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Sunday, February 23, 2020

Politikwissenschaft in freier Wildbahn - @wimipolis ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin @wimipolis vorstellen! Marlene ist in Berlin geboren und aufgewachsen und hat 2005 ihren Bachelor in Sozialwissenschaften/Rechtswissenschaft und Literaturwissenschaft an der Universität Erfurt gemacht. Ihre Schwerpunkte waren Geschlechtersoziologie, Öffentliches Recht und Anglistik/Amerikanistik. Danach hat sie vier Jahre für eine Bundestagsabgeordnete und zwei Jahre in einem Callcenter im technischen Endkundensupport gearbeitet, bevor sie 2012 wieder Vollzeit studieren gegangen ist und an der Universität Potsdam ihren Master in Militärgeschichte/Militärsoziologie gemacht hat. Dort waren ihre Schwerpunkte Frauen in den Streitkräften, US-Militärgeschichte ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts und Militär und Popkultur. Ihre Master-Arbeit hat sie über das Bild von fiktionalen Soldatinnen in Serien und Videospielen geschrieben. Seit Anfang 2019 arbeitet sie am Lehrstuhl für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München als Projektmitarbeiterin.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Über Umwege. Ich wollte eigentlich eher in Richtung Ministerium oder nachgeordnete Dienststellen, als Referentin. Das war eher nicht von Erfolg gekrönt. An meine jetzige Stelle bin ich gekommen, weil ich (mit einem anderen Account) den richtigen Tweet zur richtigen Zeit abgesetzt habe und die Stelle von meinem jetzigen Chef daraufhin angeboten bekommen habe.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Militär und Verteidigungs- bzw. Außen- und Sicherheitspolitik hat mich schon seit etwa der achten Klasse irgendwie immer interessiert. Ich war 2001 auch für sechs Monate Offiziersanwärterin, habe aber die Bundeswehr aus verschiedenen Gründen Ende 2001 wieder verlassen und zivil erst meinen Bachelor in Sozialwissenschaften/ Rechtswissenschaft und Literaturwissenschaft an der Uni Erfurt gemacht, sechs Jahre etwas ganz anderes gemacht und dann noch mal meinen Master in Militärgeschichte/Militärsoziologie an der Uni Potsdam. Militär und Außen- und Sicherheitspolitik haben mich dabei die ganze Zeit entweder im Studium oder durch privates Interesse begleitet, und ist immer noch das, was ich in allen Disziplinen, die ich mal irgendwie wissenschaftlich berührt habe, als mein Hauptinteresse sehe. Ich finde das das spannendste Politikfeld, Militär ist als Raum für die Soziologie unglaublich spannend, weil man dort Felder wie formelle und informelle Hierarchien, sozialen Aufstieg, Geschlechterkonflikte etc. sozusagen wie in einem ganz speziellen Biotop behandeln kann und auch literarisch finde ich das Thema Krieg und Militär nach wie vor sehr spannend. Selbst Wehrrecht ist super interessant!

