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Sunday, October 2, 2022

Serien-Junkies aufgepasst! Melissa Schuh ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns auf unsere neue Kuratorin Melissa Schuh (@schuh_melissa)! Melissa Schuh ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Habilitandin am Lehrstuhl für Anglistik am Englischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie hat 2019 am English Department der Queen Mary University of London mit einer literaturwissenschaftlichen Doktorarbeit zu narrativen Strategien in zeitgenössischen autobiographischen Texten mit dem Titel “The (Un-)Making of the Novelist’sIdentity“ promoviert. Davor hat sie Anglistik, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Nottingham und der University of Oxford studiert. Sie ist Mitherausgeberin des Journals C21 Literature: Journal of 21st Century Writings. Darüber hinaus ist sie Vertrauensdozentin für Diversität, Gleichstellung und Inklusion am Englischen Seminar und stellvertretende Diversitätsbeauftragte für die philosophische Fakultät der CAU Kiel.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Bereits zu Schulzeiten habe ich mich sehr für Sprache, Geschichte, Literatur und Kultur interessiert und hatte das Privileg bei außerschulischen Programmen, wie sprachwissenschaftlichen Kursen auf der JuniorAkademie und SchülerAkademie, undim Zuge meiner Facharbeit in Geschichte wissenschaftliche Fragestellungen und Arbeitsweisen kennenzulernen. Im Anglistik- und Germanistikstudium in Nottingham wurde ich stetig von neuen Ideen und interessanten Fragen weitergetrieben. So schrieb ich zwei Bachelorarbeiten: eine zur Rolle des Publikums in einer bestimmten Romeo and Juliet Inszenierung des Nottingham Playhouse und eine weitere zu Motiven von Widerstand und Anpassung im autobiographischen Werk des ostdeutschen Autors Günter de Bruyn, wobei diese später zu meinem ersten publizierten Aufsatz wurde. Während ich meine komparatistische Masterarbeit zu Fiktionalität und Faktualität im Werk von Philip Roth und Günter Grass in Oxford schrieb, entwarf ich vier verschiedene Dissertationsprojekte, weil ich so viele darüberhinausgehende Ideen hatte. Meine letztendliche Doktorarbeit war ein darauf aufbauendes Projekt zu narrativen Strategien von Fiktionalität in der Selbstdarstellung zeitgenössischer Autobiographien, dass ich an der Queen Mary University of London durchführen konnte, weil ich das Glück hatte in meinem Forschungsbestreben stets von Mentor*innen und meiner Familie unterstützt zu werden. 


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Themen und Fragen rund um Sprache, Literatur und Kultur beschäftigen mich seit meiner Kindheit, da ich zweisprachig und als Teil einer großen diasporisch zerstreuten Verwandtschaft aufgewachsen bin, so kam ich dazu Literatur-, Kultur-, und Sprachwissenschaft zu studieren. Im Studium hat mich ein Kurs zu „German Life Writing“ (Life Writing ist ein Überbegriff für biographische und autobiographische Formen) von Professor Roger Woods besonders inspiriert, weshalb ich mich seit meiner Promotion immer wieder mit Fragen zu diesen Textformen beschäftige: was führt uns als Leser*innen dazu Autor*innen zu vertrauen oder zu misstrauen, wenn sie über ihr Leben schreiben? Welche stilistischen Formen tragen zu solchen Leseerfahrungen bei? Welche Rolle spielt insbesondere Fiktion bzw. Fiktionalität in Texten, die einem Wahrheitsanspruch unterworfen sind? Diese und weitere Fragen haben mich tief in die Literatur- und Kulturwissenschaft katapultiert und mein Interesse daran, wie die kulturelle Produkte (wie Texte, Filme, Serien), die wir erleben funktionieren und aufgebaut sind, warum wir sie konsumieren und welche Auswirkungen dies auf gesellschaftliche und politische Diskurse hat, bleibt unerschöpft. Außerdem möchte ich als Woman of Colour in meiner wissenschaftlichen (und Lehr-) Praxis einen Beitrag dazu leisten, dass in Bildung und Wissensproduktion diverse Perspektiven und Stimmen gehört und gesehen sowie strukturelle Hürden abgebaut werden. Diese Verantwortung fließt in all meine Forschungs- und Lehrtätigkeit ein und ist neben meinem wissenschaftlichen Erkenntnisdrang zentral für meine Motivation in der Wissenschaft zu arbeiten.


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Neben meinem anhaltenden Interesse in Life Writing Studies beschäftige ich mich in meinem Habilitationsprojekt mit seriellen Formen in Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Seit dem Einzug von Streamingdiensten wie Netflix und auch dem weitreichenden Erfolg von seriell publizierten Fantasy-Romanreihen, zieht das Format Serie mehr Aufmerksamkeit auf sich und ist allgemein als populäre Form bekannt. Dabei liegt allerdings ein großer Fokus auf Serialität in Form von narrativer Kontinuität und Fortsetzung, also zum Beispiel die Frage „Wie geht es weiter?“ nach einem Cliffhanger oder wie die narrativen Stränge eines seriell publizierten Werks zu einer zufriedenstellenden Fortsetzung oder gar einem Ende zusammenkommen. Ich interessiere mich für Formen von Serialität, also Prozesse um Wiederholung und Variation, die anders funktionieren. So kommen in Literatur und Medien auch stilistische Wiederholungen und Adaptionen vor, Werke können lose im selben Universum verortet sein ohne narrativ aufeinander aufzubauen, wiederkehrende Figuren, Orte, Motive und Ideen können seriell zusammenhängend gelesen werden. Ich erforsche welche Effekte solche weniger auf narrative Fortsetzung bezogene Arten von Serialität haben. Der Vergleich solcher alternativen Formen von Serialität kann vielleicht die Frage beantworten, warum im Zusammenspiel mit entsprechenden Marktmechanismen manche Serien als eher populär und andere als literarisch wahrgenommen werden, was auch manche literaturhistorische Kanonisierungsprozesse miterklären könnte. 

