Diese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin Laura Fürsich (@laurafursich.bsky.social)! Sie ist bin Post Doc am Mansueto Institute for Urban Innovation an der University of Chicago und am Institut für Analytische Soziologie (IAS) an der Universität Linköping. Ihre Forschung untersucht, wie soziale Ungleichheiten in räumlichen und institutionellen Kontexten fortbestehen und sich verändern. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem dynamischen Zusammenspiel von sozialen Netzwerken, residenzieller Segregation und sozialer Stratifikation.
Als Computational Social Scientist verbindet sie Ansätze aus der Soziologie, der Stadtforschung und der Komplexitätswissenschaft. Dabei kombiniert sie agentenbasierte Modellierung, Informationstheorie, diskrete Entscheidungsmodelle und Netzwerkanalyse mit großen administrativen Datensätzen aus Schweden und den Niederlanden. Sie interessiert besonders, wie statistische Informationen genutzt werden können, um die Mechanismen hinter räumlicher Ungleichheit, sozialem Einfluss und Intergruppenbeziehungen aufzudecken. Diese Perspektive ermöglicht es ihr, über reine Beschreibung hinauszugehen und in Daten Muster und Zusammenhänge zu identifizieren, die sowohl bestehende als auch neu entstehende Formen von Ungleichheit beleuchten.
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ehrlich gesagt nicht auf dem direktesten Weg. Ich habe schon im Bachelor
angefangen als HiWi an einem Lehrstuhl zu arbeiten. Was mich letztlich in
die Forschung gezogen hat, war die Möglichkeit, gesellschaftliche Fragen (wie
entsteht Ungleichheit? warum leben Menschen so getrennt voneinander?) mit Daten
und formalen Methoden zu untersuchen.
Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält
dich dort?
Ich arbeite an der Schnittstelle von Soziologie, Netzwerkforschung und
Computational Social Science. Was mich daran fasziniert, ist, dass man mit den
richtigen Daten und Methoden Dinge sichtbar machen kann, die man mit bloßem
Auge nicht sieht: Wie hängen die Orte, an denen Menschen wohnen und arbeiten,
mit ihren Lebenschancen zusammen? Wie verändern sich Nachbarschaften über die
Zeit – und für wen?
Was mich im Feld hält, ist zum einen die methodische Vielfalt. Ich arbeite mit administrativen Registerdaten, baue Netzwerkmodelle und setze agentenbasierte Simulationen ein. Zum anderen die Interdisziplinarität: Ich arbeite mit Leuten zusammen, die aus der Physik, Informatik und Ökonomie kommen. Das zwingt einen, die eigenen Annahmen ständig zu hinterfragen, und das finde ich produktiv.
Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Forschung dreht sich um die Frage, wie räumliche und soziale Strukturen
Ungleichheit erzeugen und aufrechterhalten. Ein Schwerpunkt liegt auf
Segregation – also der Frage, wie stark Menschen unterschiedlicher Herkunft
oder unterschiedlichen Einkommens voneinander getrennt leben und wie sich das
auf ihre sozialen Kontakte auswirkt.
Aktuell arbeite ich an mehreren Projekten gleichzeitig. In einem Paper untersuche ich mit Chicagoer Zensusdaten, wie sich städtisches Einkommenswachstum über Jahrzehnte zusammensetzt: Liegt es daran, dass die Einkommen der Bewohner*innen steigen, oder daran, dass besserverdienende Menschen zuziehen und andere wegziehen? In einem anderen Projekt schaue ich mir mit niederländischen Registerdaten an, wie die räumliche Nähe in Mikro-Nachbarschaften den Kontakt zwischen Jugendlichen verschiedener Herkunft beeinflusst.
Daneben arbeite ich viel mit schwedischen Registerdaten. Schweden hat umfassende administrative Daten über Wohnorte, Arbeitsplätze, Einkommen und Familienbeziehungen – anonymisiert und streng reguliert. Damit lassen sich soziale Prozesse über lange Zeiträume und auf sehr feiner räumlicher Ebene untersuchen, was mit Umfragedaten kaum möglich wäre.
Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit
interessieren?
Weil die Fragen, die ich untersuche, den Alltag aller betreffen – auch wenn man
nicht darüber nachdenkt. In welcher Nachbarschaft man aufwächst, mit wem man
zur Schule geht, wo man arbeitet: All das beeinflusst, welche Chancen man hat
und welchen Menschen man begegnet. Segregation ist kein abstraktes Konzept –
sie bestimmt mit, wer wen kennt, wer welche Informationen bekommt und wer
aufsteigen kann.
Meine Forschung versucht, diese Zusammenhänge sichtbar und messbar zu machen. Das ist relevant, weil politische Entscheidungen – über Wohnungsbau, Stadtplanung, Bildungspolitik – diese Strukturen direkt beeinflussen. Wenn wir verstehen, wie räumliche Sortierung und soziale Netzwerke zusammenhängen, können wir auch besser beurteilen, welche Maßnahmen tatsächlich etwas verändern.
Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen
Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin sowohl an der Universität Linköping als auch am Mansueto Institute for
Urban Innovation an der University of Chicago angebunden und in zwei sehr
unterschiedlichen akademischen Kulturen arbeite. Das ist manchmal logistisch
herausfordernd, aber wissenschaftlich extrem bereichernd, weil die Perspektiven
auf Stadtforschung und Ungleichheit sich stark unterscheiden.
Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich bin am liebsten auf dem Rad oder im Kanu – beides
geht in Schweden hervorragend, solange man mit dem Wetter nicht zu wählerisch
ist. Wenn ich in Chicago bin, gerne mit dem Rad am Lakefront Trail. Die Stadt
ist überraschend gut für Radfahrer*innen. Dazu kommt seit einer Weile ein
Welpe, der an den intensivsten Arbeitstagen zuverlässig dafür sorgt, dass ich
vor die Tür komme.
Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur
Menschen)?
Morgens eine lange Runde mit dem Hund, am liebsten am Wasser. Norrköping hat da
ein paar schöne Ecken. Danach Kaffee und in Ruhe etwas lesen, das nichts mit
Arbeit zu tun hat. Nachmittags eine Radtour, bei der ich nicht wissen
muss, wann ich zurück bin.
Bitte begrüßt Laura ganz herzlich bei Real Scientists DE!


