
Diese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin
Dr. Larissa Wolkenstein (@lawolkenstein.bsky.social)! Larissa ist
Akademische Direktorin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und
Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Nach dem
Studium der Psychologie an den Universitäten Konstanz und Tübingen (2000–2005)
promovierte sie 2009 an der Eberhard Karls Universität Tübingen. 2010 erhielt
sie die Approbation als Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie). Von
2008 bis 2015 war sie am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie
(Prof. Dr. Martin Hautzinger) an der Universität Tübingen tätig, zunächst als
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, anschließend als Akademische Rätin a. Z. Ein
Forschungsaufenthalt führte sie 2013 an die University of Miami (Prof. Dr.
Jutta Joormann), Florida, USA. Seit 2015 ist sie am Lehrstuhl für Klinische
Psychologie und Psychotherapie der LMU München tätig (zunächst als Akademische
Rätin, später als Akademische Oberrätin). 2023 wurde ihr die Venia legendi im
Fach Psychologie verliehen.
Wie bist du in der Wissenschaft
gelandet?
Als ich mit meinem Studium begonnen
habe, war mein Plan eigentlich, Psychotherapeutin zu werden. Meine Begeisterung
für die Wissenschaft habe ich erst im Studium entdeckt. Da fand ich
forschungsbezogene Lehrveranstaltungen besonders spannend. Bei der Erstellung
meiner Abschlussarbeit habe ich dann erstmals eigenständig wissenschaftlich
gearbeitet und gemerkt, dass mir das wirklich Spaß macht. Als mein Betreuer
mich fragte, ob ich nicht weiter wissenschaftlich arbeiten möchte, war die
Entscheidung schnell gefallen. Ich bin trotzdem auch Psychotherapeutin geworden
– habe also nach meinem Studium neben der Promotion auch die
psychotherapeutische Ausbildung gemacht, die mit der Approbation abschließt.
Auch heute schlägt mein Herz nach wie vor für beides – psychotherapeutische
Praxis und Forschung. Ich würde mich ganz klar als Scientist-Practitioner
bezeichnen. Diese Schnittstelle macht meine Arbeit für mich so spannend.
Warum hast du dich für dein
aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich mache klinisch-psychologische
Forschung, weil es mir wichtig ist, mit meiner Forschung etwas für Menschen mit
psychischen Störungen zu bewegen. Ich möchte dazu beitragen, psychische
Störungen besser zu verstehen und die Behandlung und Versorgung von Betroffenen
zu verbessern.
Erzähle uns etwas über deine
Arbeit!
In den letzten Jahren habe ich mich
in meiner Forschung insbesondere mit zwei Bereichen beschäftigt: Das ist einmal
die Schnittstelle zwischen Psychotherapie und Strafverfahren und den
wissenschaftlichen Fragen, die sich aus dieser Schnittstelle ergeben.
Insbesondere beschäftigt mich die Frage, ob und wie sich psychotherapeutische
Interventionen auf die Erinnerung an ein traumatisches Ereignis auswirken. Mein
zweiter Forschungsschwerpunkt ist die psychische Gesundheit im
Peripartalzeitraum, also dem Zeitraum rund um die Geburt eines Kindes. Hier
habe ich mich bislang vor allem mit der postpartalen Depression beschäftigt,
aber auch mit den Auswirkungen von Kindsverlust auf betroffene Eltern und das
gesamte familiäre System.
Motivation: Warum sollte sich
die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Die Schnittstelle zwischen
Psychotherapie und Strafverfahren betrifft viele Überlebende von Gewalt- oder
Sexualstraftaten. Sofern sie eine entsprechende Straftat zur Anzeige bringen
(oder in Erwägung ziehen, das zukünftig zu tun) und zudem psychotherapeutisch
behandelt werden, bewegen sie sich genau in dieser Schnittstelle. Eine
psychotherapeutische Behandlung steht ihnen zu und ist in vielen Fällen auch
indiziert. Allerdings gibt es Konstellationen, in denen eine solche Behandlung
bei einem Strafverfahren zum Problem werden kann. Insbesondere wenn das Trauma
in der Psychotherapie besprochen wird, kann sich dies negativ auf die
Aussageglaubhaftigkeit Betroffener auswirken, die dann in einem Strafverfahren
als Opferzeug:innen fungieren.
Das Thema der peripartalen
Gesundheit betrifft ebenfalls einen großen Teil unserer Gesellschaft – nämlich
alle Frauen, die ein Kind gebären und deren Angehörige. Meines Erachtens finden
Themen, die (auf den ersten Blick) vorrangig Frauen betreffen, nach wie vor zu
wenig Aufmerksamkeit. Erstaunlich, wo Frauen doch die Hälfte der Menschheit
ausmachen. Wenn wir nun auch noch ihre Kinder, Partner und Partnerinnen mit
einbeziehen, betrifft das Thema der peripartalen Gesundheit fast alle Menschen.
