Sunday, February 22, 2026

Ob Postcovid, Herpes oder Malaria – Wie Forschende große Datenmengen nutzen, um Infektionsprozesse zu verstehen! Emanuel Wyler ist jetzt bei Real Scientists DE!

Porträtfoto von Emanuel Wyler
Diese Woche freuen wir uns auf unsern Kurator Emanuel Wyler (@ewyler.bsky.social)! Emanuel ist Wissenschaftler am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in der Helmholtzgemeinschaft. Nach dem Studium der Biochemie an der Universität Zürich war er ein Jahr am Institut Pasteur in Paris, hat an der ETH Zürich doktoriert, und ist seit 2011 am MDC in Berlin. Seit 2020 ist er als Wissenschaftler fest angestellt.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Wissenschaft an sich hat mich schon als Kind interessiert, und ich in meiner Akademikerfamilie hatte ich schon früh Berührung damit. Das Studium ist mir relativ leicht gefallen, danach haben sich immer spannende und gute Projekte und Stellen ergeben. Auch jetzt noch, gut 25 Jahre nach Beginn des Studiums bin ich immer noch sehr gerne in der Wissenschaft und fühle mich sehr wohl darin.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Mein Forschungsfeld ist grob gesagt die Untersuchung von Infektionsprozessen (vor allem Viren) mit Hochdurchsatzmethoden und großen Datenmengen. Das Feld hat sich in den letzten 10, 15 Jahren durch eine Vielzahl technologischer Entwicklungen stark verändert. Dadurch können wir immer detaillierter in unserer so komplexen Biologie molekulare und zellbiologische Prozesse verstehen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Die Projekte, in denen ich arbeite, sind vielfältig: Es geht um ME/CFS/Postcovid, um Herpesinfektionen, um Malaria (Plasmodium-Parasiten) in der Plazenta, um Viren im Abwasser oder mikrobielle Biodiversität in der Umwelt. Der gemeinsame Nenner ist aber relativ einfach: Wie können wir große Datenmengen erheben und auswerten, um biologische Abläufe zu verstehen? Oft arbeite ich in „Konsortien“, als mit mehreren Forscherinnen und Forschern aus anderen Fachrichtungen und anderen Institutionen gemeinsam. Ein Beispiel dafür ist das vom Forschungsministerium BMFTR geförderte „SERIMM“ (https://www.gesundheitsforschung-bmftr.de/de/serimm-serotonin-und-immunmodulation-in-me-cfs-18014.php) zu ME/CFS/Postcovid – dabei sind Klinikerinnen und Kliniker aus der Charité Berlin, die Patient*innen untersuchen und bspw. Blutproben für unsere Analysen entnehmen. Bei Helmholtz München und dem Paul-Ehrlich-Institut laufen Tierexperimente, am Fraunhofer-Institut in Erlangen werden Bilddaten untersucht. Mit dem Zusammenführen von Daten aus diesen verschiedenen Teilprojekten wollen wir verstehen, welche Veränderungen im Immunsystem oder im Serotonin-Stoffwechsel zu den chronischen Symptomen dieser Krankheit beitragen. Das Projekt begann 2023 mit dem Ausformulieren der Forschungsfragen und dem Schreiben des Antrages, um in einem Wettbewerb das Geld für das Projekt zu gewinnen. Jetzt geht es um das Durchführen der Experimente und Analyse der Daten, gemeinsam mit Doktoranden, Postdocs oder Ärztinnen. Gleichzeitig gilt es, die großen Linien des Gesamtprojektes im Auge zu behalten, die neuste Literatur zu verfolgen, zu überlegen, wie das Forschungsfeld in Zukunft weitergeht, und an Konferenzen von anderen zu lernen und eigene Daten zu präsentieren.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Infektionen mit Viren machen wir alle regelmäßig durch, und ein grundlegendes Verständnis dafür kann helfen, besser damit umzugehen. Aber noch wichtiger finde ich es, Freude an Erkenntnissen und Faszination für die Biologie in uns und um uns herum zu wecken.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Als senioriger Wissenschaftler macht man ja so ein bisschen alles mögliche. Lehre, Öffentlichkeitsarbeit, Personalwesen, Beschaffungen, Begutachtungen, Vertragswerke, Institutsorganisation (wie bspw. Biosicherheit) usw. sind alle auf ihre Art interessant, aber nicht eigentlich „zusätzlich“, nicht?

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Leider nichts besonderes :-)

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?
Einfach so in den Tag leben, vielleicht ein Ausflug, vielleicht in Kino oder Museum oder Konzert, oder was grad passt und Freude macht.

Bitte begrüßt Emanuel ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Monday, February 16, 2026

Digitalisierung und Hypes - Licinia Güttel ist jetzt bei Real Scietists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Licinia Güttel (@liciniaguttel.bsky.social). Licinia ist Politikwissenschaftlerin und promoviert an der Universität Oxford. In ihrem Promotionsprojekt beschäftigt sie sich mit Parteipositionen und öffentlicher Meinung zum Themenbereich Digitalisierung. Außerdem hat sie zu anderen digitalpolitischen Themen geforscht, wie zu Künstlicher Intelligenz im politischen Diskurs oder zu digitalen Technologien und Wahlen. Licinia hat Politikwissenschaften an der Sciences Po und der Freien Universität Berlin studiert, und einen Masterstudiengang in „Social Science of the Internet“ an der Universität Oxford absolviert.