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit ist weniger forschungsorientiert als angewandt. Sozusagen Politikwissenschaft ganz praktisch. Ich bin Teil einer Projektgruppe, die die Simulation "Politik & Internationale Sicherheit", die die Jugendoffiziere der Bundeswehr vorrangig mit Schüler*innen durchführen, zum Teil digitalisieren soll und bearbeite da die inhaltliche Weiterentwicklung, zusammen mit den Jugendoffizieren. Das klingt erstmal viel trockener und technischer, als es ist. In der Praxis heißt das, dass ich mir sowohl die Grundlagen ansehe, auf denen die Simulation beruht und mir anschaue, was da geändert und aktualisiert werden muss, als auch an einer Form des Wissensmanagements für die Jugendoffiziere und an neuen Szenarien, die in die Simulation eingespielt werden können, arbeite. Dazu bin ich tatsächlich ziemlich viel unterwegs, weil ich das, was ich mir in meinem Büro ausdenke, auch immer wieder in laufenden Simulationen ausprobieren muss und möchte. Ich habe am 1.3.2019 angefangen und habe seitdem sieben volle Pol&IS-Simulationen (immer zwischen drei und vier Tagen am Stück) mitgemacht und begleitet. Dazu kommen noch ein paar Tagungen und Besprechungen in der Dienststelle, die von Bundeswehr-Seite aus das Projekt managt. Insgesamt war ich im letzten Jahr vermutlich etwa zehnmal so viel unterwegs wie in den ganzen vier Jahren vorher, und habe, da mein Büro in München ist, ich aber für Simulationen meistens im Raum Berlin-Brandenburg unterwegs bin, vermutlich schon eine vierstellige Anzahl an Bahnkilometern geschrubbt.
Außerdem promoviere ich seit Sommer 2019 zur "Rolle und Funktion der Jugendoffiziere in der Bundeswehr und für die Bundeswehr" und bin gerade dabei, meine Forschungsfrage auszuarbeiten und meinen Forschungsplan aufzustellen. Ich sitze zwar nicht auf einer Promotionsstelle, aber das Thema ist so nah am Projektgegenstand dran, dass ich es trotzdem gerne erwähnen wollte.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Sicherheitspolitik geht uns alle an. Das ist ganz oft das Politikfeld, bei dem die meisten Leute abwinken, weil es ihnen zu weit weg von ihrem eigenen Leben vorkommt und oft dem Gefühl nach gar nichts mit ihnen zu tun hat. Empirisch gesehen hat zum Beispiel die Mehrheit der Deutschen eine durchaus positive Einstellung zur Bundeswehr, weiß aber eigentlich gar nicht so richtig, was die Soldat*innen und Zivilangestellten (so eine bin ich, zum Beispiel) wirklich machen. Das ist schon alleine deshalb problematisch, weil Soldat*innen der Bundeswehr in die meisten ihrer Einsätze nur mit Zustimmung des Parlaments gehen (sogenannter Parlamentsvorbehalt, wird immer dann "fällig", wenn es sich um bewaffnete Einsätze wie zum Beispiel in Mali oder Afghanistan handelt), mithin also wir alle als Wähler*innen zumindest mittelbar auch daran beteiligt sind, die Soldat*innen in Einsätze zu schicken, in denen sie potentiell Leib und Leben gefährden und auch schon verloren haben. Dazu kommt, dass die oft belächelte Kampagne der Marine über Handys und Bananen (die älteren erinnern sich vielleicht...) inhaltlich zwar etwas vereinfacht, aber im Großen und Ganzen korrekt war: wir leben in einer globalisierten Welt, und wir sind davon abhängig, dass zum Beispiel Seewege sicher sind und sich alle an die dort geltenden Regeln halten. Und Geflüchtete, die in Deutschland ankommen, kommen oft aus Ländern, in denen Konflikte herrschen, die uns vielleicht zunächst weit weg erscheinen, aber viel mehr mit uns zu tun haben, als viele von uns wissen. Und so weiter und so fort. Deswegen ist es wichtig, dass sich Bürger*innen eines Landes für dessen Außen- und Sicherheitspolitik interessieren, und die ganz konkrete Arbeit, die ich mache - eine Simulation dazu, wie Außen- und Sicherheitspolitik funktioniert weiterentwickeln - ist ein wirklich gutes Instrument der politischen Bildung, um schon Jugendlichen ein Interesse und ein paar Grundwerkzeuge an die Hand zu geben, um besser zu verstehen, wie Konflikte entstehen, wie man sie verhindern oder beilegen kann etc.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Leider keine, was unter anderem daran liegt, dass ich wie viele anderen Kolleg*innen einen zeitlich befristeten Vertrag habe und noch nicht weiß, wie es danach weitergeht. Das macht es schwierig, sich zum Beispiel in den akademischen Gremien oder in der Personalvertretung zu engagieren. Wenn man weiß, dass man unter Umständen nur die Hälfte einer Legislatur an einer Uni ist, dann will man eigentlich gar nicht erst kandidieren, denn wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig und höre nicht auf der Hälfte auf.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Zur Zeit leider "nur" Laufen (das aber regelmäßig zwei- bis dreimal in der Woche). Ich war auch lange begeisterte Fechterin, und es gibt hier an der UniBw auch eine aktive Fechtgruppe. Leider bin ich durch meine Dienstreisen aber zu oft weg, dass es sich lohnen würde, meine Ausrüstung aus Berlin (da komme ich ursprünglich her) nach München zu bringen und dann hier zu trainieren. Ich bin außerdem seit 20 Jahren mehr oder weniger aktive Fanfiction-Autorin, muss das aber momentan wegen des Jobs - der schon sehr viel kreative Energie braucht und bindet, die ich sonst in meine Geschichten stecke - hinten anstellen. Aber ich arbeite daran, das wieder zu ändern!

