Sunday, October 17, 2021

Sprache als Schlüssel zur Geschichte - Maria Zielenbach ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Maria Zielenbach (@dietweeterei) vorstellen! Maria hat Linguistik an der Universität zu Köln studiert und auch einen BA in Islamwissenschaften („Sprachen und Kulturen der islamischen Welt“). Zurzeit promoviert sie an der Vrijen Universiteit Amsterdam zur Geschichte der Nord-Halmahera-Sprachen im ERC Projekt OUTOFPAPUA (Papuans on the move). Thema ihrer Dissertation ist eine Rekonstruktion von Proto-Nord-Halmahera und weiter die Untersuchung eines möglichen Anschluss der Sprachfamilie an Sprachen in Westpapua. Maria ist Schriftführerin des Verein Junge Sprachwissenschaft e.V. Weiterhin ist sie bei der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V. aktiv, moderiert das Diskussionsformat TolkShow und den Podcast Silmaria.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Während meines Studiums habe ich im Institut für Linguistik in Köln gearbeitet und dabei den Wissenschaftsalltag kennengelernt. Obwohl der natürlich seine Tücken hat, war mein Plan A immer in die Forschung zu gehen, einfach, weil ich gerne Dinge herausfinden möchte. Nach meinem Masterabschluss im Frühjahr habe ich dann zu meinem eigenen Erstaunen sehr schnell eine Promotionsstelle gefunden, sodass ich seit September jetzt voll drin bin.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich wusste schon relativ früh, dass ich Linguistik studieren möchte. Ich fand Grammatik einfach toll und jeder Aspekt von Sprache hat mich fasziniert. Das ist immer noch so. Mein Weg zur historischen Linguistik war etwas verwickelt. Im Bachelor in Köln muss man im ersten Semester Kurse zu allgemeiner Sprachwissenschaft, Phonetik und historischer Sprachwissenschaft belegen. Letzteres heißt konkret klassische Indogermanistik. Ich habe mich dann zuerst dafür entschieden, aber im 3. Semester die Sprachtypologie für mich entdeckt und die Indogermanistik erstmal hinter mich gelassen. Da ich im Nebenfach Islamwissenschaften studiert hab, bin ich über Arabisch zur Semitistik gekommen und dabei habe ich festgestellt, dass es nicht die historische Sprachwissenschaft, sondern die indogermanischen Sprachen sind, die mich nicht wirklich interessieren. Darum habe ich angefangen mich mit der Diachronie (der Entwicklung) von anderen Sprachfamilien zu beschäftigen und nebenher weiterhin Kurse zu Typologie und Sprachdokumentation belegt. Daher bin ich ziemlich breit aufgestellt. Meine Stelle in Amsterdam vereint alles, was ich im Studium so gemacht hab: Historische Sprachwissenschaft, Sprachdokumentation, Austronesistik und Typologie. 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich erforsche die Familie der Nord-Halmahera-Sprachen. Halmahera ist eine indonesische Insel vor dem Vogelkopf von Neuguinea, etwas kleiner als Sachsen. Dort leben etwa 500.000 Menschen. Aus linguistischer Perspektive ist die Insel geteilt: im Süden werden austronesische Sprachen gesprochen (weitläufig verwandt mit Indonesisch, Maori usw.), im Norden Sprachen, die keiner größeren Sprachfamilie zugeordnet werden können. Zu der Familie gehören auch Sprachen auf den umliegenden Inseln Ternate, Tidore, Makian und Morotai. Die ersten drei kennt man vielleicht als „Gewürzinseln“. Sie waren lange Zeit der einzige Ort der Welt, an dem Gewürznelken wuchsen. Keine der Sprachen hat mehr als 100.000 Sprecher*innen. Durch die zunehmende Rolle der Kommunikationssprachen Moluccan Malay und der Amtssprache Indonesisch, gelten sie alle als von Sprachtod bedroht. Außerdem sind sie bislang nur wenig erforscht. Thema meiner Dissertation ist eine Rekonstruktion der Ursprache, aus der sich alle Nord-Halmahera-Sprachen entwickelt haben. Außerdem beschäftigt sich unser Projekt mit der Frage, ob die Nord-Halmahera-Sprachen mit Sprachen im Westen von Neuguinea verwandt sind und ob sich darüber Populationsbewegungen erschließen lassen.
Da ich noch ganz am Anfang meiner Promotion bin besteht meine Arbeit aktuell noch hauptsächlich aus der Lektüre der vorhandenen Literatur und dem Abtippen von Wörterbüchern (kein Witz), um Datensätze in die Datenbank unseres Projekts einzupflegen. Mit deren Hilfe kann ich dann hoffentlich bald mit der eigentlichen Forschung (Rekonstruktion) beginnen. Es ist auch vorgesehen, dass ich zur Sprachdokumentation nach Indonesien reise. Durch Corona ist das aber erstmal in den Hintergrund gerückt.
Kurzfassung: Ich starre auf Daten. 