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Ich habe zunächst einen deutsch-französischen Doppelstudiengang in Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und der Sciences Po absolviert. Während meines Bachelorstudiums habe ich mich sehr für die Forschung interessiert, war mir aber zunächst unsicher, ob ich mir eine Promotion zutraue. Durch eine Tätigkeit als studentische Mitarbeiterin an einem Forschungsinstitut konnte ich dann hinter die Kulissen schauen. Ich habe mir vorgenommen, nach meinem Master zu promovieren, da ich auch bereits eine erste Themenidee hatte. Während meines Masters in Oxford habe ich mich dann auf Promotionsmöglichkeiten beworben, und bin dann für die Promotion dortgeblieben. Besonders bereichernd fand ich es, dass ich in meiner bisherigen wissenschaftlichen Laufbahn sowohl interdisziplinäre als auch rein politikwissenschaftliche Erfahrungen sammeln konnte.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Gesellschaftliche und politische Themen haben mich schon in meiner Jugend sehr fasziniert und bewegt. An der Politikwissenschaft schätze ich besonders die Verbindungen zwischen aktuellen Themen, Theorien, und unterschiedlichen Methoden, um Gesellschaft zu erforschen. Das Thema Digitalisierung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive fasziniert mich, da es so vielfältig ist, und technische und vor allem viele gesellschaftliche Fragen vereint. Besonders in Berlin habe ich dann angefangen, viele Diskussionsrunden oder andere Veranstaltungen zu digitalpolitischen Themen zu besuchen. Dabei ist mir häufig aufgefallen, wie manche wirtschaftlichen oder politischen Akteure sehr große und teils überzogene Erwartungshaltungen mit Digitalisierung verbinden. Ich finde es spannend, wissenschaftlich hinter diese Hypes zu schauen. Dabei interessiert mich, ob und wie diese Themen gesellschaftlich und politisch verhandelt werden. Gleichzeitig treibt mich die Frage um, ob Digitalisierung irgendwie „anders“ als andere politische Themen, wie z.B. Umwelt- oder Europapolitik ist, und was wir anhand von neuen politischen Themen über den Parteienwettbewerb lernen können. Seitdem ich zu digitalen Themen arbeite, hat die tagespolitische Relevanz dieser Bereiche weiter zugenommen, was die Beschäftigung natürlich spannend (und gleichzeitig herausfordernd) macht.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Momentan beschäftige ich mich sehr viel mit den Datenanalysen meiner Doktorarbeit, sowie damit, die Ergebnisse zu verschriftlichen. Das bedeutet, dass ich viel Zeit in Statistikprogrammen verbringe, um die unterschiedlichen Daten zu analysieren. Die Daten, mit denen ich zurzeit arbeite, stammen zum Beispiel aus Wahlprogrammen verschiedener europäischer Parteien oder aus Meinungsumfragen. Gleichzeitig überarbeite ich Teile meiner Doktorarbeit und plane nächste Analysen.


Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Digitalisierung ist nicht nur ein technologisches, sondern auch ein politisches und gesellschaftliches Projekt. Daher ist es wichtig, nachzuvollziehen welche Positionen politische Akteur*innen und Bürger*innen in diesem Bereich einnehmen. Ich glaube, da Digitalisierung so stark mit technischen Fragestellungen verknüpft wird, gibt es oft eine Tendenz diese Fragen als weniger politisch zu betrachten. Nicht nur, aber gerade deswegen, ist es interessant zu verfolgen, wie Parteien oder Politiker*innen diese Fragen angehen. Das gilt natürlich umso mehr, wenn wir der Macht von großen Technologie-Konzernen andere Antworten entgegensetzen wollen.


Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Zusammen mit anderen Doktorandinnen organisiere ich Vernetzungsangebote für Frauen in der Politikwissenschaft. In der Vergangenheit habe ich mich auch in unterschiedlichen Konstellationen zum Thema Diversität engagiert, sowie an einer Initiative zur Wissenschaftskommunikation im Bereich Wahlen und digitale Technologien gearbeitet.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Nein, tatsächlich nicht, und ihr?


Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 

Der beinhaltet auf jeden Fall Kaffee trinken, am Wasser spazieren, neue Gerichte probieren – gerne abgerundet mit einem Eis.

 

Bitte begrüßt Licinia ganz herzlich auf dem Kanal!


