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Sunday, January 3, 2021

Mittelalterlich digitalisiert - Andrea Rapp ist jetzt bei Real Scientists DE!

Zum Auftakt des neuen Jahres freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Andrea Rapp (@RappAndrea) vorstellen zu dürfen! Andrea ist Professorin für Computerphilologie und Mediävistik an der Technischen Universität Darmstadt. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Trier arbeitete sie als dort als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im SFB 235 "Zwischen Maas und Rhein", im Trier Center for Digital Humanities und leitete das Digitalisierungszentrum der Niedersächsischen Staas- und Universitätsbibliothek Göttingen. Andrea hat zahlreiche Digitalisierungs- und Forschungs(daten)infrastrukturprojekte wie TextGrid und DARIAH (mit-)initiiert und möchte sich in den nächsten Jahren wieder verstärkt ihrem Herzensthema, der mittelalterlichen Überlieferung und ihrer Erforschung mit digitalen Methoden, widmen.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet? 
Über ein paar Umwege, obwohl der Weg von heute betrachtet so gradlinig aussieht. Ich wollte gerne Museumsarbeit machen, daher habe ich Kunstgeschichte als Hauptfach studiert und Germanistik als zweites Fach dazu aus Neigung, die bei mir ein sehr guter Deutschlehrer bestärkt hat. Als ich dann in der Germanistik das erste Mediävistik-Seminar gemacht habe – was bei den meisten immer noch absolut ungeliebt, oft sogar gefürchtet ist – da war es einfach Liebe auf den ersten Blick, diese historische Perspektive auf Sprachentwicklung und Sprachwandel, diese schöne mittelhochdeutsche Sprache und die wunderbare Literatur, nicht zuletzt die Handschriften! Ich hatte das Glück, zuerst als studentische Hilfskraft, dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Sonderforschungsbereich in Forschung und Lehre hineinzuwachsen und konnte mir kein schöneres Umfeld mehr vorstellen. Immer Neues lernen und immer der Kontakt mit der jungen Erwachsenengeneration – das ist durch nichts zu ersetzen!

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Zu den Digital Humanities bin ich bereits in den 80ern als studentische Hilfskraft gekommen. Mein akademischer Lehrer Kurt Gärtner nutze den Computer für die digitale Erarbeitung von Editionen (damals noch reine Print-Editionen) und Wörterbüchern. Wir Hilfskräfte wurden einfach an das Sperry-Terminal gesetzt und transkribierten Handschriften mit TUSTEP, einer Software, die ihre Wurzeln in den 70ern hat und bis heute weiterentwickelt wird und im Einsatz ist. In den 90ern erkannten wir rasch die Möglichkeiten des Internets und begannen in Trier mit Retrodigitalisierungen von Wörterbüchern, z.B. den Mittelhochdeutschen Wörterbüchern, dem Wörterbuch der Brüder Grimm und anderen Materialien. Ich war immer fasziniert von Mustern, Strukturen, Ordnungsmöglichkeiten in Sprache, Texten und Wissen – das erklärt wohl meine Vorliebe für Sprachgeschichte, Lautgesetze, Ablautreihen, Wörterbücher, Editionen, Sammlungen, Bibliotheken und Computeranwendungen. 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich habe einen ganz klassischen Professorinnenjob mit Forschung, Lehre und Verwaltung bzw. Management. Das Schöne an meinem Fachgebiet ist die Vielfalt – ich mache ganz traditionelle mediävistische Lehre wie eine Einführung in die historische Sprachwissenschaft, aber eben auch computerphilologische Themen wie Digitale Lexikographie oder Annotationsverfahren u.a.m. Das Digitale ermöglicht eine enorme Vielfalt an Forschungskooperationen, aktuell z.B. mit dem SFB 980 Episteme in Bewegung in Berlin, wo wir an Dynamiken in langfristig tradierten vormodernen Wissensbeständen, die bislang eher als statisch und beharrend angesehen wurden, arbeiten oder mit dem SFB 805 der TU Darmstadt aus den Ingenieurwissenschaften, wo wir uns für die Analyse von sprachlicher Vagheit und Unsicherheiten in Normen-Texten interessieren. In beiden Bereichen spielen Korpora, Annotationsverfahren und Forschungsdatenmanagement eine wichtige Rolle. Das beschäftigt uns auch im Konsortium Text+, mit dem wir uns für die Nationale Forschungsdateninfrastruktur beworben haben, um eine solche Infrastruktur für Sprach- und Textdaten aufzubauen. Da Sprache und Text nicht allein Forschungsgegenstände von eigenem Wert sind, sondern allgemein für Wissen, Kultur und Kommunikation grundlegend sind, ist das eine wirklich spannende Aufgabe. In anderen Teams arbeite ich an der digitalen Edition von Briefwechseln mit den Brüdern Grimm oder an einem Archiv von Liebes- und Paarbriefen, die nicht von berühmten Menschen, sondern von Jedermann und –frau stammen, also Alltagskultur repräsentieren. Dazu starten wir übrigens im nächsten Jahr mit einem Citizen-Science-Projekt, das wir gerade schon intensiv vorbereiten. 