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Eine kleine Inselgruppe in Indonesien ist für die meisten erstmal sehr weit weg und auch meine Forschung hat für viele keinerlei praktische Anwendung. Im Grunde leistet sie aber einen Beitrag zu sehr grundlegenden Frage: wie verändern sich Sprachen und wie sind Populationen auf und um Papua gewandert. Dein Leben wird es also nicht verändern, aber es ist spannend. Und die Sprecher*innen der Sprachen haben genauso ein Recht, etwas über die Geschichte ihrer Sprachen zu wissen, wie wir hier in Europa es über unsere Sprachen tun. 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
An der Uni habe ich bislang keine, allerdings bin ich seit einem halben Jahr im Vorstand der Jungen Sprachwissenschaft e.V., einem Verein für Linguistikstudierende und -promovierende. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Historische Linguist*innen haben den Ruf weg, die nerdigsten unter den ohnehin schon nerdigen Linguist*innen zu sein. Ich tu mein Bestes, um diesem Klischee zu entsprechen und bin sehr aktiv in der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V. In diesem Rahmen gebe ich öfters Vorträge, die auch immer was mit Linguistik zu tun haben. Seit einem halben Jahr moderiere ich auch ein Online-Diskussionsformat (die TolkShow) und seit Kurzem habe ich einen Podcast zum Silmarillion: Silmaria (ja, der ist nach mir benannt – nein, ich habe den Namen nicht erfunden). 

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Lesend auf einer Couch liegend während jemand für mich kocht (an dieser Stelle möchte ich meine Eltern grüßen)

Bitte begrüßt Maria ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, October 10, 2021

Gletscher in Grönland - Jenny Turton ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Jenny Turton (@TurtonJ1990) vorstellen zu dürfen. Jenny ist Polarmeteorologie- und Klimaforscherin. Ihre Arbeit konzentriert sich auf den Einfluss verschiedener atmosphärische Prozesse auf das schmelzen von Gletschern und Schelfeis in der Antarktis und Grönland. Außerdem ist sie Vertreterin für Nachwuchswissenschaftler bei der European Geosciences Union (EGU).

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Ich genoss unabhängige Forschung für mein Bachelor-Projekt, also beschloss ich, weiter zu forschen, indem ich habe einen Master durch Forschung (MRes) gemacht habe. Während mir die Forschung Spaß machte, wollte ich mich auf die Polarregionen oder Berge konzentrieren, also führte mich dies zu meiner Doktorarbeit beim British Antarctic Survey und der Universität Leeds.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Als Kind wollte ich Wettervorhersager und Moderator werden und ich liebe die Kälte und den Schnee. Also habe ich die beiden irgendwie zusammengebracht und bin jetzt Polarmeteorologieforscherin. Ich arbeite gerne an der Schnittstelle zwischen Atmosphäre und Kryosphäre.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit! 

Meine Arbeit konzentriert sich auf den Einfluss verschiedener atmosphärische Prozesse (z.B Föhn Wind, Warmluft Advection, Stürme, atmosphärische Flüsse), auf das schmelzen von Gletschern und Shelfeis. Im moment konzentrierte ich auf Nioghalvfjerdsfjorden Gletscher (kurz 79° Nord) in Nordostgrönland. Ich führe regionale Atmosphärenmodelle für Fallstudien der atmosphärischen Prozesse durch und verwende Simulationen aus Oberflächenmassenbilanzmodellen, um zu sehen, welche Auswirkungen sie auf die Eisoberfläche haben. Meine Arbeit ist Teil des GROCE-projekt (@GROCE79N), das Ozean, Eis und Atmosphäre im Nordosten Grönlands untersucht.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren? 

Der 79° Nord Gletscher ist das größte verbleibende Schelfeis in Grönland. Ein großer Teil des Gletschers schwimmt auf dem Ozean und ist der Erwärmung des Ozeans und der Atmosphäre ausgesetzt. Der Gletscher verliert an Masse durch Oberflächen- und Basalschmelzen sowie durch Eiskalben. Die Atmosphäre in dieser Region hat sich um über 3°C erwärmt, was schneller ist als der globale Durschnitt.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten? 

Ich betreue Masterstudenten und unterrichte gelegentlich Kurse. Außerdem bin ich stellvertretende Vertreterin für 'Early Career' (Nachwuchs-) Wissenschafteren bei der European Geosciences Union (EGU). Das heißt, ich höre auf die Bedürfnisse der Mitglieder (durch die 22 Bereichsvertreter) und diskutiere diese mit den Ratsmitgliedern. Wir haben regelmäßige Online-Meetings, um Veränderungen zu besprechen, Networking- und Karriere-Events vorzuschlagen und die jährliche Konferenz zu organisieren.  

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest? 

Ich mache gerne "wissenschaftliche Handarbeit". Wie Kreuzstichkarten der Antarktis und das Grundgestein der Länder, einen Schal mit Farben stricken, die das Wetter repräsentieren und saisonale Dekorationen für meine Wohnung machen.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)? 

