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Sunday, September 20, 2020

Arztgespräch, Patientengespräch - Isabella Buck ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Isabella Buck (@isabellabuck_) vorstellen! Isabella studierte angewandte Sprachwissenschaft, Germanistik und Medienwissenschaft in Bonn und Münster. Seit 2018 promoviert sie aus einer linguistisch-gesprächsanalytischen Perspektive zur Kommunikation auf der Palliativstation. Für ihre Dissertation erhob sie auf einer süddeutschen Palliativstation über 800 Gespräche zwischen Ärzt*innen/Pfleger*innen und Patient*innen. Auf dieser Grundlage stellt sie einen Vergleich zwischen pflegerischem und ärztlichem Sprechen mit Patient*innen an und untersucht in diesem Rahmen beispielsweise, welche Strategien Pflegekräfte und welche Strategien Ärzt*innen einsetzen, um die Bedürfnisse der Patient*innen in Erfahrung zu bringen. Isabella ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Nach dem Abi wollte ich eigentlich unbedingt ‚was mit Medien‘ machen (am liebsten beim Radio) und habe dementsprechend angefangen, in Bonn Medienwissenschaft und Germanistik zu studieren. In der Schule fand ich den Grammatikunterricht eher nervig, aber im ersten Semester hatte ich das Glück, im linguistischen Einführungsseminar eine sehr engagierte und motivierte Dozentin zu haben, die in mir eine große Begeisterung für die Linguistik entfachte. Ab dem zweiten Semester war ‚was mit Medien‘ passé und ich wusste, dass ich mich fortan nur noch der Linguistik widmen und nach meinem Studium unbedingt promovieren möchte. Für den Master wechselte ich dann nach Münster, wo ich Angewandte Sprachwissenschaft studierte und schließlich auch mit der Promotion begann.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Am Ende meines Masters, als ich bereits eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin angeboten bekommen hatte, stellte sich natürlich die Frage, zu welchem Thema ich promovieren möchte. Meine Chefin erzählte mir damals, dass sie ein Projekt zur Kommunikation auf der Palliativstation beantragen möchte und ich in diesem Bereich dann promovieren könnte. Das Projekt kam in der geplanten Form leider nie zustande, aber für mich war ein Dissertationsthema geboren. Dass ich an diesem Thema trotz der fehlenden Einbettung in ein größeres Projekt, wie zu Beginn geplant, festgehalten habe, lag u.a. daran, dass ich mich auch unabhängig von meiner Promotion für die Thematik zu interessieren begann. Ich machte in der Folge die Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin und hoffe, mit meiner Forschungsarbeit vielleicht ein wenig mehr zu einer ‚guten‘ Kommunikation mit Palliativpatient*innen beitragen zu können.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
In meiner Dissertation vergleiche ich das pflegerische und das ärztliche Sprechen mit Patient*innen auf der Palliativstation. Hierfür habe ich insgesamt 614 Pflege-Patient*in- und 250 Ärzt*in-Patient*in-Gespräche aufgenommen (Audioaufnahmen). Das sind insgesamt 103 Stunden Gesprächsmaterial und eigentlich viel zu viel Material für eine qualitativ ausgerichtete Arbeit … Die methodische Grundlage für meine Analyse bildet die linguistische Gesprächsanalyse, deren Wurzeln in der Soziologie liegen. Die große Frage, die jede gesprächsanalytische Arbeit umtreibt, ist die Frage nach dem WIE: Wie interagieren Menschen miteinander? Wie schaffen sie es dabei, ein geordnetes Gespräch zu erzeugen? In meiner Arbeit betrachte ich im Speziellen, welche sprachlich-interaktiven Praktiken Pfleger*innen und Ärzt*innen in ihren Gesprächen mit Patient*innen einsetzen. Dafür habe ich mir vier thematische Komponenten ausgesucht: Sprechen über Medikamente, Sprechen über Schmerzen, Sprechen über psychosoziales Krankheitserleben und Sprechen über Sterben und Tod.