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Sunday, August 15, 2021

Die Welt im Videospiel - Anh-Thu Nguyen ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Anh-Thu Nguyen (@Kayde_Nuen) vorstellen zu dürfen! Anh-Thu, eigentlich aus dem Ruhrpott, schließt derzeit ihr Masterstudium an der Universität zu Köln in Medienkulturwissenschaften und English Studies ab. Seit Beginn ihres Studiums war sie an verschiedenen Game Studies Projekten beteiligt, wie in etwa als wissenschaftliche Hilfskraft am Sammelband “Game | World | Architectonics” (2021 Marc Bonner), oder nahm mit Vorträgen an der Clash of Realities Konferenz 2019 und 2020 teil. Zwischenzeitlich ging es auch für einen Austausch nach Japan an der Sophia University in Tokio und 2020 durfte sie kurz mit einem (virtuellen) Praktikum die Wissenschaftskommunikation im New Yorker Büro der Universität zu Köln kennenlernen. Der Austausch in Japan, sowie die Game Studies haben Anh-Thu nie losgelassen und so wird sie Ende 2021 nach Kyoto ziehen und 2022 als Doktorandin an der Ritsumeikan University weiter an Videospielen in einem globalen Kontext forschen.

 
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet? 

Die Wissenschaft um und über Videospiele ist noch sehr jung – so jung, dass ich über die Jahre selbst quasi die Entwicklung auf nationaler und internationaler Ebene miterleben durfte. Meine eigene Verbundenheit zum Medium selbst und die Begeisterung dafür, sich auf verschiedensten Weisen mit einem der wichtigsten Medien unserer Zeit auseinanderzusetzen, hat eine große Rolle gespielt, warum ich zukünftig weiterhin in der Disziplin sein möchte. Für mich war es auch dank einiger Dozierenden an meiner Universität, die mir so eine kultur- und medienwissenschaftliche Perspektive auf Videospiele offenbart haben, die tolle und spannende Kurse in meinem Studium angeboten haben. Die Kombination aus einer Disziplin, die sich teilweise auch noch jetzt noch selbst zu definieren versucht, sowie meine eigene Begeisterung für Videospiele gestützt durch mein Studium haben mich nun dazu geführt, dass ich bald in Japan in Kyoto weiter an Videospielen forschen werde.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort? 

Obwohl es primär meine eigene Begeisterung für das Medium ist, sind Videospiele längst Mainstream geworden. Dadurch, dass die Forschung an, über und mit Videospielen noch so jung ist, ist sehr viel was gemacht wird, sehr zugänglich. Für ein Medium, dass für so viele Menschen auf der Welt eine Relevanz hat, ist das sehr wichtig: vor allem (medien)kulturwissenschaftliche Perspektiven sollten zugänglich sein, um so kritische Perspektiven aufzeigen zu können. Warum das wichtig ist, sehen wir in etwa in Deutschland an der mittlerweile eher abgeflachten Diskussion über Gewalt in Videospielen und der ab und an wieder aufflimmenden Diskussion über Videospielsucht. Dennoch ist die Videospielindustrie, auch in Deutschland, einer der größten Industrien weltweit. Ihre Omnipräsenz braucht also kritische Perspektiven, die sich damit auseinandersetzen kann. Mit was für einem Medium haben wir hier zu tun? Wie funktioniert es, wie involviert es Spieler*innen? Was können wir von diesem Medium lernen? Das Spannende ist auch, das meine medienkulturwissenschaftliche Perspektive nur eine von vielen ist. Das Medium lebt von Interdisziplinarität, ob in der Psychologie oder AI-Computing. Für mich ist das alles sehr spannend und man hat viel von anderen Forscher*innen und Disziplinen zu lernen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit! 

Für mich ist an Videospielen vor allem eins spannend: die Beziehung vom Medium zum Tourismus. Große Videospielentwickler wie EA, Ubisoft oder CD Projekt Red versprechen vor allem großartige Erlebnisse und Abenteuer in ihren Spielen. Oft werden digitale Städte und Landschaften zu virtuellen Reiseorten und mit der derzeitigen Videospieltechnologie immer detaillierter. Die Beziehung zwischen solchen Orten, wie in etwa die Nachstellungen des antiken Griechenlands in einer der Assassin’s Creed Spiele ist in etwa für einige Forscher*innen in Deutschland und international von Interesse gewesen.