Morgens laufen gehen, um aufzuwachen, dann einen frischen Kaffee in meinem Lieblingscafé kaufen, durch den Park laufen (hoffentlich wenn es schneit, aber ich nehme auch Sonnenschein), sitzen und mein Buch lesen. Abends gehe ich mit Freunden auf Cocktails trinken und Abendessen oder grille im Park. In Nürnberg regnet es nicht allzu oft, so dass man einige Samstage so verbringen kann. Als ich in Großbritannien lebte, habe ich jedes Wochenende Netball gespielt (denken Sie an Basketball, aber ohne Dribbling und mit mehr Regeln) und ich vermisse Mannschaftssportarten.

Bitte begrüßt Jenny herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, October 3, 2021

Auf der Suche nach dem digitalen Sinn - Andreas Bischof ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unseren neuen Kurator Andreas Bischof (@analog_a) vorstellen zu dürfen. Mit einem Hintergrund in Soziologie und Kulturwissenschaften untersucht Andreas, wie Mensch, Gesellschaft und Technologie miteinander interagieren. Derzeit leitet er eine BMBF-Nachwuchsforschungsgruppe an der Technischen Universität Chemnitz, die interdisziplinäre Kompetenzen für den digitalen Wandel erforscht. Die Themen seiner Arbeit umfassen partizipative Methoden der Technikentwicklung, Sozial- und Pflegerobotik, sowie die digitalen Bedingungen sozialen Sinns. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ehrlich gesagt bin ich über Umwege in der Wissenschaft gelandet. Ich wollte ursprünglich Journalist werden und habe für den Bachelor einen Studiengang gesucht, der etwas Inhaltliches voranstellt, auf dass ich dann den Master in Leipzig satteln könnte. "Kulturwissenschaften" klang nett und interessant. In der Einführungsvorlesung "Kultursoziologie" war es dann um mich geschehen: Da konnten Leute erklären, wie das Verhalten Einzelner sich zu gesellschaftlichen Effekten auftürmt, und wie wiederum große gesellschaftliche Veränderungen immer auch auf Alltagshandlungen der Menschen basiert. Das hat mich fasziniert!

Nach dem Studium wollte ich mich weiterhin vertiefen können, und habe eine Promotionsstelle angenommen. Von dort aus geriet ich recht schnell in den "Strudel" des Wissenschaftsbetriebs aus Tagungen, Publikationen, Projekten, undsoweiter.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Auch hier hat natürlich der Zufall eine Rolle gespielt. Ich bin schon immer medien- und technikaffin und habe auch im Studium einige Belegarbeiten zu solchen Themen geschrieben, unter anderem meine Masterarbeit 2012 als empirische Studie zum Facebook-Verhalten von Jugendlichen. Dadurch bin ich zu den Fragestellungen gekommen, die sich am Schnittfeld von Medien, Technik und Gesellschaft bewegen und begann, Kontakt zu anderen Disziplinen aufzunehmen. Schließlich landete ich in einem interdisziplinären Graduiertenkolleg, in dem Sozialwissenschaften und Ifnormatik gemeinsam in Tandems arbeiteten – Und mittlerweile leite ich als Soziologe und Kulturwiussenschaftler selbst eine Arbeitsgruppe an einer Professur für Medieninformatik!

Ich halte es für eine dringende Notwendigkeit, das Reflexions- und Methodenwissen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften in Technikentwicklung und Informatik angewendet werden. Deswegen gehe ich aktiv an die Schnittstellen von Mensch-Computer-Interaktion, Sozialwissenschaften und Design, um die großen Querschnittsprobleme unserer Zeit in neuen Konstellationen zu bearbeiten.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Mein Alltag als Wissenschaftler besteht darin, wissenschaftliche Probleme und Diskurse immer wieder für unterschiedliche Gruppen anschlussfähig zu machen. Warum sollten App-Entwickler etwas über die Lebenswelt alleinlebender Seniorinnen, über deren Hobbies und sozialen Netzwerke wissen? Warum sollten Kultursoziologinnen wissen, wie maschinelle Textinterpretation von YouTube-Kommentaren funktioniert? Ich bin also fortlaufend dabei, die ganz grundlegenden Tugenden wissenschaftlichen Arbeitens in Wort und Text umzusetzen: beschreiben, verstehen, erklären. Dass ich das sowohl für Informatiker:innen können muss, als auch für Kulturwissenschaftler:innen macht die Sache manchmal etwas anstrengend, ist aber eine gute Schule, nicht in abgehobene Gedankenbauwerke abzudriften.

