Showing posts with label Politikwissenschaften. Show all posts
Showing posts with label Politikwissenschaften. Show all posts

Monday, April 11, 2022

Netz und Politik in Fernost - Katharin Tai ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Katharin Tai (@katharintai) vorstellen zu dürfen! Katharin ist Politikwissenschaftlerin und freie Journalistin. Sie hat an der SciencesPo in Paris Euro-Asia Relations studiert und anschließend an der Universität Oxford ihren Master in International Relations gemacht. Aktuell promoviert sie in den USA am MIT zur chinesischen Außen- und Netzpolitik. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich habe schon in der Schule gemerkt, dass ich unheimlich Spaß daran habe, mich in komplizierte Zusammenhänge reinzuwühlen, sie zu verstehen und dann zu erklären, besonders in der Politik. Falls möglich wollte ich das mit einem Fokus auf Politik in Ostasien zu meinem Beruf machen. Damals war ich allerdings noch unsicher, ob es vor allem Arbeit zu Japan oder China werden würde. Politikwissenchaftliche Forschung ist letztendlich einer der wenigen Bereiche, in denen das wirklich möglich ist, wenn man Glück hat und nach dem Doktor einen Job findet. 

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Die Politikwissenschaft versucht im Idealfall, eine Balance zwischen belastbarer Forschung zu konkreten Fällen und der Suche nach verallgemeinerbaren Theorien zu finden, zum Beispiel: Was können wir von China darüber lernen, wie autoritäre Systeme im Rest der Welt funktionieren? Was können wir vom wirtschaftlichen Erfolg von Südkorea oder Taiwan darüber lernen, welche politischen Institutionen wichtige Bedingungen für Wirtschaftswachstum sind? Das mit der Balance klappt natürlich nicht immer, mal nimmt das Eine, mal das Andere Überhand, und es ist auch eine echte Herausforderung, diesen Sweet Spot zu finden. Aber insgesamt finde ich es einen guten Ansporn, sich zu fragen, inwieweit wir allgemeine Muster in der Politik finden können. 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich bin gerade im 4. Jahr meines Doktors und versuche, herauszufinden, wie genau ich mein Dissertations-Thema am besten konzipiere und empirisch angehe - besonders, da Feldforschung in China gerade nicht möglich ist. Allgemein arbeite ich zwischen den Feldern Internationale Beziehungen und Vergleichende Politikwissenschaft mit einem Fokus auf Netzpolitik in China, Taiwan und Hongkong. Ich interessiere mich besonders für die Integration von Technik in bestehende Politik und Institutionen, die Beziehung und die Interaktionen von Staat und Gesellschaft, insbesondere die Rolle bürokratischer Systeme, und das gesamte Subfeld zu autoritären (und hybriden) politischen Systemen. Zum Beispiel habe ich gerade eine Chicago bei einer Konferenz ein Paper zur historischen Entwicklung der chinesischen Definition von “Cybersecurity” vorgestellt, in der ich mir vor allem die 90er Jahre anschaue.
Mein Alltag besteht aktuell aus drei Teilen: Dissertation, einem Seminar, das ich belege, und einem Forschungsprojekt, bei dem ich eine Professorin am MIT unterstütze. Die Arbeit für die Dissertation ist eine Mischung aus dem Durchsuchen von historischen und aktuellen chinesischen Quellen, von 1949 bis heute, und dem Suchen, Säubern und Nutzen von diversen Datensätzen, wie z.B. der ethnischen Zusammensetzung verschiedener chinesischer Städte. Hinzukommt eine gute Portion existentielle Krise bei der Suche nach der richtigen Forschungsfrage. Für das Seminar lese ich jede Woche mindestens zwei Bücher (eins über China, eins aus der vergleichenden Politikwissenschaft aus dem gleichen Themenbereich) und fahre einmal pro Woche mit dem Rad zum Seminar nach Harvard. Für das Forschungsprojekt lese ich gerade vor allem Sekundärliteratur und recherchiere Primärquellen aus den letzten 100 Jahren deutscher Politik.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Die Politikwissenschaft zu autoritären Regimen allgemein und zu chinesischer Politik im Besonderen ist überraschend oft kontraintuitiv im Vergleich zu hergebrachten, akzeptierten Weisheiten zu diesen Gebieten außerhalb der Politikwissenschaft - manche Sachen, von denen man glaubt, sie zu wissen, stellen sich bei genauerem Hinsehen manchmal als ganz anders oder viel komplizierter heraus, als man das oft im öffentlichen Diskurs mitbekommt. Solche Missverständnisse können dann Auswirkungen auf Politik haben, z.B. wenn es um den Umgang mit China als aufsteigender Weltmacht geht, oder lassen auch viele Menschen mit einem verzerrten, vereinfachten Bild von einem sehr komplizierten Land zurück. Ein gutes Beispiel was die allgemeine Wahrnehmung angeht ist die Forschung über die chinesischen Internetzensur, die viele Annahmen, die mir dazu in Deutschland oft begegnen, widerlegt: Die Politikwissenschaftlern Margaret Roberts hat herausgefunden, dass die Bestrafung von Leuten für das Posten kritischer Aussagen eine viel kleinere Rolle spielt als z.B. das Schaffen von kleinen Hürden, die es einfach nervig, aber nicht unmöglich machen, bestimmte Webseiten zu nutzen - und das reicht oft, um viele Menschen davon abzuhalten, diese Seiten aufzusuchen. Ein anderes Beispiel ist die Forschung dazu, wie Wahlen autoritären Regierungen helfen, an der Macht zu bleiben - weil Wahlen allein eben noch lange keine Demokratie ausmachen.
Natürlich sind komplizierte, nuancierte Theorien auch viel schwieriger zu vermitteln als einfache Narrative und erfordern etwas mehr Zeit, um sie zu durchdringen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber ich glaube, dass es sich lohnt, sich mit der Literatur zu autoritärer Politik auseinanderzusetzen - sei es nur für den Überraschungsfaktor, oder weil es eben auch an sich interessant ist, wie Politik in unterschiedlichen politischen Systemen funktioniert. 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Wenn der Doktor nicht gerade Überhand nimmt, schreibe ich auch journalistisch über China, Taiwan und Hongkong und betreibe mit einem Freund und Kollegen den Fernostwärts-Podcast und Newsletter über die gleiche Region.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
In meiner Freizeit gehe ich mehrmals die Woche zum Taekwondo. Außerdem coache ich das taiwanesische Schuldebattierteam im World Schools-Stil.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ausschlafen, in Ruhe frühstücken, draußen in der Sonne irgendetwas mit Lieblingsmenschen unternehmen, abends kochen oder essen gehen, dann noch etwas lesen.