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ich darf ausschlafen (kann auch gut mal bis 11 oder 12 Uhr sein *nachteule), werde nicht von einem Wecker geweckt und darf sehr langsam und gemächlich in den Tag starten. Ich habe keine Termine (auch keine privaten) und niemand stört sich daran, dass ich bei Netflix oder mit den Sims vor meinem Rechner versumpfe und erst abends wieder auftauche. Außerdem koche ich irgendwas richtig gutes und vielleicht sogar etwas aufwendigeres und kann das ganz für mich alleine genießen. Ja, ich bin im Herzen eine Einsiedlerin ;)

(besonders wichtig ist das, wenn ich in der Woche auf einem Pol&IS war. Es macht wahnsinnig viel Spaß und es ist toll zu sehen, wie engagiert die Schüler*innen zum Teil richtig komplexe Problemstellungen lösen und wie sie aus ihren Fehlern lernen und am Ende wirklich daran gewachsen sind. Aber es sind auch immer drei oder vier zum Teil sehr lange Arbeitstage (bis 1 oder 2 Uhr nachts noch aufbleiben und arbeiten ist nicht sonderlich ungewöhnlich, je nachdem, was das für eine Gruppe ist und was die Simulationsleitung bzw. -unterstützung noch für den nächsten Tag vorbereiten muss), die dem Sozial-Akku eines introverts ziemlich zusetzen, und es ist mir einfach aus Gründen der Selbstfürsorge und um nicht auszubrennen wichtig, mir selbst die Zeit und die Möglichkeit zu geben, mich für ein oder zwei Tage zum Aufladen meines Akkus mal ein bisschen zurückzuziehen. Das hilft ungemein, um den Job auch über Monate hinweg noch mit demselben Enthusiasmus und Engagement zu machen.)

Bitte begrüßt Marlene ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, October 14, 2018

Wie man ein Jahrhundert wendet - Anette Schlimm ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Anette Schlimm (@AnetteSchlimm) vorstellen! Anette arbeitet als Akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der LMU München. Dort stellt sie gerade ihre Habilitationsschrift mit dem Titel „Übergangsgesellschaften. Politik und Regierung im ländlichen Raum, 1850 bis 1950“ fertig. Sie wurde an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit einer Untersuchung über Verkehrsexperten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Großbritannien promoviert, vorher studierte sie erst Sozialwissenschaften auf Diplom, dann Geschichte und Politikwissenschaft auf Magister in Oldenburg und Huddinge (Schweden). Besonders interessiert sie sich für die Geschichte des ländlichen Raums in Europa, für die Geschichte von Herrschaftspraktiken und für die Theorie der Geschichte.


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Tja, das ist eine längere Geschichte - wo soll ich anfangen? Als ich mit dem Studium begann, war ich der festen Überzeugung, dass ich den gewählten Diplomstudiengang so schnell wie möglich durchziehen würde, um der Uni wieder den Rücken zu kehren. Einen Fachwechsel und einige Semester später stellte ich fest, dass das, was ich an der Uni tun konnte, mir wirklich sehr viel Spaß machte. In selbst organisierten studentischen Lesekreisen, "Intellektuellen Wochen" und studentischen Tagungen fand ich ein wirklich schönes, aber auch zeitraubendes Hobby - und das konnte ich mit viel Glück (Stellen fallen in den Geisteswissenschaften nicht vom Himmel) zum Beruf machen. Ich hoffe, dass das so bleibt, denn, nunja, unbefristete Stellen fallen in den Geisteswissenschaften noch viel seltener vom Himmel.



Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich bin eine Historikerin mit einem Schwerpunkt in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Besonders interessiert mich die "erweiterte" Wende zum 20. Jahrhundert - sprich: die Zeit ca. zwischen 1880 und 1930. Diese Zeit finde ich deshalb so faszinierend, weil sie auf den ersten Blick noch recht nah an unserer eigenen Lebenswelt ist, denn viele Aspekte unserer Gegenwart haben ihre "Geburststunde" in dieser Zeit der Jahrhundertwende. Schaut man aber genauer hin, vergräbt sich in Quellenmaterial, dann wird mir diese Zeit schnell sehr fremd - und das ist das Faszinierende daran!