Über dieses Projekt hinaus, forsche ich auch zum Thema Brexit in jüngster zeitgenössischer Literatur, und beschäftige mich mit der Darstellung von Theorie und Aktivismus in Wissenschaftsdiskursen und der Repräsentation von Marginalisierungserfahrungen in Literatur und Medien.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Der Konsum von Literatur, Kultur und Medien im weitesten Sinne dieser Begriffe ist allgegenwärtig und prägt gesellschaftliches und politisches Geschehen. Also steht die Frage danach wie die Form und der Inhalt eines jeden Kulturprodukts gewisse Effekte hervorrufen und Menschen bewegen hinter allen gesellschaftlichen Themen, die unser Leben bestimmen, sei es etwas Abstraktes wie unser Wahrheitsbegriff (in Bezug auf Life Writing und Lebensgeschichten) oder ein konkret einschneidendes Ereignis im Zeitgeschehen, wie Brexit. Wie und warum wir uns für die zu Büchern, Filmen, Serien, Interviews, Essays, Twitterthreads, Instagram Stories etc. entworfenen Geschichten, Berichte, Zeugnisse, Perspektiven und Argumentationen von fiktionalen Figuren wie auch realen Personen interessieren hat Auswirkungen darauf, wie wir miteinander umgehen und was uns wichtig erscheint. Meine Arbeit trägt dazu bei solche Mechanismen zu verstehen und zu vermitteln.


Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Ich bin Mitherausgeberin der wissenschaftlichen online open access Zeitschrift C21 Literature: Journal of 21st Century Writings (https://c21.openlibhums.org/). Neben Lektoratsarbeit in diesem Forschungskontext, interessiere ich auch allgemein sehr für Schreibprozesse und wie man das wissenschaftliche und kreative Schreiben in Bildungskontexten vermitteln kann. Daher führe ich öfter Writing Retreats (strukturierte Schreibworkshops bei denen man an seinen eigenen Projekten arbeiten kann) für Doktorand*innen durch und betreue einen von Studierenden gegründeten Creative Writing Club. In meiner Rolle alsVertrauensdozentin für Diversität, Gleichstellung und Inklusion in meinem Institut berate ich zusammen mit meiner Kollegin Dorothee Marx Studierende zu Fragen von Diskriminierung und als stellvertretende Diversitätsbeauftragte für die philosophische Fakultät engagiere ich mich als Teil des Diversitätsteams dafür, dasssystemische und institutionelle Hürden für marginalisierte Personengruppen sichtbar gemacht und abgebaut werden. Ich bin zudem Mittelbauvertreterin im Beirat meine Instituts und im Konvent der philosophischen Fakultät und setze mich in beiden Positionen für die Interessen meiner Statusgruppe ein, die von weitreichender Befristung und daher anhaltender prekärer Lebensbedingungen geprägt ist.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich gehe gerne draußen in der Natur laufen, zum Beispiel an der Kiellinie mit Blick auf die Förde. Dabei kommen mir dann manchmal interessante Ideen und ich muss schnell nach Hause laufen, um sie mir aufzuschreiben. Außerdem stricke und häkele ich sehr gerne. In den letzten zwei Jahren habe ich über 40 Paar Socken gestrickt, aber ich häkele auch Dreieicksschalsund gerade bin ich an einer Reihe von Mützen für den Winter.Ich koche und backe auch wirklich leidenschaftlich gern und probiere immer wieder neue Rezepte aus. Neuerdings bin ich dem Sauerteig verfallen und backe entsprechend viel Brot.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

An einem idealen Tag schlafe ich morgens aus und gehe dann für einen gemütlichen langen Lauf ans Meer oder den Fluss. Dann koche ich ein aufwändigeres Gericht (das dann auch gelingt), wie zum Beispiel Laksa (ein malaysisches Nudelgericht) nach Familienrezept, und lade dazu Familie oder Freund*innen ein. Später lese oder stricke ich auf dem Sofa oder draußen (derzeit ist Axie Oh’s The Girl Who Fell Beneath the Sea oben auf meiner Liste an Büchern, die nicht für die Arbeit sind, und die zweite Socke eines Paars in der Farbe „Ostseestrand“ möchte vollendet werden) und schaue abends mit meinem Partner eine Serie - die dann je nach ihrer seriellen Form vielleicht doch in meine Arbeit einfließen könnte.


Bitte begrüßt Melissa ganz herzlich bei Real Scientists DE!

 

Sunday, June 19, 2022

Über den Schulunterricht hinaus - Kristin Eichhorn ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Kristin Eichhorn (@DrKEichhorn) vorstellen zu dürfen! Kristin studierte zwischen 2005 und 2010 Germanistik und Nordistik in Kiel, wo sie 2013 mit einer Arbeit zur Fabel des 18. Jahrhunderts promovierte. Zwischen 2015 und 2021 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn und habilitierte 2020 dort zu Johannes R. Becher und der literarischen Moderne. Seit dem Wintersemester 2021/22 vertritt sie die Professur von Sandra Richter für Neuere Deutsche Literatur I an der Universität Stuttgart. Sie ist auf Twitter sehr aktiv und bekannt vor allem durch die Aktion #IchBinHanna, die sie zusammen mit Amrei Bahr (@AmreiBahr) und Sebastian Kubon (@SebastianKubon) initiiert hat.
 