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Es gibt wahnsinnig viele hartnäckige Klischees, zum einen über die Geisteswissenschaften im Allgemeinen, zum anderen über das Mittelalter im Besonderen, daran müssen wir arbeiten! Ich finde es absolut faszinierend, über die historischen Kodices, Texte und Sprachstände über die Jahrtausende hinweg zu kommunizieren – so wie wir heute über die räumlichen Entfernungen kommunizieren können. Diese historische Perspektive macht uns offener, toleranter, geschmeidiger, neugieriger, vielfältiger. Und dann die Digitalität: Sie durchdringt und formt unsere Gesellschaft in praktisch jeder Hinsicht und es geht hier eben nicht nur um Technologie, sondern um den Umgang der Menschen miteinander, um Kunst, Kultur, Bildung, Werte, Einschätzungen, Machtverhältnisse, Ethik ... 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin sehr aktiv im sog. wissenschaftlichen Ehrenamt, bin also in vielen Kommissionen und Gremien und gutachte sehr viel. Von 2017-2019 war ich Vizepräsidentin für wissenschaftliche Infrastruktur an der TU Darmstadt, also zuständig für das Rechenzentrum und die Bibliothek, was mir einerseits durch meine Arbeit in Göttingen als auch durch die Forschungsinfrastrukturprojekte vertraut war, andererseits aber viele spannende neue Erfahrungen und Begegnungen ermöglichte. Ich bin auch Mitglied in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Das hört sich für manche vielleicht etwas verstaubt und nach Elfenbeinturm an, aber das ist es gar nicht! Ich genieße die Veranstaltungen zu allen Wissenschaftsgebieten und aus der Kultur dort sehr – eine bessere Fortbildung, einen besseren Input kann man gar nicht bekommen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Leider habe ich nicht viel Zeit für Hobbies, natürlich lese ich ‚besessen‘, mache ein bisschen Yoga und gärtnere im Minimini-Garten. Früher habe ich mal gemalt und denke oft in besonders stressigen Zeiten, dass ich meine Stifte wieder hervorholen sollte, um entspannt kreativ zu sein – vielleicht nach der Pensionierung ;-). Außerdem koche ich wirklich sehr gerne und probiere neue Rezepte aus. Ich liebe es, Marmelade zu kochen und kleine bunte Gläschen damit zu füllen, oder auch Kräutersalz und Kräutertee selbst zu machen, das empfinde ich auch als kreativ.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ein idealer freier Tag ist ein warmer Sonnentag, an dem ich mit meinem Mann ein bisschen wandern oder auch den Tomaten und Erdbeeren auf unserer Terrasse beim Wachsen zuschauen kann. Und vor allem: Zeit für ein gutes dickes Buch sollte auch sein, gern auch Krimis und Romane.

Bitte begrüßt Andrea ganz herzlich bei Real Scientists DE!


Sunday, November 8, 2020

Literatur im digitalen Zeitalter - Mareike Schumacher ist jetzt bei Real Scientists DE!

 Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Mareike Schumacher (@m_k_schumacher) vorstellen zu dürfen! Mareike promoviert im Bereich neuere deutsche Literatur und Digital Humanities an der Universität Hamburg. Vor und während ihres Studiums arbeitete sie als Buchhändlerin, seit 2013 war sie in den Digital-Humanities-Projekten DARIAH-DE und efoto beschäftigt und seit Juli 2018 ist sie im Projekt forTEXT für die digitale Dissemination zuständig. Mareike hat Kulturwissenschaften (B.A.) an der Leuphana Universität Lüneburg und deutschsprachige Literaturen (M.A.) in Hamburg studiert und nutzt nun am liebsten Distant-Reading-Methoden. Für forTEXT ist ihr besonders wichtig, auch abstrakte Routinen anschaulich aufzubereiten und stets das literarische Beispiel in den Mittelpunkt zu rücken.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet? 
Im Grunde konnte ich mir schon als Kind vorstellen, in die Forschung zu gehen. Leider glaubte ich damals, dass ich dazu Naturwissenschaftlerin werden müsste. Für Literatur und Kultur habe ich mich schon immer begeistert und so machte ich nach dem Abitur zuerst eine Lehre zur Buchhändlerin und studierte dann erst Kulturwissenschaften und Wirtschaftspsychologie im Bachelor und schließlich Literaturwissenschaften im Master. In meinem letzten Studienjahr hatte ich das Glück, als studentische Hilfskraft an einer großen Konferenz für digitale Geisteswissenschaften mitzuarbeiten und spätestens da war mir klar, dass es das ist, was ich machen möchte.   

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Zu den Digital Humanities bin ich im Master-Studium über meinen jetzigen Doktorvater Jan Christoph Meister gekommen. Er war damals der Einzige, der an der Uni Hamburg diesen Forschungsschwerpunkt vertrat und in einem seiner Seminare lernte ich das Feld kennen. Der nächste Schritt war für mich dann der Besuch einer Summer School in Leipzig zum Thema digitale Methoden in den Geisteswissenschaften. Letztendlich war es die Kombination aus innovativen Methoden und sehr aufgeschlossenen und netten Leuten, die mich fasziniert hat. Bis heute fühle ich mich in der Community der "Digitalen" total wohl. Das und dass ich mich mit Inhalten beschäftigen darf, die mich jeden Tag aufs Neue begeistern, ist es, was mich hier hält.  

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit ist eine Kombination aus Entwicklung, Anwendung und Vermittlung digitaler Methoden. Im Projekt forTEXT, in dem ich arbeite, bieten wir Einführungen in Software und Methodik der digitalen Geisteswissenschaften für interessierte Geisteswissenschaftler*innen an, die derzeit noch eher traditionell-analog arbeiten. Ich selbst schreibe einführende Artikel und Tutorials, erstelle Screencast und Fallstudien-Videos und betreue die Social-Media-Kanäle des Projektes. Es gehört aber auch zur Arbeit in diesem Projekt, sich an der Entwicklung des geisteswissenschaftlich ausgerichteten Computerprogrammes CATMA zu beteiligen. Darum arbeiten im Team sowohl Geisteswissenschaftler*innen als auch Entwickler. Und ich biete Seminare an der Universität Hamburg an, die neben einem kultur- und/oder literaturwissenschaftlichen Thema auch immer digitale Methoden beinhalten.  

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Die digitalen Geisteswissenschaften sind in der Öffentlichkeit noch nicht sehr bekannt. Dabei beschäftigen wir uns mit vielen Phänomenen, die aus dem Alltag nicht wegzudenken sind. Wir nutzen lernende Algorithmen, analysieren Netzwerke in literarischen Texten, die sozialen Netzwerken oft nicht unähnlich sind, oder schauen uns an, mit welchen Emotionen und Wertungen Genderrollen in Büchern als Kulturgut verbunden werden. Unsere Forschung ist also oft thematisch alltagsnah und gibt uns darüber hinaus Einsichten darüber, wie digitale Phänomene funktionieren. Naja und natürlich handelt es sich um eine ziemlich neue und bunte Art, Literaturwissenschaften zu betreiben. Ganz offen gesagt, macht es einfach großen Spaß, kulturelle Phänomene auf diese Weise zu betrachten. Das kann man der Öffentlichkeit doch nicht einfach vorenthalten, oder?  

