltungen. Ich möchte meinen Kindern diese Werte vorleben und wünsche mir, dass sie in einem Land aufwachsen, in dem kein Platz für Fremdenfeindlichkeit oder Ausgrenzung ist, in dem Frauen dieselben Rechte haben wie Männer und in dem Minderheiten keine Nachteile aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Minderheit erfahren. 

 

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?

An einem idealen freien Tag stehe ich früh auf und drehe erst einmal eine Runde mit unserem Hund. Dann gehe ich mit meiner Familie irgendwo ausgiebig frühstücken - am besten auf einer Terrasse in der Sonne. Dabei ist ein guter Kaffee Pflicht :-)

Danach wäre ein Ausritt im Wald perfekt.

Am Nachmittag würde ich dann gerne mit meiner Familie und Freunden gemütlich an einen See gehen. Mit einer großen Picknickdecke und dem SUP. Ich bin sehr gerne unter Menschen und liebe es, mich auszutauschen, zu diskutieren, zu lachen. Gegen Abend entscheiden wir uns dann spontan, bei wem wir gemeinsam den Tag bei einem guten Essen (gerne vietnamesisch) ausklingen lassen.

Noch besser wäre es, wenn all das am Meer stattfinden würde. 😊



Bitte begrüßt Larissa ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, February 22, 2026

Ob Postcovid, Herpes oder Malaria – Wie Forschende große Datenmengen nutzen, um Infektionsprozesse zu verstehen! Emanuel Wyler ist jetzt bei Real Scientists DE!

Porträtfoto von Emanuel Wyler
Diese Woche freuen wir uns auf unsern Kurator Emanuel Wyler (@ewyler.bsky.social)! Emanuel ist Wissenschaftler am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in der Helmholtzgemeinschaft. Nach dem Studium der Biochemie an der Universität Zürich war er ein Jahr am Institut Pasteur in Paris, hat an der ETH Zürich doktoriert, und ist seit 2011 am MDC in Berlin. Seit 2020 ist er als Wissenschaftler fest angestellt.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Wissenschaft an sich hat mich schon als Kind interessiert, und ich in meiner Akademikerfamilie hatte ich schon früh Berührung damit. Das Studium ist mir relativ leicht gefallen, danach haben sich immer spannende und gute Projekte und Stellen ergeben. Auch jetzt noch, gut 25 Jahre nach Beginn des Studiums bin ich immer noch sehr gerne in der Wissenschaft und fühle mich sehr wohl darin.