Hier kommen wir dann konkret zu meiner Forschung. Ich interessiere mich vor allem für diese Beziehung zwischen Videospielen und Tourimus im Kontext von Japan. Das Land ist ebenfalls geprägt von der Videospielindustrie und das schon mindestens seit den 80er Jahren. Wer die Olympischen Spiele mitverfolgt hat, wird vielleicht gemerkt haben, dass das Land sich vor allem durch ihre popkulturellen Erfolge präsentiert hat – in der Eröffnungszeremonie liefen in etwa Lieder von bekannten japanischen Videospielen, während die Athleten der jeweiligen Länder in das Stadion liefen. Hier zeichnet sich eine Beobachtung ab: das Land nutzt mittlerweile sehr bewusst ihr popkulturelles Image um sich selbst so bewerben und wirkt sich auf zwei Ebenen aus: Videospiele selbst, unabhängig davon ob sie aus Japan kommen oder nicht, sind fasziniert von japanischen Ästhetiken (Samurai, die Edo-Zeit, japanische Architektur und so weiter) und bringen diese in das Medium für einen gewissen virtuellen Tourismus. Gleichzeitig ist es der eigentliche Tourismus selbst der im Land so beworben wird. Damit möchte ich mich näher in meinem Doktorandenstudium in Kyoto beschäftigen.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren? 

Videospiele sind überall und für jeden. Und dennoch stehen sie in einem sehr ambivalenten Verhältnis, wie in etwa zu der Frage, wieviel Energie die Technik braucht, um sie überhaupt zu spielen. Oder dass sie Produkte einer Industrie sind, die primär Profit schlagen möchte und immer neue Strategien sucht, um Gewinne zu erzielen. Vor allem in den letzten Jahren häufen sich Meldungen über die sexistischen Arbeitsbedingungen bei Spieleentwicklern, sowie dutzende unbezahlte Überstunden, die direkte psychische Konsequenzen für Miterarbeiter*innen haben. Als eine Industrie, die vor allem Produkte schafft, die einzigartige Erlebnisse versprechen, steckt sie in vielen Widersprüchlichkeiten. Es geht also schon viel mehr als um das Medium selbst, sondern direkte, kulturelle und soziale Konsequenzen, die mit dem Medium kommen.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Es sollte keine Überraschung sein, dass ich selbst viele Videospiele spiele. Manchmal streame ich meine Abenteuer auf Twitch! Wer da mal vorbeischauen möchte, kann es gerne auf twitch.tv/kayde_nuen tun.


Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Lange Gespräche auf Discord mit meinem Partner in Australien, Streams auf Twitch schauen, und wenn ich bei meinen Eltern bin, mich von meiner Mama mit vietnamesischen Essen verwöhnen lassen.


Bitte begrüßt Anh-Thu ganz herzlich auf Real Scientists DE!
 