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Mir ist Wissenschaftskommunikation extrem wichtig. Darum habe ich einen Blog namens "Lebe lieber literarisch", zu dem auch ein Podcast gehört. Darin schreibe und spreche ich über Literaturwissenschaften, Digital Humanities und Wissenschaftskommunikation.
Außerdem habe ich auf einer Konferenz Anfang des Jahres 2020 Lisa Kolodzie, Jonathan Geiger und Patrick Toschka kennen gelernt. Im Juli haben wir zusammen einen weiteren Podcast gelauncht, der RaDiHum20 heißt. Darin interviewen wir Kolleg*innen aus den digitalen Geisteswissenschaften zu ihren unterschiedlichen Arbeitsbereichen.   

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Schon seit meiner frühen Kindheit ist das Tanzen mein großes Hobby. Von Ballett über Modern und HipHop und Jazz habe ich in meiner Kindheit und Jugend fast alles ausprobiert. Bis heute ist tanzen das, was mich am schnellsten vom Alltag ablenken, mich erden und mir neue Energie geben kann.
Da ich aber ziemlich schnell und leicht zu begeistern bin, probiere ich auch einfach gern Neues aus. Das endet dann in so Phasen. Mal ist es eine Inline-Skate-Phase, mal verbringe ich gerne Zeit auf meiner Couch mit dem Häkeln niedlicher kleiner Dinge, dann starte ich plötzlich einen TikTok-Kanal, um zu testen, wie man dort Wissenschaftskommunikation betreiben kann. Im Grunde weiß ich also selbst nicht, welche Idee mich als nächstes mit sich fortreißt.   

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ich bin eine totale Sonnenanbeterin und mein idealer freier Tag sieht darum so aus: Die Sonne scheint, es ist warm und ich bin mit Büchern, Hängematte, Picknick und meiner Familie im Park oder am Meer.

Bitte begrüßt Mareike ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, March 10, 2019

Mensch-Maschine Interaktion - Philipp Wintersberger ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unseren neuen Kurator Philipp Wintersberger (@philwintersberg) vorzustellen! Philipp Wintersberger, geboren 1984 in Oberösterreich, beschäftigt sich aktuell mit der Forschung im Bereich Fahrer-Fahrzeug-Interaktion, Augmented/Virtual Reality, "Trust in Automation" und der Akzeptanz automatisierter Fahrzeug- und Verkehrssysteme. Sein Diplom wurde ihm 2015 von der Kepler Universität Linz verliehen, der Fokus hierbei lag auf Mensch-Maschine-Interaktion und Computer Vision. Nach 10-jährigem Aufenthalt in der Industrie im Bereich Softwareentwicklung/-Architektur wechselte er 2016 an das neu eröffnete Forschungszentrum CARISSMA in Ingolstadt.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich habe seinerzeit (vor nunmehr fast 15 Jahren) zur zeitlichen Überbrückung auf den Zivildienst ein Informatikstudium begonnen. Da ich bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung zum Programmierer hatte und in diesem Job gutes Geld verdienen konnte, lief das Studium einige Jahre „nur nebenbei“. Der Wunsch, dieses auch abzuschließen, verstärkte sich mit der Zeit und um mich neben meinem intensiven Job zu motivieren, suchte ich nach Themen für meine Abschlussarbeiten, die sich meiner Meinung nach auch „wissenschaftlich verwerten“ ließen. Daraus entstanden schnell erste Veröffentlichungen und die betreuenden Professoren nahmen mich mit auf Konferenzen wo diese präsentiert wurden. Dabei erkannte ich, wie sehr mir diese Form der Arbeit Spaß macht, und so quittierte ich nach über 10 Jahren in der Softwareentwicklung meinen Job und nahm eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Promotionsoption am CARISSMA Ingolstadt an.