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Mein Forschungsfeld ist grob gesagt die Untersuchung von Infektionsprozessen (vor allem Viren) mit Hochdurchsatzmethoden und großen Datenmengen. Das Feld hat sich in den letzten 10, 15 Jahren durch eine Vielzahl technologischer Entwicklungen stark verändert. Dadurch können wir immer detaillierter in unserer so komplexen Biologie molekulare und zellbiologische Prozesse verstehen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Die Projekte, in denen ich arbeite, sind vielfältig: Es geht um ME/CFS/Postcovid, um Herpesinfektionen, um Malaria (Plasmodium-Parasiten) in der Plazenta, um Viren im Abwasser oder mikrobielle Biodiversität in der Umwelt. Der gemeinsame Nenner ist aber relativ einfach: Wie können wir große Datenmengen erheben und auswerten, um biologische Abläufe zu verstehen? Oft arbeite ich in „Konsortien“, als mit mehreren Forscherinnen und Forschern aus anderen Fachrichtungen und anderen Institutionen gemeinsam. Ein Beispiel dafür ist das vom Forschungsministerium BMFTR geförderte „SERIMM“ (https://www.gesundheitsforschung-bmftr.de/de/serimm-serotonin-und-immunmodulation-in-me-cfs-18014.php) zu ME/CFS/Postcovid – dabei sind Klinikerinnen und Kliniker aus der Charité Berlin, die Patient*innen untersuchen und bspw. Blutproben für unsere Analysen entnehmen. Bei Helmholtz München und dem Paul-Ehrlich-Institut laufen Tierexperimente, am Fraunhofer-Institut in Erlangen werden Bilddaten untersucht. Mit dem Zusammenführen von Daten aus diesen verschiedenen Teilprojekten wollen wir verstehen, welche Veränderungen im Immunsystem oder im Serotonin-Stoffwechsel zu den chronischen Symptomen dieser Krankheit beitragen. Das Projekt begann 2023 mit dem Ausformulieren der Forschungsfragen und dem Schreiben des Antrages, um in einem Wettbewerb das Geld für das Projekt zu gewinnen. Jetzt geht es um das Durchführen der Experimente und Analyse der Daten, gemeinsam mit Doktoranden, Postdocs oder Ärztinnen. Gleichzeitig gilt es, die großen Linien des Gesamtprojektes im Auge zu behalten, die neuste Literatur zu verfolgen, zu überlegen, wie das Forschungsfeld in Zukunft weitergeht, und an Konferenzen von anderen zu lernen und eigene Daten zu präsentieren.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Infektionen mit Viren machen wir alle regelmäßig durch, und ein grundlegendes Verständnis dafür kann helfen, besser damit umzugehen. Aber noch wichtiger finde ich es, Freude an Erkenntnissen und Faszination für die Biologie in uns und um uns herum zu wecken.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Als senioriger Wissenschaftler macht man ja so ein bisschen alles mögliche. Lehre, Öffentlichkeitsarbeit, Personalwesen, Beschaffungen, Begutachtungen, Vertragswerke, Institutsorganisation (wie bspw. Biosicherheit) usw. sind alle auf ihre Art interessant, aber nicht eigentlich „zusätzlich“, nicht?