Sunday, April 18, 2021

Wie wir online miteinander kommunizieren - Konstanze Marx ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Konstanze Marx (@KonstanzeMarx) vorstellen! Konstanze hat in Jena Germanistik, Phonetik, Medienwissenschaft und Pädagogik studiert und im Anschluss zur kognitiven Textverstehenstheorie promoviert. Nach einem Ausflug in die freie Wirtschaft zog es sie zurück in die Wissenschaft, diesmal an die TU Berlin, wo sie sich 2017 mit einer Arbeit zum Diskursphänomen Cybermobbing habilitierte. Seit 2019 hat sie den Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft an der Uni Greifswald inne. Ihre Forschung verbindet die drei Arbeitsbereiche Pragmatik, Angewandte Linguistik und Psycholinguistik. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Im zweiten Anlauf sozusagen. Ich bin nach meiner Promotion in die freie Wirtschaft gegangen, weil ich nicht an einen wissenschaftlichen Karriereweg geglaubt habe, ich habe zwei Jahre als Projektmanagerin gearbeitet und mich dabei beobachtet, wie ich immer neue sprachwissenschaftliche Forschungsfragen hatte, denen ich lieber nachgehen würde. Für eine dreijährige WiMi-Stelle habe ich dann den unbefristeten Vertrag gekündigt.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Die Entscheidung fiel irgendwann in der zehnten Klasse, kurz nach meinem Austauschjahr in den USA. Ich bin allerdings bei meiner Einschreibung an der FSU Jena davon ausgegangen, dass ich Mediävistin werde. Deshalb habe ich mich auch direkt ab dem ersten Semester in entsprechende Vorlesungen gesetzt und zunächst nichts verstanden. Gegen Ende meines Grundstudiums wurde die Professur für Germanistische Sprachwissenschaft mit der Kognitionslinguistin Monika Schwarz-Friesel besetzt, die aus meiner Sicht hochrelevante Lehrveranstaltungen anbot, zu Sprachroduktion und -rezeption und Sprache in den Medien, zu Sprache und Emotionen usw. Sie bot mir recht schnell eine Stelle als studentische Hilfskraft an und ich hatte so Gelegenheit, immer tiefer in das Fach einzutauchen. Die Kombination aus linguistischen und psychologischen, aber auch soziologischen Fragestellungen ist für mich ideal.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich bin seit dem Sommersemester 2019 Lehrstuhlinhaberin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald. Seit April 2020 bin ich Geschäftsführerin des Instituts für Deutsche Philologie und seit April 2021 Prorektorin für Kommunikationskultur, Personalentwicklung und Gleichstellung.
Ich wurde mit einer neurolinguistischen Arbeit zum Textverstehen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena promoviert und mit einer Arbeit zum Diskursphänomen Cybermobbing an der Technischen Universität Berlin habilitiert. Im Anschluss arbeitete ich als Professorin für die Linguistik des Deutschen an der Abteilung Pragmatik des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim und an der Universität Mannheim. Meine Schwerpunkte liegen in der Internetlinguistik, der Diskurs- und Textlinguistik, der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Sprache-Kognition-Emotion, der Genderlinguistik und der medienlinguistischen Prävention. Ich bin Preisträgerin des 25-Frauen-Awards von Edition F und Forschungspartnerin des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim.
Meine Forschung verbindet die drei Arbeitsbereiche Pragmatik (insbesondere mit den Teildisziplinen Erwerb und Didaktik, Interaktions- und Diskurslinguistik), Angewandte Linguistik (mit den Teildisziplinen Internetlinguistik, medienlinguistische Prävention, Soziolinguistik, Sprachkritik, Digitale Ethnographie und Ethik) und Psycholinguistik (mit besonderem Schwerpunkt auf dem Zusammenwirken von Sprache, Emotion und Kognition).
Dabei werden drei zentrale Leitfragen bearbeitet:

  1. Wie interagieren Menschen unter spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen sprachlich miteinander, was trägt dabei zum gegenseitigen Verstehen bei, was führt zu Konflikten und welche Rückschlüsse über menschliche Kommunikation, Kognition und gesellschaftliches Zusammenleben lassen sich daraus ziehen?
  2. Mit welchen linguistischen Methoden können diese Fragestellungen untersucht werden und welche ethischen Herausforderungen ergeben sich daraus?
  3. Wie positioniert sich die Linguistik im medialen Wandel?

Den oben genannten Fragen wende ich mich in den folgenden vier Themenfeldern zu:

  • Digitale Interaktion
  • Methoden der Internetlinguistik und Ethik
  • Wissenschaft und Öffentlichkeit sowie
  • Digitalisierung der Lehrmethoden in Schule und Universität

Insgesamt richte ich mich aus an Herausforderungen und Folgen des Digitalen Wandels für die linguistische Disziplin und deren Vermittlung. Entsprechend werden semantisch-pragmatische, kognitive, interaktionsorientierte, methodologische und ethische Perspektiven auf Sprache und Kommunikation im Internet-Zeitalter und Methoden des Erkenntnistransfers in die Gesellschaft fokussiert.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Die Angewandte Sprachwissenschaft interessiert sich insbesondere für Sprache im konkreten Gebrauch, das betrifft uns einfach. Wie interagieren wir? Wie sichern wir ab, dass wir uns verstehen? Wie drücken wir Gefühle aus? Das sind Fragen, die uns in unserem Alltag herausfordern. Wie sie als kommunikative Aufgaben bewältigt werden, kann uns Aufschluss über uns Menschen und unser Zusammenleben in einer Gesellschaft geben.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich würde gern in der Woche über meinen ganz aktuellen Aufgabenbereich twittern, der zwei Ämter inkludiert. Ich bin Geschäftsführerin des Instituts für Deutsche Sprache an der Universität Greifswald, aber seit dem 1.4. auch Prorektorin für Kommunikationskultur, Personalentwicklung und Gleichstellung. Privat bin ich Elternsprecherin.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich mag diese Frage, ich wünschte, ich hätte mehr Zeit zum Malen und für Ausdauersport.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Das wären Tage in Bewegung, möglichst zu Fuß oder auf dem Rad immer entlang der Küste, und da reicht schon der  Greifswalder Bodden.