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Das war schon im ersten Semester zu Beginn meines Studiums in Kiel klar, das ich bewusst begonnen habe, um Literaturwissenschaftlerin zu werden. Nach dem Studium habe ich in Kiel meine Promotion begonnen und 2013 abgeschlossen. Danach hatte ich dort anderthalb Jahre eine halbe Stelle mit relativ viel Lehre, bevor ich die Gelegenheit bekam, nach Paderborn auf eine volle Habilitationsstelle zu wechseln. Meine Habilitation habe ich 2020 abgeschlossen. Während dieser Zeit habe ich meine beiden Forschungsschwerpunkte - die Aufklärung einerseits und die Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts andererseits - aufgebaut und immer wieder zu neuen Themen publiziert. Ich bin auf viele Konferenzen gefahren und habe 2015 die Zeitschrift "Expressionismus" ins Leben gerufen, um ein interdisziplinäres Austauschforum für die Erforschung dieser künstlerischen Strömung zu schaffen. Weiterhin bin ich seit 2018 im Vorstand der "Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts" (DGEJ) und habe mich gerade in Paderborn stark in hochschulinternen Gremien engagiert: Ich war dort zwei Jahre im Senat und außerdem Mittelbausprecherin des Instituts für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft. 

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Es ist einfach das, was mir am besten liegt. Ich war schon immer sehr gut im Umgang mit Sprache und interessiert an Literatur. Wir haben ja auch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, indem wir in der Germanistik sehr viel Lehramtsausbildung machen. Natürlich wäre das alleine für mich nicht mehr recht erfüllend. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen - daher auch das hochschulpolitische Engagement. Deshalb ist es gut, dass ich jetzt auf der Vertretungsprofessur auch endlich Führungs- und Leitungsaufgaben übernehmen kann, die ich als absolute Bereicherung empfinde. Außerdem ist Stuttgart ein sehr angenehmer Standort für meinen Fachbereich, nicht zuletzt wegen der Nähe zum Deutschen Literaturarchiv in Marbach. 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Im Augenblick vertrete ich die Professur von Sandra Richter an der Universität Stuttgart. Dabei übernehme ich alle Aufgaben, die mit einer Professur verbunden sind: Neben Forschung und Lehre leite ich die Abteilung Neuere Deutsche Literatur I. Ich habe da also die Haushaltsverantwortung und bin die Fachvorgesetzte aller dortigen Mitarbeiter*innen. Ich unterschreibe also die Dienst- und Urlaubsanträge, treffe aber auch viele Entscheidungen, organisiere Arbeitstreffen und bin in dieser Funktion auch im Fakultätsrat.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Zum einen: Es ist ein faszinierendes Fach. Viele Menschen laufen mit bestimmten Vorstellungen von der deutschen Literatur herum, die z. T. Schulunterricht stammen, der aber dann auch schnell lange her ist. Wenn sie die Gelegenheit haben, punktuell tiefer einzutauchen, stellen sie meist schnell fest, dass es doch alles etwas anders ist, als sie es in Erinnerung hatten. Wenn ich während meiner Gastwoche etwas davon vermitteln kann, wäre das schön. Im Alltag kommt es ja schnell zu unterkomplexen Weltbildern, weil natürlich niemand Zeit hat sich mit allen Dingen intensiv auseinanderzusetzen. Aber erst die Einblicke schaffen Verständnis und die Möglichkeit der Wertschätzung. Geisteswissenschaftliche Fächer sind ohnehin geradezu prädestiniert dazu, vorhandene Deutungen zu hinterfragen und auf komplexe Zusammenhänge hinzuweisen. Sie stören natürlich auch immer ein bisschen, weil es einfacher ist, eindeutige Antworten zu haben. Aber wir müssen immer wieder stören, denn nur auf dieser Basis des differenzierten Denkens kann Demokratie, die eigenverantwortliches kompetentes Handeln und Urteilen voraussetzt, funktionieren. 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Gerade im letzten Jahr bin ich vor allem durch mein hochschulpolitisches Engagement gut beschäftigt. Ich habe mit Amrei Bahr und Sebastian Kubon zusammen im Juni 2021 die Twitter-Aktion #IchBinHanna gestartet, die auf die prekären Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft sowie viele weitere strukturelle Missstände in diesem Arbeitsumfeld aufmerksam macht. Im März 2022 ist bei Suhrkamp unser Buch zur Aktion erschienen. Auch hier sind viele lange unhinterfragte Narrative im Spiel - etwa, dass Befristung Innovation fördere und der Wissenschaftsfreiheit diene. Für beides gibt es keine wissenschaftliche Grundlage, die man bei Wissenschaftler*innen eigentlich unterstellen müsste. Darauf immer wieder hinzuweisen und die argumentativen Widersprüche dieser Perspektive herauszustellen, damit sich hier endlich etwas verbessert, ist eine wichtige Aufgabe, der wir uns deshalb intensiv widmen. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Hobbies langweilen mich im Allgemeinen schnell, ich möchte lieber etwas bewirken - insbesondere weil ich ja auch der privilegierten Position heraus agieren kann, recht viel Zeit und Energie zu haben. Das möchte ich dann auch nutzen. Das heißt aber nicht, dass ich meine Grenzen nicht kennen würde. Ich überarbeite mich nie und achte immer auf Ruhezeiten. So bleiben die Batterien voll und alle haben etwas davon.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Da ich zur Zeit zwischen Paderborn und Stuttgart pendle, ist das auf jeden Fall ein Tag ohne Zugfahrten, den ich alleine zu Hause verbringe. Ich habe mich während der Homeoffice-Zeit doch sehr an das Essen gewöhnt, das ich selbst koche und nutze das also soweit wie möglich aus. 