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Auch wenn fast alle Menschen eines Tages gerne zu Hause sterben wollen, sieht die Realität doch leider anders aus, da die meisten im Krankenhaus versterben. Ich möchte mit meiner Arbeit zumindest einen kleinen Teil dazu beitragen, dass die pflegerische und ärztliche Kommunikation mit sterbenden Menschen in der Endphase ihres Lebens so ist, dass sie die palliativ betreuten Personen nicht noch zusätzlich belastet, sondern dass diese sich so gut wie möglich aufgehoben und begleitet fühlen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin ehrenamtlich als Sterbebegleiterin bei einem ambulanten Hospizdienst in Münster tätig. Das bedeutet, dass ich Menschen, die palliativ begleitet werden, zu Hause besuche und Zeit mit ihnen verbringe. Je nach Zustand der zu begleitenden Personen gehe ich mit ihnen spazieren, lese ihnen vor, unterhalte mich mit ihnen oder sitze einfach schweigend an ihrem Bett. Einmal im Monat gibt es einen Gruppenabend, bei dem sich die Ehrenamtlichen austauschen, und mehrmals im Jahr wird auch eine externe Supervision angeboten.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Nichts Besonderes, ich pflege eher die ‚durchschnittlichen‘ Hobbies. Ich koche gerne und würde auch gerne wesentlich öfter backen, aber zu zweit dauert es immer so lange, bis ein Kuchen aufgegessen ist ;-) Seit Kurzem habe ich das Tanzen (Standardtanz) für mich entdeckt.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ausschlafen muss nicht unbedingt sein (ich bin definitiv eine Lerche!), Frühstück auf dem Balkon, lesen (querbeet), Musik hören, ein Cafébesuch, über den Markt bummeln, eine kleine Radtour ins Grüne, backen und kochen, Dokus schauen. Insgesamt eine gute Mischung aus Stadt und Land.

Bitte begrüßt Isabella ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, January 6, 2019

Das Private ist online - Tobias Dienlin ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unseren neuen Kurator Tobias Dienlin (@tdienlin) vorstellen zu dürfen! Tobias ist gelernter Psychologe, sein Diplom legte er 2012 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ab. Seitdem arbeitet er im Team von Prof. Sabine Trepte im Bereich Medienpsychologie; inhaltliche Schwerpunkte sind Privatsphäre und Wohlbefinden im Kontext von Online-Medien. 2013 war Tobias für einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt an der Ohio State University, 2014 für drei Monate an der University of California in Santa Barbara. Seine Dissertation zum Thema "The Psychology of Privacy" wurde 2016 veröffentlicht (und ist hier frei verfügbar). Aktuell arbeitet Tobias an der Universität Hohenheim am Fachgebiet Kommunikationswissenschaft insb. Medienpsychogie. Dort betreut er unter anderem das Projekt "Strukturwandel des Privaten", gefördert von der VW-Stiftung.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Eigentlich recht einfach: Das wissenschaftliche Arbeiten macht mir viel Spaß, und darüber hinaus empfinde ich es auch noch als ziemlich sinnstiftend. Ich hatte früher aber nie das Ziel, "Wissenschaftler" zu werden. Es war vielmehr so, dass ich einfach bei dem geblieben bin, was mir am meisten Spaß gemacht hat. Bereits in der Schule habe ich mich schon sehr für psychologische Themen interessiert, entsprechend später dann Psychologie studiert. Die Diplomarbeit hat mir dann so viel Freude bereitet, dass ich mir gedacht hatte, warum nicht mit einer Doktorarbeit weitermachen? Und hier war es dann letztlich genau das gleiche: Hey, das macht ja weiterhin Spaß, warum also aufhören ... ? 

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ganz allgemein fasziniert mich die Psyche des Menschen. Ich finde es schon immer spannend herauszufinden, wie dieser tickt und warum er sich so erfrischend absurd verhält. Und Medien fand ich -- wie so viele andere ja auch -- ebenso schon immer spannend. Ich kann mich erinnern, dass ich im Geschichtsunterricht mal freiwillig ein Referat zum Thema Propaganda im Dritten Reich gehalten hatte. Ich war fasziniert von der Macht der Bilder, insbesondere den Aufnahmen Leni Riefenstahls. In der Diplomarbeit habe ich mich dann später mit der Gestaltung und Wirkung von Werbung beschäftigt. Mich interessiert einfach ganz allgemein, wie Medien auf Menschen wirken und, anders herum, wie Menschen Medien nutzen.