Diese Entscheidung war nicht so einfach zu treffen, wie sie sich hier liest - immerhin war ich zu diesem Zeitpunkt schon über 30 und hatte es mir mit meiner Frau in meiner Heimatstadt Linz „eingerichtet“. Die Möglichkeit, an einem neuen Institut mit modernster technischer Ausstattung (CARISSMA wurde 2016 eröffnet) zu forschen und dabei ein Team „von null auf“ mitzugestalten (damals war ich der erste und einzige Mitarbeiter meines Profs., den ich schon von meiner Heimatuniversität Linz kannte), war jedoch sehr reizvoll und daher nahm ich die damit einhergehenden Strapazen in Kauf – seither pendle ich jede Woche nach Ingolstadt und versuche den Job möglichst gut mit meinem Privatleben zu vereinbaren, wobei ich von meinem Institut mittels Telearbeitsplatz mit eigenem Bürotelefon Zuhause unterstützt werde.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen war ich bereits als Kind begeistert von Fahrzeugen, Rennsport, aber auch Computern, und wie es der Zufall so wollte, war es möglich, diese Themen in meiner Bachelorarbeit miteinander zu verbinden. Zusätzlich ist automatisiertes Fahren sowohl in den Medien als auch in der Wissenschaft sehr präsent. Die in meinem Forschungsgebiet (Mensch-Maschine Interaktion) entstehenden Fragestellungen sind hochinteressant und lassen sich auch sehr gut abstrahieren: Wie soll eine zukünftige Welt aussehen, in welcher wir (Menschen) regelmäßig mit Robotern und künstlichen Intelligenzen (wie automatisierten Fahrzeugen) interagieren und auch kooperieren? Wie können wir dafür sorgen, dass uns Maschinen dabei „ermächtigen“ (unsere Fähigkeiten erweitern und Potentiale steigern) anstatt uns zu „amputieren“ (Menschen einfach nur zu ersetzen)? Meiner Meinung nach ziehen derartige Fragen die Trennlinie zwischen utopischen als auch dystopischen Zukunftsszenarien und sind von essentieller Bedeutung – das Zeitalter der Maschinen wird kommen, und es ist unsere Aufgabe, dieses bereits im Vorfeld „menschengerecht“ zu gestalten und vorzubereiten.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Im Wesentlichen besteht meine Arbeit daraus, die Interaktion zwischen Menschen und Fahrzeugen zu verbessern. Gemeinsam mit meinen Kollegen führe ich dabei Benutzerstudien (in Fahrsimulatoren, realen Fahrzeugen, manchmal aber auch nur als Fragebogen im Internet) durch, mit dem Ziel entweder Probleme zu identifizieren und besser zu verstehen, oder die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine zu verbessern.

Zum Beispiel ist einer der häufig genannten Vorteile an automatisierten Fahrzeugen die Möglichkeit, fahrfremden Tätigkeiten nachzugehen: Neben Entertainment ist dabei produktives Arbeiten besonders relevant – etwa könnten in Zukunft LKW-Fahrer zusätzlich Speditionsaufgaben übernehmen. Trotzdem wird das Fahrzeug immer wieder auch den Input des Menschen benötigen, wie etwa um Hindernisse zu umfahren. So eine Fahrzeugübernahme findet mitunter bei Autobahngeschwindigkeiten statt und ist somit potentiell gefährlich. Stellen wir uns vor, der/die FahrerIn arbeitet gerade auf dem Laptop wenn eine Übernahmeaufforderung kommt; Um das Hindernis zu umfahren muss der Laptop weggelegt und das Lenkrad in die Hand genommen werden, gleichzeitig muss sich das Gehirn auf die neue Situation (Fahraufgabe) einstellen. Die Übernahme erfordert somit motorische und kognitive Prozesse. Diese versuchen wir nun durch den Einsatz von Technologie zu verbessern um in weiterer Folge die Sicherheit zu erhöhen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn Content nicht am Laptop, sondern mit Augmented Reality direkt in der Windschutzscheibe angezeigt wird – dann sind im Falle einer Übernahme die Augen bereits „ausgerichtet“, und der physische Aufwand, das Gerät wegzulegen fällt weg.