Zumindest irgendwann in ihrem Leben. Wir wissen, dass es sich zum Beispiel ganz
deutlich auf die Gesundheit eines Kindes auswirkt, wenn seine Mutter unter
einer postpartalen Depression leidet. Nicht nur zum Zeitpunkt der mütterlichen
Erkrankung, sondern weit darüber hinaus. Insofern geht uns dieses Thema fast
alle an.
Hast du irgendwelche
interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Zwar umfasst meine aktuelle
Position auch Forschung, aber ich bin auch für die therapeutische Leitung und
Forschungskoordination in unserer Psychotherapeutischen Hochschulambulanz
zuständig. Das bedeutet vor allem, dass ich therapeutische Konzepte ausarbeite
und implementiere und Forschungsstrukturen in der Ambulanz etabliere und
kontinuierlich verbessere. Außerdem supervidiere ich die Therapien, die bei uns
stattfinden und bin Ansprechpartnerin für alle inhaltlichen Fragen, die unsere
therapeutischen Kolleginnen und Kollegen haben.
Zudem bin ich auch in der Lehre
tätig. Ich habe das große Glück, dass ich auch in der Lehre meine beiden
Leidenschaften – Psychotherapie und Forschung – gut abbilden kann. Oft habe ich
sehr praktische Lehrveranstaltungen oder eben Lehrveranstaltungen mit
Forschungsbezug. Aktuell führe ich zum Beispiel ein Fallseminar durch, in dem
eine psychotherapeutische Behandlung im Beisein und unter Mitwirkung
Studierender stattfindet.
Ansonsten gebe ich häufiger
Workshops oder Seminare an Aus-/Weiterbildungsinstituten (also in der
postgradualen Aus- und Weiterbildung) oder auch Einrichtungen wie z.B.
Kliniken. Ich bin zudem als Supervisorin und Selbsterfahrungsleiterin tätig.
Irgendwelche interessanten
Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich habe das große Glück, inmitten
wunderschöner Natur zu leben, etwas südlich von München. Da sind Berge und Seen
nicht weit. Die genieße ich gemeinsam mit meiner Familie. Ich bin gerne draußen
– ob mit unseren drei Kindern, unserem Hund oder auch auf dem Pferd.
Außerdem lese ich sehr gerne, gehe
gerne ins Kabarett, ins Kino oder ins Theater.
Außerdem liebe ich es, zu Konzerten
zu gehen – auch wenn ich das viel zu selten unterbekomme. Das letzte Konzert,
auf dem ich war, war von Cypress Hill. Als nächstes stehen neben klassischen
Konzerten von Bruce Liu und Rachel Podger auch AnnenMayKantereit, das Black
Forest on Fire Reggae Festival und die Abschiedstournee der Fantastischen Vier
an. Alle Karten liegen bereit und ich freue mich auf jedes einzelne Konzert
riesig.
In meiner Freizeit setze ich mich
auch für den Schutz von Demokratie und Menschenwürde ein. Deswegen bin ich
Gründungs- und Vorstandsmitglied von Holzkirchen ist bunt e.V. – einem Verein,
der für Vielfalt, Toleranz und Menschlichkeit eintritt. Man sieht mich also ab
und zu auch auf einer Demonstration oder entsprechenden Veranstaltungen. Ich
möchte meinen Kindern diese Werte vorleben und wünsche mir, dass sie in einem
Land aufwachsen, in dem kein Platz für Fremdenfeindlichkeit oder Ausgrenzung
ist, in dem Frauen dieselben Rechte haben wie Männer und in dem Minderheiten
keine Nachteile aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Minderheit
erfahren.
Wie sieht dein idealer freier
Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?
An einem idealen freien Tag stehe
ich früh auf und drehe erst einmal eine Runde mit unserem Hund. Dann gehe ich
mit meiner Familie irgendwo ausgiebig frühstücken - am besten auf einer
Terrasse in der Sonne. Dabei ist ein guter Kaffee Pflicht :-)
Danach wäre ein Ausritt im Wald
perfekt.
Am Nachmittag würde ich dann gerne
mit meiner Familie und Freunden gemütlich an einen See gehen. Mit einer großen
Picknickdecke und dem SUP. Ich bin sehr gerne unter Menschen und liebe es, mich
auszutauschen, zu diskutieren, zu lachen. Gegen Abend entscheiden wir uns dann
spontan, bei wem wir gemeinsam den Tag bei einem guten Essen (gerne
vietnamesisch) ausklingen lassen.
Noch besser wäre es, wenn all das
am Meer stattfinden würde. 😊
Bitte begrüßt Larissa ganz
herzlich bei Real Scientists DE!