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Leider nichts besonderes :-)

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?
Einfach so in den Tag leben, vielleicht ein Ausflug, vielleicht in Kino oder Museum oder Konzert, oder was grad passt und Freude macht.

Bitte begrüßt Emanuel ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Monday, February 16, 2026

Digitalisierung und Hypes - Licinia Güttel ist jetzt bei Real Scietists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Licinia Güttel (@liciniaguttel.bsky.social). Licinia ist Politikwissenschaftlerin und promoviert an der Universität Oxford. In ihrem Promotionsprojekt beschäftigt sie sich mit Parteipositionen und öffentlicher Meinung zum Themenbereich Digitalisierung. Außerdem hat sie zu anderen digitalpolitischen Themen geforscht, wie zu Künstlicher Intelligenz im politischen Diskurs oder zu digitalen Technologien und Wahlen. Licinia hat Politikwissenschaften an der Sciences Po und der Freien Universität Berlin studiert, und einen Masterstudiengang in „Social Science of the Internet“ an der Universität Oxford absolviert.


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Ich habe zunächst einen deutsch-französischen Doppelstudiengang in Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und der Sciences Po absolviert. Während meines Bachelorstudiums habe ich mich sehr für die Forschung interessiert, war mir aber zunächst unsicher, ob ich mir eine Promotion zutraue. Durch eine Tätigkeit als studentische Mitarbeiterin an einem Forschungsinstitut konnte ich dann hinter die Kulissen schauen. Ich habe mir vorgenommen, nach meinem Master zu promovieren, da ich auch bereits eine erste Themenidee hatte. Während meines Masters in Oxford habe ich mich dann auf Promotionsmöglichkeiten beworben, und bin dann für die Promotion dortgeblieben. Besonders bereichernd fand ich es, dass ich in meiner bisherigen wissenschaftlichen Laufbahn sowohl interdisziplinäre als auch rein politikwissenschaftliche Erfahrungen sammeln konnte.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Gesellschaftliche und politische Themen haben mich schon in meiner Jugend sehr fasziniert und bewegt. An der Politikwissenschaft schätze ich besonders die Verbindungen zwischen aktuellen Themen, Theorien, und unterschiedlichen Methoden, um Gesellschaft zu erforschen. Das Thema Digitalisierung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive fasziniert mich, da es so vielfältig ist, und technische und vor allem viele gesellschaftliche Fragen vereint. Besonders in Berlin habe ich dann angefangen, viele Diskussionsrunden oder andere Veranstaltungen zu digitalpolitischen Themen zu besuchen. Dabei ist mir häufig aufgefallen, wie manche wirtschaftlichen oder politischen Akteure sehr große und teils überzogene Erwartungshaltungen mit Digitalisierung verbinden. Ich finde es spannend, wissenschaftlich hinter diese Hypes zu schauen. Dabei interessiert mich, ob und wie diese Themen gesellschaftlich und politisch verhandelt werden. Gleichzeitig treibt mich die Frage um, ob Digitalisierung irgendwie „anders“ als andere politische Themen, wie z.B. Umwelt- oder Europapolitik ist, und was wir anhand von neuen politischen Themen über den Parteienwettbewerb lernen können. Seitdem ich zu digitalen Themen arbeite, hat die tagespolitische Relevanz dieser Bereiche weiter zugenommen, was die Beschäftigung natürlich spannend (und gleichzeitig herausfordernd) macht.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Momentan beschäftige ich mich sehr viel mit den Datenanalysen meiner Doktorarbeit, sowie damit, die Ergebnisse zu verschriftlichen. Das bedeutet, dass ich viel Zeit in Statistikprogrammen verbringe, um die unterschiedlichen Daten zu analysieren. Die Daten, mit denen ich zurzeit arbeite, stammen zum Beispiel aus Wahlprogrammen verschiedener europäischer Parteien oder aus Meinungsumfragen. Gleichzeitig überarbeite ich Teile meiner Doktorarbeit und plane nächste Analysen.


Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Digitalisierung ist nicht nur ein technologisches, sondern auch ein politisches und gesellschaftliches Projekt. Daher ist es wichtig, nachzuvollziehen welche Positionen politische Akteur*innen und Bürger*innen in diesem Bereich einnehmen. Ich glaube, da Digitalisierung so stark mit technischen Fragestellungen verknüpft wird, gibt es oft eine Tendenz diese Fragen als weniger politisch zu betrachten. Nicht nur, aber gerade deswegen, ist es interessant zu verfolgen, wie Parteien oder Politiker*innen diese Fragen angehen. Das gilt natürlich umso mehr, wenn wir der Macht von großen Technologie-Konzernen andere Antworten entgegensetzen wollen.


Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Zusammen mit anderen Doktorandinnen organisiere ich Vernetzungsangebote für Frauen in der Politikwissenschaft. In der Vergangenheit habe ich mich auch in unterschiedlichen Konstellationen zum Thema Diversität engagiert, sowie an einer Initiative zur Wissenschaftskommunikation im Bereich Wahlen und digitale Technologien gearbeitet.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Nein, tatsächlich nicht, und ihr?


Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 

Der beinhaltet auf jeden Fall Kaffee trinken, am Wasser spazieren, neue Gerichte probieren – gerne abgerundet mit einem Eis.

 

Bitte begrüßt Licinia ganz herzlich auf dem Kanal!