Sunday, February 8, 2026

Queere feministische Literatur, Theater und Performance - Sarah Busch ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Sarah Busch (@sarahbusch.bsky.social). Sarah (sie/kein Pronomen) ist Doktorandin an der Universität Freiburg mit einem Lehramtsstudium in englischer und spanischer Philologie. Sie unterrichtet queere feministische Literatur, Theater und Performance an der Universität zu Köln. Sie ist gerade in den letzten Zügen ihrer Doktorarbeit, die Literatur- und Kulturwissenschaften mit Performance Studies und Publikumsforschung verbindet. Im Jahr 2022 führte sie in Zusammenarbeit mit dem University College Dublin Feldforschung für ihr Projekt durch und interviewte Zuschauer:innen. Außerdem hat sie in mehreren studentischen Theaterproduktionen mitgewirkt und Regie geführt und gibt Performance-Workshops zum Thema Theater und Körper als Lehrmethode.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich habe an der Uni Freiburg Spanische und Englische Philologie auf Lehramt studiert, aber die starren Strukturen an Regelschulen haben mir den Gedanken ans Gymnasiallehramt verleidet. Die Betreuerin meiner anglistischen Zulassungsarbeit über Publikumsrezeption und Gegenwartstheater hat mich dann ermuntert, über eine Promotion zu diesem Thema nachzudenken. Die Perspektive weiter zu lernen und an der Uni zu lehren fand ich aufregend: nach hartnäckigen 2 Jahren Lehraufträgen und Bewerben auf Promotionsstellen und -stipendien bin ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Uni Köln gekommen.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Englische Literatur, Theater und Performance haben mir einen Zugang zur Welt geschaffen und zu der Person gemacht, die ich jetzt bin: meine Queerness, verschiedene Kulturen, Kolonialismuskritik, ästhetisches Empfinden, all das habe ich mir durchs Lesen, Sprechen, Reisen und Zuhören/schauen erschlossen. Die Universität kann zwar ein hierarchischer, kapitalistischer und unfreundlicher Ort sein, aber es gibt auch viele gleichgesinnte, warmherzige Kolleg*innen und Vorgesetzte. Die universitäre Lehre war für mich ein Upgrade des Schulunterrichts, und sie jetzt für junge Menschen mitgestalten zu können macht mich froh und stolz.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich forsche und lehre zu irischem Gegenwartstheater, affektiver Publikumsrezeption und queer-feministischer Literatur. Meine Dissertation untersucht metatheatralische Theaterstücke, also solche, die auf sich selbst als Performance verweisen und die Zuschauenden viel einbinden, z.B. durch direkte Ansprache oder spielerische Interaktion. Ich habe qualitative Interviews zu verschiedenen Stücken geführt und sehe mir an, was Zuschauer*innen besonders interessiert und wie sie emotional auf die Performance reagieren. In meiner Lehre unterrichte ich vor allem Texte und Literaturtheorie von Frauen, queeren Autor*innen und People of Colour, die sich ihren Platz im literarischen Kanon erkämpfen mussten.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Die Performance Studies werden innerhalb der deutschen Anglistik oft vernachlässigt, aber ein kulturwissenschaftlicher Blick aufs Theater, der Schauspieler*innen, Text, Emotionen, Körper, Performance, Zuschauende und Rezeption mitdenkt, ist wichtig. Dadurch werden elitäre Machtstrukturen aufgebrochen und Theater als Gemeinschaftsprojekt aller Beteiligten verstanden: (darstellende) Kunst gehört uns allen und sollte erschwinglich, sichtbar, und zugänglich sein!

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Auf Konferenzen (die man mit organisiert oder besucht) kann man sich mit anderen Wissenschaftler*innen vernetzen und von deren Arbeit inspiriert werden, manchmal entstehen auch Zusammenarbeit oder Freundschaften. Außerdem gebe ich Workshops zu Theater als Lehr- und Lernmethode, bei dem die Beteiligten lernen, wie man Stimme, Körper und Interaktion einsetzt, um Theater zu unterrichten, und mit anderen in Verbindung zu treten - fragt gerne an, wenn ihr Interesse habt!

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich spiele Roller Derby, ein Vollkontaktsport auf Skates, bei dem man sich mit Körpereinsatz auf dem Track (Spielbahn in Form eines Os) überholt und dabei wegblockt. Roller Derby versteht sich als queer-feministisch und hat mir beigebracht, dass FLINTA* Körper (Frauen, Lesben, Trans, Inter- und Asexuelle Personen) stark sein und Raum einnehmen dürfen, und sich ein Team aufeinander verlassen kann.
Außerdem bin ich einmal im Jahr in meiner badischen Heimat bei der alemannischen Fastnacht dabei. Mich interessiert der theatralische Aspekt am Verkleiden und in eine andere Rolle schlüpfen, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft. Die handgearbeiteten Holzlarven (Masken) und Häs (Kostüme) erzählen oft Sagen aus der Lokalgeschichte über Hexen, Geister oder Tiere – im Gegensatz zu unsensiblen Formen von kultureller Aneignung oder Blackfacing, was leider in weniger traditionsreichen Gruppen passiert.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 
Pfannkuchenfrühstück mit meiner Partnerin, dann ein bisschen Lesen in einem Café, ein kleiner Spaziergang, ein Abendessen in einem Frankfurter Restaurant und dann zusammen ins Theater oder ins Kino.
 
Bitte begrüßt Sarah ganz herzlich auf dem Kanal!