Und dann sind da natürlich noch die Verwaltungsarbeit und das Schreiben und Einreichen von Anträgen, die etwa ein Drittel meiner Arbeitszeit als befristet beschäftigeter Post-Doc beanspruchen.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Es wird der Eindruck erweckt, wir könnten große ökologische und soziale Fragen vorrangig technisch lösen. Dem liegt ein Missverständnis zugrunde. Jede technische "Lösung" ist schon immer sozial und politisch – Sie antwortet auf ein von Menschen gestelltes Problem. Die Annahmen hinter diesen Problemen und Lösungen – und die Asymettrie zwischen Nutzenden und Entwickelnden – müssen gesellschaftlich verstanden und diskutiert werden, um eine demokratische Meinungsbildung über Digitalisierung zu ermöglichen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich interessiere mich für Podcasting, und versuche das als Mittel der Wissenschaftskommunikation (https://www.tu-chemnitz.de/tu/pressestelle/tucscicast.php) und Lehre (https://home.uni-leipzig.de/podcastethnografie/) einzusetzen. Außerdem gründe ich derzeit mit anderen Forscherinnen ein interdisziplinäres Netzwerk zu Technologien für das Alter(n): https://www.socio-gerontechnology.net/

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Leider komme ich als Elternteil von zwei Kindern und befristet beschäftigter Post-Doc zu wenig interessanten Sachen aus Arbeit und Familie – Was beides an sich ja schon hochinteressant ist Wenn sich Zeit ergibt, versuche ich etwas Sport – Radfahren und Laufen – zu machen.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Ausschlafen (ha, zuletzt 2016?), im Bett Kaffee trinken und lesen. Dann rausgehen und Freunde treffen und mindestens die Hälfte vom Tag nicht verplanen, sondern geschehen lassen. 

Sunday, September 26, 2021

Mensch und Maschine im Einklang - Johannes Schoening ist jetzt bei Real Scientists DE!

 Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unseren neuen Kurator Johannes Schoening (@JohannesSchoeni) vorstellen zu dürfen. Jonnes studierte Geoinformatik an der Universität Münster und promovierte an der Universität des Saarlandes und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Seine Forschung führte ihn unter anderem nach Großbritannien und Belgien sowie an die Universität Bremen, wo er eine Lichtenberg Professur inne hatte. Aktuell ist er Professur für Informatik an der Universität St. Gallen in der Schweiz.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Das gibt es auch in der Retrospektive keine einfache Antwort. Was mir zuerst durch den Kopf ging war, dass es ähnlich ist wie auf Twitter: Einmal eingeloggt und dann fällt es schwer wieder „abzuschalten“. Nein, nun im Ernst. Eine wissenschaftliche Karriere habe ich nie geplant. Ich denke ich habe an den „richtigen Stellen“ einfach weitergemacht. Ich hatte gute MentorInnen und viel Glück nun Wissenschaft als Beruf ausüben zu dürfen. Ich denke es geht vielen von Euch auch so. Ich habe auch Zeiten außerhalb der Wissenschaft verbracht und gemerkt, was ich an der Wissenschaft als Beruf sehr schätze.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Als Informatiker mag ich klare Strukturen und die komplexen Konstrukte, die sich daraus ergeben können. Auch mag ich die „Power“, die die Informatik besitzt, tolle Erkenntnisse zu gewinnen und auch den Erkenntnisgewinn in anderen Disziplinen voranzutreiben. Darüber hinaus mag ich das Arbeiten in interdisziplinären Teams sehr gerne, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, und ich habe ein besonderes Interesse an der Anwendung von nutzerzentrierten Designmethoden.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Sehr gerne! Mit unserer Forschung an der HSG wollen wir Nutzern die Informationen zur Verfügung stellen, die sie benötigen, um bessere datengestützte Entscheidungen zu treffen, indem wir gemeinsam mit ihnen neuartige Benutzerschnittstellen entwickeln und menschliche und technologische Bedürfnisse in Einklang bringen.
Wir wollen ein tieferes Verständnis des Zusammenspiels zwischen sich schnell entwickelnden Technologien und der Art und Weise erlangen, wie digitale Schnittstellen die Nutzer bei ihren vielfältigen Aktivitäten unterstützen können.
Das klingt jetzt natürlich etwas abstrakt, aber wir fokussieren uns auf ein breites Spektrum von Anwendungskontexten, wie beispielsweise der Geoinformatik, der Medizin, sowie der Nutzung von Benutzerschnittstellen unter extremeren Bedingungen wie auf Weltraummissionen. Ich freue mich darauf Euch in der Woche viele Beispiele geben zu können.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

„Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche, …“ So oder so ähnlich könnte ich starten und so oder so ähnlich haben viele sicherlich schon die Bedeutung der Informatik und der Digitalisierung motiviert bekommen. Ich möchte Euch in dieser Woche aufzeichnen, welchen Einfluss schon jetzt viele Algorithmen auf unser alltägliches Leben haben und wir – aus meiner Sicht – oftmals zu wenig über ihren Einfluss und Einsatz diskutieren.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Klar, in der akademischen Selbstverwaltung gibt es immer viel zu tun. Die Woche könnt ihr mich sicherlich in viele Meetings an der HSG und darüberhinaus begleiten. Wir sind gerade in der 2. Woche in unserem Herbstsemester!