Bitte begrüßt Kristin ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, May 23, 2021

Sprache in Vergangenheit und Gegenwart - Alexander Lasch ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch Alexander Lasch (@AlexanderLasch) als unseren neuen Kurator vorstellen zu dürfen! Alexander Lasch ist Professor für Germanistische Linguistik und Sprachgeschichte an der TU Dresden. Er ist Vater von vielen Kindern und, zum Glück, sehr glücklich verheiratet. Für das beste Eis auf dieser Erde muss er keine 500 Meter laufen. Er liebt Grammatik und Sprachgeschichte und begeistert sich aktuell besonders für #DigitalHerrnhut. Außerdem spielt er leidenschaftlich gern, wenn es seine Zeit zulässt.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

So wie viele andere sichere auch: Ich hatte Interesse und Freude an akademischer Lehre und Forschung und irgendwann die Gelegenheit dazu, mein Interesse zum Beruf zu machen. 

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Irgendwann erreicht man den Punkt, an dem man verstanden hat, dass Grammatikographie auch nichts anderes als metapherngestützte Ideenlehre ist. Dann kann es großen Spaß machen, das Spiel um die Verhandlung und Analyse und Modellierung von Sprachwissen mitzugestalten. 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Ich habe einen traumhaften und -- nach Jahren akademischen Prekariats in der Qualifikation -- sicheren Beruf, in dem ich selbst sehr viele Dinge gestalten und mitentscheiden darf. Ob man und welche Gestaltungsoptionen ich ergreife, liegt nur selten an äußeren Zwängen, sondern sehr viel daran, wie stark ich mich in welchem Feld engagieren möchte. Die Professur und die Aufgaben in der so genannten "akademischen Selbstverwaltung", ein furchtbarer Begriff, er sollte "akademische Selbstgestaltung" heißen, haben meinen Arbeitsalltag sehr stark verändert, was mir nicht immer gefällt, aber mir dennoch auch immer häufiger schmeckt. Denn mittel- und langfristige Planung, Neuausrichtung von Forschungs- und Studienmöglichkeiten und eine aktive Beteiligung an Strategieprozessen entschädigen doch sehr oft für den Verlust von Freiraum für persönliche Forschungsinteressen.

Wenn ich diese dann verfolgen kann, interessiere ich mich im Moment sehr für koloniallinguistische Themen, für die ich gemeinsam mit anderen im Hub #DigitalHerrnhut (https://dhh.hypotheses.org) erschließe. Zum anderen bin ich sehr engagiert für die konstruktionsgrammatische Beschreibung des Deutschen. 

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Ich setze mich sehr für eine Transformation der Communitas Universität ein, die sich als Institution nach und nach öffnet, um eine der Akteur:innen einer Wissenskultur des 21. Jahrhunderts zu werden. Wie bei allen Prozessen sind damit Chancen und Risiken verbunden, die ich gern im Hinblick auf Open Educational Resources, Open Access, CitizenScience und ganz allgemein Open Educational Practices beleuchten möchte.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Ich bin Studiendekan, Prüfungsausschussvorsitzender, Mitglied in Bibliothekskommission  und Senatskommission Lehre und im Koordinierungsstab beim Prorektorat Bildung; Gutachter für verschiedene Stiftungen und Vorsitzender der Gesellschaft für germanistische Sprachgeschichte. 2019 habe ich eine gemeinnützige GmbH für barrierefreie Kommunikation, VERSO, aus der Universität ausgegründet. Also ja, es gibt viel zu sagen. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich spiele leidenschaftlich gern, Videospiele, wie man so sagt. Leider fehlt mir immer mehr die Zeit dazu -- und ob ich dazu etwas erzählen soll, erfrage ich bei den Follower:innen des Accounts.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Kaffee. Zigarette. Buch.

Bitte begrüßt Alexander ganz herzlich bei Real Scientists DE!  

 

Sunday, April 18, 2021

Wie wir online miteinander kommunizieren - Konstanze Marx ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Konstanze Marx (@KonstanzeMarx) vorstellen! Konstanze hat in Jena Germanistik, Phonetik, Medienwissenschaft und Pädagogik studiert und im Anschluss zur kognitiven Textverstehenstheorie promoviert. Nach einem Ausflug in die freie Wirtschaft zog es sie zurück in die Wissenschaft, diesmal an die TU Berlin, wo sie sich 2017 mit einer Arbeit zum Diskursphänomen Cybermobbing habilitierte. Seit 2019 hat sie den Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft an der Uni Greifswald inne. Ihre Forschung verbindet die drei Arbeitsbereiche Pragmatik, Angewandte Linguistik und Psycholinguistik. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Im zweiten Anlauf sozusagen. Ich bin nach meiner Promotion in die freie Wirtschaft gegangen, weil ich nicht an einen wissenschaftlichen Karriereweg geglaubt habe, ich habe zwei Jahre als Projektmanagerin gearbeitet und mich dabei beobachtet, wie ich immer neue sprachwissenschaftliche Forschungsfragen hatte, denen ich lieber nachgehen würde. Für eine dreijährige WiMi-Stelle habe ich dann den unbefristeten Vertrag gekündigt.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Die Entscheidung fiel irgendwann in der zehnten Klasse, kurz nach meinem Austauschjahr in den USA. Ich bin allerdings bei meiner Einschreibung an der FSU Jena davon ausgegangen, dass ich Mediävistin werde. Deshalb habe ich mich auch direkt ab dem ersten Semester in entsprechende Vorlesungen gesetzt und zunächst nichts verstanden. Gegen Ende meines Grundstudiums wurde die Professur für Germanistische Sprachwissenschaft mit der Kognitionslinguistin Monika Schwarz-Friesel besetzt, die aus meiner Sicht hochrelevante Lehrveranstaltungen anbot, zu Sprachroduktion und -rezeption und Sprache in den Medien, zu Sprache und Emotionen usw. Sie bot mir recht schnell eine Stelle als studentische Hilfskraft an und ich hatte so Gelegenheit, immer tiefer in das Fach einzutauchen. Die Kombination aus linguistischen und psychologischen, aber auch soziologischen Fragestellungen ist für mich ideal.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich bin seit dem Sommersemester 2019 Lehrstuhlinhaberin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald. Seit April 2020 bin ich Geschäftsführerin des Instituts für Deutsche Philologie und seit April 2021 Prorektorin für Kommunikationskultur, Personalentwicklung und Gleichstellung.
Ich wurde mit einer neurolinguistischen Arbeit zum Textverstehen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena promoviert und mit einer Arbeit zum Diskursphänomen Cybermobbing an der Technischen Universität Berlin habilitiert. Im Anschluss arbeitete ich als Professorin für die Linguistik des Deutschen an der Abteilung Pragmatik des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim und an der Universität Mannheim. Meine Schwerpunkte liegen in der Internetlinguistik, der Diskurs- und Textlinguistik, der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Sprache-Kognition-Emotion, der Genderlinguistik und der medienlinguistischen Prävention. Ich bin Preisträgerin des 25-Frauen-Awards von Edition F und Forschungspartnerin des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim.
Meine Forschung verbindet die drei Arbeitsbereiche Pragmatik (insbesondere mit den Teildisziplinen Erwerb und Didaktik, Interaktions- und Diskurslinguistik), Angewandte Linguistik (mit den Teildisziplinen Internetlinguistik, medienlinguistische Prävention, Soziolinguistik, Sprachkritik, Digitale Ethnographie und Ethik) und Psycholinguistik (mit besonderem Schwerpunkt auf dem Zusammenwirken von Sprache, Emotion und Kognition).
Dabei werden drei zentrale Leitfragen bearbeitet:

  1. Wie interagieren Menschen unter spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen sprachlich miteinander, was trägt dabei zum gegenseitigen Verstehen bei, was führt zu Konflikten und welche Rückschlüsse über menschliche Kommunikation, Kognition und gesellschaftliches Zusammenleben lassen sich daraus ziehen?
  2. Mit welchen linguistischen Methoden können diese Fragestellungen untersucht werden und welche ethischen Herausforderungen ergeben sich daraus?
  3. Wie positioniert sich die Linguistik im medialen Wandel?

Den oben genannten Fragen wende ich mich in den folgenden vier Themenfeldern zu:

  • Digitale Interaktion
  • Methoden der Internetlinguistik und Ethik
  • Wissenschaft und Öffentlichkeit sowie
  • Digitalisierung der Lehrmethoden in Schule und Universität

Insgesamt richte ich mich aus an Herausforderungen und Folgen des Digitalen Wandels für die linguistische Disziplin und deren Vermittlung. Entsprechend werden semantisch-pragmatische, kognitive, interaktionsorientierte, methodologische und ethische Perspektiven auf Sprache und Kommunikation im Internet-Zeitalter und Methoden des Erkenntnistransfers in die Gesellschaft fokussiert.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Die Angewandte Sprachwissenschaft interessiert sich insbesondere für Sprache im konkreten Gebrauch, das betrifft uns einfach. Wie interagieren wir? Wie sichern wir ab, dass wir uns verstehen? Wie drücken wir Gefühle aus? Das sind Fragen, die uns in unserem Alltag herausfordern. Wie sie als kommunikative Aufgaben bewältigt werden, kann uns Aufschluss über uns Menschen und unser Zusammenleben in einer Gesellschaft geben.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich würde gern in der Woche über meinen ganz aktuellen Aufgabenbereich twittern, der zwei Ämter inkludiert. Ich bin Geschäftsführerin des Instituts für Deutsche Sprache an der Universität Greifswald, aber seit dem 1.4. auch Prorektorin für Kommunikationskultur, Personalentwicklung und Gleichstellung. Privat bin ich Elternsprecherin.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich mag diese Frage, ich wünschte, ich hätte mehr Zeit zum Malen und für Ausdauersport.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Das wären Tage in Bewegung, möglichst zu Fuß oder auf dem Rad immer entlang der Küste, und da reicht schon der  Greifswalder Bodden.

Bitte begrüßt Konstanze ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, February 14, 2021

Wer wo wann wie wessen Geschichte erzählt - Andrea Geier ist jetzt bei Real Scientists DE!

Wir freuen uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Andrea Geier (@geierandrea2017) vorstellen zu dürfen! Andrea ist seit 2009 Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Gender Studies an der Universität Trier. Sie ist seit 2010 im Vorstand des Trierer Centrums für Postcolonial und Gender Studies (CePoG) und seit 2020 im Vorstand der Fachgesellschaft Geschlechterstudien. Nach einem Studium der Germanistik, Allgemeinen Rhetorik und Empirischen Kulturwissenschaft promovierte sie mit einer Arbeit über „‚Gewalt’ und ‚Geschlecht’. Diskurse in deutschsprachiger Prosa der 1980er und 1990er Jahre“ an der Universität Tübingen. Sie arbeitete u.a. mehrere Jahre an der Universität Marburg und hatte in den letzten 10 Jahren drei Gastprofessuren in den USA. Zu ihren Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören deutschsprachige Gegenwartsliteratur, kultur- und literaturwissenschaftliche Gender Studies, Interkulturalitätsforschung und Postcolonial Studies, Rhetorik sowie Literatur im Medienwechsel. Informationen zu Publikationen, Wissenschaftskommunikation u.am.: https://www.uni-trier.de/index.php?id=29978