Sunday, February 8, 2026

Queere feministische Literatur, Theater und Performance - Sarah Busch ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Sarah Busch (@sarahbusch.bsky.social). Sarah (sie/kein Pronomen) ist Doktorandin an der Universität Freiburg mit einem Lehramtsstudium in englischer und spanischer Philologie. Sie unterrichtet queere feministische Literatur, Theater und Performance an der Universität zu Köln. Sie ist gerade in den letzten Zügen ihrer Doktorarbeit, die Literatur- und Kulturwissenschaften mit Performance Studies und Publikumsforschung verbindet. Im Jahr 2022 führte sie in Zusammenarbeit mit dem University College Dublin Feldforschung für ihr Projekt durch und interviewte Zuschauer:innen. Außerdem hat sie in mehreren studentischen Theaterproduktionen mitgewirkt und Regie geführt und gibt Performance-Workshops zum Thema Theater und Körper als Lehrmethode.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich habe an der Uni Freiburg Spanische und Englische Philologie auf Lehramt studiert, aber die starren Strukturen an Regelschulen haben mir den Gedanken ans Gymnasiallehramt verleidet. Die Betreuerin meiner anglistischen Zulassungsarbeit über Publikumsrezeption und Gegenwartstheater hat mich dann ermuntert, über eine Promotion zu diesem Thema nachzudenken. Die Perspektive weiter zu lernen und an der Uni zu lehren fand ich aufregend: nach hartnäckigen 2 Jahren Lehraufträgen und Bewerben auf Promotionsstellen und -stipendien bin ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Uni Köln gekommen.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Englische Literatur, Theater und Performance haben mir einen Zugang zur Welt geschaffen und zu der Person gemacht, die ich jetzt bin: meine Queerness, verschiedene Kulturen, Kolonialismuskritik, ästhetisches Empfinden, all das habe ich mir durchs Lesen, Sprechen, Reisen und Zuhören/schauen erschlossen. Die Universität kann zwar ein hierarchischer, kapitalistischer und unfreundlicher Ort sein, aber es gibt auch viele gleichgesinnte, warmherzige Kolleg*innen und Vorgesetzte. Die universitäre Lehre war für mich ein Upgrade des Schulunterrichts, und sie jetzt für junge Menschen mitgestalten zu können macht mich froh und stolz.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich forsche und lehre zu irischem Gegenwartstheater, affektiver Publikumsrezeption und queer-feministischer Literatur. Meine Dissertation untersucht metatheatralische Theaterstücke, also solche, die auf sich selbst als Performance verweisen und die Zuschauenden viel einbinden, z.B. durch direkte Ansprache oder spielerische Interaktion. Ich habe qualitative Interviews zu verschiedenen Stücken geführt und sehe mir an, was Zuschauer*innen besonders interessiert und wie sie emotional auf die Performance reagieren. In meiner Lehre unterrichte ich vor allem Texte und Literaturtheorie von Frauen, queeren Autor*innen und People of Colour, die sich ihren Platz im literarischen Kanon erkämpfen mussten.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Die Performance Studies werden innerhalb der deutschen Anglistik oft vernachlässigt, aber ein kulturwissenschaftlicher Blick aufs Theater, der Schauspieler*innen, Text, Emotionen, Körper, Performance, Zuschauende und Rezeption mitdenkt, ist wichtig. Dadurch werden elitäre Machtstrukturen aufgebrochen und Theater als Gemeinschaftsprojekt aller Beteiligten verstanden: (darstellende) Kunst gehört uns allen und sollte erschwinglich, sichtbar, und zugänglich sein!

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Auf Konferenzen (die man mit organisiert oder besucht) kann man sich mit anderen Wissenschaftler*innen vernetzen und von deren Arbeit inspiriert werden, manchmal entstehen auch Zusammenarbeit oder Freundschaften. Außerdem gebe ich Workshops zu Theater als Lehr- und Lernmethode, bei dem die Beteiligten lernen, wie man Stimme, Körper und Interaktion einsetzt, um Theater zu unterrichten, und mit anderen in Verbindung zu treten - fragt gerne an, wenn ihr Interesse habt!