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich bin gerne in den Bergen unterwegs – dazu eignet sich die Ostschweiz natürlich hervorragend! An Regentagen baue ich gerne mit Klemmbausteine! Das ist genauso entspannend wie eine schöne Bergtour – auf eine andere Art und Weise.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Berge und Lego! 

Bitte begrüßt Johannes herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, September 19, 2021

Forschung kreativ kommuniziert - Johanna Barnbeck ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Johanna Barnbeck (@johannabarnbeck) vorstellen zu dürfen! Johanna ist künstlerische Forscherin und Kreativberaterin in Berlin. Ihre Forschung konzentriert sich auf selbstreflexive Prozesse, wie beispielsweise im Projekt Categories to Come zu Sprache und Sexualität. Sie wendet kreative Methoden an, um künstlerisch-wissenschaftliche Erkenntnisse voranzubringen und arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Design, Wissenschaft und Technologie. Johanna hat Kulturanalyse und Künstlerische Forschung in Amsterdam studiert, wo sie später auch am Rijksmuseum forschte. Seitdem leitet sie interdisziplinäre Teams aus unterschiedlichen Bereichen inner- und außerhalb der akademischen Welt. Ihr Wissen gibt sie in Form von interaktiven
Workshops und Online-Seminaren weiter. Ein essenzieller Teil ihrer Forschungsarbeit ist es, durch Wissenschaftskommunikation zu experimentieren. Deshalb hat sie Spread the Nerd gegründet, eine Agentur für innovative Wissenschaftskommunikation und Formatentwicklung.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich bin an zwei unterschiedlichen Stellen in der Wissenschaft gelandet: einmal als visuelle Kommunikatorin und einmal als künstlerische Forscherin.
Nach meinem Studium war mir klar, dass ich als Künstlerin oder künstlerische Forscherin stark von Fördertöpfen abhängig sein würde und das war ungünstig, weil ich nicht auf ein bestimmtes Medium festgelegt war. So fiel ich bei Förderungen gerne mal durchs Raster, weil ich nicht nur Fotografin, Filmemacherin, Performerin oder Konzeptkünstlerin war.
Ich überlegte mir also früh, dass ich auch unabhängig von Förderstrukturen meine künstlerischen Projekte umsetzen wollte und habe dann das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden: Kreative Formate für die Wissenschaftskommunikation zu entwickeln. So habe ich die Gelegenheit mich jeden Tag mit spannenden Forschungsthemen auseinander zu setzen und künstlerisch forschend tätig zu sein.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Visuelle Wissenschaftskommunikation ist ein Bereich, den es eigentlich schon länger gibt, aber nicht per se als solcher bezeichnet wurde. Mich interessiert es, wie Wissen entsteht und welche Formen Wissen auch visuell annehmen kann, um uns Menschen miteinander zu verbinden und weiterzubringen.
Ich glaube, dass Wissen auf ganz unterschiedliche Arten entstehen und verbreitet werden kann. Und faktenbasierte Wissenschaft zu kommunizieren finde ich sehr wichtig. Gleichzeitig glaube ich, dass es auf diesem Gebiet noch viele Möglichkeiten und Potenzial gibt.
Diese Möglichkeiten zu ergründen und auch zu erforschen, wie Wissenschaft visuell kommuniziert werden kann, finde ich besonders spannend.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit ist ziemlich vielfältig und das liebe ich so an ihr. Ich bewege mich an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft, Design und Technologie. Ich forsche selbst, bin künstlerisch tätig und kommuniziere die Forschung anderer in kreativen Formaten. 

Früher dachte ich - und wurde mir suggeriert - ich müsste mich auf einen Bereich spezialisieren – heute bin ich darauf spezialisiert unterschiedliche Bereiche miteinander sinnhaft zu verbinden. So bewege ich mich in ganz unterschiedlichen Welten, was mir viel Inspiration liefert.
Und es bedeutet, dass ich es mit ganz unterschiedlichen Personen aus allen Disziplinen zu tun habe. So bin ich ständig am Verstehen, Übersetzen und Vermitteln.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Meine künstlerische Forschungsarbeit beinhaltet immer auch eine Einladung zur Selbstreflektion. Ob es sich nun um Formen der Zusammenarbeit oder das Thema Sexualsprache handelt – sie berühren viele Personen auch in ihrem alltäglichen Leben und geben idealerweise Inspiration oder zeigen neue Perspektiven auf.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin in verschiedenen Kontexten als Beraterin für künstlerisch-wissenschaftliche Zusammenarbeit unterwegs. Mich interessiert es neue Formen der Kooperation zu finden und im Austausch mit allen Beteiligten passende Ideen für die Zusammenarbeit zu finden.
Dabei geht es mir also nicht so sehr darum, eine bestimmte Form der Zusammenarbeit zu verbreiten, sondern auch wieder eher um die Reflektionsarbeit und dadurch klarere Kommunikation nach außen. Wodurch dann mehr Leute an derartigen Prozessen und Projekten teilhaben können.
Ich versuche gemeinsam zu gestalten, alle Beteiligten miteinzubeziehen und Kontexte zu schaffen, in denen neue Kommunikationsmöglichkeiten entstehen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich koche sehr gerne ausschweifend, fermentiere Gemüse und experimentiere mit Essen. Dabei kann ich wunderbar entspannen, meiner Kreativität ihren Lauf lassen und Freunde und Familie zusammenbringen. Fermentation ist ja sowieso ein Trend gerade, der es ermöglicht Überproduktion auszugleichen und wahnsinnig lecker und gesund ist. 