Psychotherapie mittels App erforschen - Vanessa Teckentrup ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Vanessa Teckentrup. Vanessa (@glassybrain.bsky.social) ist Psychologin und Neurowissenschaftlerin. Nach ihrem Studium der Psychologie an der Universität Frankfurt hat sie sich in ihrer Promotion mit der Vagusnervstimulation als Möglichkeit zur Beeinflussung der Darm-Hirn Achse beschäftigt. Heute arbeitet sie als Postdoktorandin am Trinity College Dublin und dem Universitätsklinikum Tübingen daran mittels smartphone-basierter Datenerfassung die Mechanismen von Psychotherapie auf der individuellen Ebene besser zu verstehen. Was da der gemeinsame Nenner ist? Eine Faszination dafür wie körperliche Prozesse und unser Denken funktionieren und sich über die Zeit regulieren!

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Frisch die Schule abgeschlossen, hatte ich viele Interessen, wusste aber, dass ich gerne mehr über das Gehirn lernen würde. Und ich war mir sehr sicher, dass Mathe mir nicht liegt. Fast forward ein paar Wochen und ich hatte meine Bewerbung für ein Studium der Psychologie abgeschickt. Neurowissenschaften waren ein Wahlbereich an der Uni Frankfurt für die ich mich entschieden hatte, aber das Mathe-Kriterium habe ich wohl geflissentlich ignoriert bei dem starken Fokus auf Methodenlehre, den wir im Psychologiestudium haben. Wie sich später zeigen sollte, kommt es immer auf den Kontext an, wie man etwas wahrnimmt, denn mir wurde tatsächlich im späteren Verlauf eine Tutorenstelle in der Methodenlehre angeboten. Ich bin jedoch der Leidenschaft für das Gehirn treu geblieben und habe nach einigen nicht erfolgreichen Stipendienbewerbungen eine Stelle gefunden, die mir die Arbeit mit funktioneller Bildgebung ermöglicht hat.  

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich habe mich meistens von meiner Neugier leiten lassen. Die ersten Vorlesungen in Biologischer Psychologie die sich mit Hirnsignalen, sei es über die Messung eines Elektroenzephalogramms oder Magnetresonanztomographie, beschäftigt haben, haben mich so fasziniert, dass ich da unbedingt mehr lernen wollte. In meiner Promotion konnte ich genau das umsetzen und habe zusätzlich noch tief in den spannenden Bereich der Hirnstimulation eintauchen können. Diese Themen begleiten mich auch heute noch. Für meine heutige Stelle war dann aber eher wieder der Zufall mit am Werk. Durch ein Nebenprojekt hatte ich die Möglichkeit eine Forschungsapp zu programmieren, die es uns ermöglicht hat Daten wiederholt, mit höherer Frequenz zu messen, da wir die Versuchspersonen nicht bitten mussten für jede dieser Messungen zu uns ins Labor zu kommen. All das lief bequem zu Hause auf dem Sofa auf dem eigenen Handy. Das hat mir einen Einblick gegeben in das damals noch sehr junge Feld des Ecological Momentary Assessment, eine Methode, die darauf abzielt, das momentane Empfinden einer Person im natürlichen Alltag und über einen längeren Zeitraum abzubilden. Hirnsignale befinden sich konstant im Fluss, das wusste ich bereits aus der Arbeit mit bildgebenden Verfahren. Nun wurde es auch praktikabel das daraus resultierende Verhalten genauer zu beobachten. Ich war (und bin) fasziniert!

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich arbeite zurzeit vorrangig mit größeren Datensätzen, die wir über eine speziell für die Forschung entwickelte Smartphone app erhoben haben. Da sich Jede und Jeder diese app frei herunterladen kann, hat sich über die Zeit ein großer Datenschatz angesammelt, den wir den sehr engagierten ‚citizen scientists‘ wie wir sie nennen zu verdanken haben. Mein Fokus liegt aber gerade auf einem Projekt, für das wir spezifisch Menschen rekrutiert haben, die eine Psychotherapie begonnen haben. Wir begleiten sie mittels unserer app täglich für die gesamten 8 Wochen, die die Therapie in Anspruch nimmt und hoffen, dass wir so mehr darüber lernen können, wie sich die einzelnen Therapiemodule auf das Denken und Empfinden auswirken. Ebenso möchten wir uns anschauen, ob wir Merkmale entdecken können, die schon früh einen Hinweis darauf geben, ob jemand von dieser spezifischen Therapie profitieren wird.