Bitte begrüßt Konstanze ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, April 11, 2021

In Ton, Bild, und Comic - Véronique Sina ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Véronique Sina (@vesin9) vorstellen zu dürfen! Véronique arbeitet und forscht als Postdoc im Bereich Filmwissenschaft/Mediendramaturgie am Institut für Film-, Theater-, Medien- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zuvor war sie als Akademische Mitarbeiterin an den medienwissenschaftlichen Instituten der Universität zu Köln, der Eberhard Karls Universität Tübingen und der Ruhr-Universität Bochum tätig. An der Ruhr-Universität Bochum hat sie am Institut für Medienwissenschaft mit einer Arbeit zu Comic – Film – Gender. Zur (Re-)Medialisierung von Geschlecht im Comicfilm (transcript 2016) promoviert. Derzeit verfolgt sie ein Habilitationsprojekt zur diskursiven Konstruktion geschlechtlich codierter kultureller jüdischer Identität(en) in (audio-)visuellen Medien. Von 2017 bis 2019 war sie als Postdoc am DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug“ assoziiert. Aktuell ist sie an der Siegener Forschungsstelle „Queery/ing Popular Culture“ sowie am SELMA STERN ZENTRUM für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg assoziiert. Zudem ist sie Mitglied im DFG-Netzwerk „Gender, Medien und Affekt“. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen: Gender und Queer Studies, Visual Studies, Medienästhetik, Holocaust Studies, Jewish Cultural Studies, Comic‐, Intersektionalitäts- und Intermedialitätsforschung. Sie ist Mitbegründerin und Sprecherin der AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) sowie Mit-Herausgeberin der interdisziplinären Publikationsreihe „COMICSTUDIEN“, die im de Gruyter Verlag erscheint. Homepage: www.veronique-sina.de

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

In der Wissenschaft bin ich über einen Umweg gelandet. Eigentlich wollte ich mal PR machen und da es keine klassische Ausbildung zur Pressesprecherin gibt, hieß es damals „studiere am besten Journalistik, Kommunikationswissenschaft, etwas mit Sprachen oder Medien“. Medien haben mich schon immer interessiert, daher habe ich mich an der Ruhr-Universität Bochum auf einen Studienplatz im Fach Film- und Fernsehwissenschaft beworben, den ich dann auch erhalten habe. Als ich nach dem ersten Studienjahr vom Magister in den damals neu eingeführten Bachelor-Studiengang „Medienwissenschaft“ gewechselt bin, ist noch mein zweites Fach Amerikanistik/Anglistik dazu gekommen, damit hatte ich dann auch die Sprachen abgedeckt. Da meine Mutter Französin ist und ich zweisprachig aufgewachsen bin, haben mich alle immer gefragt, warum ich mich nicht für Romanistik als zweites Fach entschieden habe. Für mich war das logisch: Französisch kann ich schon, da studiere ich doch lieber eine Sprache, die ich noch nicht so sicher beherrsche. Damals war mir natürlich nicht klar, dass Romanistik bzw. Amerikanistik/Anglistik mehr bedeutet als „nur“ die Sprache zu sprechen… Ich habe meine Wahl jedoch nie bereut, sondern die Kombination der beiden Disziplinen hat für mich immer sehr viel Sinn gemacht! Beide Fächer – Medienwissenschaft und Amerikanistik/Anglistik – habe ich auch im Master studiert. Während des Masters habe ich gemerkt, wie gerne ich wissenschaftlich arbeite und irgendwann dachte ich mir, vielleicht mache ich ja schon längst das, was ich beruflich machen möchte: kritisch über Medien nachdenken, ihre Inhalte analysieren und Funktionsweisen offenlegen. In der letzten Phase meines Masterstudiums packte mich der Ehrgeiz und ich habe mit mir selbst den Deal gemacht, dass ich promoviere, falls die Abschlussarbeit besser als 2,0 wird – und so war es dann auch! Über Jobchancen in der Geisteswissenschaft habe ich mir damals – sehr naiverweise – keine Gedanken gemacht. Vielmehr wollte ich erstmal schauen, ob ich es überhaupt schaffe zu promovieren und ein Buch zu schreiben. Die harte Realität hat mich während der Promotionszeit eingeholt. Zum Glück konnte ich mich über wissenschaftliche Hilfskraftstellen, Lehraufträge und Promotionsstipendien finanzieren, bis es dann (zum Ende meiner Promotionszeit) mit der ersten Anstellung als Wissenschaftliche Mitarbeiterin geklappt hat.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich bin ein großer Fan der Medienwissenschaft! Was ich besonders mag, ist die Vielfalt der Zugänge, Fragestellungen und Gegenstände, mit denen ich mich als Medienwissenschaftlerin auseinandersetze. Die Analyse unterschiedlicher Medien, ihrer Produktions- und Rezeptionslogiken sowie ihrer technischen Rahmenbedingungen, institutionellen Verankerungen, historische Traditionslinien und intermedialen Relationen stehen dabei genauso auf der Tagesordnung wie die Kombination verschiedener interdisziplinärer Ansätze. In meiner Forschung beschäftige ich mich beispielsweise mit unterschiedlichen Medien wie Comic, Film und Fernsehen und beleuchte meine Gegenstände aus einer hegemonie- und machtkritischen, gender- und queer-theoretischen Perspektive. Gleichzeitig beschäftige ich mich mit Fragen der Jewish Studies, der Medienästhetik, Holocaust- und Antisemitismusforschung sowie der visuellen Kultur. In der Medienwissenschaft ist das alles möglich und das fasziniert und begeistert mich sehr!