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich spiele Roller Derby, ein Vollkontaktsport auf Skates, bei dem man sich mit Körpereinsatz auf dem Track (Spielbahn in Form eines Os) überholt und dabei wegblockt. Roller Derby versteht sich als queer-feministisch und hat mir beigebracht, dass FLINTA* Körper (Frauen, Lesben, Trans, Inter- und Asexuelle Personen) stark sein und Raum einnehmen dürfen, und sich ein Team aufeinander verlassen kann.
Außerdem bin ich einmal im Jahr in meiner badischen Heimat bei der alemannischen Fastnacht dabei. Mich interessiert der theatralische Aspekt am Verkleiden und in eine andere Rolle schlüpfen, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft. Die handgearbeiteten Holzlarven (Masken) und Häs (Kostüme) erzählen oft Sagen aus der Lokalgeschichte über Hexen, Geister oder Tiere – im Gegensatz zu unsensiblen Formen von kultureller Aneignung oder Blackfacing, was leider in weniger traditionsreichen Gruppen passiert.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 
Pfannkuchenfrühstück mit meiner Partnerin, dann ein bisschen Lesen in einem Café, ein kleiner Spaziergang, ein Abendessen in einem Frankfurter Restaurant und dann zusammen ins Theater oder ins Kino.
 
Bitte begrüßt Sarah ganz herzlich auf dem Kanal!


Psychotherapie mittels App erforschen - Vanessa Teckentrup ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Vanessa Teckentrup. Vanessa (@glassybrain.bsky.social) ist Psychologin und Neurowissenschaftlerin. Nach ihrem Studium der Psychologie an der Universität Frankfurt hat sie sich in ihrer Promotion mit der Vagusnervstimulation als Möglichkeit zur Beeinflussung der Darm-Hirn Achse beschäftigt. Heute arbeitet sie als Postdoktorandin am Trinity College Dublin und dem Universitätsklinikum Tübingen daran mittels smartphone-basierter Datenerfassung die Mechanismen von Psychotherapie auf der individuellen Ebene besser zu verstehen. Was da der gemeinsame Nenner ist? Eine Faszination dafür wie körperliche Prozesse und unser Denken funktionieren und sich über die Zeit regulieren!

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Frisch die Schule abgeschlossen, hatte ich viele Interessen, wusste aber, dass ich gerne mehr über das Gehirn lernen würde. Und ich war mir sehr sicher, dass Mathe mir nicht liegt. Fast forward ein paar Wochen und ich hatte meine Bewerbung für ein Studium der Psychologie abgeschickt. Neurowissenschaften waren ein Wahlbereich an der Uni Frankfurt für die ich mich entschieden hatte, aber das Mathe-Kriterium habe ich wohl geflissentlich ignoriert bei dem starken Fokus auf Methodenlehre, den wir im Psychologiestudium haben. Wie sich später zeigen sollte, kommt es immer auf den Kontext an, wie man etwas wahrnimmt, denn mir wurde tatsächlich im späteren Verlauf eine Tutorenstelle in der Methodenlehre angeboten. Ich bin jedoch der Leidenschaft für das Gehirn treu geblieben und habe nach einigen nicht erfolgreichen Stipendienbewerbungen eine Stelle gefunden, die mir die Arbeit mit funktioneller Bildgebung ermöglicht hat.  

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich habe mich meistens von meiner Neugier leiten lassen. Die ersten Vorlesungen in Biologischer Psychologie die sich mit Hirnsignalen, sei es über die Messung eines Elektroenzephalogramms oder Magnetresonanztomographie, beschäftigt haben, haben mich so fasziniert, dass ich da unbedingt mehr lernen wollte. In meiner Promotion konnte ich genau das umsetzen und habe zusätzlich noch tief in den spannenden Bereich der Hirnstimulation eintauchen können. Diese Themen begleiten mich auch heute noch. Für meine heutige Stelle war dann aber eher wieder der Zufall mit am Werk. Durch ein Nebenprojekt hatte ich die Möglichkeit eine Forschungsapp zu programmieren, die es uns ermöglicht hat Daten wiederholt, mit höherer Frequenz zu messen, da wir die Versuchspersonen nicht bitten mussten für jede dieser Messungen zu uns ins Labor zu kommen. All das lief bequem zu Hause auf dem Sofa auf dem eigenen Handy. Das hat mir einen Einblick gegeben in das damals noch sehr junge Feld des Ecological Momentary Assessment, eine Methode, die darauf abzielt, das momentane Empfinden einer Person im natürlichen Alltag und über einen längeren Zeitraum abzubilden. Hirnsignale befinden sich konstant im Fluss, das wusste ich bereits aus der Arbeit mit bildgebenden Verfahren. Nun wurde es auch praktikabel das daraus resultierende Verhalten genauer zu beobachten. Ich war (und bin) fasziniert!

