Monday, September 17, 2018

Archäologische Zeitreise - Jens Notroff ist jetzt bei Real Scientist DE!

Wir freuen uns sehr, euch unseren neuen Kurator Jens Notroff (@jens2go) vorzustellen! Jens hat Prähistorische Archäologie, Geschichte und Kommunikationswissenschaft in Berlin studiert und ist derzeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Göbekli Tepe-Projekt des Deutsches Archäologischen Instituts tätig. Dort ist er u.a. an der Erforschung der ältesten bisher bekannten, am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren von Jägern und Sammlern erbauten Monumentalarchitektur beteiligt. Seine Forschungsschwerpunkte darüber hinaus liegen in Neolithikum und Bronzezeit, mit besonderem Interesse für die Repräsentation von Macht und Prestige, Kultplätze und deren archäologischem Kontext, sowie sog. Sonderbestattunge. Außerdem engagiert er sich für Wissenschaftskommunikation in der Archäologie, insbesondere in Sachen Aufklärung pseudoarchäologischer Falschinformationen.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Als ich gerade vier Jahre alt war, hat mein Vater mit mir nach und nach eine 'Grand Tour' durch nahezu alle Museen Ost-Berlins gemacht. Und die archäologischen Sammlungen (insbesondere das damalige Bode-Museum, und dort v.a. Dinge die Inszenierung früher Grabkammern (in den Fußboden eingelassene Bestattungen, Skelette samt Grabbeigaben)) haben einen nachhaltigen Eindruck auf mich hinterlassen. Als ich dann später in Großvaters Bücherschrank dann auch noch C. W. Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" entdeckte (das heute als eines der ersten populärwissenschaftlichen Sachbücher gilt), gab es schließlich kein zurück mehr.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich gebe zu, der man mit dem Filzhut und der Lederjacke war nicht ganz unbeteiligt, ausschlaggebender war aber am Ende die besondere Faszination schriftloser Kulturen und der damit verbundenen besonderen Aufmerksamkeit auf die materielle Kultur jener Epochen. Davon ist bis heute nichts eingebüßt.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Derzeit bin ich am Göbekli Tepe in der Südosttürkei tätig, wo das DAI (in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Museum Sanliurfa) gewaltige aus bis zu 5,5 m hohen T-förmigen Kalksteinpfeilern errichteten Kreisanlagen ausgräbt und erforscht. Diese Bauten gelten als die älteste bisher bekannte Monumentalarchitektur, und wurden im frühen Neolithikum vor etwa 12.000 Jahren von noch nicht vollends sesshaften Jägern und Sammlern errichtet, die sich dort für Rituale und große Feste trafen. Diese Feste spielten wohl überhaupt eine wichtige Rolle für die Errichtung der Monumentalbauten, denn nur so war es möglich die notwendige Arbeitskraft (die die Kapazitäten einer einzelnen Jägergruppe überschritten haben dürfte) vor Ort versammelt. Die Versorgung solcher Zusammenkünfte schließlich wird als einer der Auslöser für die bald folgende Nahrungsmittelproduktion und deren Konsequenzen - Sesshaftwerdung, Ackerbau und Viehzucht - angesehen, dürfte also wohl eine bedeutende Rolle in der Ausbildung unserer heutigen Lebensweise gespielt haben.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Archäologie ist mehr als Ton, Steine und Scherben. Der Blick in die Vergangenheit hilft uns, die langfristigen Auswirkungen menschlichen Schaffens und Handelns zu erkennen und verstehen. Wir können nur sehen wohin wir gehen, wenn wir wissen woher wir kommen. Ohne den Blick zurück, wüssten wir nicht einmal, dass wir uns voranbewegen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Mit zunehmendem öffentlichen Interesse für unsere Arbeit und Forschung am Göbekli Tepe haben auch Zuschriften, An- und Nachfragen zugenommen. Die Beantwortung dieser E-Mails und Briefe hat irgendwann einen großen Teil unserer Arbeitszeit in Anspruch genommen, so dass ein Kollege und ich beschlossen haben, die häufigsten Fragen zu sammeln und in kurzen Beiträgen auf einem Blog zu beantworten. Daraus ist in der Zwischenzeit ein regelechtes Kompendium mit Informationen, Kurzbeiträgen, Publikationshinweisen und Diskussionen zu aktuellen Forschungsfragen im Rahmen des Projekts geworden. Eine, wie wir den Besucherzahlen und Kommentaren entnehmen, gern und oft genutzte Ressource zu den Ausgrabungen am Göbekli Tepe: http://www.dainst.blog/the-tepe-telegrams

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Selten, im Grunde nie, packe ich meinen Seesack ohne Aquarellkasten und Skizzenbuch mitzunehmen. Unterwegs gesammelte Reiseskizzen sind mir oft Jahre später noch die bleibendsten Erinnerungen.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Der Versuch auszuschlafen wird von meinem Sohn durchkreuzt. Nach dem gemeinsamen Frühstück verlagert sich die ganze Familie auf den Spielplatz (in meiner Tasche idealerweise ein Buch), bevor es in den Zoo oder Park geht. Abends wird auf dem Balkon gegrillt und bevor der Tag zu Ende geht, werden auch die beiden begonnen Artikel-Entwürfe irgendwie noch beendet.

Bitte begrüßt Jens ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, September 9, 2018

Sprich mit mir! - Janina Wildfeuer ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Janina Wildfeuer (@neous) vorzustellen! Janina Wildfeuer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für multimodale Linguistik im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität Bremen. Nach einem Magisterstudium in Allgemeiner Sprachwissenschaft, Germanistik und Romanistik in Münster hat sie 2012 in Bremen zur linguistischen Analyse des Films als Text promoviert und arbeitet seitdem dort in verschiedenen Projekten zur Medienanalyse im Bereich der multimodalen und angewandten Linguistik. Sie beschäftigt sich gerne mit Filmen, Comics, sozialen Medien und neuerdings auch Computerspielen, die alle auch eine Rolle in ihrem Habilitationsprojekt zur Semantik von Medien spielen. Außerdem ist sie seit diesem Jahr Mitherausgeberin eines Journals und lernt dabei noch ganz andere Seiten des Wissenschaftsbetriebs kennen.

Hier ist Janina in ihren eigenen Worten...

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Die Faszination an Sprachen, ihrer Grammatik und ihren Strukturen, die ich während meiner Schulzeit erlebt habe, hat mich in ein klassisches Philologie-Studium mit sprachwissenschaftlichem Schwerpunkt an der Universität Münster geführt. Das Studium habe ich mit einem Magisterabschluss und einer Arbeit zur Anwendung textlinguistischer Strukturen auf Medien beendet und mich danach eigentlich ganz naiv und unwissend der akademischen Strukturen auf verschiedenste Ausschreibungen für Stipendien beworben. Ich bekam eine Zusage von einem neu eingerichteten DoktorandInnenkolleg an der Universität Bremen, das sich mit dem Film beschäftigte und mir drei Jahre die Möglichkeit gab, dies ebenfalls zu tun. Ich traf zum ersten Mal meinen Doktorvater und Mentor, mit dem ich bis heute zusammenarbeite und der mir eine ganz andere akademische Welt als die mir bis dahin bekannte zeigte. Obwohl ich mich mit unterschiedlichsten Sprachen beschäftigt hatte, hatte ich weder Hausarbeiten auf Englisch geschrieben noch Referate gehalten (und stattdessen eher französische Übersetzungen vorgenommen). Ich konnte fortan an Konferenzen im Ausland teilnehmen und die internationale Welt der Sprach- und Medienwissenschaft kennen lernen - in einem Bereich, der immer noch mit den Grundannahmen meines Fachs arbeitet, sie aber auf viele andere Kommunikationsformen (neben Sprache) überträgt und sich damit interdisziplinär zwischen unterschiedlichsten Fächern und Forchungsrichtungen bewegt. Die Möglichkeiten und Herausforderungen, die eine solche Forschung mit sich bringt, lassen mich bis heute den Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten nicht verlieren.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Nach meinem Studium war es im Grunde das Stipendium und die Zielsetzungen der damit verbundenen KollegInnen und BetreuerInnen, die mich zu meinen heutigen Forschungsschwerpunkten gebracht haben. Das war zum einen also teilweise fremdbestimmt, zum anderen aber war mir von Anfang eine gewisse Flexibilität mitgegeben, die ich bis heute genießen darf und die mich eigenständige Projekte und Interessen verfolgen lässt - und mir so kaum noch ein Gefühl von Fremdbestimmtheit geben. Diese Flexibilität macht nämlich zum Beispiel möglich, mich in unterschiedlichen Disziplinen umzuschauen, mit ihnen zu arbeiten und meinen Forschungsschwerpunkt immer wieder neu zu definieren.

In meiner Zeit als Postdoc habe ich mich explizit für eine Mischung aus Sprach- und Medienwissenschaften entschieden, war und bin also etwas risikobereit, was die Zukunft meiner Beschäftigung an einer Universität betrifft: Professuren und Studiengänge für Multimodalität oder multimodale Kommunikation/Linguistik gibt es nur sehr, sehr wenige ujnd es braucht auch einen gewissen Optimismus, weiter in diesem Bereich arbeiten zu können. Neben diesem gab es eigentlich noch nie einen Moment, in dem ich mich in meiner Position als Wissenschaftlerin nicht wohlfühlte oder dachte, dass ich irgendwann einmal keine Lust mehr auf diese Art von Arbeit habe.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Eine der Hauptfragen, mit denen ich mich in Analysen und theoretischen Auseinandersetzungen beschäftige, ist, inwiefern Medien bzw. Medienprodukte wie Filme, Comics, soziale Medien, etc. Bedeutungen konstruieren, uns also Geschichten erzählen, Sachverhalte darstellen oder Argumente vorführen. Während wir dies für sprachliche Texte ziemlich genau beschreiben können, nutzen viele Medien neben Sprache ja noch ganz andere Äußerungsformen wie Bilder, Musik, Bewegung, Animationen, etc., für die wir Bedeutungen nicht in einem Nachschlagewerk (wie in einem Wörterbuch für Sprache) festhalten bzw. nachschauen können. In meiner Forschung geht es also darum, zu beschreiben, wie Bedeutung mit und durch diese Äußerungsformen entsteht und wie wir dies vielleicht auch mit uns bekannten Instrumentarien (aus der Sprach-, Literatur-, Medienwissenschaft und anderen Disziplinen) analysieren können.

Meine Arbeit ist also zu einem großen Teil theoretisch und analytisch, indem sie konkrete Medienbeispiele und -texte mit diesen Instrumentarien untersucht. Hierfür bedarf es natürlich auch einer theoretischen und methodologischen Auseinandersetzung, also einer kritischen Evaluation von Instrumentarien und Analyserastern und ihrer Erprobung an und mit Beispielen. Ergebnisse dieser ‚Denkarbeit‘ finden momentan vor allem Eingang in mein Habilitationsprojekt, an dem ich schon eine Weile arbeite. Außerdem sind ein paar wissenschaftliche Veröffentlichungen und Präsentationen auf Konferenzen in Arbeit. In der momentanen vorlesungsfreien Zeit schreibe ich unter anderem an einem Einführungstext für ein Studienbuch zur Comicanalyse und an einem einleitenden Beitrag zu einem Sammelband, den ich in Folge einer Konferenz zum Thema Multimodalität mit KollegInnen herausgebe.