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Seit November 2020 bin ich als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Filmwissenschaft/Mediendramaturgie am Institut für Film-, Theater-, Medien- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz tätig. Meine Hauptaufgaben liegen in der Forschung und Lehre. Pro Semester unterrichte ich zwei Lehrveranstaltungen.  Im Sommersemester 2021 leite ich etwa einen von drei parallelen Lektürekursen zur Einführung in die Kulturanalyse und unterrichte zudem ein Seminar zur medialen Figur der Hexe aus queer-feministischer Perspektive. Das alles findet momentan natürlich digital statt. Neben der Lehre und meinen Aufgaben am Institut forsche ich im Rahmen meines Habilitationsprojektes „Queering Jewishness – Jewish Queerness“ zu geschlechtlich codierten jüdischen Identitäten in audiovisuellen Medien. Darüber hinaus engagiere ich mich in verschiedenen Netzwerken und Institutionen. Gemeinsam mit Kolleg_innen der Universität Siegen veranstalte ich im Sommersemester außerdem eine interdisziplinäre Online-Vortragsreihe rund um das Thema Queer Studies und populäre Medienkulturen, auf die ich mich schon sehr freue.

Ganz aktuell bin ich überdies an der Organisation und Durchführung einer interdisziplinären Tagung beteiligt, die von der Volkswagen-Stiftung gefördert wird und im Oktober 2021 zum Thema "Race, Class, Gender & Beyond – Intersektionale Ansätze der Comicforschung" stattfinden wird, auch darauf freue ich mich schon sehr. Schließlich versuche ich meine bisherigen Erfahrungen, die ich in der (Medien-)Wissenschaft sammeln konnte, so oft und gut wie möglich mit Kolleg_innen zu teilen und weiterzugeben. Daher freut es mich besonders, dass ich bereits verschiedene Dissertationsprojekte, z.B. im Rahmen von Mentoringprogrammen, begleiten durfte bzw. betreuen darf.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
In dem Buch "Die Realität der Massenmedien" von Niklas Luhmann findet sich folgender Satz, der die Wichtigkeit und gesellschaftliche Relevanz von Medien - und damit auch der Medienwissenschaft - ziemlich gut auf den Punkt bringt: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien". Im Kontext meiner medienwissenschaftlichen Forschungs- und Lehrtätigkeit setze ich mich als Medienwissenschaftlerin gezielt mit gender- und queer-theoretischen Themen auseinander. Ebenso greife ich Aspekte der Antisemitismus- und Holocaustforschung, der Dis/ability-, Postcolonial- und Age Studies im Rahmen meiner Arbeit auf und mache so auf gesellschaftliche Normierungs- und Ausschlussmechanismen aufmerksam. Neben der Vermittlung in Forschung und Lehre gestalte ich regelmäßig Konferenzen, Workshops, Podiumsdiskussionen, Vortragsreihen, Screenings und Ausstellungen, die gesellschaftspolitische Aspekte von Heterogenität und Vielfalt thematisieren und sie für eine interessierte Öffentlichkeit zugänglich machen. Mit solchen Veranstaltungen möchte ich meiner Verantwortung als Wissenschaftlerin nachkommen, wichtige Perspektiven meines Forschungsthemas einer breiteren Zielgruppe zu vermitteln. Denn wenn die entsprechenden Diskurse den so genannten ‚Elfenbeinturm‘ nicht verlassen, können sie nur begrenzt zu der aktiven Gestaltung und Umsetzung diskriminierungs- und ausschlussfreier Räume beitragen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin aktuell in verschiedenen Netzwerken und Fachgesellschaften aktiv. Seit über 10 Jahren bin ich etwa Mitglied in der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM). Dort habe ich gemeinsam mit ein paar Kolleg_innen 2013 die AG Comicforschung gegründet, deren Sprecherin ich seitdem bin. Die AG hat sich die