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Während des Studiums habe ich als wissenschaftliche Hilfskraft in meinem Nebenfach Allgemeine Rhetorik gearbeitet, und diese Mitarbeit im ‚Betrieb‘ war ein wirklich wichtiger Impuls. Ich war in einem Hiwi-Team, in dem sich einige schon sicher waren, dass sie nach dem Abschluss des Studiums gerne promovieren und in die Wissenschaft gehen würden. Ich hatte mir das vorher nie überlegt. Ich habe mit Germanistik, Allgemeiner Rhetorik und Empirischer Kulturwissenschaft genau die Fächer gewählt, die mich damals interessiert haben, und ich habe nicht nur gern studiert, ich war auch eine sehr gute Studentin. Aber die Vorstellung, an der Uni zu studieren und die Frage, was ich später mal arbeiten werde, waren in meiner Vorstellungswelt bis dahin einfach getrennt. Ich habe mich da nicht gesehen.
Während der Magisterarbeit in Germanistik wurde mir dann klar, dass ich weiter machen will, und der Rest war, was es immer ist: Eine Mischung aus viel Arbeit, Warten auf Chancen, eigenen Entscheidungen, von denen man aber nie weiß, ob sie nützen oder nicht, und Glück.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Während des Studiums habe ich vor allem dank einiger Dozent:innen in einem meiner beiden Nebenfächer, der Empirischen Kulturwissenschaft, Fragestellungen und erste Methodendiskussionen in der Geschlechterforschung kennengelernt. Mein eigentliches Feld – und auch Hauptfach im Studium – war die Germanistik, aber ohne diese zweite Perspektive hätte ich meine literaturwissenschaftlichen Interessen nicht so eigenständig entwickeln können. Während meines Studiums gab es nämlich zu Gender Studies im Hauptfach noch recht wenige Angebote. Das hat mich aber gar nicht abgeschreckt, eher im Gegenteil: Ich stieß auf offene Ohren und hatte das Gefühl, das für mich entdecken und gewissermaßen ‚übertragen‘ zu können, und bald ergaben sich dann auch viele Anschlussmöglichkeiten – zum Beispiel in interdisziplinären Diskussionsrunden von Nachwuchswissenschaftler:innen.
Was mich dort hält? Spontan sagt man auf die Frage, was einen in dem eigenen Feld hält, selbstverständlich intrinisische Motivation, und das stimmt 100% für mich. Aber ebenso selbstverständlich ist es mir nur möglich, dort zu bleiben, wo ich bin, weil ich heute eine Professur habe und auf dem Weg dorthin nur wenige Phasen ‚irgendwie‘ überbrücken musste. Ich hatte Stipendien während der Promotions- und Postdoc-Phase und eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin, von der ich nach fünf Jahren dann auf eine Professur berufen wurde. Ich finde es wichtig, dass wir immer auch die institutionellen Bedingungen thematisieren und nicht so tun, als könnte sich Motivation und Begeisterung für Forschungsfelder unabhängig von den institutionellen Rahmenbedingungen entwickeln und entfalten.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Als Professorin gehören Forschung, Lehre und Engagement in der Selbstverwaltung zu meinen Aufgaben, ich leite seit 2010 immer im Rahmen eines Teams das Trierer Centrum für Postcolonial und Gender Studies (CePoG) und bin seit letztem Jahr im Vorstand der Fachgesellschaft Geschlechterstudien. Die Verbindung von Forschung und Lehre ist mir wichtig und ist immer in zwei Richtungen zu denken: Ich biete an, worüber ich schon viel gearbeitet habe, aber ich kann mich über die Lehre auch weiterentwickeln, indem ich in bekannte Themen neue Bausteine einfüge etc. Innerhalb eines vorgegebenen Rahmens – Studiengangsstrukturen etc. – kann ich sehr frei in der Wahl meines Angebotes sein. Ich muss also nicht unbedingt jedes Semester eine bestimmte Epoche abdecken, sondern kann sowohl epochenspezifische als auch epochenübergreifende Veranstaltungen machen. Als Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Gender Studies biete ich regelmäßig interdisziplinäre Veranstaltungen an wie etwa die Einführung in die Gender Studies und Interkulturalitätsforschung. Und damit sind auch schon zentrale Forschungsfelder benannt. Ich interessiere mich für verschiedene Alteritätskonstruktionen, also ‚Geschlecht‘ und/oder Ethnizität, und habe einen Schwerpunkt in der Gegenwartsliteratur, aber ich habe auch publiziert über Turcica in der Frühen Neuzeit, Literarischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert, Misogynie in der Literatur des 18. Jahrhunderts, und in der Gegenwart über Medienwechsel und postdramatisches Theater, Mythosrezeption oder Erzählen über Kolonialgeschichte …Schaut euch gerne mal um: https://www.uni-trier.de/index.php?id=29978

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Als kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaftlerin mit Schwerpunkten in den Gender Studies, der Interkulturalitätsforschung und den Postcolonial Studies habe ich es mit ganz unterschiedlichen Erwartungen zu tun – je nachdem, unter welchem „Hut“ ich mich gerade sichtbar mache. Grundsätzlich denke ich nicht, dass sich alle Menschen für Literaturwissenschaft begeistern müssten, aber ich hoffe selbstverständlich, dass ich ansprechende Angebote zu ästhetischen, gesellschaftspolitischen und ethischen Fragestellungen mache: Welche Formen ästhetischer Repräsentation gibt es? Wie verändern sie sich historisch? Wie wird (wessen) Geschichte in Geschichten erzählt? Welchen Zugang zu und Perspektiven auf Themen eröffnen Texte? Welche ästhetischen Erfahrungen kann man damit machen?
Als literaturwissenschaftliche Kulturwissenschaftlerin möchte ich also vermitteln, dass nicht nur Themen interessant sind – also etwa die Frage, welche Geschlechterbilder langer Dauer in der Literatur entwickelt, tradiert und verändert werden – sondern vor allem, wie sie dargestellt werden.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ob das Mitarbeiten in der Fachgesellschaft Geschlechterstudien eine externe Aufgabe ist? Es ist zumindest eine zusätzliche, aber zugleich zeitlich begrenzte Tätigkeit. Ich bin zwar schon lange Mitglied, aber erst seit Kurzem wirklich engagiert – was auch damit zu tun hat, dass ich seit 2010 das Trierer Centrum immer im Tandem mit einer Kollegin leite und mich vor allem auch darauf konzentriert habe. Wir sind ein gutes Team im Vorstand der Fachgesellschaft, und die interdisziplinäre Ausrichtung macht es natürlich besonders interessant.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Noch nicht, aber ich strebe an, mehr schöne Puzzles zu besitzen und natürlich Zeit, sie auch zu machen. Immerhin habe ich schon eine Puzzlematte und damit einen gewissen Professionalisierungsgrad erreicht. Und vielleicht kann das ja vor allem deshalb als Hobby zählen, weil es mir als erstes zu dieser Frage einfällt. Für mich ist es eine schöne händische und visuelle Begleitung zu Podcasts oder auch Talkshows – wenn ich nicht gerade meine Reaktionen auf Sendungsinhalte direkt vertwittere.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher:innen sind ja auch nur Menschen)?
Meistens: Ein unverplanter Tag, Zeit für Lektüre, die nicht unter beruflichem Verwertungsdruck steht.