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich arbeite zurzeit vorrangig mit größeren Datensätzen, die wir über eine speziell für die Forschung entwickelte Smartphone app erhoben haben. Da sich Jede und Jeder diese app frei herunterladen kann, hat sich über die Zeit ein großer Datenschatz angesammelt, den wir den sehr engagierten ‚citizen scientists‘ wie wir sie nennen zu verdanken haben. Mein Fokus liegt aber gerade auf einem Projekt, für das wir spezifisch Menschen rekrutiert haben, die eine Psychotherapie begonnen haben. Wir begleiten sie mittels unserer app täglich für die gesamten 8 Wochen, die die Therapie in Anspruch nimmt und hoffen, dass wir so mehr darüber lernen können, wie sich die einzelnen Therapiemodule auf das Denken und Empfinden auswirken. Ebenso möchten wir uns anschauen, ob wir Merkmale entdecken können, die schon früh einen Hinweis darauf geben, ob jemand von dieser spezifischen Therapie profitieren wird.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Wir haben wirksame Therapien für psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen, aber in vielen Fällen bleibt den Betroffenen nichts anderes übrig als diese Therapien nach einem trial-and-error Prinzip auszuprobieren, bis ein Ansatz gefunden ist, der ihnen persönlich hilft. Selbst wenn zwei Menschen die gleiche Diagnose erhalten, sehen die individuellen Symptome häufig sehr unterschiedlich aus. In dieser Variabilität könnte der Schlüssel dafür liegen, schneller den richtigen Ansatz zu finden. Das hätte nicht nur direkte Auswirkungen für die Betroffenen, die je nach individuellem Fall nicht mehr mehrere Jahre auf eine Besserung der Symptome warten müssen, sondern auch für die Gesellschaft selbst, die ‚ärmer‘ wird, wenn Menschen aufgrund ihrer Erkrankung nicht oder nur eingeschränkt am öffentlichen Leben teilhaben können.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin immer wieder bei verschiedenen Outreach-Initiativen dabei wie dem auch hierzulande immer beliebter werdenden ‚Pint of Science‘, war aber auch schon auf einem großen irischen Musikfestival, um zusammen mit Kollegen über psychische Erkrankungen und Demenz aufzuklären. Dazu engagiere ich mich rund um die Berufsbedingungen von jungen Wissenschaftlern. Die allermeisten von uns sind auf kurzen Kettenverträgen prekär beschäftigt. Da ist es mir und meinen Kollegen von der Trinity Research Staff Association, der offiziellen Interessenvertretung für Wissenschaftliche Mitarbeiter am Trinity College, ein großes Anliegen diese Probleme sichtbar zu machen und für Verbesserungen einzutreten.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich bin sehr gerne draußen in der Natur unterwegs. Indoor klettere und bouldere ich gerne, stecke etwas aus Klemmbausteinen zusammen oder spiele gerne storylastige Videospiele. Und wenn sich die Möglichkeit ergibt, bastel ich auch ganz gerne mal an Hardware oder Software herum. Einige dieser Erzeugnisse sind dann auch schonmal im Lab gelandet.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 
Gemütlich ausschlafen und ein ausgiebiges Frühstück mit meinem Partner genießen, bevor es raus in die Natur geht oder an die Kletterwand.
 
Bitte begrüßt Vanessa ganz herzlich auf dem Kanal!