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Wir haben wirksame Therapien für psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen, aber in vielen Fällen bleibt den Betroffenen nichts anderes übrig als diese Therapien nach einem trial-and-error Prinzip auszuprobieren, bis ein Ansatz gefunden ist, der ihnen persönlich hilft. Selbst wenn zwei Menschen die gleiche Diagnose erhalten, sehen die individuellen Symptome häufig sehr unterschiedlich aus. In dieser Variabilität könnte der Schlüssel dafür liegen, schneller den richtigen Ansatz zu finden. Das hätte nicht nur direkte Auswirkungen für die Betroffenen, die je nach individuellem Fall nicht mehr mehrere Jahre auf eine Besserung der Symptome warten müssen, sondern auch für die Gesellschaft selbst, die ‚ärmer‘ wird, wenn Menschen aufgrund ihrer Erkrankung nicht oder nur eingeschränkt am öffentlichen Leben teilhaben können.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin immer wieder bei verschiedenen Outreach-Initiativen dabei wie dem auch hierzulande immer beliebter werdenden ‚Pint of Science‘, war aber auch schon auf einem großen irischen Musikfestival, um zusammen mit Kollegen über psychische Erkrankungen und Demenz aufzuklären. Dazu engagiere ich mich rund um die Berufsbedingungen von jungen Wissenschaftlern. Die allermeisten von uns sind auf kurzen Kettenverträgen prekär beschäftigt. Da ist es mir und meinen Kollegen von der Trinity Research Staff Association, der offiziellen Interessenvertretung für Wissenschaftliche Mitarbeiter am Trinity College, ein großes Anliegen diese Probleme sichtbar zu machen und für Verbesserungen einzutreten.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich bin sehr gerne draußen in der Natur unterwegs. Indoor klettere und bouldere ich gerne, stecke etwas aus Klemmbausteinen zusammen oder spiele gerne storylastige Videospiele. Und wenn sich die Möglichkeit ergibt, bastel ich auch ganz gerne mal an Hardware oder Software herum. Einige dieser Erzeugnisse sind dann auch schonmal im Lab gelandet.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 
Gemütlich ausschlafen und ein ausgiebiges Frühstück mit meinem Partner genießen, bevor es raus in die Natur geht oder an die Kletterwand.
 
Bitte begrüßt Vanessa ganz herzlich auf dem Kanal!


Monday, January 26, 2026

Umweltchemikalien und Darmentzündungen - Elena Katharina Nicolay ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Elena Katharina Nicolay. Elena (@enicolay.bsky.social) ist Doktorantin in der Ökotoxikologie (mTox Gruppe) am UFZ Leipzig und untersucht die Auswirkung von endokrinen Disruptoren auf die Darmgesundheit. Es handelt sich dabei um Umweltchemikalien, die das körpereigene Hormonsystem beeinflussen. Dabei hat sie ein besonderes Augenmerk auf Darm-assoziierte Makrophagen und Neuronen.


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Tatsächlich bin ich durch die Arbeit mit Tieren in costa-ricanischen Auffangstationen in der Wissenschaft gelandet. Ich habe dort mehrere Monate lang ehrenamtlich gearbeitet und fand es sehr erfüllend. Das hat mich dazu motiviert, einen Beruf zu ergreifen, der jeden Tag neu und abwechslungsreich ist. Ich habe eine Ausbildung zur biologisch-technischen Assistentin absolviert, erste Erfahrungen in einem Pharmaunternehmen gesammelt und mich dann für Studienplätze beworben. Mit meinem Fachabitur waren meine Studienmöglichkeiten jedoch begrenzt. Glücklicherweise habe ich dann den Bachelor of Science in Molekularbiologie an der WHS Recklinghausen gefunden und absolviert. Anschließend habe ich einen Master of Science in Regenerativer Biologie und Medizin an der TU Dresden studiert, wo ich die Möglichkeit hatte, den Zebrafisch als faszinierenden Modellorganismus für die neuronale Regeneration kennenzulernen.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Hattet ihr schon mal so ein Bauchgefühl? Eine emotionale Reaktion aus dem Bauch heraus, stimuliert von einer Entscheidung oder Person? Der Verdauungstrakt ist durchzogen mit einem Nervengeflecht, das autonom funktioniert und die Darmmotilität steuert – das enterische Nervensystem. Der Vagusnerv verbindet dieses Nervensystem mit dem Hirnstamm und sorgt für bilaterale Kommunikation. Motorische Impulse werden vom Gehirn zum Darm gesendet und sensorische Impulse vom Darm ins Gehirn. Gerät dieses sensible System aus dem Gleichgewicht, kann es zu Verdauungsstörungen und psychischen Beeinträchtigungen kommen. Ob durch Umweltchemikalien induzierte Darmentzündung eine Auswirkung auf das enterischeNervensystem haben, ist die Hauptfragestellung meiner Doktorarbeit. Ich bin also meinem eigenen Bauchgefühl gefolgt. 😊  


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Auf meiner Suche nach Laboren die mit der Darm-Hirn Achse im Zebrafisch arbeiten, bin ich auf die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Tamara Tal am UFZ Leipzig gestoßen. In Kombination mit meinem Hintergrund in Mikroskopie und Bildanalyse haben wir strategisch ein Projekt entwickelt, bei dem transgene Zebrafischembryonen eingesetzt werden, um die Auswirkungen von endokrinen Disruptoren zu untersuchen. Dies ist eine Klasse von Chemikalien, die auf das körpereigene Hormonsystem einwirken, beispielsweise durch Immunmodulation. Besonders interessiert mich dabei der Einfluss auf Makrophagen im Darm und der potentielle Zusammenhang zu Störungen des enterischen Nervensystems. Hier kann ich einen Beitrag zu wichtigen Forschungsfragen der Immun- und Neurotoxikologie leisten. Dafür setze ich transgene Zebrafischembryonen mit unterschiedlichen fluoreszierend markierten Zelltypen in High-Content-Mikroskopie-Assays ein.


Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Das Forschen in der Toxikologie ist spannend und sehr wichtig, da wir ständig einer Vielzahl von Umweltchemikalien ausgesetzt sind. Ob in Form von Pestiziden auf Feldern, Weichmachern in Behältern oder Zusätze in Kosmetikprodukten – es gibt viele Wege, wie Chemikalien ihren Weg in unsere Körper finden. Viele dieser Chemikalien wurden nur unzureichend oder gar nicht auf ihre Nebenwirkungen getestet, ganz zu schweigen davon, wie sie mit anderen Chemikalien interagieren. Hier setzt mein Projektan, mit dem Ziel, einen in-vivo Test zu entwickeln, mit dem diese Untersuchungen schneller durchgeführt werden können.


Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Seit 2023 bin ich Teil der Young Microscopists and Image Analysts (YMIA). Wir sind ein Team von German BioImaging e.V. (GerBI) mit der Mission, Nachwuchswissenschaftler*innen zu vernetzen, die mit Mikroskopie und Bildanalyse arbeiten. Wir möchten problemorientiertes Lernen zu flexiblen, bedarfsorientierten Themen vermitteln, indem wir Watch-Partys, Workshops und Expert*innenrunden anbieten. Seit 2025 bin ich auch Teil des Vorstands von GerBi und vertrete dort die Interessen der YMIA.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich spiele gerne, egal ob Brettspiele oder Computerspiele. Dabei genieße ich am Meisten die Auszeit zu meinem sonst sehr geschäftigen Alltag und liebe es neue Welten zu entdecken, die Entwickler*innen für die Spielcommunity kreieren.


Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 

Ausschlafen, weil die Kätzchen auch noch zu müde sind um uns zu wecken. Dann ein ausgiebiges Frühstück mit meinem Partner, gefolgt von einem Spaziergang in dem nahegelegenen Wald. Später am Tag dann mit meinen Freundinnen Pizza selber machen und einen Film schauen.

 

Bitte begrüßt Elena ganz herzlich auf dem Kanal!


Sunday, January 18, 2026

Postvirale Syndrome, Psychologie und Stigma - Ronja Büchner ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf Ronja Büchner. Ronja (@buechnerronja.bsky.social) ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe „Psychiatrie und Gesellschaft“ von Prof. Georg Schomerus an der Universität Leipzig (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie). Innerhalb der AG verantwortet sie gemeinsam mit Prof. Schomerus die Themenbereiche Long COVID, ME/CFS und PAIS und beschäftigt sich in ihrer Promotion mit der Stigmatisierung von Menschen mit postviralen Erkrankungen. Zudem befindet sie sich in der Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin im Verfahren Verhaltenstherapie. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Überraschend, würde ich sagen. Als ich angefangen habe Psychologie zu studieren, war mir nicht klar, dass meine Professor*innen nicht einfach wie Lehrer*innen sind, sondern neben der Lehre auch alle forschen. Wissenschaft war in meinem Kopf vorher eher mit weißem Kittel im Labor stehen und es macht *Knallpuffpeng*.

Ich war während meines Bachelorstudiums studentische Hilfskraft am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (inkl. 2 Monate „Feldforschung“ in Namibia!) und habe ein Forschungspraktilum in Brisbane (Australien) in der Sozialpsychologie gemacht und bei beidem gemerkt wie sehr ich wissenschaftliches Denken liebe. Während des Master habe ich allerdings erst mal gemeinsam mit einer Freundin ein Café im Leipziger Westen eröffnet (Café Kater, gibt’s noch immer) und dabei die Wissenschaft fast vergessen. Nach der Geburt meines Kindes bin ich dann über Zufälle in einer Studienambulanz für Long COVID gelandet und habe dort mein Promotionsthema gefunden.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
In der Long COVID Studienambulanz war es als Psychologin meine Aufgabe, strukturierte diagnostische Interviews zu führen, um mögliche psychische Ko-Morbiditäten festzustellen. Das habe ich manchmal, aber viel mehr habe ich gemerkt wie unfassbar groß die Symptomüberlappung von Long COVID und psychischen Erkrankungen ist und wie groß (auch aber nicht nur) deshalb die Gefahr einer ‚Psychologisierung‘ der Erkrankungen um Long COVID ist. Seitdem erforsche ich die Psychologisierung und den Zusammenhang mit der Stigmatisierung der Betroffenen und das alles kommt mir sowohl wichtig als auch spannend vor, sodass ich nicht wüsste, warum ich damit aufhören sollte. Außerdem schätze ich den Austausch mit Betroffenen und das von ihnen Lernen, weswegen mir auch die partizipative Forschung ein großes Anliegen ist.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich arbeite in der Arbeitsgruppe „Psychiatrie & Gesellschaft“ von Prof. Georg Schomerus an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich eigentlich vor allem mit der Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Seit ich da bin, gibt es nun auch den Schwerpunkt Stigmatisierung von Menschen mit postviralen Syndromen wie Long COVID und ME/CFS, das ist nämlich das Thema meiner Promotion. Zusätzlich mache ich die Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) und sehe einen Tag in der Woche Patient*innen. 