Bitte begrüßt Andrea ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, January 3, 2021

Mittelalterlich digitalisiert - Andrea Rapp ist jetzt bei Real Scientists DE!

Zum Auftakt des neuen Jahres freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Andrea Rapp (@RappAndrea) vorstellen zu dürfen! Andrea ist Professorin für Computerphilologie und Mediävistik an der Technischen Universität Darmstadt. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Trier arbeitete sie als dort als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im SFB 235 "Zwischen Maas und Rhein", im Trier Center for Digital Humanities und leitete das Digitalisierungszentrum der Niedersächsischen Staas- und Universitätsbibliothek Göttingen. Andrea hat zahlreiche Digitalisierungs- und Forschungs(daten)infrastrukturprojekte wie TextGrid und DARIAH (mit-)initiiert und möchte sich in den nächsten Jahren wieder verstärkt ihrem Herzensthema, der mittelalterlichen Überlieferung und ihrer Erforschung mit digitalen Methoden, widmen.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet? 
Über ein paar Umwege, obwohl der Weg von heute betrachtet so gradlinig aussieht. Ich wollte gerne Museumsarbeit machen, daher habe ich Kunstgeschichte als Hauptfach studiert und Germanistik als zweites Fach dazu aus Neigung, die bei mir ein sehr guter Deutschlehrer bestärkt hat. Als ich dann in der Germanistik das erste Mediävistik-Seminar gemacht habe – was bei den meisten immer noch absolut ungeliebt, oft sogar gefürchtet ist – da war es einfach Liebe auf den ersten Blick, diese historische Perspektive auf Sprachentwicklung und Sprachwandel, diese schöne mittelhochdeutsche Sprache und die wunderbare Literatur, nicht zuletzt die Handschriften! Ich hatte das Glück, zuerst als studentische Hilfskraft, dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Sonderforschungsbereich in Forschung und Lehre hineinzuwachsen und konnte mir kein schöneres Umfeld mehr vorstellen. Immer Neues lernen und immer der Kontakt mit der jungen Erwachsenengeneration – das ist durch nichts zu ersetzen!

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Zu den Digital Humanities bin ich bereits in den 80ern als studentische Hilfskraft gekommen. Mein akademischer Lehrer Kurt Gärtner nutze den Computer für die digitale Erarbeitung von Editionen (damals noch reine Print-Editionen) und Wörterbüchern. Wir Hilfskräfte wurden einfach an das Sperry-Terminal gesetzt und transkribierten Handschriften mit TUSTEP, einer Software, die ihre Wurzeln in den 70ern hat und bis heute weiterentwickelt wird und im Einsatz ist. In den 90ern erkannten wir rasch die Möglichkeiten des Internets und begannen in Trier mit Retrodigitalisierungen von Wörterbüchern, z.B. den Mittelhochdeutschen Wörterbüchern, dem Wörterbuch der Brüder Grimm und anderen Materialien. Ich war immer fasziniert von Mustern, Strukturen, Ordnungsmöglichkeiten in Sprache, Texten und Wissen – das erklärt wohl meine Vorliebe für Sprachgeschichte, Lautgesetze, Ablautreihen, Wörterbücher, Editionen, Sammlungen, Bibliotheken und Computeranwendungen. 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich habe einen ganz klassischen Professorinnenjob mit Forschung, Lehre und Verwaltung bzw. Management. Das Schöne an meinem Fachgebiet ist die Vielfalt – ich mache ganz traditionelle mediävistische Lehre wie eine Einführung in die historische Sprachwissenschaft, aber eben auch computerphilologische Themen wie Digitale Lexikographie oder Annotationsverfahren u.a.m. Das Digitale ermöglicht eine enorme Vielfalt an Forschungskooperationen, aktuell z.B. mit dem SFB 980 Episteme in Bewegung in Berlin, wo wir an Dynamiken in langfristig tradierten vormodernen Wissensbeständen, die bislang eher als statisch und beharrend angesehen wurden, arbeiten oder mit dem SFB 805 der TU Darmstadt aus den Ingenieurwissenschaften, wo wir uns für die Analyse von sprachlicher Vagheit und Unsicherheiten in Normen-Texten interessieren. In beiden Bereichen spielen Korpora, Annotationsverfahren und Forschungsdatenmanagement eine wichtige Rolle. Das beschäftigt uns auch im Konsortium Text+, mit dem wir uns für die Nationale Forschungsdateninfrastruktur beworben haben, um eine solche Infrastruktur für Sprach- und Textdaten aufzubauen. Da Sprache und Text nicht allein Forschungsgegenstände von eigenem Wert sind, sondern allgemein für Wissen, Kultur und Kommunikation grundlegend sind, ist das eine wirklich spannende Aufgabe. In anderen Teams arbeite ich an der digitalen Edition von Briefwechseln mit den Brüdern Grimm oder an einem Archiv von Liebes- und Paarbriefen, die nicht von berühmten Menschen, sondern von Jedermann und –frau stammen, also Alltagskultur repräsentieren. Dazu starten wir übrigens im nächsten Jahr mit einem Citizen-Science-Projekt, das wir gerade schon intensiv vorbereiten. 