Sichtbarmachung, interdisziplinäre Förderung, Bündelung und Vernetzung comicbezogener Forschungsarbeit zum Ziel gesetzt und veranstaltet zu diesem Zweck regelmäßig Tagungen, Workshops und Diskussionsforen und publiziert auch rege. Ein weiteres wichtiges Anliegen ist mir das "Forum Antirassismus Medienwissenschaft" der GfM sowie die Mitarbeit in dem neu gegründeten DFG-Forschungsnetzwerk "Gender, Medien und Affekt". Zudem bin ich seit letztem Jahr assoziiertes Mitglied an der Siegener Forschungsstelle „Queery/ing Popular Culture“ sowie am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen gebe ich die interdisziplinäre Publikationsreihe „COMICSTUDIEN“ heraus, die im de Gruyter Verlag erscheint.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Als Medienwissenschaftlerin habe ich viele meiner Hobbies (Lesen, Comics, ins Kino gehen, etc.) zu meinem Beruf machen können, was wirklich großartig ist! Außerdem koche ich sehr gerne und versuche regelmäßig Sport zu treiben. Ich würde auch Reisen zu meinen Hobbies zählen und hoffe sehr, dass dies bald wieder möglich ist!

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
An einem idealen freien Tag muss ich nicht auf die Zeit oder auf Termine achten! Ich kann ausschlafen, abschalten und entspannen (was auch bedeutet, dass ich den halben Tag im Pyjama verbringe…). Ich denke mal nicht über Deadlines und Aufgaben auf meiner To Do-Liste nach, die es noch zu erledigen gilt. Ich frühstücke vorm Fernseher, lese und verbringe Zeit im Freien und/oder schaue mir eine Ausstellung an und Treffe Freund_innen. Zum Ausklang des Tages einen schönen Aperitif, idealerweise auf dem Balkon, und ein leckeres Abendessen.

Bitte begrüßt Véronique ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, March 28, 2021

Gossip Girl im 19. Jahrhundert - Katrin Horn ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Katrin Horn (@archivalgossip) vorstellen zu dürfen! Katrin ist akademische Rätin am Lehrstuhl für Anglophone Literaturen und Kulturen der Universität Bayreuth. Sie studierte Theater- und Medienwissenschaft, Anglistik und Amerikanistik an der LMU München und FAU Erlangen-Nürnberg, und promovierte 2015 im Fachbereich Amerikanistik ebenfalls an der FAU. Im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojektes war Katrin Gastwissenschaftlerin am German Historical Institute und dem John W. Kluge Center der Library of Congress, beides in Washington, DC. Seit 2017 hat sie mehrere Bücher zum Thema Popkultur veröffentlicht. Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf der amerikanischen Literatur und Kultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Eher zufällig, wenn ich ehrlich bin. Ich habe Theater- und Medienwissenschaft im Hauptfach und Amerikanistik im Nebenfach studiert. Geplant war dann eine Karriere im Bereich Kulturmanagement. Das war der Bereich, in dem ich mich während des Studiums hauptsächlich engagiert habe. Ich habe unter anderem Filmfestivals in Erlangen und Nürnberg mit-organisiert und nach dem Studium ein Praktikum in New York bei einem Filmverleih absolviert. Die Promotion war einerseits dem Interesse am Thema und dem Betreuungsangebot einer Professorin geschuldet, und andererseits als zusätzliche Qualifikation für einen Beruf im Kulturmanagement gedacht. Im Laufe der Promotion haben sich meine Interessen dann jedoch zunehmend verschoben, Lehre und Forschung wurden immer attraktiver. Dann konnte ich noch relativ nahtlos die Finanzierung meines PostDoc-Projektes einwerben und damit war die Entscheidung für die Wissenschaft dann endgültig gefallen.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden und/oder was hält dich dort?