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit besteht ungefähr zur Hälfte aus eigener Forschung - im Moment ist das fast ausschließlich meine Habilitationsschrift, die ich im nächsten Sommer einreichen muss, d.h. ich bin mit der Niederschrift meines Buches über die Regierung ländlicher Gesellschaften zwischen 1850 und 1950 beschäftigt. Die andere Hälfte ist sehr abwechslungsreich; in meiner Kuratorinnen-Woche beginnt das Wintersemester und damit auch meine beiden Kurse, die ich unterrichte. Außerdem gibt es Vorträge, die ich halte, Workshops, die ich besuche, allerlei Verwaltungskram an der Uni, ich schreibe an mehreren Rezensionen gleichzeitig und habe auch noch das eine oder andere Schreibprojekt am Start. Insgesamt also: ein bunter Blumenstrauß!



Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Zum einen weiß ich, dass viele Leute keine Vorstellung davon haben, was man an der Universität alles tut und macht. Nach außen wird nur sichtbar: Ach, die unterrichtet zwei Lehrveranstaltungen. Und was macht sie die restliche Zeit? Schlafen? Die Vielfalt des Arbeitsfeldes Universität, das will ich zeigen (und auch Verständnis UND Begeisterung dafür wecken). Zum anderen will ich natürlich über meine Forschungen berichten, über Politik und Regierung in ländlichen Räumen im 19. und 20. Jahrhundert. Das ist ein wenig bekanntes Thema, aber ein sehr spannendes!



Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Neben meiner Tätigkeit an der Uni betreibe ich - mit mal mehr, mal weniger zeitlichem Aufwand - ein Blog zu meinem Habilitationsprojekt. Weitere zusätzliche Tätigkeiten fallen mir gerade gar nicht ein - aber ich finde, die Vielfalt reicht auch wirklich schon!



Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Mein Hobby ist (im Moment) vor allem meine Familie - mein Mann und mein kleiner Sohn. 



Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Mein idealer freier Tag beginnt mit einem Frühstück in Ruhe (viel Kaffee!), danach scheint hoffentlich die Sonne und wir machen uns auf nach draußen, machen eine Fahrradtour oder eine Wanderung. Nachmittags gibt es selbstverständlich Kuchen (und Kaffee!). Abends kochen wir etwas, und wenn unser Sohn im Bett ist, spielen wir noch etwas an der Konsole - ich bin bekennender Fan (und sehr schlechte Fahrerin) von SuperMarioKart.


Bitte begrüßt Anette ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, September 2, 2018

Das soziale Netzwerk - Lisa Hehnke ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Lisa Hehnke (@DataPlanes) vorzustellen! Lisa arbeitet derzeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Arbeitsgruppe für Quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung der Uni Bielefeld. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Computational Social Science, d. h. der Schnittstelle zwischen Informatik und den Sozialwissenschaften. Hier interessiert sich Lisa insbesondere für die Erhebung und Auswertung von webbasierten Daten sowie für Netzwerke und räumliche Analysen. Inhaltlich beschäftigt sie sich derzeit vor allem mit aktuellen Fragen der Wissenschaftsforschung und den Anwendungsmöglichkeiten von computergestützten Analyseverfahren auf interdisziplinäre gesellschaftliche Herausforderungen.

Hier ist Lisa in ihren eigenen Worten...