In meiner Woche als Kuratorin werde ich auch einen Kongress besuchen und dort zwei Vorträge halten. Nebenbei will ich noch einen Förderantrag für Gelder der Universität Bremen stellen. Im nächsten Jahr steht dann auch eine weitere große Konferenz an, die ich organisiere. Hierfür gilt es in der nächsten Zeit Drittmittelgelder zu beantragen und den Call for Paper auszusenden.

Während des Semesters unterrichte ich in den Studiengängen unseres Fachbereichs, also im Bereich Anglistik, Linguistik und teilweise auch Literatur- bzw. Medienwissenschaft. Im letzten Semester ging es zum Beispiel um aktuelle TV-Serien, im kommenden Semester gebe ich unter anderem ein Seminar zur Kommunikation in den sozialen Medien.

Außerdem arbeite ich in einem Team von HerausgeberInnen eines internationalen Journals und bin als Gutachterin für weitere solcher Journals und Verlage tätig.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Dass sprachwissenschaftliche Forschung sich immer auch mit sozialen und kulturellen Strukturen beschäftigt und dabei sehr wertvolle Arbeit leistet, ist gerade aktueller denn je. KollegInnen vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim haben zum Beispiel gerade erst die Sprache der AfD mit der anderer Parteien verglichen und interessante Ergebnisse erzielt, die für die aktuellen politischen Entwicklungen unheimlich wichtig sind.

Dass Sprachwissenschaft sich aber auch mit nicht- oder nur wenig sprachlichen Kommunikationsformen auseinandersetzt und dabei ebenso wichtige Ergebnisse erzielen kann, ist manchmal noch nicht so ganz akzeptiert, weder in den Geisteswissenschaften noch im Alltag. Ich will während meiner Zeit als Kuratorin versuchen, hier ein bisschen Überzeugungsarbeit zu leisten und zu zeigen, dass der Umgang mit den Medien in Kommunikationssituationen oft noch gar nicht so gut funktioniert und wir noch viel mehr darüber lernen müssen, was wir eigentlich genau ausdrücken, wenn wir Bilder oder Videos mit Text in einem Tweet oder Facebook-Beitrag verbinden und diesen in die Welt senden. Oft ist zum Beispiel die Rede von der Text-Bild-Schere, die mal wieder zugeschlagen hat, oder von einem falschen oder missglückten Einsatz von Werbebildern auf Webseiten, der auf Algorithmen aufbaut, die irgendwie noch nicht so gut funktionieren. Dahinter steckt fehlendes oder nicht ausreichendes Wissen über das Verstehen von nicht-sprachlichen Einheiten wie Bildern, Diagrammen, etc.., das wir erst noch viel systematischer erarbeiten müssen. Und für diese Erarbeitung bedarf es unter anderem auch sprachwissenschaftlicher Instrumentarien und Hypothesen sowie einer Menge empirischer Untersuchungen, mit denen wir noch eine ganze Weile beschäftigt sein werden. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden dann wertvolle Informationen liefern, die wir nicht nur unseren Kindern im Umgang mit den Medien mitgeben, sondern auf allen Ebenen der Kommunikation anwenden sollten.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Neben meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Bremen bin ich auch Herausgeberin des Journals „Visual Communication“. Das bedeutet, dass ich die dort eingereichten Manuskripte lese, sie in den meisten Fällen zum Review aussende und dafür also nach geeigneten GutachterInnen suche und diese kontaktiere. Das Journal hat soeben einen Relaunch erlebt, an dem das HerausgeberInnenteam eine ganze Weile gearbeitet hat. Auch hierfür waren Texte zu verfassen und zu editieren, Layoutfragen zu klären, etc. Die Arbeit als Herausgeberin eines solchen internationalen Journals ist besonders spannend, weil man immer neue Forschungsprojekte und Ergebnisse kennen lernt, mit den unterschiedlichsten KollegInnen und ForscherInnen kommuniziert und auch einen guten Einblick in das Verlagswesen bekommt.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Mein Mann ist Jäger und ich begleite ihn gerne auf seinen Ausflügen in die Natur, ohne selbst einen Jagdschein haben zu wollen. Wir haben das schon eine ganze Weile nicht mehr gemeinsam gemacht, weil wir auch seit einiger Zeit eine kleine Tochter haben, die auf eine ganz andere Art und Weise gerade Natur und Leben entdeckt. Das Leben mit einem Jäger ist also immer irgendwie besonders, sei es mit Blick auf unsere Ernährung, die Details des Wortschatz unseres Kindes, das die Tiere im Wald bald alle besser benennen kann als ich, den Umgang mit einem kranken Tier in der Nachbarschaft und im Garten oder im Streit um die Dekorationen im Haus.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Bevor meine Tochter geboren wurde, hätte ich diese Frage mit einem Serienmarathon oder guten Büchern und dem Austausch über solche mit Freunden beantwortet. Heute ist es ein Tag mit der Familie, an dem wir gemeinsam ohne Verpflichtungen und mit viel Abstand von der Arbeit einen Ausflug (vielleicht ans Meer oder in die Natur) machen und uns über die kleinen Dinge im Alltag freuen.

Bitte begrüßt Janina ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, September 2, 2018

Das soziale Netzwerk - Lisa Hehnke ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Lisa Hehnke (@DataPlanes) vorzustellen! Lisa arbeitet derzeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Arbeitsgruppe für Quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung der Uni Bielefeld. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Computational Social Science, d. h. der Schnittstelle zwischen Informatik und den Sozialwissenschaften. Hier interessiert sich Lisa insbesondere für die Erhebung und Auswertung von webbasierten Daten sowie für Netzwerke und räumliche Analysen. Inhaltlich beschäftigt sie sich derzeit vor allem mit aktuellen Fragen der Wissenschaftsforschung und den Anwendungsmöglichkeiten von computergestützten Analyseverfahren auf interdisziplinäre gesellschaftliche Herausforderungen.

Hier ist Lisa in ihren eigenen Worten...

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Zu dieser Frage stehen zwei alternative Antworten zur Auswahl:
1. Vorherbestimmung. Um mal mein latent stereotypes kindliches Ich zu zitieren: „Ich denke, man kann gar nicht beurteilen, welches das beste Pony ist! Das ginge höchstens, wenn jemand schon alle geritten wäre, sonst mag man ja automatisch die Ponys, die man selbst geritten ist.“
2. Zufall. Eine damalige Kommilitonin hatte sich auf zwei ausgeschriebene Hilfskraftstellen an einem Lehrstuhl beworben und ich habe mich ihr kurzerhand angeschlossen. Letztlich habe leider nur ich eine Stelle dort angeboten bekommen, wofür mich das schlechte Gewissen noch heute plagt. Danach folgten einige Fach- und Uniwechsel und so bin ich über etwas verschlungene Wege an der Uni Bielefeld gelandet.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Diese Frage zu beantworten ist tatsächlich eine gewisse Herausforderung für mich, da ich teilweise selbst nicht exakt definieren kann, was mein „aktuelles Feld“ eigentlich ist. Wenn ich meine Forschungsinteressen stärker konkretisieren müsste, würde ich sie auf zwei (Teil-)Disziplinen herunterbrechen: Computational Social Science und Wissenschaftsforschung.
An Computational Social Science begeistert mich, dass dort klassische sozialwissenschaftliche Fragestellungen aufgegriffen und mit computergestützten Methoden analysiert werden, wodurch eine neue Perspektive auf Bewährtes eingenommen wird. Darüber hinaus ist der Bereich für mein Empfinden noch nicht so stark ausdifferenziert wie traditionellere Forschungsfelder, wodurch interdisziplinäres Arbeiten mit einem realen gesellschaftlichen Mehrwert ermöglicht wird.
Mein Interesse an der Wissenschaftsforschung hingegen ist eher persönlicher Natur, da ich mich hier vor allem mit geschlechterbezogener Diskriminierung und Open Science beschäftige. Beides sind Themen, die mich als Wissenschaftlerin direkt betreffen und mit denen ich in der Vergangenheit bereits selbst negative Erfahrungen gemacht habe. Hieraus entstand bei mir der Wunsch, einen eigenen Beitrag zu leisten, um konstruktiv mit Gender Bias und der Replikationskrise, die leider auch die Sozialwissenschaften verstärkt erreicht hat, umzugehen und auf diese Weise nachhaltige Veränderungen an den derzeitigen Wissenschaftsstrukturen anzustoßen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine alltägliche Arbeit ist für eine Sozialwissenschaftlerin vermutlich ungewöhnlich divers und interdisziplinär. Derzeit arbeite ich unter anderem an Projekten zu der Rezeption von US-amerikanischen Amokläufen auf YouTube, geschlechterbezogener Diskriminierung in der Wissenschaft, Open Science oder Stereotypen und Rassismus in sozialen Netzwerken. Ein verbindendes Element weisen jedoch (fast) alle genannten Projekte auf: Die verwendeten computergestützten Analyseverfahren, die von Netzwerkanalysen über Verfahren des Text Mining bis hin zu bibliometrischen Analysen von wissenschaftlichen Publikationen reichen.
Hinzu kommen bei mir noch die Lehre und Betreuung von Studierenden. Dieser Teil der Arbeit macht mir mitunter am meisten Spaß, da man eigenes Wissen und eigene Erfahrungen an die nächste Generation von potentiellen Wissenschaftler*innen weitergeben und gleichzeitig selbst von ihnen lernen kann.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Das ist eine Frage, die man als Sozialwissenschaftler*in tatsächlich häufiger gestellt bekommt. Mit Blick auf meine eigenen Forschungsgebiete würde ich sagen: Weil gesellschaftliche Herausforderungen wie Diskriminierung und Rassismus uns alle etwas angehen! Sozialwissenschaftliche Forschung zu diesen und ähnlichen Themen kann, sofern die Ergebnisse für ein breiteres Publikum verständlich aufbereitet und richtig kommuniziert werden, einen wichtigen Beitrag leisten, um neben dem wissenschaftlichen auch einen gesellschaftlichen Impact zu haben. Hierfür ist es jedoch auch wichtig, dass man sich als Sozialwissenschaftler*in – und insbesondere als weibliche Forscherin – dieser Stärke bewusst ist und sich sowohl in der Wissenschaftswelt als auch auf dem nicht-akademischen Arbeitsmarkt nicht unter Wert verkauft.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Neben meiner Tätitgkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin absolviere ich noch ein Psychologiestudium an der FernUniversität in Hagen und engagiere mich ehrenamtlich bei CorrelAid e.V., einem Netzwerk junger Datenanalyst*innen. Unser Ziel ist es, Organisationen mit sozialem Auftrag durch Analyse- und Beratungsprojekte dabei zu unterstützen, ihren gesellschaftlichen Impact zu vergrößern. Auf diese Weise wollen wir einen Dialog über den Wert und Nutzen von Daten(-analyse) für die Zivilgesellschaft anstoßen und eine Generation von gesellschaftlich denkenden Datenanalyst*innen fördern.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Mein Bücherregal besteht zu 1/3 aus klassischer Literatur, zu 1/3 aus Kunstbüchern und zu 1/3 aus Büchern über Flugzeugabstürze. Hinter letzterem Hobby steckt, auch wenn viele es anfänglich vermuten, jedoch keine Sensationsgier, sondern die Frage nach dem „Warum?“. Warum passieren Unfälle, welche Mechanismen stecken dahinter und welche Faktoren müssen zusammenspielen, damit es überhaupt zu solchen Abstürzen kommen kann? Denn nur wenn das Verständnis für die zunächst verborgenen kausalen Prozesse vorhanden ist, können ähnliche Unglücke zukünftig verhindert werden.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Natur, gute Gespräche, Dokus über Flugzeugabstürze. Alternativ Dokus über Serienkiller.