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Es gibt wahnsinnig viele hartnäckige Klischees, zum einen über die Geisteswissenschaften im Allgemeinen, zum anderen über das Mittelalter im Besonderen, daran müssen wir arbeiten! Ich finde es absolut faszinierend, über die historischen Kodices, Texte und Sprachstände über die Jahrtausende hinweg zu kommunizieren – so wie wir heute über die räumlichen Entfernungen kommunizieren können. Diese historische Perspektive macht uns offener, toleranter, geschmeidiger, neugieriger, vielfältiger. Und dann die Digitalität: Sie durchdringt und formt unsere Gesellschaft in praktisch jeder Hinsicht und es geht hier eben nicht nur um Technologie, sondern um den Umgang der Menschen miteinander, um Kunst, Kultur, Bildung, Werte, Einschätzungen, Machtverhältnisse, Ethik ... 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin sehr aktiv im sog. wissenschaftlichen Ehrenamt, bin also in vielen Kommissionen und Gremien und gutachte sehr viel. Von 2017-2019 war ich Vizepräsidentin für wissenschaftliche Infrastruktur an der TU Darmstadt, also zuständig für das Rechenzentrum und die Bibliothek, was mir einerseits durch meine Arbeit in Göttingen als auch durch die Forschungsinfrastrukturprojekte vertraut war, andererseits aber viele spannende neue Erfahrungen und Begegnungen ermöglichte. Ich bin auch Mitglied in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Das hört sich für manche vielleicht etwas verstaubt und nach Elfenbeinturm an, aber das ist es gar nicht! Ich genieße die Veranstaltungen zu allen Wissenschaftsgebieten und aus der Kultur dort sehr – eine bessere Fortbildung, einen besseren Input kann man gar nicht bekommen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Leider habe ich nicht viel Zeit für Hobbies, natürlich lese ich ‚besessen‘, mache ein bisschen Yoga und gärtnere im Minimini-Garten. Früher habe ich mal gemalt und denke oft in besonders stressigen Zeiten, dass ich meine Stifte wieder hervorholen sollte, um entspannt kreativ zu sein – vielleicht nach der Pensionierung ;-). Außerdem koche ich wirklich sehr gerne und probiere neue Rezepte aus. Ich liebe es, Marmelade zu kochen und kleine bunte Gläschen damit zu füllen, oder auch Kräutersalz und Kräutertee selbst zu machen, das empfinde ich auch als kreativ.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ein idealer freier Tag ist ein warmer Sonnentag, an dem ich mit meinem Mann ein bisschen wandern oder auch den Tomaten und Erdbeeren auf unserer Terrasse beim Wachsen zuschauen kann. Und vor allem: Zeit für ein gutes dickes Buch sollte auch sein, gern auch Krimis und Romane.

Bitte begrüßt Andrea ganz herzlich bei Real Scientists DE!


Sunday, May 12, 2019

Geschichten für (wirklich) alle - Tanja Kollodzieyski ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch Tanja Kollodzieyski (@rollifraeulein) als unsere neue Kuratorin vorstellen zu dürfen! Tanja lebt und arbeitet in Bochum. Sie glaubt fest an eine vielfältige Welt und an die Magie von Geschichten, deswegen hat sie einen Master in allgemeiner Literaturwissenschaft und Germanistik. Online arbeitet sie mit Menschen und sozialen Netzwerken. Offline hält sie Vorträge über Inklusion und intersektionalen Feminismus. Als Rollifräulein bloggt sie auf thabs.de über Vielfalt in Büchern und Serien.

Bild: Andi Weiland
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Sagen wir mal so: Wenn man mit einer Behinderung in einem Dorf aufwächst, hat man nicht ganz so viele Möglichkeiten, was die Berufswahl angeht. Ein Studium hat sich also geradezu angeboten.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Schon als Kind habe ich mich für Bücher und andere Medien mit Geschichten interessiert, allerdings habe ich mich in den Geschichten kaum wiedergefunden, weil es kaum Figuren mit Behinderungen gab. Während des Studiums ist mir dann immer mehr bewusst geworden, dass sich daran bis heute kaum etwas geändert hat. Also habe ich mich im späteren Teil des Studiums immer mehr auf die Frage fokussiert, warum das so ist und wie wir als Gesellschaft daran etwas ändern können.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Nach meinem Master-Abschluss besteht meine Hauptarbeit in der Aufklärung und Kommunikation über Inklusion allgemein und vor allem in der Kultur. Diese Arbeit geschieht auf ganz verschiedenen Wegen: ich schreibe Artikel, halte Vorträge, poste auf den sozialen Medien zum Thema und engagiere mich ehrenamtlich bei kulturellen Projekten.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Ich halte es für wichtig, dass wir uns mit Geschichten umgeben, die die Vielfalt in unserer Gesellschaft widerspiegeln. Das gibt marginalisierten Kindern und erwachsenen Menschen nicht nur mehr Sichtbarkeit und damit auch Selbstvertrauen, sondern es kann auch dabei helfen Vorurteile und Barrieren im Kopf abzubauen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich arbeite noch zusätzlich als Social-Media-Managerin und Online-Redakteurin.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Seit sechs Wochen leite ich selbst einen Kurationsaccount auf Twitter: bei @54Kontraste twittern 54 Menschen mit Behinderungen über ihr Leben.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Auf jeden Fall: Lange schlafen! Danach gerne ins Museum oder ins Kino und Abends einen Spaziergang zum Sterne schauen :).

Bitte begrüßt Tanja ganz herzlich bei Real Scientists DE!