Oder aber, das Fahrzeug könnte uns genau beobachten und versuchen, uns nicht während, sondern zwischen einzelnen Arbeitsaufgaben zur Übernahme aufzufordern – so wird der nötige kognitive Aufwand verringert, zwischen den einzelnen Aufgaben hin- und herzuwechseln. Was aber ist, wenn direkt vor uns ein Unfall passiert und nicht mehr genügend Zeit für eine sichere Übernahme bleibt und wir gerade auf einem Tablet oder Smartphone lesen – könnten wir nicht einfach wie in einem Computerspiel dieses einfach zu einem Lenkrad umfunktionieren um möglichst schnell reagieren zu können?

Derartige Interfaces setzen wir prototypisch in unserem Fahrsimulator um und evaluieren diese mit menschlichen Probanden. Dabei werten wir verschiedenste Parameter wie Fahrperformance, physiologische Reaktionen (z. B. Hautleitwert, Puls oder Augenbewegungen) aus, und stellen sie subjektiven Bewertungen (Fragebögen zu Technologieakzeptanz oder auch Interviews) gegenüber, um herauszufinden, wie sehr das Interface erlaubt den Status Quo zu verbessern und Probleme zu eliminieren. Die erfordert sowohl intensives wissenschaftliches Arbeiten, aber auch eine Menge Erfindergeist und macht unglaublich Spaß.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Wie bereits kurz angesprochen werden wir in Zukunft immer mehr wichtige Aufgaben an Maschinen delegieren. Neue Technologien haben riesiges Potential, müssen aber richtig eingesetzt werden, denn ihr Einsatz verändert auch uns. Etwa deuten Studien darauf hin, dass unsere Navigationsfähigkeit durch intensive Nutzung von GPS degradiert wird, während manuelle Orientierung unser Gehirn trainiert. Ein anderes Beispiel ist die permanente Nutzung von Smartphones und modernen Kommunikationsmitteln („Always-on-Mentalität“), welche unsere Konzentration hemmt und nachweislich unsere Produktivität stört. Plakativ dargestellt müssen wir Menschen uns somit entscheiden, zwischen einer Zukunft, in der Maschinen uns infantilisieren, und einer, in welcher wir Technologie nutzen um uns alle zu „Superhelden“ zu augmentieren.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Nicht wirklich. Wie oft üblich bin ich an der Hochschule auch in der Lehre aktiv, die restliche Zeit versuche ich jedoch mich möglichst intensiv mit der Forschung zu beschäftigen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich fahre sehr gerne Fahrrad - etwa war ich letztes Jahr so verrückt und habe die knapp 300 Kilometer lange Strecke von Ingolstadt zu mir nach Hause in einer Tagesetappe absolviert. Ob Rennrad, klassisches Mountain-Bike oder auch Downhill, diesbezüglich bin ich für alles zu haben. Ansonsten bin ich derzeit wohl etwas langweilig. Ich habe aber schon eine lange Liste and Wünschen an mich selbst für die Zeit nach Fertigstellung meiner Doktorarbeit 😉

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
An meinem idealen freien Tag befinde ich mich mit meiner Frau auf Tour mit unserem Campingbus und schlafe mich erstmal genüsslich aus. Nach dem spätvormittags eingenommenen Frühstück bezwingen wir ein oder mehrere Gipfel auf unseren Rädern geben uns bergab dem Geschwindigkeitsrausch hin. Es folgt eine Abkühlung – bevorzugt im Salzwasser – und ein ausgiebig delikater Abend mit kulinarischen Köstlichkeiten und ein paar guten Tropfen. Das einzige, was unsere Situation dabei noch verbessern könnte wäre, wenn uns der Bus automatisch über Nacht zu unserer nächsten Destination kutschiert...

Bitte begrüßt Philipp ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, December 16, 2018

Text in freier Netzbahn - Jürgen Hermes ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch Jürgen Hermes (@spinfocl) als unseren neuen Kurator vorzustellen! Jürgen ist Geschäftsführer des Instituts für Digital Humanities (IDH) an der Universität zu Köln und dort auch wissenschaftlicher Assistent im Teilbereich Sprachliche Informationsverarbeitung. In diesem Fach hat er 2012 auch zum Thema “Textprozessierung: Design und Applikation” promoviert. Vorher erwarb er seinen Magister in den Fächern Informationsverarbeitung, Germanistik und Soziologie. Als Geschäftsführer des IDH ist er u.a. zuständig für die Organisation und Studienberatung der Studiengänge Informationsverarbeitung, Medienwissenschaftten-Medieninformatik und Linguistik-Computerlinguistik. Seine Forschungsgebiete sind Digitale Infrastrukturen, Korpuslinguistik, Text Mining und Public Humanities Tools.  