Bitte begrüßt Lisa ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, August 26, 2018

Wort für Wort - Nina Mainz ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Nina Mainz (@par_curiosite) vorstellen! Nina hat gerade ihre Promotion am Max Planck Institut für Psycholinguistik abgeschlossen und wird im Oktober ihre Doktorarbeit verteidigen. Sie hat einen Bachelor in Sprach- und Kommunikationswissenschaft und English Studies an der RWTH Aachen gemacht, bevor es sie für den Master (Linguistics) nach London an die Queen Mary University of London verschlagen hat. Im Anschluss an ihre Promotion ist sie jetzt auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung im Bereich Wissenschaftskommunikation.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Motivation für mein Bachelorstudium war, dass ich Sprache(n) schon immer unglaublich faszinierend fand und es daher naheliegend war, mich in meinem Studium damit zu beschäftigen. Meine berufliche Zukunft habe ich damals im Journalismus gesehen. Während des Bachelors habe ich schon mal ein kleineres Forschungsprojekt durchgeführt. Ich hatte so großen Spaß daran, dass ich angefangen habe darüber nachzudenken, ob Forschung nicht eigentlich viel mehr mein Ding ist als Journalismus. Im Master hat sich der Wunsch, in die Wissenschaft zu gehen, dann weiter verfestigt und ich habe mich gezielt mehr mit Forschung beschäftigt, mit Methodik, Statistik und so weiter. Nach dem Master war also klar, in welche Richtung es gehen sollte: Wissenschaft war der Plan A für meine Zukunft. Die Promotionsstelle am MPI war ein Traum, der wahr wurde. Ein großartiges Umfeld, um in dem Bereich zu lernen und zu forschen.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Wie oben schon erwähnt: Meine Faszination für Sprache(n) war immer groß. Ist es nicht beeindruckend, wie Kinder diese komplexe Fähigkeit in den allermeisten Fällen problemlos erwerben? Und wie wir als Erwachsene Sprache so mühelos verwenden? All die komplexen Prozesse — denn Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben sind hochkomplexe kognitive Prozesse — laufen so schnell und meist unproblematisch ab. Ich finde das nach wie vor beeindruckend. Das und mein damaliger Traumberuf Journalismus haben mich zum Studium der Sprach- und Kommunikationswissenschaft und English Studies geführt. Von da aus waren es verschiedene Dozenten, kleinere Forschungsprojekte, Freude an Mathematik und Statistik und meine bleibende Faszination für Sprache, die mich zur Psycholinguistik geführt haben.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich fand meine Arbeit als Promovierende sehr spannend und abwechslungsreich. Ich hatte Freude daran, programmieren zu lernen, um meine Experimente programmieren zu können. Aber auch das Entwickeln von Experimenten, um eine bestimmte Forschungsfrage beantworten zu können, und das Testen haben mir Spaß gemacht. Hatte man dann endlich alle Daten gesammelt, war die Datenanalyse der nächste spannende Schritt. Immer neue Analyseverfahren zu lernen und mehr als einmal nach völliger Frustration endlich eine Analyse zum Laufen zu bekommen, war jedes Mal ein großartiges Gefühl. Vor allem hat mir tatsächlich das Aufschreiben meiner Forschung Spaß gemacht. Es war aber natürlich nicht alles ein großer Spaß. Eine Promotion geht auch immer mit viel Frustration und vielen Stunden harter Arbeit einher; Stunden, in denen man manchmal so gerne einfach aufgeben würde, weil nichts zu klappen scheint und man das Gefühl hat, nicht gut genug zu sein und nicht genug zu wissen oder zu können.
Neben meiner Arbeit an meinen Forschungsprojekten habe ich mich außerdem der Wissenschaftskommunikation gewidmet. Ich habe hin und wieder kleinere Artikel für die Webseite des Instituts geschrieben oder mich an der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen zur wissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit beteiligt. Bei all meiner Freude an der wissenschaftlichen Arbeit haben mich diese Aufgaben immer besonders erfüllt. Meine Faszination für Wissenschaft und Forschung zu teilen war eine tolle Erfahrung. Und genau das (neben der Tatsache, dass mir eine wissenschaftliche Karriere nicht in all ihren Facetten zusagt) hat mich letztendlich dazu bewogen, nicht in der Wissenschaft bleiben zu wollen. Stattdessen bin ich auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung im Bereich Wissenschaftskommunikation.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Sprache ist faszinierend! Das hatte ich schon erwähnt, oder? Im Ernst, ich denke, die meisten Menschen nicht wirklich bewusst, wie komplex die Vorgänge sind, die im Gehirn ablaufen, wenn wir Sprache produzieren oder verstehen. Wir benutzen Sprache im Alltag ganz selbstverständlich und in den allermeisten Fällen völlig mühelos. Tatsächlich sind unzählige kognitive Prozesse daran beteiligt, wenn wir die Bedeutung von Worten verstehen und unserem Gegenüber im Gespräch auf eine Frage antworten. Um beispielsweise Menschen mit Sprachstörungen, bei denen Spracherwerb und -verwendung nicht mühelos und auch nicht immer unproblematisch sind, gezielt therapieren zu können, müssen wir die Prozesse verstehen, die für den Spracherwerb, -produktion und -verstehen eine Rolle spielen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Die Wissenschaftskommunikation war während meiner Promotion ein wichtiger Teil und Bereicherung meiner Arbeit. Obwohl die Arbeit an meinen Forschungsprojekten sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat, habe ich immer versucht, meine Forschungsergebnisse nicht nur Kollegen im Institut, auf Fachkonferenzen oder in wissenschaftlichen Artikeln zu kommunizieren, sondern auch ein breiteres Publikum teilhaben zu lassen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ganz wichtiger Teil meines Lebens und große Leidenschaft war schon immer das Tanzen. Seit ich fünf Jahre alt bin tanze ich Ballett. In der Zwischenzeit standen auch mal Showtanz, Modern/Contemporary und HipHop auf dem Tanzstundenplan, hängen geblieben bin ich aber beim klassischen Ballett und Modern/Contemporary. Wo immer ich gelebt habe, habe ich viel Zeit auch im Ballettstudio verbracht, durfte mit professionellen Tänzern trainieren, an Workshops teilnehmen und auf der Bühne stehen. Der perfekte Ausgleich zur Arbeit!

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Mein idealer freier Tag würde mit einem ausgiebigen Frühstück mit meinem Partner beginnen, am besten bei Sonnenschein auf dem Balkon, gefolgt von ein bisschen Zeit zum Lesen oder Musikhören; danach eine Stunde Ballett und abends gemeinsames Kochen. Um den Tag perfekt ausklingen zu lassen: Drinks mit Freunden im Park oder am Fluss.

Bitte begrüßt Nina ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, August 19, 2018

Gut versichert? Emma Vitz ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Emma Vitz (@EmmaVitz) vorstellen zu dürfen! Emma ist Aktuarin in Auckland, Neuseeland. Sie wurde in Deutschland geboren und hat deutsche Eltern, wohnt aber seit ihrer Kindheit in Neuseeland. Sie hat Statistik studiert und arbeitet seit Anfang diesen Jahres als Aktuarin. Emma interessiert sich für Data Science und benutzt R in ihrer Arbeit. Besonders gern beschäftigt sie sich mit Geodatenanalyse und der Vorhersage von natürlichen Gefahren.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich habe Statistik studiert und interessiere mich sehr für Data Science. Ich wollte in einem Feld arbeiten, wo ich immer mehr lernen kann, und wo ich nicht nur etwas beschreibe mit Statistik, sondern auch vorausberechne. In der Versicherung geht es um Unsicherheit, und das finde ich sehr interessant. Versicherungsmathematik ist sehr rigoros, aber trotzdem kommerziell, und das gefällt mir auch.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich arbeite für eine Consulting-Firma in Neuseeland. Das bedeutet, dass ich immer etwas anderes für verschiedene Kunden mache.
Ich benutze R sehr viel in meiner Arbeit, oft für Geodatenanalyse. Zum Beispiel habe ich vor ein paar Monaten jedes Haus in Australien gefunden, das in einer Sackgasse ist, weil das das Risiko von Diebstahl und Vandalismus beeinflusst. Im Moment versuchen wir, Überschwemmung in Neuseeland zu vorhersagen. Solche Sachen finde ich total interessant. Neuseeland und Australien haben relativ viele natürliche Gefahren; Erdbeben und Überschwemmung hier in Neuseeland und Buschfeuer in Australien. Das hat wichtige Auswirkungen für die Versicherungsindustrie.
Ich lerne auch für die Examen, die ich bestehen muss, um mich als Aktuar bezeichnen zu dürfen. Im Moment lerne ich für zwei Examen, Wirtschaft und Buchhaltung.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil fast jeder Versicherungen kauft, interessieren sich Leute meistens dafür, wie die Preise entschieden werden. Wenn mann sich für Klimawandel interessiert, ist Versicherung auch sehr interessant, weil das Feld sich dafür verändern und vorbereiten muss.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich lerne immer gerne mehr R, Python und andere Programmiersprachen.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ich verbringe gerne Zeit mit Freunden oder Familie. Wir gehen oft zum Brunchen ins Café.
Neuseeland hat auch viel Natur. Ich bin in Nelson groß geworden, wo es schöne Strände gibt, und auch Nationalparks. Wenn ich meine Familie dort besuche, gehen wir oft wandern oder zum Strand.

Bitte begrüßt Emma ganz herzlich bei Real Scientists DE!


Sunday, August 12, 2018

Wie bitte? Lena Blott ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Lena Blott (@LenaMBlott) vorstellen!