Was mich in der Forschung hält und motiviert, ist nicht zuletzt die Tatsache, dass sie die Möglichkeit bietet, etwas Sinnvolles zur Gesellschaft beizutragen. (Und Werbung zähle ich nicht dazu.) Ich finde es schon ziemlich cool, dass ich mich hauptberuflich Fragen widmen kann, die Menschen tatsächlich interessieren, die eigentlich jedem zugänglich sind, und die auch eine gewisse Relevanz haben. In unserer sinnsuchenden, automatisierten und spezialisierten Gesellschaft empfinde ich das durchaus als Privileg.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Forschung lässt sich grob in zwei übergeordnete Themenbereichen einteilen: Privatheit und Wohlbefinden im Zusammenhang mit Online-Medien, bspw. auch Twitter. Ich interessiere mich zum einen dafür, was Privatheit eigentlich genau ist. Zum anderen versuche ich, besser zu verstehen, warum Menschen persönliche Informationen online teilen. Konkret untersuche ich hier das sogenannte Privacy Paradox und den Privacy Calculus. Das Privacy Paradox besagt, dass die Privatheitssorgen von Menschen nicht deren Online-Verhalten beeinflussen. Der Privacy Calculus-Ansatz hingegen vertritt mehr oder weniger das Gegenteil und postuliert, dass sowohl Privatheitssorgen als auch die zu erwartenden Vorteile doch einen signifikanten Einfluss nehmen. Spoiler Alert: Ich denke, dass der Privacy Calculus Ansatz die Wirklichkeit um einiges besser widerspiegelt.
Darüber hinaus interessiert mich, inwiefern Medien unser Wohlbefinden und Verhalten beeinflussen. Stimmt es, dass Smartphones uns einsam machen, dass wir weniger miteinander sprechen? Hat das einen Einfluss auf unsere Lebenszufriedenheit? Obwohl wir in einer eigenen Studie sogar einen kleinen positiven Effekt der Nutzung von sozialen Netzwerkseiten auf die Lebenszufriedenheit finden konnten, kristallisiert sich zunehmend heraus, dass dieser wahrscheinlich eher leicht negativ ist. Das große Problem ist allerdings, dass wir aktuell nur eine schlechte Datengrundlage haben und viele Fragen eigentlich noch gar nicht wirklich beantworten können. Zu diesem Thema habe ich entsprechend vergangenes Jahr meinen ersten Forschungsantrag eingereicht, in dem es unser Ziel ist, mittels einer App (welche  unter anderem die tatsächliche Nutzung trackt) und geeigneter statistischer Verfahren hier ein gutes Stück voran zu kommen.
Zuletzt interessiere ich mich für Meta-Science und Open Science. Was stellt eigentlich gute Forschung dar? Die Replikationskrise der Sozialwissenschaften zeigt, dass wir ein grundlegendes Problem haben. Ich denke, dass das Umsetzen von Open Science ein notwendiger Schritt zur Verbesserung der Forschungsergebnisse ist. In meiner eigenen Arbeit versuche ich das so gut es geht umzusetzen, bspw. indem wir Datensätze -- je nach Möglichkeit -- frei zur Verfügung stellen, den Code der Berechnungen darlegen und idealerweise alles zusammen in einem reproduzierbaren Manuskript veröffentlichen (sprich, der finale Fachartikel lässt sich anhand der Daten und des Codes vollständig replizieren). In einem jüngst erschienen Artikel haben wir das nun zum ersten Mal umgesetzt.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Als Medienpsychologen haben wir den allgemeinen Vorteil, dass die Forschungsthemen doch sehr alltagsnah sind. Letztlich hat jeder eine Meinung dazu, und irgendwie sind die Themen für alle relevant. Das zeigt sich auch darin, dass wir am Lehrstuhl recht viele Anfragen von Journalisten bekommen. Typische Fragen sind beispielsweise, warum wir eigentlich so viele Informationen online teilen, oder wie viel Smartphone-Nutzung noch gesund ist.