Bitte begrüßt Katharin ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, July 11, 2021

Gewalt in bewaffneten Konflikten - Anne-Kathrin Kreft ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Anne-Kathrin Kreft (@Anne_Kreft) vorstellen zu dürfen. Anne studierte British and American Studies an der Universität Bielefeld und Politikwissenschaften an der Western Washington University und der University of Pittsburgh in den USA. Ihre Promotion zum Thema sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten schloss sie 2019 an der Universität Göteborg ab. Aktuell ist sie Postdoc an der Universität Oslo.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Das war bei mir kein ganz so gradliniger Weg. Während meines Bachelor- und meines Masterstudiums habe ich eigentlich eine Laufbahn in einer internationalen Organisation wie der UN angestrebt. Ehrlich gesagt war eine Promotion das allerletzte, wonach mir nach Abschluss des Masterstudiums der Sinn stand. Nachdem ich dann 2,5 in der Entwicklungszusammenarbeit und danach in der Hochschulberatung tätig war, merkte ich allerdings, wie sehr mir die politikwissenschaftliche Forschung fehlte. Also habe ich angefangen, mich auf Promotionsstellen zu bewerben. Im Anschluss kam dann die Postdoc-Stelle.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Nachdem ich meine ersten Kurse zum Thema bewaffnete Konflikte belegt hatte, gab es für mich kein spannenderes Thema in der Politikwissenschaft mehr. Einerseits ist es in gewisser Weise faszinierend – wenn auch zutiefst erschütternd – die Abgründe menschlichen Verhaltens unter die Lupe zu nehmen. Andererseits ist es inspirierend zu untersuchen, wie Menschen gegen Krieg und Gewalt Widerstand leisten und sich selbst unter solch krassen Bedingungen neue Handlungsspielräume erarbeiten. Trotzdem ist die tägliche Auseinandersetzung mit Gewalt, Leid und Tod nicht immer einfach und insbesondere während der Pandemie fehlt da der regelmäßige Austausch mit, und die Ablenkung durch, Kolleg*innen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