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil die Lebensrealitäten von Menschen mit Long COVID und/oder ME/CFS gesellschaftlich viel zu oft noch immer unsichtbar sind, obwohl sie uns alle etwas angehen - wenn wir nämlich so weiter machen, wird die Zahl der Betroffenen weiter steigen (Stichwort Prävention/Infektionssschutz) während die Versorgung weiterhin unmenschlich ist (Stichwort Stigmatisierung). Außerdem ist es eine gute Idee, sich mal mit den Grenzen und auch Gefahren der Psychologie und der Psychosomatik auseinander zu setzen - Disziplinen, die fälschlicherweise oft für durchweg progressiv gehalten werden.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Gemeinsam mit drei Kolleginnen und unserem Chef Georg Schomerus organisiere ich seit 2022 die Veranstaltungsreihe „Rausch & Stigma - Bilder von Sucht“ in einem Leipziger Kino. Die Abende laufen immer so ab, dass es erst ein Podiumsgespräch und dann einen Filmklassiker zu sehen gibt. Zu Gast sind Menschen mit eigener Suchterfahrung, Wissenschaftler*innen und lokale Akteur*innen wie Beratungsstellen, Sober-Rave-Organisator*innen oder die Suchtbeauftragte der Stadt. Zentraler Bestandteil der Abende ist der Austausch mit dem Publikum. Audiomitschnitte der Veranstaltungen sind über unsere Homepage verfügbar.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Wirklich gar nicht, alles sehr unspektakulär. Ich mag Bücher, Kaffee und schöne Dinge.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus? 
Morgens Kaffee im Bett, dann ein Spaziergang zur Leipziger „Spinnerei“. Dort in der besten Bäckerei der Stadt den 2.Kaffee und Leckereien genießen und in den Galerien bisschen Kunst gucken.
 
Bitte begrüßt Ronja ganz herzlich auf dem Kanal!


Sunday, January 11, 2026

Renaissance, zeitgenössische britische Literatur und die Rolle von Piraten auf der Theaterbühne! Susanne Gruß ist jetzt bei Real Scientists DE!

 Susanne Gruß in der Vorlesung zu PiratenDiese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin Susanne Gruß (@susannegruss.bsky.social)! Susanne ist Anglistin und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Renaissance und mit zeitgenössischer britischer Literatur und Kultur. Seit April 2024 ist sie Professorin für Englische Literaturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Davor war sie nach Vertretungen an den Universitäten Frankfurt/Main, Passau und Bonn Professorin für Englische Literatur und Kultur (mit Schwerpunkt Gender und Queer Studies) an der Universität zu Köln. Studiert (Lehramt für Gymnasium und Magister im Doppelstudium), promoviert und habilitiert hat sie an der FAU Erlangen-Nürnberg. In ihren Spezialgebieten konzentriert sie sich insbesondere auf frühneuzeitliche Kultur und Drama (v.a. Rachetragödien und Tragikomödien), Kollaboration im Theater, frühneuzeitliche Piraterie und Recht und Literatur auf der einen Seite; auf der anderen arbeitet sie zu Gender Studies und feministischer Theoriebildung, Neoviktorianismus (und kulturellen Aneignungen des 19. Jahrhunderts), den kulturellen und literarischen Implikationen der Welt der Pilze, sowie seit Kurzem auch zur Darstellung von Hexenfiguren. In beiden Forschungsfeldern interessiert sie sich für Populärkultur und Fragen von Kanonisierung und Genre.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Wie viele der Menschen in meinem Umfeld durch eine Mischung aus Zufall, Glück und Sturheit. Als ich angefangen habe zu studieren, hatte ich noch nie darüber nachgedacht, dass „Professorin“ ein echter Beruf ist. Mein Vater war Lehrer, ich bin also in einem bildungsbürgerlichen Haushalt aufgewachsen und habe (Achtung, Klischee) schon immer gerne gelesen. Studiert habe ich dann zunächst Englisch und Deutsch auf Lehramt (mit Erweiterungsfach Geschichte), hatte aber eigentlich den vagen Plan, Journalistin zu werden. Den habe ich dann schnell wieder verworfen, und obwohl ich zu Beginn meines Studiums als Lehrerstochter nie Lehrerin werden wollte, fand ich die Schulpraktika überraschend spannend. Viel spannender allerdings waren für mich von Anfang an insbesondere die literaturwissenschaftlichen Kurse in Anglistik, und dann hatte ich riesiges Glück: mir wurde nach Abschluss des Magisters eine volle Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Promotion angeboten. Wie selten das ist, ist mir erst nach einer Weile bewusst geworden. Ich habe dann parallel zur Stelle trotzdem noch mein erstes Staatsexamen gemacht (als Sicherheitsnetz), aber schnell festgestellt, dass die Kombination aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Forschung und universitärer Lehre für mich ein Volltreffer ist. Nach Promotions- und Habilitationszeit (in der ich auch zwei Kinder bekommen habe) hatte ich dann tatsächlich das Glück, ziemlich schnell eine erste und dann eine zweite, meine jetzige Professur zu bekommen.