Hier ist Lena in ihren eigenen Worten:
Ich habe an der Universität Mannheim Anglistik und Medien- und Kommunikationswissenschaft studiert. Mein Interesse an der Schnittstelle zwischen Sprach- und Neurowissenschaft hat mich nach London verschlagen, wo ich am University College London einen MSc in Neuroscience, Language and Communication abgeschlossen habe. Ich habe mich in die (und in der) Stadt verliebt, und bin dort geblieben. Derzeit arbeite ich an meiner Doktorarbeit im Bereich Sprache und Kognition. Ich untersuche die mentalen und neuronalen Prozesse, die vor sich gehen, wenn die Bedeutung eines Wortes im Satzkontext unklar ist, und Missdeutungen ausgebügelt werden müssen. Ganz besonders interessiere ich mich dabei für individuelle Unterschiede, z.B. im Arbeitsgedächtnis und in der Größe des Vokabulars.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich kann definitiv nicht von mir sagen, dass ich schon immer Wissenschaftlerin werden wollte. Als Kind wusste ich glaube ich noch nicht einmal, dass das ein Beruf sein kann. Mein Traumberuf war Lehrerin (das hat sich halbwegs erfüllt; ist ja nunmal auch ein Teil der Wissenschaftskarriere). Ich kann meinem Biologielehrer in der Oberstufe dafür danken, dass er meine Neugier für kognitive Neurowissenschaft geweckt hat – obwohl der Begriff “kognitive Neurowissenschaft” natürlich nie fiel. Ich kann mich heute noch an die Stunde erinnern, in der wir über Brocas und Wernickes Gehirnareale gesprochen haben! Und in meinem Studium habe ich zum ersten Mal von dem Bereich der “Psycholinguistik” gehört – das fand ich unheimlich spannend. Einer der Dozenten hat mich unter seine Fittiche genommen, und mir beigebracht, wie man einen Eye-Tracker benutzt und was die Augenbewegungen von Lesern uns über die Sprachverarbeitung sagen können. Da hat es irgendwie geklickt bei mir.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Das hat sich irgendwie ganz glücklich und organisch entwickelt. Als es um die Studienentscheidung ging, schwankte ich zwischen meinen beiden Lieblingsfächern, Englisch und Bio. Hatte mal ganz kurz mit Psychologie geliebäugelt, aber dann entschieden, dass ich da ja Statistik bräuchte und Mathe fand ich zu der Zeit ziemlich doof. Das ist recht ironisch, da ich jetzt ganz viel mit komplexen Regressionsmodellen arbeite!
Also ging’s zum Anglistik-Studium nach Mannheim. Das war ein Mix aus Literatur-, Kultur-, und Kommunikationswissenschaft. Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, warum ich denn ausgerechnet Literaturwissenschaft studieren wollte. Romane habe ich noch nie besonders gemocht! Ich hatte aber während meines Bachelor-Studiums das Glück, einen Dozenten zu haben, der im Bereich Psycholinguistik forscht und mich ermutigt hat, das auch mal auszuprobieren. Das hat mich total fasziniert, und ich bin für meinen Master in Sprach- und Neurowissenschaft nach London gezogen. Dort bin ich dann erst mal geblieben, und mache zur Zeit meinen Doktor im Bereich Sprache und Kognition. Im Endeffekt bin ich dann nun doch zwischen Sprachwissenschaft, Biologie und Psychologie gelandet.
Die Forschungsfragen, die das Feld zu beantworten versucht, sind unglaublich vielfältig: von der Evolution der Sprache in der Menschheitsgeschichte, der Sprachentwicklung in Kleinkindern, über die mentalen und neuronalen Prozesse, die vor sich gehen, wenn wir Sprache produzieren oder verstehen, bis hin zu Sprachstörungen. Es gibt so Vieles, das wir noch nicht wissen, und das finde ich spannend!

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Manchmal ist es wahnsinnig langweilig, zum Beispiel wenn ich Experimente doppelt und dreifach testen und sicherstellen muss, dass alle Sätze, die ich meinen Probanden präsentieren will, richtig geschrieben sind. Auf der anderen Seite ist es super spannend, neue Experimente zu entwickeln, analysierte Daten anzuschauen und die Antworten auf meine Forschungsfragen zu finden.
Meine Arbeit widmet sich ganz spezifisch der Auflösung von Mehrdeutigkeiten. Woher wissen wir zum Beispiel, wann mit dem Wort “Bank” ein finanzielles Institut gemeint ist, und wann es um eine Sitzmöglichkeit geht? Wie entscheidet das Sprachsystem, welche Bedeutung aktiviert wird? Und was passiert, wenn wir unerwarteterweise auf ein Satzende stoßen, dass nicht zu unserer ausgewählten Bedeutung passt (z.B. “Der Mann ging zur Bank und setzte sich”)? Wie schnell und effizient kann das Sprachsystem sich von so einer Missdeutung erholen? Und gibt es da individuelle Unterschiede? Um das herauszufinden benutze ich verschiedene Methoden, zum Beispiel Reaktionszeitexperimente online oder im Labor, Magnetresonanztomografie, oder Eye-Tracking.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Sprache ist etwas, das wir oft als selbstverständlich ansehen. Wir alle benutzen Sprache, aber im Alltag ist es uns nicht bewusst, was für komplexe Vorgänge in unserem Gehirn passieren müssen, damit wir Laute als Wörter verstehen, die Bedeutung dieser Wörter begreifen, die Botschaft unseres Gegenübers verstehen, und angemessen antworten können. Es ist wichtig, diese Prozesse zu verstehen, um zum Beispiel das Lesenlernen besser unterstützen zu können, oder um Therapien für Patienten mit Sprachstörungen zu entwickeln. Ich glaube, weil jeder von uns Erfahrung mit Sprache hat, ist das Thema für uns alle relevant.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Meine Arbeit an der Dissertation nimmt die meiste Zeit in Anspruch: Stöbern in der Literatur, Experimente gestalten und programmieren, Daten sammeln, Daten analysieren, Resultate visualisieren, Fachartikel und Konferenzbeiträge verfassen. Das ist alles ganz schön zeitaufwendig! Nebenher bin ich allerdings auch in der Lehre tätig. Zum Beispiel unterstütze ich Studierende in ihrem letzten Jahr bei der Vorbereitung und beim Schreiben ihrer Bachelorarbeit. Ich korrigiere und benote Laborberichte von Erstsemestern in der Psychologie, und ich gebe Tutorien zum Thema Forschungsmethoden und akademisches Lesen und Schreiben. Die Lehre ist mir sehr wichtig, und ich versuche, sicherzugehen, dass meine Lehrmethoden gut funktionieren und die Studierenden von meinen Tutorien profitieren.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest? 
Wie man vielleicht an meinem Foto erkennen kann, träume ich mich ganz gerne in die 1940er und 50er zurück. Da geht es um Kleidung und Accessoires, aber auch um die optimalen Lockenwickler, Bürstentechnik, und historisch akkurates Make-up (so gut es geht!). Ich stöbere wahnsinnig gerne in Londons charity shops nach vintage oder Sachen, die zumindest vintage aussehen. Ich bin auch dabei, mir das Schneidern von Kleidern im Vintagestil beizubringen. Das ist oftmals viel frustrierender als Statistiksoftware!

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)? 
Wandern. Craftbier. Karaoke.

Bitte begrüßt Lena ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, August 5, 2018

Kristallklar - Franziska Emmerling ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Franziska Emmerling (@FranEmmerling) vorzustellen! Franziska leitet den Fachbereich Strukturanalytik an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) und forscht dort im Bereich der Nanopartikel, Kristallisation sowie Synthese und Charakterisierung neuer Materialien zur Gasspeicherung. Begonnen hat alles mit einem Studium der Chemie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und einer Spezialisierung auf anorganische Festkörperchemie. Nach erfolgreicher Promotion und klassischer Postdoc-Phase kam sie 2005 an die BAM. Neben ihrem Arbeitsplatz in Berlin-Adlershof hatte sie zwischen 2010 und 2012 bereits eine Gastprofessur für Anorganische Chemie an der Humboldt-Universität inne und schloss dort ihre Habilitation im Bereich Anorganische und analytische Chemie ab.
In-situ-Untersuchungen von Kristallisationsprozessen, Nanopartikelbildung und Mechanochemie begleiten sie inzwischen seit über 12 Jahren. Ihre Forschung auf dem Gebiet der Mechanochemie ist international anerkannt und führt zu Kooperationen weltweit. Sie ist Co-Autorin von mehr als 200 Artikeln und betreute zahlreiche Master- und Doktorarbeiten.

Hier ist Franziska in ihren eigenen Worten...

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich war schon immer neugierig. Mich interessieren Zusammenhänge und ich versuche das "Warum" hinter den Dingen zu verstehen. Da hat sich dann irgendwann Chemie als passendes Studienfach herauskristallisiert.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Im Chemiestudium hat mich die Festkörperchemie sofort begeistert. Genauer gesagt die Möglichkeit, neue Verbindungen herzustellen, deren Struktur aufzuklären und deren Eigenschaften über die Struktur einzustellen. In diesem Bereich habe ich dann auch meine Doktorarbeit geschrieben und danach war klar, dass ich von diesem "Basteln" und "Aufklären" nie wieder wegkommen will.
Aktuell fasziniert mich ein Teilgebiet der Chemie ganz besonders: die Mechanochemie. Hier wird im Wesentlichen der Eintrag von mechanischer Energie genutzt um neue Verbindungen zu synthetisieren.
Es macht einfach Spaß sich mit neuen Fragestellungen auseinanderzusetzen und Zusammenhänge aufzuklären. Und natürlich ist es ein schöner Erfolg, wenn ein Artikel oder Antrag angenommen wird oder wenn die Doktorandinnen und Doktoranden erfolgreich verteidigen (bester Moment!). Das motiviert mich und gibt mir Schwung für kommende Durststrecken (die kommen garantiert…). Wissenschaft ist immer Teamarbeit und gibt mir auch die Möglichkeit viele interessante Charaktere unterschiedlicher Nationalität kennen zu lernen. Kurz: Es wird einfach nie langweilig.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit ist eine unglaublich spannende Mischung: Ich habe viel Zeit für Forschung, aber auch Leitungsaufgaben, die mich fordern, über den Tellerrand zu schauen. Ich habe tatsächlich gerne mit Menschen zu tun und es freut mich, Entwicklungen zu sehen und zu erkennen, dass ich etwas bewirken kann. Natürlich gibt es auch nervige Aspekte, aber glücklicherweise erkenne ich meistens deren Notwendigkeit. Das macht Vieles leichter.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil es für aktuelle und zukünftige Anwendungen wie z.B. neuartige Solarzellen wichtig ist, deren Herstellungswege zu kennen – und die Möglichkeiten, diese zu beeinflussen.

Egal, welche Anwendung: Wir müssen die Eigenschaften von Verbindungen verstehen, die sich unmittelbar aus ihrer Struktur ergeben. Eigenschaften wie Lumineszenz, Magnetismus, Partikel- oder Porengröße hängen von einer rationalen Synthese spezifischer Strukturen ab. Solche Synthesen werden möglich, wenn man den Mechanismus zur Bildung von Materialien sowie den Einfluss von Syntheseparametern auf diese Prozesse kennt. Die Keimbildung, das Kristallwachstum und / oder allgemein Phasenübergänge spielen eine Rolle. Besonders gut lassen sich solche Prozesse unter Verwendung von In-situ-Charakterisierungstechniken aufklären.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Nichts Spektakuläres. Ich bin als Jurorin für Jugend forscht im Einsatz und versuche in Mentoring-Programmen und bei anderen Gelegenheiten Doktorandinnen und Doktoranden jenseits des Fachlichen ein bisschen auf dem Weg zu unterstützen. (Nur wenn ich gefragt werde, aber dann kommt man unter einer Stunde und mit ca. 3 Buchtipps auch nicht mehr los).

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Lesen! Das ist für mich der einfachste Weg, um vollkommen abzuschalten.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Nachdem ich in meinem Alltag fast nie alleine bin, besteht mein idealer freier Tag hauptsächlich aus Zeit für mich alleine. Angenommen alle sind versorgt und kein Familienmitglied oder Katze braucht meine Aufmerksamkeit, dann würde ich nach leichtem Ausschlafen (bis 9 Uhr) und ausreichend Kaffee (sehr wichtig!) direkt mit Streifzügen in diverse Buchhandlungen beginnen. Das ist in Berlin besonders einfach mit den vielen kleinen gut sortieren Buchläden. Danach würde ich mich mit meiner Beute in ein Café zurückziehen, lesen und natürlich Kaffee trinken. Danach würde ich noch ein Schreibwarengeschäft aufsuchen und ausgiebig Stifte testen (andere haben einen Schuhtick, bei mir sind es Stifte.). Spätestens dann hätte ich genug von der "Zeit allein" und dann wäre der ideale Abschluss eine abendliche Runde Bowling (darin bin ich wirklich schlecht) mit Freunden.