Experimentieren heißt in dem Zusammenhang, dass ich z.B. feststelle: es gibt inzwischen veganen Ei-Ersatz oder veganes Rührei. Aber wie kann ich ein veganes gekochtes Ei herstellen? Da bin ich dann am Herumtüfteln, bis es mir gelingt und man den Unterschied weder visuell noch geschmacklich merkt.
So ähnlich ist auch ein künstlerisches Forschungsprojekt entstanden bei dem ich die Essplätze von Menschen fotografiert habe, die das gleiche gegessen haben, um der Frage nachzugehen, ob man aus ihnen soziokulturelle Zusammenhänge herauslesen kann.
[Publiziert in Hannah Dingeldein „Diskurse des Alimentären – Essen und Trinken aus literatur-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive“, LIT Verlag.]

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Am liebsten beginne ich einen freien Tag mit einem Besuch auf dem Markt. Da lasse ich mich treiben und von Zutaten inspirieren, kaufe etwas zu viel ein und entscheide daraufhin spontan (jedenfalls pre-Corona) Freunde abends zum Essen einzuladen.
Wenn ich zuhause bin, treffe ich einige Vorbereitungen für den Abend und entspanne, lese, recherchiere irgendwas. Abends schlemmen wir dann gemeinsam, tauschen uns aus und diskutieren über alles Mögliche, bevor wir den Abend ausklingen lassen.

Bitte begrüßt Johanna ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, September 12, 2021

Sehen verstehen - Benedikt Ehinger ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unseren neuen Kurator Benedikt Ehinger (@BenediktEhinger) vorstellen zu dürfen! Benedikt Ehinger ist ein 100%iger Kognitionswissenschaftler, mit einem BSc, MSc und Doktor in Cognitive Science von der Universität Osnabrück. Nach einem Abstecher am Donders Institute in den Niederlanden ist er jetzt im Schwabenländle gelandet mit einer Juniorprofessur für Computational Cognitive Science an der Universität Stuttgart. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Irgendwas mit Biologie, Psychologie und Informatik wollte ich studieren. Nimmt man noch Mathematik, Philosophie und Linguistik dazu, hat man Cognitive Science. Das konnte man  damals nur in Osnabrück studieren - also bin ich dahin, ohne groß auswählen zu müssen. Meine Bachelorarbeit habe ich innerhalb eines recht großen Forschungsprojekts abgeschlossen und hatte wahnsinnig viel Gestaltungsmöglichkeiten. Meine Betreuer:innen waren super und meine Ideen wurden alle sehr ernst genommen. Da wurde mir sehr schnell klar, dass richtige Forschung jede Menge Spaß macht - und das Gehirn ist alles andere als verstanden, es gibt also viel zu tun.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Visuelle Wahrnehmung hat mich schon immer begeistert - tatsächlich gibt es noch einen alten Zeitungsschnippsel aus meiner Schulzeit, wo ich als "Mr. Optische Täuschung" abgebildet bin. Das sieht in Anblick meines jetzigen Berufs ziemlich zielstrebig aus, war es das aber eigentlich gar nicht. Eine Aneinanderreihung von Zufällen und schwubs ist man da, wofür man am Anfang in der Zeitung stand. Jetzt Untersuche ich zwar nicht optische Täuschungen direkt, aber Augenbewegungen und die unterliegende Hirnaktivität. Das ist ein sehr spannendes Thema - underappreciated fact: Die häufigste Muskelbewegung ist die Augenbewegung, mit 4-5mal pro Sekunde! Es liegt also nahe, dass der visuelle Teil des Gehirns sich um Augenbewegungen herum entwickelt hat. In den meisten Experimenten sind aber Augenbewegungen aus verschiedenen Gründen streng verboten - zumindest bis das nicht mehr so ist, will ich in diesem Bereich arbeiten.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Mein Schwerpunkt ist das Sehen: Ich möchte ein tiefgehendes Verständnis von der Ursache und Wirkung der Augenbewegungen auf das Gehirn bekommen und untersuche Hirnaktivität während Augenbewegungen.