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen und habe mir einen Jugendtraum erfüllen können.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich wollte etwas mit IT/Programmierung machen, das nicht reine Informatik ist. Ich wollte Dinge messen können, aber nicht rein naturwissenschaftlich arbeiten. Ich wollte geisteswissenschaftlichen Zugang haben, ohne reine Geisteswissenschaft zu betreiben.
So habe ich mein Chemiestudium gegen eins der Germanistik eingetauscht, um dann über die Linguistik zur Computerlinguistik zur Informationsverarbeitung und schließlich zu den Digital Humanities zu gelangen. Nur der erste Schritt war tatsächlich ein Paradigmenwechsel, die weiteren ergaben sich letztlich auseinander.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Im Moment bin ich ganz überwiegend mir administrativen Dingen beschäftigt. Das liegt daran, dass das Institut erst ein knappes Jahr alt und erst kürzlich in gemeinsame Räumlichkeiten umgezogen ist. Einige Positionen sind noch bzw. sind demnächst wieder unbesetzt. Obwohl ich ein tolles Team habe, bleibt doch relativ viel Arbeit an mir als Geschäftsführer hängen, da ich viele vakante Aufgaben kommissarisch übernehmen und die Dinge bestmöglich am Laufen halten muss. Unser Institut betreut eigenverantwortlich zwei BA- und drei MA-Studiengänge mit insgesamt mehr als 500 eingeschriebenen Studierenden, deren Fachstudienberater ich bin. Aktuell leite ich noch ein Kooperationsprojekt mit einem Bundesinstitut, das die Auswertung von Stellenanzeigen zum Gegenstand hat und betreue bzw. berate mehrere Kleinprojekte, die unterschiedliche Tools mit der Zielrichtung Public Humanities entwickeln. Meine Langzeitthemen, die ich schon in meiner Dissertation behandelte, sind digitale Infrastrukturen und die damit einhergehenden Möglichkeiten für interdisziplinären Austausch und die Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen. Über all das werde ich gerne in Tweets erzählen.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Warum sollte sie das nicht tun? Im Ernst: Für einen Bereich wie den der Digital Humanities ist es schwer, eine Grenze zwischen einem inneren Kreis der Eingeweihten und der Öffentlichkeit außerhalb zu ziehen, befinden sie sich doch an der Schnittstelle sowohl zwischen der Informatik und den Geisteswissenschaften als auch an der der Geisteswissenschaften untereinander. Sie sind von ihrer Natur aus interdisziplinär angelegt und das bedeutet, dass der Kreis ihrer Wissenschaftler|innen nicht auf eine Fachcommunity beschränkt werden kann. Die Follower des Accounts @realsci_de sind ja ein Teil der Öffentlichkeit, der sich für Wissenschaft interessiert. Ich denke, dass ich aus der Sicht der Digital Humanities Interessantes und Abwechslungsreiches berichten kann.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich blogge gerne und engagiert, einerseits zu den Themen, die meine Arbeit direkt betreffen, andererseits aber auch zu solchen, die die Öffentlichkeit aktuell beschäftigen und zu denen ich als Wissenschaftler zumindest einen Bezug habe. Auch aus diesem Anlass nehme ich im Januar an einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Wahrheit, Populismus, Internet” teil, in der um den Einsatz von Kommunikationsmitteln im digitalen Zeitalter gehen wird. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Nichts wirklich interessantes… radfahren, lesen, das Voynich-Manuskript...

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Morgens lange im Bett lesen, eine größere Runde auf dem Rad fahren, lecker mit der Familie zu abend essen, danach vielleicht Freunde treffen oder ein paar Zeilen über das Leben schreiben, zwischendurch immer mal wieder zum Twittern kommen.

Bitte begrüßt Jürgen ganz herzlich bei Real Scientists DE!