Bitte begrüßt Franziska ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Monday, July 30, 2018

Eine Raumfahrt machen - Dennis Beckmann ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unseren neuen Kurator Dennis Beckmann (@Space_Aquila) vorzustellen! Dennis studiert im dritten Semester Digitale Philologie an der Technischen Universität Darmstadt und ist nebenbei seit 2017 als Public Relations Manager für die Hochschulgruppe TU Darmstadt Space Technology e.V. tätig. Dort arbeitet er an der Entwicklung und dem Bau von Raketensystemen, dem Design, Bau und Start eines Kleinsatelliten sowie dem Etablieren von spannenden Vorlesungen zum Thema Raumfahrt an der Universität.

Hier ist Dennis in seinen eigenen Worten...

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Mein Interesse an der Raumfahrt habe ich schon, seit ich denken kann! So war für mich schon von Anfang an klar, dass ich in diesem Feld auch beruflich tätig sein möchte.
Meine aktuelle Stelle habe ich…tatsächlich durch Zufall: Beim Durchstöbern von Inhalten meiner Universität stieß ich auf eine Pressemitteilung von TU Darmstadt Space Technology, eine Einladung zu einem offenen Treffen! Dort wurde aktuelle Projekte und das bestehende Team vorgestellt, das alles hat mir so gut gefallen, dass ich noch am selben Tag eingetreten bin.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort? 
Raumfahrt ist meine absolute Leidenschaft, gleichzeitig liebe ich es, mit anderen Menschen zu interagieren und Wissen zu vermitteln. Öffentlichkeitsarbeit verbindet beide Interessensschwerpunkte und passt auch noch perfekt zu meinem Studiengang, Digitale Philologie, ein Feld der Sprachwissenschaften.
Viel wichtiger als die tatsächliche Arbeit: Die Menschen, mit welchen ich sie verrichte! Ein schöneres Arbeitsumfeld kann ich mir nicht vorstellen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Öffentlichkeitsarbeit ist weitaus vielfältiger, als man annehmen möchte! Das fängt an mit unserer Präsenz in den sozialen Netzwerken, welche natürlich gepflegt werden will. Twitter und Facebook sind unsere primären Kommunikationsplattformen für Kontakt mit Interessierten, dort teilen wir alles rund um unsere Arbeit.
Zur PR-Arbeit gehört aber auch das Organisieren von offiziellen Veranstaltungen, wie zum Beispiel die des Live-Launchevents anlässlich des Starts von Astronaut Alexander Gerst Anfang Juni. Von Werbeauftritten im Radio, Pressemitteilungen für Medienhäuser bis zur Moderation des Events, all dies fällt in meinen Zuständigkeitsbereich.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Raumfahrt ist ein fester und wichtiger, oft jedoch auch recht unscheinbarer Bestandteil unseres täglichen Lebens. Vielen, ganz besonders leider auch Politikern, ist diese Rolle jedoch unglücklicherweise eher unbekannt, die weltweiten Budgets für Raumfahrt sinken tendenziell. Durch meine Arbeit versuche ich, all die positiven Resultate aus Investition in die Raumfahrt aufzuzeigen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Seit 3 ½ Jahren bin ich auch auf YouTube aktiv und produziere dort neben Videos verschiedener Genres auch (hoffentlich) informative Videos zu aktuellen Raumfahrt-Thematiken.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Um vor Events, Prüfungen oder einfach nur nach einem stressigen Tag einen klaren Kopf zu bekommen, bestreite ich sämtliche Pendelstrecken in Darmstadt zu Fuß! Davon halten mich auch nicht die aktuellen Temperaturen auf, pro Tag komme ich so nicht selten auf über 10 Kilometer.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
An meinem idealen freien Tag stelle ich mir keinen Wecker, höre den ganzen Tag Musik und editiere ein paar Videos 😊

Bitte begrüßt Dennis ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, July 22, 2018

Wissenschaftler ohne Grenzen - Lisa Matthias ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Lisa Matthias (@l_matthia) vorstellen zu dürfen! Lisa hat in Potsdam und Berlin Geschichte und North American Studies studiert und wird im Oktober ihre Promotion an der Graduate School for North American Studies an der Freien Universität Berlin beginnen. Dort wird sie untersuchen, wie der höchste Gerichtshof der USA von den amerikanischen Medien dargestellt und politisiert wird und welche Auswirkungen dies auf die öffentliche Meinung hat.
Abseits von US-amerikanischer Politik hat Lisa großes Interesse an den Themen psychische Gesundheit in der akademischen Welt und Open Science/Wissenschaftlicher Kommunikation - nachzulesen auf ihrem Blog.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich werde die Frage umformulieren: Wie bist du wieder in der Wissenschaft gelandet. Vor knapp 2 Jahren habe ich meinen Master in Nordamerikastudien an der FU Berlin beendet und brauchte danach erst mal eine Pause von der "Akademie". Während meines letzten Semesters war ich über ein Praktikum in den Bereich Open Science/Scholarly Communications gekommen, in dem ich die letzten zwei Jahre auch tätig war. Besonders begeistert war ich von der internationalen Open-Science-Community - plötzlich hatte ich ein globales Netzwerk von Freunden und Kollegen, die immer hilfsbereit und offen für Zusammenarbeit waren. Meine Arbeit und Forschungsprojekte haben mir unheimlich viel Spaß gemacht, sodass ich mich auf eine PhD-Stelle beworben habe, denn die Politikwissenschaft fehlte mir schon so etwas. Ein wichtiger Entscheidungsfaktor war der soziale Aspekt des Studiums - ich denke wir wissen alle, dass wissenschaftliches Arbeiten ziemlich isolierend sein kann. Deshalb bin ich sehr dankbar für die Open-Science-Community und auch dafür, dass mein Institut mehr Wert auf Gemeinschaft als Konkurrenz legt.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ha, das ist eigentlich ganz witzig. Damals, im Abi, hatte ich Politik bereits als Leistungskurs, aber ich war grottenschlecht. Für den Bachelor hatte ich mich dann für Geschichte entschieden. Was mir jedoch nicht bewusst war: dies bedeutete 6 Semester fast ausschließlich brandenburgische Geschichte. Ein Kurs befasste sich jedoch mit US-Außenpolitik und den fand ich super spannend und dachte mir, für den Master wieder auf Politik umzuschwingen. Dass ich schließlich in der Politikwissenschaft geblieben bin, verdanke ich jedoch einem meiner Dozenten. Dieser nahm sich im ersten Mastersemester die Zeit mir ganz in Ruhe zu erklären, wie man in der Politk forscht und was die Unterschiede zu geschichtswissenschaftlichem Arbeiten sind. Der gleiche Dozent wurde später Betreuer meiner Masterarbeit und hat einen super Job gemacht mir zwar hin und wieder zu helfen, aber mich in erster Linie selbst den Weg aus dem Labyrinth finden zu lassen.

Von der fachlichen Seite betrachtet: Wenn man Forschungsarbeiten liest und sich dabei denkt "Ja geil, hammer Ding!" und es in den Fingern kribbelt, weil man selbst unbedingt forschen möchte, dann steckt dort eine gewisse Faszination und Begeisterung hinter. Und solange ich dieses Gefühl bekomme, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Politik: Ich bin daran interessiert, wie die amerikanischen Medien (besonders politische Kanäle, wie z.B. Fox News und MSNBC) Bericht erstatten und wie dies die öffentliche Meinung beeinflusst. Mein PhD-Projekt wird sich außerdem mit der Politisierung des US Supreme Courts (dem höchsten Gerichtshof der USA) befassen, das heißt inwiefern die US Medien den Gerichtshof als politisches/rechtsgebendes Organ (wie z.B. den deutschen Bundestag) und nicht als richterliche/rechtssprechende Gewalt darstellen.

Open Science: Meine Arbeit im Open-Science-Bereich beschäftigt sich damit, wie Wissenschaftler arbeiten und ihre Arbeit veröffentlichen, und wie dies transparenter und offener gestaltet werden kann.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Politik: Selbst wenn nicht jeder an US Politik interessiert ist, wir alle werden mehrmals täglich mit Medienberichten konfrontiert und sollten wissen, wie diese unsere Auffassung beeinflussen können und dass es wichtig ist, Dinge zu hinterfragen. Um einige Beispiele zu geben: Welche alternativen Darstellungen gibt es? Welche Motivationen hat Sender A, B, C? Beruht x, y, z auf Fakten? Sind diese Fakten glaubwürdig?

Open Science: Weil es darum geht, dass jeder freien Zugang (Open Access) zu wissenschaftlichen Arbeiten hat, nicht nur Akademiker, immerhin wird Forschung oftmals durch Steuergelder finanziert und von daher wäre es nur fair, wenn diese frei zugänglich für jeden wäre. Open Science erhöht außerdem die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in wissenschaftliche Forschungsergebnisse, da es auch darum geht, Forschungsdaten (Open Data) offenzulegen und somit weitaus mehr Personen die Ergebnisse überprüfen können. Nur weil etwas in einem "hoch qualitativen" Forschungsmagazin veröffentlicht ist, muss es nicht glaubwürdig oder gar "richtig" sein. Open Science ermöglicht weitere Qualitätskontrollen und auch, dass mehr Personen schneller auf wissenschaftliche Forschung aufbauen können.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich habe vor drei Wochen meinen Job beendet und werde im Oktober meinen PhD beginnen, bis dahin bin ich mit einigen Open Science Projekten beschäftigt, aber werde vor allem die freie Zeit genießen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Auch wenn das in letzter Zeit etwas zu kurz kam: Ich backe und renne gern! Dabei kann ich komplett abschalten und meine ganze Energie in etwas anderes stecken. Bein rennen höre ich gern Podcasts, da ich gemerkt habe, dass es so leichter für mich ist mein natürliches Tempo zu finden (als mit Musik).

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Puh, mich für EINEN idealen freien Tag zu entscheiden ist ganz schön schwierig. Da ich viel auf Reisen bin, nehme ich mal zwei Varianten.
Zu Hause: Am Morgen früh aufstehen und in einem der Berlin Clubs tanzen, viele haben schöne Außenbereiche und ich liebe es dort nach dem Frühstück für ein paar Stunden in der Sonne zu tanzen (ab und zu auch mal zu arbeiten). Danach würde ich ein bisschen durch Berlin spazieren, irgendwo guten Kaffee trinken und dann am liebsten mit meiner Familie und/oder Freunden im Garten sitzen.

Auf Reisen: Auf irgendeinen Berg wandern und die Aussicht genießen - Berge bringen mir unheimlich viel Ruhe.

Bitte begrüßt Lisa ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, July 15, 2018

Leib und Seele - Michael Gaebler ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unseren neuen Kurator Michael Gaebler (@michagaebler) vorstellen! Michael hat in Osnabrück, London und Paris Kognitionswissenschaft und "Brain & Mind Sciences" studiert. Nach seinem Master-Abschluss 2008 legte er eine einjährige Pause für eine Weltreise (!) ein, ehe es ihn zur Promotion an der Berliner Humboldt-Universität und Charité verschlug. Seit 2014 ist er Postdoc am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, wo er sich dem Zusammenspiel von mentalen und körperlichen Prozessen widmet.

Hier ist Michael in seinen eigenen Worten:

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich fühlte und fühle mich in multidisziplinären Umgebungen wohl, in denen versucht wird, inter- oder transdisziplinär zu arbeiten: Studium Generale (Leibniz Kolleg Tübingen), Kognitionswissenschaft (Uni Osnabrück, McGill Uni Montreal) und "Brain and Mind Sciences" (Ecole Normale Supérieure Paris, University College London).