Daran anknüpfend beschäftigt ich mich mit statistischen Methoden zur Analyse von Hirnströmen und anderen Zeitreihen. Durch Corona und Laborgründung kann ich bisher noch keine eigenen Daten aufnehmen und arbeite viel an Simulationen. Zurzeit versuche ich Methoden zu entwickeln, die es uns erlauben Hirnstromdaten unter Bewegung zu analysieren, z.B. bewegte Bilder, bewegte Arme, Beine, und natürlich auch bewegte Augen. Das ist aus vielerlei Gründen schwierig, von elektrischen Artefakten, zu zeitlich überlappenden Aktivität bis hin zu konzeptionellen Problemen. Ein paar davon werde ich diese Woche sicherlich besprechen.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Das Gehirn hält alle Erinnerungen inne, alle Erfahrungen, Wahrnehmungen, kontrolliert alle Fähigkeiten und fällt alle Entscheidungen. Bisher versuchen wir diese verschiedenen Bereiche sehr getrennt und kontrolliert im Labor zu betrachten. Das hat mehrere Gründe, einer davon ist, dass wir keine guten Methoden haben Gehirnaktivität in alltäglichen Situationen zu messen. Es fängt bei den Augenbewegungen an: In welcher alltäglichen Situation bewegen wir unsere Augen nicht? Eigentlich fast nie. Das heißt, ich fange mal an Augenbewegungen und Gehirnaktivität zu verbinden, und daraus folgenden dann sehr viele Anwendungen um Gehirnaktivität in natürliche(re)n Umgebungen zu verstehen. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Verletzungsbedingt hängen meine Tanzschuhe am Nagel, dafür mach ich jetzt Tanzmusik. Das Bandonion, *das* argentinisches Volksinstrument (aber eigentlich ein vergessenes deutsches Volksinstrument), hat mich in seinen Bann geschlagen. Es ist ein, sagen wir mal, spezielles Akkordeon. Leider hat jemand die 70 Knöpfe auf den ersten Blick wahllos angeordnet und man muss sie auswendig lernen, fies: Zug und druck unterscheiden sich auch noch, also 140 "Knöpfe" auswendig lernen. Dafür belohnt wird man mit einem einmaligen und fantastischen Klang, und das mit einem Tonumfang eines Klaviers. Und das ganze zum Mitnehmen ins Handgepäck! Ich selber spiel ein Instrument das bald 100 Jahre alt wird und begnüge mich noch mit vielen klassischen Stücken, Tangos und freier Improvisation.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Morgens bis neun ausschlafen und gleichzeitig mit Kind und Partnerin wachwerden - schönes Wetter natürlich. Dann etwas auf dem Bandonion Musik machen. Später Freunde besuchen, Tanzen im Park, vielleicht ein Schachspiel, Menschen beobachten und abends in mittelgroßer Runde Essen kochen, quatsch machen und diskutieren.

 Bitte begrüßt Benedikt ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, September 5, 2021

Ein Sinn für Schönheit - Aenne Brielmann ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Aenne Brielmann (@aabrielma) vorstellen zu dürfen!Aenne hat ihren Bachelor und Master in Psychologie an der Uni Konstanz gemacht und ist danach für die Promotion nach New York gezogen. Dort hat sie fünf Jahre zum Thema Schönheit geforscht und sich heillos in Brooklyn und das Laufen verliebt. Jetzt ist sie zurück in ihrer schwäbischen Heimat und arbeitet als Postdoc am Max-Planck Institut für biologische Kybernetik in Tübingen.


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Ich bin gleich zu Beginn meines Studiums in die Wissenschaft gerutscht. Ich wollte einen kleinen Nebenjob und dachte: Wieso nicht HiWi, darin bist du bestimmt gut? Und so bin ich seit dem 2. Semester eigentlich immer irgendwie in der Forschung tätig gewesen. Als bei uns im Studium dann das Praxissemester dran war, war mir klar: Forschungspraktikum muss sein. Ich hatte durchweg wundervolle Mentorinnen (ja, allesamt Frauen!) und von dem her habe ich mein gesamtes Studium lang gewusst, dass ich in der Forschung bleiben will.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich bin quasi über das Ausschlussprinzip bei Psychologie gelandet. In einem Jahr Auszeit vor dem Abi habe ich mir so ziemlich alles angeschaut, was mich berufstechnisch interessiert hat: Kunstakademie, Unterrichten, Pflegepraktikum (fürs Medizinstudium), aber das hat alles nicht so wirklich gepasst, war aber auch nicht wirklich falsch. In der Schnittmenge von Geistes- und Naturwissenschaften lag da aber ein Feld, von dem ich dachte, dass es alle Vorteile (mit wenigen Nachteilen) verbindet: Psychologie. Also habe ich mir die 1,300 Seiten von “Meyer’s Psychologie” innerhalb einer Woche verschlungen und als ich es dann immer noch spannend fand, war klar: Das studier’ ich. Zum Thema Aesthetik bin ich dann halb per Zufall gekommen. Ich habe mich eigentlich mit Interessenschwerpunkt Ambiguität und deren Aufloesung (mit Schwerpunkt ambige Bilder, so wie Necker-Würfel oder der Enten-Hase) an der NYU beworben, aber in meinem Motivation Letter mit einer Beschreibung, wie ich male begonnen. Das hat das Interesse meines Doktorvaters (Denis Pelli) geweckt. Als er fragte, ob ich nicht lieber zu Schoenheit forschen will, musste ich einfach ja sagen!