Klar: Auf diese Fragen kann es keine einfachen Antworten geben. Aber ich denke doch, dass wir zumindest etwas mehr wissen als nichts, und dass sich vorsichtige Empfehlungen zur Mediennutzung oder -gestaltung ableiten lassen. Ab und zu blogge ich übrigens auch über solche Themen -- beispielsweise, ob sich die Lebenszufriedenheit der Europäer in den letzten zwanzig Jahren eigentlich überhaupt geändert hat und welche Rolle die Medien dabei spielen können.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Nein, eigentlich nicht wirklich. Bis vor wenigen Jahren war ich noch recht aktiv im kirchlichen Bereich, bspw. als Jugendgruppenleiter oder bei der Planung von Veranstaltungen. Das mache ich mittlerweile aber kaum noch. Zum einen, weil arbeitsbedingt die Zeit fehlt und zum anderen, weil ich mittlerweile das dahinterstehende Erklärungsmodell doch für vergleichsweise unwahrscheinlich halte. Die zentralen christlichen Werten allerdings -- in meinen Augen Nächstenliebe und Vergebung -- sind mir weiterhin sehr wichtig, und ich würde mich durchaus freuen, wenn diese etwas mehr Raum in Gesellschaft und Kultur einnehmen könnten.
Ab und zu gibt es dann aber doch das ein oder andere interessante Nebenprojekt. Eines Tages bekam ich beispielsweise einen Anruf eines Richters aus Bayern. Es ging um einen Fall, in dem eine Person rechtsradikale Musik über ein Internetradio verbreitete. Diese stand allerdings nicht auf dem Index, und die Frage war, ob durch das Ausstrahlen Jugendliche dennoch nachhaltig negativ beeinflusst werden können. Ich wurde gebeten, hierzu ein Gutachten anzufertigen. Das war extrem spannend, da es zum einen eine Inhaltsanalyse der Liedtexte erforderte, und zum anderen eine Abschätzung über deren mögliche Wirkung. Im Prozess dann einem bekennenden Neonazi gegenüberzustehen und die eigene Position darzulegen, das war schon sehr spannend.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich bin ein großer Fußballfan und schon seit Kindheitstagen Anhänger von Borussia Dortmund. Ich finde den wissenschaftlichen und statistischen Zugang zu Fußball spannend (Stichwort expected goals oder goalimpact) und lese hier gerne Blogs und höre Podcasts. Ebenso habe ich das Lesen für mich wiederentdeckt, aktuell haben es mir dabei die Bücher von Karl-Ove Knausgaard sehr angetan. Lieblingsbücher sind bspw. "Narziss und Goldmund" von Hesse oder "Sapiens" und "Homo Deus" von Harari. Ansonsten mache ich noch recht viel Sport (Rennrad und low-key Fitness), treffe mich häufig mit Freunden und Familie, und gehe auch gerne mal Feiern.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Schlafen bis acht Uhr (ich will ja noch was vom Tag haben), langes Frühstück (inkl. frisch gemahlenem Kaffee und weich gekochtem Ei), 10 Minuten Workout (mit anschließender warmer Dusche), Lesen (klassisch, kein Kindle), 1-2 Alltagserledigungen (gegen das schlechte Gewissen), Nachmittagssnack (mittlerweile vegetarisch), Dortmundspiel (heja BVB), mit Freunden zum Essen/Kochen/Ausgehen treffen (Bier kein Wein), vorm Zubettgehen noch ggf. 10 Minuten meditieren und lesen (wenn's nicht zu viel Bier gab). Wichtig: Alles an der Seite meiner äußerst liebenswürdigen Frau!

Bitte begrüßt Tobias ganz herzlich bei Real Scientists DE!