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Erforschen, wie Psychisches mit Physi(ologi)schem zusammenhängt erfordert und bietet viele Perspektiven. Die Arbeit als Wissenschaftler ist vielseitig und spannend - mit allen Aufs und Abs. Trotz der vielen Zeit vor dem Computer habe ich auch viel mit interessanten Menschen zu tun (siehe 5).

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Generell interessiert mich, wie geistige Phänomene mit biologischen Prozessen zusammenhängen. Dabei habe ich zwei Schwerpunkte: Emotionale Verarbeitung in Hirn und Körper bei Gesunden und Kranken sowie die Nutzung von virtueller Realität in der neurowissenschaftlichen Forschung und in der Klinik.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil jeder ein Gehirn, einen Körper und Emotionen hat. :) Ich freue mich, meine Forschung mit jeder und jedem zu diskutieren - um Antworten (möglichst) verständlich zu formulieren und neue Fragen zu entwickeln.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Die interessanteste externe/zusätzliche Aufgabe/Tätigkeit ist momentan mein Leben als Vater einer knapp einjährigen Tochter.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
24 Stunden mit meiner Familie: Sonne, entspannt und gut essen, Park, Spielplatz, Hängematte, Lesen, einfach ungeplant treiben lassen. 


Bitte begrüßt Michael ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, July 8, 2018

Die Partikel-Detektivin - Kathrin Göbel ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Kathrin Göbel (@5ternguckerin) vorzustellen! Kathrin Göbel studierte Maschinenbau, bevor sie ihre Begeisterung für Physik entdeckte. Seit 2011 forscht sie auf dem Gebiet der „Nuklearen Astrophysik“ an der Frankfurter Goethe-Universität und an den Beschleunigeranlagen GSI/FAIR in Darmstadt und CERN in Genf. Ihre akademische Reputation trug ihr im Sommer 2016 eine hohe Ehre ein: Sie gehörte zu den auserwählten Jungwissenschaftlern, die am Nobelpreisträger-Treffen in Lindau am Bodensee teilnehmen durften.
Zugleich gilt ihre Leidenschaft der Wissensvermittlung: „Ich möchte“, sagt sie, „die Menschen über Forschung und ihre Ergebnisse informieren, sie neugierig machen und begeistern.“ Zahlreiche Vorträge, u.a. im Physikalischen Verein, in Schulen, auf dem Hessentag und bei der Kindervorlesung der Bürgerstiftung Darmstadt, führten Kathrin Göbel zur Premiere der Veranstaltungsreihe „Wissenschaft Rhein-Main“ im Herbst 2016 in die Hessischen Landesvertretung, Berlin, auf Einladung von Staatsministerin Lucia Puttrich.


Hier ist Kathrin in ihren eigenen Worten...

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Durch Zufall und Begegnungen mit interessanten Person.
Nach dem Abi habe ich angefangen, an der FH Frankfurt Maschinenbau zu studieren, mit der Idee, nachher im Bühnenbau zu arbeiten. So richtig interessant fand ich Maschinenelemente, Festigkeitsrechnungen etc. aber dann doch nicht. Aber die Physik-Vorlesung war spannend! Also habe ich einen Abi-Kollegen besucht, der an der Uni Frankfurt schon Physik studiert hat. Und das gefiel mir sofort. Dann habe ich den Betreuer meiner Bachelor- und Masterarbeit als Tutor in der Experimentalphysik kennen gelernt und ein Projekt an der GSI in Darmstadt bearbeitet. In dieser Zeit habe ich Teilchendetektoren optimiert. Danach war ich etwas ratlos, wo ich promovieren könnte. Ein Bekannter hat mir die Gruppe "Experimentelle Astrophysik" empfohlen. Die Gruppe war recht neu und ich kannte ein paar Leute dort. Schließlich habe ich dort meine Doktorarbeit gemacht und bin bis heute in der Arbeitsgruppe. 

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Die Menschen in der Arbeitsgruppe und im Arbeitsfeld halten mich dort!
Deswegen an alle da draußen: sucht euch nicht das Forschungsthema, sondern die Forschungsgruppe aus.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
In der nuklearen Astrophysik erforschen wir die Entstehung der Elemente von Wasserstoff bis Blei und Uran. Wir machen Experimente an Beschleunigeranlagen, um Sterne, Sternexplosionen und -verschmelzungen besser zu verstehen. Wir wollen z.B. wissen, wie wahrscheinlich verschiedenste Reaktionen von Atomkernen miteinander sind oder wie die Struktur von Atomkernen aussieht. Diese Informationen bauen wir dann in Computersimulationen von Sternen ein, um herauszufinden, welcher Stern wie viel von welchem Element produziert.

Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich: ich designe und baue Teilchendetektoren, führe Experimente durch und analysiere die Daten, mache Computersimulationen, entwickle Projekte, schreibe Anträge und betreue Studierende und Promovierende bei Ihren Arbeiten.


Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Wir alle bestehen aus einer Vielzahl von Elementen: Unser Körper enthält etwa 65% Wasser, also Wasserstoff und Sauerstoff, Kohlenstoff in vielen Verbindungen, z.B. im Zucker, sowie zahlreiche Spurenelemente wie Eisen, Iod, Fluor und Zink. Doch wo kommen all diese Elemente her? Unsere Einzelteile waren schon in einigen Dutzend Sternen und haben sich zwischendurch mit den Resten anderer Sterne vermischt, bis aus einer Gas- und Staubwolke unser Sonnensystem und schließlich wir entstanden sind. Aber es gibt noch viele offene Fragen und mit jedem Experiment verstehen wir mehr Details vom großen Bild.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
An der Uni Frankfurt habe ich noch ein paar zusätzliche Aufgaben: Zum einen vermittele ich Wissen als Lehrende am Fachbereich Physik, und für das Projekt "Brückenschlagen" gehe ich an Wissenschaftstagen in Schulen im Frankfurter Raum, um mein Forschungsgebiet vorzustellen. Zum anderen bin ich im Gleichstellungsrat des Fachbereichs, für den ich z.B. Veranstaltungen organisiere und Einstellungs-/Berufungsverfahren begleite.

Im Moment noch als Hobby bin ich Teil der Wissenschaftskommunikatoren "science birds". Wir wollen mit Experimenten, Shows und Vorträgen für Wissenschaft begeistern.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich bin seit fast 10 Jahren im Physikalischen Verein aktiv. Ich halte Vorträge, organisiere kleine und große Veranstaltungen und informiere bei Himmelsbeobachtungen.

Außerdem bin ich leidenschaftliche Handwerkerin, tapeziere, streiche, verlege Böden, mache Installationsarbeiten, ...  Da ich kein eigenes Haus habe, muss ich das allerdings immer bei anderen machen :)

Nicht zuletzt mag ich Hunde und verbringe gerne Zeit beim Spielen oder Üben. Leider habe ich keine Zeit für einen eigenen Hund, aber meine Eltern besitzen einen kleinen Mischling.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Mein idealer freier Tag ist ruhig und beginnt mit Ausschlafen und einem Frühstück auf der Terrasse.
Im Sommer gehe ich gerne im Hofladen etwas Leckeres einkaufen und grille das in kleiner Runde mit lieben Menschen.
Wenn das Wetter schlecht ist, entspanne ich gerne in Therme und Sauna bei interessanten Gesprächen.

Bitte begrüßt Kathrin ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, July 1, 2018

Statistik ist fantastisch - Heidi Seibold ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Heidi Seibold (@HeidiBaya) vorzustellen! Heidi hat an der Universität Zürich über statistische Methoden für personalisierte Medizin promoviert und arbeitet nun am Institut für Medizinische Informationsverarbeitung Biometrie und Epidemiologie der LMU München. Dort beschäftigt sie sich unter anderem mit Daten von MS Patienten und versucht herauszufinden welche Medikamente für welche Patienten funktionieren. Heidi ist im Kernteam der Onlineplatform OpenML, bei der es um kollaboratives maschinelles Lernen geht, kümmert sich um Reproduzierbarkeitschecks beim Journal of Statistical Software und engagiert sich allgemein für offene und reproduzierbare Wissenschaft.

Hier ist Heidi in ihren eigenen Worten...

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich habe Statistik studiert, weil ich immer gut in Mathe war und Wissenschaftlerin werden wollte. Warum ich Wissenschaftlerin werden wollte, weiß ich eigentlich gar nicht mehr so genau. Ich glaube, es war einfach das coolste, was es außer Musiktherapie (da habe ich die Aufnahmeprüfung nicht geschaft) noch so gab 😉

Ich habe im Bachelor und Master angefangen, an wissenschaftlichen Projekten mitzuarbeiten und das hat mir so viel Spaß gemacht, dass für mich klar war, dass ich promovieren will. Dann habe ich auch noch meine Wunschstelle an der UZH bei Torsten Hothorn bekommen und jetzt bin ich seit April Postdoc an der LMU und kann mir gar nicht vorstellen etwas anderes zu machen, weil ich meine Arbeit so gerne mache.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Statistik ist wichtig in allen Feldern, in denen Daten erhoben werden. Das fand und finde ich superspannend. Zum Beispiel kann man die statistischen Methoden, die ich für einen medizinischen Kontext entwickle auch in den Wirtschaftswissenschaften gebrauchen. Dadurch lernt man immer mal wieder über andere Felder und darf überall mal reinschnuppern. Zum Beispiel habe ich während dem Studium mit Bewegungsdaten von Luchsen und Rehen gearbeitet und über die Politik im Nationalpark gelernt, aber auch Software zur Unterstützung der Suche nach Blindgängern aus dem zweiten Weltkrieg geschrieben.

Außerdem ist Statistik auch ein Fach in dem es noch viel zu tun gibt, weil durch leistungsfähige Rechner viele statistische Methoden oder Methoden des maschinellen Lernens erst seit relativ kurzer Zeit realisitsch geworden sind.

Viele Leute denken, Statistik sei ein sehr trockenes Fach. Ich finde das überhaupt nicht. Die Arbeit ist eigentlich immer interdiszipliär und die Probleme in der Regel spannend und knifflig. Ich schreibe auch gerne Software. Es hat etwas sehr befriedigendes, wenn andere Leute die Software dann nutzen und meine Methoden zitieren.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Sehr gerne: Ich arbeite an statistischen Methoden, mit denen man herausfinden kann, ob unterschiedliche Patienten unterschiedlich auf Medikamente oder Therapien reagieren und wenn ja, welche Patientencharakteristika einen Einfluss auf den Behandlungseffekt dieser Medikamente haben. Wenn zum Beispiel eine Therapie nur bei jüngeren Patienten funktioniert, will man das wissen, um die älteren Patienten nicht unnötig zu behandeln. Diese Dinge herauszufinden ist aber nicht ganz einfach und man braucht gut durchdachte Methoden dafür und natürlich auch Software mit der man diese Sachen rechnen kann. Wir implementieren unsere Methoden immer in R. So sind sie für alle frei verfügbar und nutzbar.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Niemand von uns möchte krank sein und Medikamente bekommen, die gar nicht für uns funktionieren sondern nur für die meisten Patienten. Bei manchen Krankheiten probieren Ärzte einfach verschiedene Medikamente durch und bleiben dann bei dem, das bei dem Patienten anschlägt. Ich hoffe, dass unsere Methoden hier Verbesserung bringen.

Ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit ist mein Engagement im Bereich Open Science. Ich erhoffe mir, dass wir es schaffen, die Ergebnisse aus Forschung für alle Zugänglich zu machen, die Kosten der Wissenschaft zu verringern, die Geschwindigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts zu erhöhen und die Möglichkeit zur Teilnahme an Forschung für mehr Menschen zu schaffen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Da gibt es einiges 😊

Ich arbeite für das Journal of Statistical Software, ein Open-Access-Journal das auch für Autoren kostenlos ist und in dem es inhaltlich um Software für statistische Analysen geht. Dort kümmere ich mich um die Überprüfung der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse in den Artikeln und um die Endredaktion.

Ich bin für OpenML aktiv. Das ist eine Onlineplatform, auf der man offene Daten, Fragestellungen zu diesen Daten, Algorithmen und Vorhersagemodelle verknüpfen kann. Man kann zum Beispiel einen Datensatz hochladen und eine Fragestellung erstellen (z.B. Kann ich die Verspätung von Bussen in Zürich vorhersagen?). Andere laden die Daten und die Fragestellung herunter und versuchen die Verspätung der Busse möglichst gut vorherzusagen. Am Ende laden sie die Modelle und Ergebnisse auf die Platform und können ihre Lösung mit anderen vergleichen.

Ich engagiere mich ganz allgemein im Bereich Open Science. Zum Beispiel gehe ich auf Workshops und berichte dort von meinen Erfahrungen und Tipps für offenere und reproduzierbare Wissenschaft. Vor kurzem war ich auch auf dem Open Science Trainer Bootcamp von FOSTER. Ganz aktuell kann ich die Summer School on Reproducibility in Computational Sciences im September empfehlen. Da wird es eine Menge cooler Vorträge und Tutorien geben. Bewerbungsschluss ist der 16.7. An der LMU gibt es jetzt auch das Open Science Center, bei dem ich Mitglied bin.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Radln und Skifahren sind die schönsten Sachen auf der ganzen Welt. Jetzt gerade bin ich noch dabei mich auf meinen ersten Triathlon am 1. Juli vorzubereiten. Wenn das hier veröffentlicht wird, ist er schon vorbei und ich werde hoffentlich gut durchs Ziel gekommen sein.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ich habe eine Antwort für den Sommer und eine für den Winter:

Sommer: Radfahren oder Wandern und danach Grillen im Schrebergarten.
Winter: Skifahren und danach zum Apres Ski. Natürlich mit Schlager 😊

Bitte begrüßt Heidi ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, June 24, 2018

Bewegt euch! Michael Berger ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unseren neuen Kurator Michael Berger (@__MichaB__) vorzustellen! Michael ist Neurowissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen und hat dort im letzten Jahr seine Promotion beendet. Dabei untersucht er, wie wir Armbewegungen gleichzeitig mit anderen Körperbewegungen kontrollieren. Außerdem betreibt er noch ein wenig Wissenschaftskommunikation mit der Organisation des "March for Science Göttingen", bei Pro-Test Deutschland und der Göttinger Studentenzeitschrift "GGNB-Times".

Hier ist Michael in seinen eigenen Worten...

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich hatte schon immer ein technisch, naturwissenschaftliches und mathematisches Grundinteresse. Insbesondere hat mich die mathematische Herangehensweise fasziniert. Wir können die Natur beschreiben, diese Beschreibung mit mathematischen Mitteln umändern und dann Gesetze erhalten,
die wirklich wieder die reale Natur widerspiegeln. Eigentlich verrückt, wenn man bedenkt, dass die Mathematik auch nur ein von Menschen erdachtes Gedankenkonstrukt ist. Diese Faszination hat mich zunächst ins Physik-Studium getrieben. Bei der Wahl meines Schwerpunktes habe ich mich für theoretische Neurowissenschaften („Gehirnforschung“) entschieden. Nein, das ist nicht unüblich, Physiker sind häufiger in den Neurowissenschaften vertreten, als man denkt. Leider ist das Gehirn weniger gut verstanden als die Physik und somit sind die theoretischen Beschreibungen auch eher „messy“ im Vergleich zur Physik. Jegliche Theorie benötigt erst einmal eine solide Datenlage und so war meine Schlussfolgerung, dass ich experimentelle Erfahrungen sammeln sollte. Seit Ende 2012 bin ich nun in der Forschungsgruppe Sensomotorik, geleitet von Alexander Gail, am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Dort habe ich im letzten Jahr meine Promotion beendet.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Naja, grundsätzlich wollte ich ja „das Gehirn verstehen“. Das ist eine Phrase, die jeder sagt, der etwas mit Gehirn oder Nervenzellen zu tun hat, egal ob Psychologe, Mikrobiologe oder Informatiker. Da ich einen eher mathematisch-technischen Hintergrund habe, bin ich in den „Systemischen Neurowissenschaften“ gelandet. Das bedeutet, ich interessiere mich eher für abstraktere Beschreibungen des Systems „Gehirn“ als den biologischen Details.

Zudem ist es faszinierend, dass sich komplizierte kognitive Prozesse, schon in einfachen Bewegungen widerspiegeln. Da ja Fußball-WM ist, nehme ich als Beispiel einen Elfmeterschützen: Eigentlich muss der nur einmal gegen den Ball treten. Aber um auch ein Tor zu erzielen, muss der Schütze im Laufen seinen Schuss planen, den Fuß koordinieren, die Ballposition beachten, die Torwartposition beachten, die Torwartbewegungen antizipieren, und und und… Der Forschungsbereich „Sensomotorik“ beschäftigt sich damit, wie das Gehirn Sinnesreizen verarbeitet, um daraufhin eine Bewegung auszuführen. In dem wir einfache Bewegungsabläufe und die dazu gehörige Gehirnaktivität studieren, können wir also verschiedene kognitive Prozesse im Gehirn untersuchen. Das fand ich spannend.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Wie gesagt, wir untersuchen, wie das Gehirn sensorische Informationen verarbeitet, um eine Bewegung zu planen und auszuführen. Jetzt zeigt das Beispiel des Elfmeterschützens, dass viele Prozesse gleichzeitig ablaufen. Das macht es nahezu unmöglich gemessenen Daten zum richtigen Prozess zuzuordnen. Das heißt, wir benötigen streng kontrollierte Laborbedingungen mit sehr einfachen und minimalen Bewegungen. Üblicherweise werden bei uns, und ähnlichen Laboren, Armbewegungen in abgedunkelten Räumen untersucht. Probanden erhalten nur die nötigen Sinnesreize und müssen ganz bestimmte Bewegungen ausführen. Das ermöglicht es, Verhaltensprozesse zu isolieren und zu studieren. Der Nachteil ist allerdings, dass wir es damit schwer haben, das große Ganze im Gehirn zu verstehen. Das Gehirn ist schließlich so effektiv, da es viele Prozesse parallel ausführt und nicht nacheinander wie ein Computer.
Während wir in den letzten Jahren einiges Wissen angehäuft haben, wie das Gehirn Armbewegungen kontrolliert, beschränkt sich das fast ausschließlich auf Armbewegungen im Sitzen. Wir haben so gut wie keine Ahnung, wie das Gehirn Armbewegungen im Laufen plant und kontrolliert. Laufen und gleichzeitig nach etwas Greifen, oder am Kopf kratzen ist ja nicht gerade etwas, was wir selten machen. Da das allerdings kaum erforscht ist, musste ich zunächst komplett neue Experimentierumgebungen entwickeln. Tatsächlich bestand ein großer Teil meiner Doktorarbeit aus Löten, Schaltkreise designen, 3D-drucken, Kontrollsoftware programmieren und alles zusammenzuschrauben.

Um Laufen und Greifen zu untersuchen, habe ich zwei experimentelle Umgebungen entwickelt. Eine für menschliche Probanden. Ich habe da untersucht, wie Menschen Vibrationsreize an der Hand gleichzeitig mit Lichtreizen an einem Objekt wahrnehmen, während sie mit der Hand zu diesem Objekt hinlaufen und danach greifen. Wie das Gehirn Sehsinn und Tastsinn miteinander abwägt, hängt damit zusammen, wie weit das Objekt entfernt ist und ob Bewegungen geplant sind. Da die Reize und der Abstand des Objektes von mir kontrolliert werden, kann ich Rückschlüsse auf die Bewegungsplanung machen.

Gleichzeitig möchte ich aber auch „sehen“ was im Gehirn vorgeht. Das Gehirn selber ist ein Netzwerk aus vielen Milliarden Nervenzellen. Um Rückschlüsse auf einzelne Gehirnregionen zu machen, müssen wir auch die Aktivität einzelner Nervenzellen betrachten. Das geht leider nur invasiv und in der Regel (von sehr speziellen Umständen abgesehen) nicht im Menschen. Daher sind Tierversuche notwendig. Da zielgerichtete Armbewegungen eine Spezialität von Primaten sind, arbeiten wir hier mit Rhesus Affen. Ich habe eine experimentelle Umgebung entwickelt, in der ich Affen mit Belohnungen darauf trainiert habe, von einer festgelegten Stelle im Käfig zu einem Objekt zu laufen und nach dem Objekt zu greifen. Dabei habe ich ein System, mit dem ich die Aktivität einzelner Nervenzellen im Gehirn des Affen vor und während der Bewegung messen kann.

Tierversuche bedeuten eine besondere Verantwortung. Ethisch und rechtlich gibt es klare Prinzipien Richtlinien. Unter anderem haben wir die Verantwortung den Tieren eine möglichst angenehme Umgebung zu liefern. In unserer Abteilung haben wir daher eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich ausschließlich damit beschäftigt, das Wohlergehen der Tiere zu quantifizieren und zu verbessern. Im Zuge dieser Gruppe habe ich daran gearbeitet das Tiertraining zu automatisieren, in dem sich die Schwierigkeit der Aufgabe automatisch an das Können des Tieres anpasst. Das fordert die Tiere aber überfordert sie nicht. Gleichzeitig haben wir ein System entwickelt, dass Teile des Trainings nicht in der experimentellen Umgebung, sondern in der vertrauten Heimatumgebung durchgeführt werden können.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Darauf habe ich eine eher generelle und eine eher speziellere Antwort.

Generell, denke ich, dass ein großes Interesse der Öffentlichkeit an der Funktionsweise des Gehirns besteht. So ein Ding hat ja auch jeder von uns im Kopf. Die Schwierigkeit ist es, dass es unglaublich viele verschiedene Forschungsrichtungen innerhalb der Neurowissenschaften gibt. Jede Einzelne hat ihre Daseinsberechtigung aber auch ihre Grenzen. Möchten man also mehr über das Gehirn erfahren, macht es Sinn, vielen verschiedenen Neurowissenschaftlern zuzuhören. Das bedeutet allerdings auch, wenn jemand daherkommt und sagt: „Ich erzähle dir jetzt die ganze Wahrheit wie das Gehirn funktioniert.“, dann darf man ruhig skeptisch sein, ob das so stimmt.

Im Speziellen wollte ich mit meiner Forschung auch einer konkreten Anwendung zuarbeiten: der Gehirn-Maschine-Schnittstelle. Gehirn-Maschine-Schnittstellen haben z. B. das Potenzial das Querschnittsgelähmte oder Patienten mit amputierten Gliedmaßen wieder Bewegungen durch Roboterprothesen zurückerlangen. Das klingt jetzt sehr nach Science-Fiction (ist es auch ein Stück weit noch), aber mittlerweile gibt es schon die ersten Firmen, die direkt an Anwendungen arbeiten.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich gehöre zum Organisationsteam des „March for Science Göttingen“. Wir sind eine recht engagierte und heterogene Gruppe und da Göttingen eine Wissenschaftsstadt ist, erhalten wir viel Unterstützung von Stadt, Uni und Forschungsinstituten. So macht Wissenschaftskommunikation besonders Spaß.