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich arbeite gerade am Max-Planck Institut für biologische Kybernetik an einem Modell des Belohnungswertes ästhetischer Erfahrungen (aesthetic value). Das heisst, ich erforsche, warum wir bestimmte sensorische Erfahrungen – was wir sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen – mehr mögen und aufsuchen als andere. Wir untersuchen zum Beispiel, wie lange Menschen sich ein Bild anschauen, bevor sie weiter klicken – wie beim Scrollen durch Instagram. Bei Ästhetik denken ja viele gleich und fast ausschließlich an Kunst, und natürlich interessiere ich mich auch  dafür, warum wir so ‘sinnlosen’ Dingen wie Gemälden, Musicals, und Filmen so viel Zeit und Geld ‘opfern’. Aber meine Arbeit möchte eine Brücke schlagen zwischen der klassischen empirischen Ästhetik und der klassischen Forschung zu Lernen und Entscheidungsverhalten. Das Modell, an dem ich gerade arbeite, wendet Algorithmen aus diesen etablierten Feldern (Lernen, Entscheidungsverhalten), die in den letzten Jahren dank KI so viel in der Presse waren, auf einen Bereich menschlichen Verhaltens an, das wir bislang als ‘irrational’ oder ‘nebensächlich’ ignoriert haben.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Meine Arbeit hat Implikationen für fast jeden Bereich des täglichen Lebens: Egal ob es darum geht was wir anziehen, was wir Essen, wo wir leben, und mit wem, was uns auf der sensorischen Ebene gefällt ist (fast) immer mit entscheidend dafür, wie wir uns entscheiden. Das haben bis jetzt fast nur die Werbeagenturen begriffen und ausgenutzt. Ich hoffe, das meine Arbeit deutlich macht, dass es nicht nur ‘nett’ ist, wenn Dinge gut aussehen oder klingen, sondern dass wir damit das Verhalten der Menschen beeinflussen und dass wir das zum Guten oder zum Schlechten tun können. Nur als ein Beispiel: Ich unterhalte mich gerade viel mit Architekten. Wie wir bauen und wohnen kann einen ganz entscheidenden Beitrag zur mentalen und sogar körperlichen Gesundheit leisten. Menschen, die sich im Krankenhaus wohl fühlen heilen schneller, brauchen weniger Schmerzmittel. Wer im richtigen Umfeld arbeitet tut das effizienter, stressfreier und bleibt damit auch länger gesund.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich finde es immer spannend, mit Leuten außerhalb der ‘reinen’ Psychologie zusammen zu arbeiten. Im letzten Jahr habe ich immer mehr Kontakt zu Architekten gehabt und bin in dem Zuge sowohl immer mal wieder bei (online) Seminaren dabei und habe auch einen kleinen Artikel mit einer Gruppe Kollegen aus Architektur, Mathematik, und Physik in der Arbeit. Ich arbeite auch mit Philosophen zusammen und habe dieses Jahr zum Beispiel endlich meinen Eintrag zur empirischen Ästhetik für die Internet Encyclopedia of Philosophy fertig geschrieben.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ob es für alle anderen so interessant ist, weiß ich nicht, aber mein großes Hobby ist der Langstreckenlauf, auch gerne Distanzen, die über den Marathon hinaus gehen. Am liebsten laufe ich mittlerweile im Wald – dafür ist Tübingen ein idealer Standort, auch wenn sich auf der schwäbischen Alb ganz schön Höhenmeter ansammeln! Das zusammen mit ein bisschen Rudern, Schwimmen, Krafttraining, und was man halt so machen sollte, damit einem die Gelenke das Laufen verzeihen, gleiche ich dann mit ruhigeren Hobbies aus: Lesen und Zeichnen vor allen Dingen. Im Winter stricke ich auch mal ganz gern.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Mein idealer freier Tag startet kühl und leicht bewölkt mit einem langen, langsamen Lauf quer durch den schwäbischen Wald. Danach wartet ein ausgiebiges Mittagessen auf mich, und ein gutes Buch oder eine meiner Lieblingsserien auf der Couch – wenn’s sich ergibt, ein Nickerchen. Danach entweder ein Date oder Treffen mit Freunden zum Abendessen und einem Besuch im Theater oder Konzert. Anschließend gehen wir noch was trinken und wenn ich ganz viel Glück (und besagtes Nickerchen) habe, tanzen.  [Weil es ein idealer freier Tag ist, ist es auch einer, an dem die Gefahr einer Pandemie nicht (mehr) besteht] 

Bitte begrüßt Aenne ganz herzlich bei Real Scientists DE!