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Zu dieser Frage stehen zwei alternative Antworten zur Auswahl:
1. Vorherbestimmung. Um mal mein latent stereotypes kindliches Ich zu zitieren: „Ich denke, man kann gar nicht beurteilen, welches das beste Pony ist! Das ginge höchstens, wenn jemand schon alle geritten wäre, sonst mag man ja automatisch die Ponys, die man selbst geritten ist.“
2. Zufall. Eine damalige Kommilitonin hatte sich auf zwei ausgeschriebene Hilfskraftstellen an einem Lehrstuhl beworben und ich habe mich ihr kurzerhand angeschlossen. Letztlich habe leider nur ich eine Stelle dort angeboten bekommen, wofür mich das schlechte Gewissen noch heute plagt. Danach folgten einige Fach- und Uniwechsel und so bin ich über etwas verschlungene Wege an der Uni Bielefeld gelandet.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Diese Frage zu beantworten ist tatsächlich eine gewisse Herausforderung für mich, da ich teilweise selbst nicht exakt definieren kann, was mein „aktuelles Feld“ eigentlich ist. Wenn ich meine Forschungsinteressen stärker konkretisieren müsste, würde ich sie auf zwei (Teil-)Disziplinen herunterbrechen: Computational Social Science und Wissenschaftsforschung.
An Computational Social Science begeistert mich, dass dort klassische sozialwissenschaftliche Fragestellungen aufgegriffen und mit computergestützten Methoden analysiert werden, wodurch eine neue Perspektive auf Bewährtes eingenommen wird. Darüber hinaus ist der Bereich für mein Empfinden noch nicht so stark ausdifferenziert wie traditionellere Forschungsfelder, wodurch interdisziplinäres Arbeiten mit einem realen gesellschaftlichen Mehrwert ermöglicht wird.
Mein Interesse an der Wissenschaftsforschung hingegen ist eher persönlicher Natur, da ich mich hier vor allem mit geschlechterbezogener Diskriminierung und Open Science beschäftige. Beides sind Themen, die mich als Wissenschaftlerin direkt betreffen und mit denen ich in der Vergangenheit bereits selbst negative Erfahrungen gemacht habe. Hieraus entstand bei mir der Wunsch, einen eigenen Beitrag zu leisten, um konstruktiv mit Gender Bias und der Replikationskrise, die leider auch die Sozialwissenschaften verstärkt erreicht hat, umzugehen und auf diese Weise nachhaltige Veränderungen an den derzeitigen Wissenschaftsstrukturen anzustoßen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine alltägliche Arbeit ist für eine Sozialwissenschaftlerin vermutlich ungewöhnlich divers und interdisziplinär. Derzeit arbeite ich unter anderem an Projekten zu der Rezeption von US-amerikanischen Amokläufen auf YouTube, geschlechterbezogener Diskriminierung in der Wissenschaft, Open Science oder Stereotypen und Rassismus in sozialen Netzwerken. Ein verbindendes Element weisen jedoch (fast) alle genannten Projekte auf: Die verwendeten computergestützten Analyseverfahren, die von Netzwerkanalysen über Verfahren des Text Mining bis hin zu bibliometrischen Analysen von wissenschaftlichen Publikationen reichen.
Hinzu kommen bei mir noch die Lehre und Betreuung von Studierenden. Dieser Teil der Arbeit macht mir mitunter am meisten Spaß, da man eigenes Wissen und eigene Erfahrungen an die nächste Generation von potentiellen Wissenschaftler*innen weitergeben und gleichzeitig selbst von ihnen lernen kann.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Das ist eine Frage, die man als Sozialwissenschaftler*in tatsächlich häufiger gestellt bekommt. Mit Blick auf meine eigenen Forschungsgebiete würde ich sagen: Weil gesellschaftliche Herausforderungen wie Diskriminierung und Rassismus uns alle etwas angehen! Sozialwissenschaftliche Forschung zu diesen und ähnlichen Themen kann, sofern die Ergebnisse für ein breiteres Publikum verständlich aufbereitet und richtig kommuniziert werden, einen wichtigen Beitrag leisten, um neben dem wissenschaftlichen auch einen gesellschaftlichen Impact zu haben. Hierfür ist es jedoch auch wichtig, dass man sich als Sozialwissenschaftler*in – und insbesondere als weibliche Forscherin – dieser Stärke bewusst ist und sich sowohl in der Wissenschaftswelt als auch auf dem nicht-akademischen Arbeitsmarkt nicht unter Wert verkauft.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Neben meiner Tätitgkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin absolviere ich noch ein Psychologiestudium an der FernUniversität in Hagen und engagiere mich ehrenamtlich bei CorrelAid e.V., einem Netzwerk junger Datenanalyst*innen. Unser Ziel ist es, Organisationen mit sozialem Auftrag durch Analyse- und Beratungsprojekte dabei zu unterstützen, ihren gesellschaftlichen Impact zu vergrößern. Auf diese Weise wollen wir einen Dialog über den Wert und Nutzen von Daten(-analyse) für die Zivilgesellschaft anstoßen und eine Generation von gesellschaftlich denkenden Datenanalyst*innen fördern.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Mein Bücherregal besteht zu 1/3 aus klassischer Literatur, zu 1/3 aus Kunstbüchern und zu 1/3 aus Büchern über Flugzeugabstürze. Hinter letzterem Hobby steckt, auch wenn viele es anfänglich vermuten, jedoch keine Sensationsgier, sondern die Frage nach dem „Warum?“. Warum passieren Unfälle, welche Mechanismen stecken dahinter und welche Faktoren müssen zusammenspielen, damit es überhaupt zu solchen Abstürzen kommen kann? Denn nur wenn das Verständnis für die zunächst verborgenen kausalen Prozesse vorhanden ist, können ähnliche Unglücke zukünftig verhindert werden.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Natur, gute Gespräche, Dokus über Flugzeugabstürze. Alternativ Dokus über Serienkiller.

Bitte begrüßt Lisa ganz herzlich bei Real Scientists DE!