Während meiner Promotion habe ich die Zeitschrift „GGNB-Times“ mit aufgebaut. Das ist die offizielle Zeitschrift der Graduiertenschule „GGNB“ von und für Studenten.

Außerdem bin ich noch bei Pro-Test Deutschland (@ProTestDE) tätig. Das ist eine unabhängige Gruppe aus jungen Wissenschaftlern, wissenschaftlichem Personal und Studenten, die eine offene und objektive Debatte über Tierversuche voranbringen möchten. Viele der Mitglieder machen oder haben Zugang zu Tierversuchen und nutzen ProTest als Plattform, um über die eigenen Ansichten aus erster Hand berichten zu können. Gleichzeitig versuchen wir wissenschaftliche Institutionen zu motivieren, offenen über die eigenen Experimente zu reden, um die Diskussion auf Tatsachen und nicht auf Mythen zu konzentrieren.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Seit vielen vielen Jahren fechte ich, Säbel um genau zu sein. (Sportfechten, kein „Studentenfechten“! Das ist ein großer Unterschied.) Früher habe ich noch regelmäßiger im Verein gefochten und war auch bei ein paar Deutschen Meisterschaften dabei. Mittlerweile bin ich eher unregelmäßig im Studentensport in Göttingen aktiv.

Für ein halbes Jahr habe ich in Göttingen am „Theater im OP“ (@Theater_im_OP) als Schauspieler mitgemacht. Ich hätte gerne noch mehr gemacht, aber Theater ist zeitaufwendig und es kamen so Kleinigkeiten wie „Doktorarbeit-Schreiben“ dazwischen…

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Gegen halb acht aufstehen, damit ich um neun Uhr auf der Skipiste bin; bis vier Uhr Skifahren; ein gutes Abendessen kochen und den Abend gemütlich ausklingen lassen. Das Ganze mit meiner Freundin versteht sich. Da die Berge weit weg sind, kommt das leider nicht so häufig vor. Aber auch Tage ohne Skifahren können sehr schön sein 😊.

Bitte begrüßt Michael ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, June 17, 2018

Grabe aus und rede darüber - Manuela Weber ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Manuela Weber (@manulawe) vorstellen zu dürfen! Manuela hat an der Universität Bern Ur- und Frühgeschichte, Medienwissenschaft und Archäologie der Römischen Provinzen studiert und mit dem Lizentiat zu einem frühmittelalterlichen Gräberfeld abgeschlossen. Nach dem Studium arbeitete sie während eines Jahres auf einer Großgrabung in Zürich. Danach beschäftigte sie sich im nachfolgenden Forschungsprojekt während 3 Jahren mit jungsteinzeitlicher Keramik aus der sogenannten Horgener Kultur. Seit knapp 7 Jahren ist sie bei der Kantonsarchäologie Aargau tätig, in der archäologischen Sammlung und in der Öffentlichkeitsarbeit. 2015 absolvierte sie die Weiterbildung zur Wissenschaftsjournalistin an der Schweizer Journalistenschule MAZ. Seit Anfang 2018 leitet sie nun das Ressort Vermittlung, Öffentlichkeitsarbeit, Medien in der Kantonsarchäologie Aargau und beschäftigt sich tagtäglich damit, wie man wissenschaftliche Erkenntnisse an die Öffentlichkeit vermittelt.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Nach meinem Studium der Ur- und Frühgeschichte und der Medienwissenschaft bin ich als erstes auf einer archäologischen Ausgrabung gelandet. Das war 2010, eine spektakuläre Ausgrabung in Zürich direkt vor dem Opernhaus. Es galt, die Überreste einer Pfahlbausiedlung aus der Zeit von 3200 bis 2700 v. Chr. auszugraben und zu dokumentieren, bevor an diesem Platz eine Tiefgarage gebaut wurde. Auf der 9-monatigen Ausgrabung habe ich im sogenannten Fundlabor gearbeitet und dort die Fundobjekte gereinigt, bestimmt, in der Datenbank erfasst und sachgerecht verpackt. Nach der Ausgrabung habe ich aufgrund dieser Arbeitserfahrung direkt eine Anstellung gefunden bei der Kantonsarchäologie Aargau. Auch hier arbeitete ich mit Fundobjekten im Bereich archäologische Sammlung: ich inventarisierte die Funde der laufenden Ausgrabungen. Die Fundobjekte stammten aus allen Epochen: von der Steinzeit über die Bronzezeit und Römerzeit bis ins Mittelalter und die Neuzeit. Parallel zu dieser Teilzeittätigkeit erhielt ich dann die Möglichkeit, die jungsteinzeitliche Keramik der Ausgrabung in Zürich, wo ich dabei gewesen war, auszuwerten. Das war mein erstes großes Forschungsprojekt, in dem ich rund 3 Jahre arbeitete.
Neben der Forschung interessierte ich mich aber immer für die Vermittlung der Forschungsergebnisse an die Bevölkerung, sei es direkt im persönlichen Kontakt mit Führungen und Workshops, vor allem aber auch in der Kommunikation via verschiedene Kanäle. So absolvierte ich schließlich eine Weiterbildung zur Wissenschaftsjournalistin. Dies führte dann Anfang dieses Jahres dazu, dass ich mich ganz der Wissenschaftskommunikation verschrieb und in der Kantonsarchäologie Aargau die Leitung des Ressorts Vermittlung, Öffentlichkeitsarbeit, Medien übernahm. Hier forsche ich zwar nicht mehr im wissenschaftlichen Sinn, beschäftige mich aber natürlich intensiv mit Vermittlungsformaten und Kommunikationsformen.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Die Beschäftigung mit archäologischen Fundobjekten, hat mir immer gefallen. Die Vergangenheit bzw. deren Erforschung, die Archäologie an sich, übt einfach eine Faszination aus. Durch die Fundobjekte kommt man manchmal auch ganz nah an die Menschen aus dieser Vergangenheit heran, zum Beispiel wenn ich ihre Fingerabdrücke auf der 5000 Jahre alten Keramik entdeckte. Hühnerhautmoment, tatsächlich. Manchmal war diese Forschungstätigkeit aber auch eine einsame und versteckte Angelegenheit. Und ist es wirklich relevant für unsere Gesellschaft, ob ein Keramikgefäß nun eine Wanddicke von 15,5 mm oder 14,2 mm hat? Für die Keramikspezialistinnen natürlich schon, denn da liegen rund 200 Jahre Entwicklung dazwischen, und diese Erkenntnis ist wichtig. Aber für die Bevölkerung, die Menschen da draußen, ist nicht die Wanddicke der Keramik interessant, sondern wie die Menschen damals gelebt haben. Und diese Begeisterung der Menschen für die Vergangenheit spürt man! Deshalb widme ich mich nun auch dieser Aufgabe: das Wissen weiterzuvermitteln. Und dies nicht nur, weil es auch die gesetzliche Aufgabe der Kantonsarchäologie ist, sondern weil ich überzeugt bin, dass die Gesellschaft, letztendlich der Steuerzahler, der die Forschung auch bezahlt, ein Recht darauf hat, daran teilzuhaben. Und zum Schluss: es macht einfach Spaß!

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit ist äußerst vielseitig, ganz grob geht es aber um die Bereiche Vermittlung und Kommunikation. In der Vermittlung organisiere ich mit meinem kleinen Team zusammen Veranstaltungen der Kantonsarchäologie. Dieses Jahr gibt es beispielsweise vier große Erlebnistage in vier Regionen des Aargaus, die sogenannten Kulturerbe-Tage. Da gehen wir vor Ort zur Bevölkerung hin, in eine kleine Gemeinde und zeigen Ihnen ihr kulturelles Erbe. Also die Funde von Ausgrabungen, es gibt Führungen zu Baudenkmälern, wir veranstalten Workshops für Kinder und zeigen mit Demonstrationen, zum Beispiel einem experimentalarchäologischen Bronzeguss, wie die Dinge in der Vergangenheit funktioniert haben. Natürlich gibt es neben diesen Großevents auch regelmäßig Grabungsführungen, Vorträge, Buchvernissagen zu organisieren. Zum Bereich Vermittlung gehören auch Ausstellungen, aktuell beraten wir das Museum Aargau bei der Realisierung einer Archäologie-Ausstellung. Im Bereich Kommunikation pflege ich unsere Webseite und unseren Instagram-Kanal und ich verfasse Medienmitteilungen zu unseren neusten Entdeckungen oder Forschungsresultaten. Mein Team ist auch zuständig für die wissenschaftlichen Publikationen, das heißt unsere Zielgruppe sind auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, indem wir unsere Ausgrabungs- und Forschungsresultate publizieren, dies selbstverständlich open access. So beschäftige ich mich tatsächlich mit vielen verschiedenen Facetten der Archäologie und bleibe dadurch trotzdem, auch wenn ich nicht mehr aktiv forsche, auf dem Laufenden.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Die Öffentlichkeit hat sich schon immer für Archäologie interessiert! Aber oft schwirren da natürlich Klischees herum: Indiana Jones lässt grüßen. Wir, ich und mein Team, wollen genau diese Klischees aus dem Weg räumen. Die Öffentlichkeit soll also sehen, was wir Archäologen und Archäologinnen wirklich tun, und zwar authentisch. Dass wir nicht Schatzgräber sind, sondern nach wissenschaftlichen Standards arbeiten. Grundsätzlich ist die Öffentlichkeit ja schon sehr an Wissenschaft interessiert, und in der Archäologie sind in den letzten Jahren auch große Schritte gemacht worden, neue naturwissenschaftliche Methoden, zum Beispiel DNA-Analysen, oder neue Dokumentationsmethoden wie 3D-Modelle. Da ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Dadurch haben wir ein immer besseres Bild der Vergangenheit. Die Öffentlichkeit, also jedermann, aber auch die Gesellschaft als Ganzes, kann so plastisch erfahren, woher wir kommen und was unsere Geschichte ist.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Nebenamtlich engagiere ich mich noch in einem Verein, der Gesellschaft Pro Vindonissa. Hier bin ich Redaktorin des Jahresberichts, der jährlich erscheint. Er beinhaltet wissenschaftliche Artikel zur Archäologie, wir versuchen aber, diese verständlich und reich bebildert zu realisieren, sodass auch die Laienmitglieder des Vereins die Artikel (hoffentlich) lesen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
In meiner Freizeit, also in den Ferien, reise ich gerne. Einmal pro Jahr findet man mich auf einem Trekking, wo ich am liebsten möglichst einfach im Zelt in der Natur übernachte. Mein Arbeitsalltag ist oft recht turbulent, so dass ich diese Abgeschiedenheit und Einfachheit auf meinen Reisen liebe. Kein Handy, kein Internet, aber auch keine Dusche und kein Federbett.
Ansonsten geh ich gern ins Kino, lese gern und pflege meinen kleinen Garten. Unkrautjäten ist das beste Mittel gegen Alltagsstress!

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ausschlafen selbstverständlich. Ausgiebig frühstücken. Und dann schauen, was passiert.

Bitte begrüßt Manuela ganz herzlich bei Real Scientists DE!