In meiner Forschung geht es in erster Linie um geschlechterbasierte Gewalt in Konfliktsituationen, und nationale sowie internationale Reaktionen darauf. Für meine Dissertation zum Thema sexuelle Konfliktgewalt habe ich u.a. vier Monate in Kolumbien verbracht, um dort Interviews durchzuführen. Insbesondere das unermüdliche Engagement und die bewundernswerte Kraft der zivilgesellschaftlichen Aktivistinnen, die sich dort für Frieden, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung einsetzen, hat mich zutiefst beeindruckt. Meine Arbeit widmet sich außerdem zunehmend auch anderen Formen geschlechterbasierter (Konflikt-)Gewalt - auch gegen Männer - und der Frage, wie solche Formen der Gewalt in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Sexuelle Kriegsgewalt hat seit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien und Ruanda in den 1990er Jahren besondere Aufmerksamkeit erhalten, und auf internationaler Ebene hat sich das Engagement für die sozio-politische Teilhabe von Frauen in Konfliktsituationen in den letzten 20 Jahren deutlich verstärkt. Sowohl aus Sicht der Gleichberechtigung und Menschenrechte als auch im Hinblick auf nachhaltige Beilegung von Konflikten, ist die aktive Einbindung von Frauen und Gender-Thematiken extrem wichtig.

Gleichzeitig halte ich es für wichtig, den Fokus auf bestehende und strukturelle Ungleichheiten und Formen der Diskriminierung zu lenken – insbesondere in Zeiten, in denen sowohl zivilgesellschaftlicher Aktivismus als auch Forschung zu Gender-Themen zunehmend Backlash erfahren, auch von staatlicher Seite, wie bspw. in Ungarn, Brasilien oder Russland. Sexuelle und andere geschlechterbasierte Konfliktgewalt hat im Endeffekt ihren Ursprung in solchen strukturell und gesamtgesellschaftlich verankerten Geschlechterungleichheiten.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Ich war während meiner Promotionszeit Mitglied der Research School on Peace and Conflict, sowie Teil ihrer Steering Group. Dort habe ich wahnsinnig viel gelernt und viele Kontakte zu anderen Konfliktwissenschaftler*innen in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen geknüpft. Zudem bin ich Mitbegründerin des neuen Interdisciplinary Peace and Conflict Research Network, das als Alumni-Netwerk der Research School fungiert. Im Herbst planen wir unser erstes Symposium! Ansonsten bin ich – wie die meisten Akademiker*innen – hier und da für Juries und als Reviewer aktiv und versuche mich mit Blog-Beiträgen auch ab und zu in der Wissenschaftskommunikation.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich fotografiere und reise gerne und ganz besonders gerne kombiniere ich beides. V.a. Island hat sich in den letzten Jahren (vor der Pandemie) für mich als Traumurlaubsziel entpuppt und ich freue mich sehr drauf, hoffentlich (!) nächstes Jahr die nächste Reise antreten zu können. Und meine Twitter-Followerschaft wäre zutiefst verstört, wenn ich an dieser Stelle nicht auch meine Begeisterung für Eichhörnchen erwähnen wurde – auch diese werden eifrig fotografiert, wenn sie mir denn mal vor die Linse geraten.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Ein Spaziergang im Teutoburger Wald (wenn in der Heimat, sonst geht auch ein anderer Wald oder ein Strand), Grillen, ein Weizen trinken, einen guten Krimi lesen...

Bitte begrüßt Anne ganz herzlich bei Real Scientists DE!