 

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Ich bin noch mit einem sehr kanonischen Verständnis von Literatur aus der Schule gekommen – große, wichtige (männliche, weiße, tote) Autoren. Dass an der Universität dieser Kanon v.a. in der Anglistik/Amerikanistik hinterfragt und aufgebrochen wurde, hat mich fasziniert. Bei einem Auslandsjahr am Trinity College in Dublin ist mir dann zum ersten Mal Literaturtheorie untergekommen, das war eine ganz neue, fordernde und spannende Herangehensweise an Literatur für mich, die inzwischen ganz selbstverständlicher Teil des Studiums ist. Außerdem wurden parallel zu meinem Studium und meiner Promotionszeit in der Anglistik im deutschsprachigen Raum die Cultural Studies als neue Subdisziplin etabliert. Nicht nur literarische Werke, sondern auch (pop)kulturelle Phänomene als Texte verstehen und analysieren zu können und damit etwas über eine Kultur und die Ideologien, die sie unterfüttern, zu lernen, finde ich nach wie vor produktiv und aufschlussreich. Aktiv zu gestalten, wie sich unser Blick auf (historische) Texte verändert, ist ein weiteres Privileg meines Jobs. Ich habe heute z.B. ein ganz anderes Bild vom Theater der Shakespeare-Zeit als noch vor 15 Jahren, weil archäologische Forschung oder das Arbeiten mit den Repertoires einzelner Theatergruppen unser Verständnis korrigieren und erweitern.

 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Mich interessieren sehr häufig widerständige Figuren: In der frühen Neuzeit habe ich die Rolle von Piraten auf der Theaterbühne in den Blick genommen. Dort werden sie nicht nur für Abenteuer auf dem Meer eingesetzt, sondern auch, um Recht und politische Systeme kritisch zu hinterfragen. In der zeitgenössischen Literatur beschäftige ich mich gerade mit Hexen, die eine ähnliche Funktion haben: insbesondere Hexen in historischen Romanen werden oft dazu benutzt, ein kritisches Schlaglicht auf die Position von Frauen heute zu werfen. Dabei stelle ich mir begleitend Fragen nach der Funktion von Genres und Produktionsbedingungen: Wie wirkt sich die Struktur eines Textes darauf aus, wie wir ihn lesen? Inwiefern unterscheidet sich ein Stück, das für ein Open Air-Theater wie das Globe in London geschrieben wurde, von einem, das für eine Innenbühne konzipiert wurde?

 

Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Weil die literatur- und kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit Texten so viel mehr ist als „Spaß am Lesen und Texte verstehen haben“. Über das Verstehen von Texten lernen wir etwas über Gesellschaften sowie über kollektives und kulturelles Gedächtnis. Mit einer Freundin und Kollegin arbeite ich beispielsweise gerade an einem Projekt zur Rolle von kollaborativem Schreiben und Arbeiten in der frühen Neuzeit und darüber hinaus. Das klingt vielleicht erst einmal nicht relevant für den Alltag, aber unser Verständnis von Autorschaft ist an eine Fiktion von Einzelautorschaft geknüpft. Wenn wir Kollaboration als Regelfall kultureller Praxis positionieren, ändert sich auch unser Verständnis davon, was „ein Text“ ist und unsere Wertung davon, was wir als „guten“ oder „wichtigen“ Text ansehen.

 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Ich bin (Mit)Herausgeberin von mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften – das ist viel Arbeit, die häufig unsichtbar bleibt. Gleichzeitig behalte ich dadurch einen Überblick über aktuelle Entwicklungen in den Bereichen, die mich interessieren (die Renaissance, Neoviktorianismus, Feminismus und Gender Studies).

 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Weil die Arbeit an geisteswissenschaftlichen Projekten manchmal erst nach Jahren greifbare Ergebnisse bringt (in der Form von Sammelbänden, Zeitschriftensonderheften oder Aufsätzen), beschäftige ich mich gerne mit Dingen, die schnell sichtbare, materielle Ergebnisse haben. Ich häkle und stricke (nicht gut, aber mit Enthusiasmus) oder dekoriere und zeichne in ein Bullet Journal. Nichts davon mache ich besonders professionell, aber ich freue mich trotzdem über die Ergebnisse.

 

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?

Mein perfekter Tag wäre in erster Linie faul – aber mit zwei Kindern klappt das eher selten. Deshalb vielleicht ein ganz klassischer Familientag ganz ohne Haushalt und organisatorischen Balanceakt: ein bisschen im Bett lesen, ein ausgiebiges Frühstück, ein kleiner Ausflug und dann ein gemeinsamer Film. 


Bitte begrüßt Susanne ganz herzlich bei Real Scientists DE!