Für die Amerikanistik habe ich mich wegen der Vielfalt der Themen, Theorien und Methoden entschieden. So waren bereits im Studium Kurse mit dem Schwerpunkt Gender und Queer Studies in diesem Fachbereich leichter zu finden als in meinem Hauptfach, den Medienwissenschaften. Gleichzeitig war es in der Amerikanistik kein Problem, den Fokus auf Medien statt auf Literatur zu legen. Zudem fühlte und fühle ich mich im disziplinären Kontext der Kulturwissenschaften besonders wohl, weil mein hauptsächliches wissenschaftliches Interesse der Analyse des Verhältnisses meiner Forschungsgegenstände zu gesellschaftlichen und historischen Entwicklungen bzw. Diskursen gilt.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit.

Meiner Arbeit ist derzeit „dreigleisig“. Einerseits natürlich Lehre und Selbstverwaltung am Lehrstuhl. In der Lehre versuche ich möglichst viele Formate und Kontexte abzudecken. In diesem Semester biete ich zum Beispiel ein Proseminar zur Harlem Renaissance an und eines zu „The Queer 90s“. Im letzten Sommer hat das Hauptseminar zu Nostalgie und Utopie in den USA besonders viel Spaß gemacht. Daneben betreue ich die Arbeit einer Doktorandin und studentischer Hilfskräfte im Rahmen meines DFG-Projektes. Und drittens ist da noch die Arbeit an meiner Qualifikationsschrift, also dem zweiten Buch. DFG-Projekt und Habilitation widmen sich dem Thema „Tratsch in der Kultur und Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts“. Tratsch ist für mich deswegen spannend, weil es eine kollektive Form des Wissens darstellt, das sich zudem notwendigerweise immer an der Grenze von Privatheit und Öffentlichkeit entwickelt. Dadurch eröffnet Tratsch inhaltlich wie strukturell eine spannenden Blick auf unterschiedliche Entwicklungen und Texte. Das auslaufende 19. Jahrhundert ist als Beobachtungszeitpunkt für mich besonders wichtig und interessant, weil sich hier viel anbahnt, was unser Leben auch heute noch prägt: es kommt die Idee eines „Rechts auf Privatheit“ auf, gleichzeitig entwickeln sich moderne Vorstellungen von celebrity und Sexualität sowie die Klatschpresse. In diesem Zusammenhang steht im DFG-Projekt derzeit die Arbeit an der digitalen Sammlung archivalgossip.com/collection im Vordergrund. Dort sammeln wir Archivmaterial (Briefe, Zeitschriftenartikel etc), das für unsere Forschung relevant ist und bieten Nutzer*innen Visualisierungen von zeitlichen Abläufen und Beziehungen. Für Oktober planen wir zudem eine Konferenz mit dem Titel Speculative Endeavours. Cultures of Knowledge and Capital in the Nineteenth Century. Wir hatten sie vom letzten auf dieses Jahr verschoben. Auf Grund der aktuellen Lage erarbeiten wir nun aber ein digitales Konzept für die Veranstaltung.

Für mich selbst steht im April die nächste Konferenz an. Ich werde auf der Jahrestagung der British American Studies Association zusammen mit einer britischen Kollegin ein Panel zu „Transatlantic Women’s Letter Writing of the 19th and early 20th Century“ organisieren. Mein eigener Vortrag wird sich dem Schriftwechsel zwischen Charlotte Cushman, der bekanntesten US-amerikanischen Schauspielerin des 19. Jahrhunderts (der bislang auch das meiste Material auf der Website gewidmet), und dem Herausgeber*innen-Ehepaar James T. und Annie Fields widmen. Dabei möchte ich sowohl einen kurzen Einblick in meine Arbeit mit handschriftlichen Archivmaterial und dessen Digitalisierung gewähren, als auch die Verquickung von professioneller und privater Korrespondenz und die Verhandlung von Cushmans Beziehung mit Frauen in den Briefen analysieren.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren? 

Weil es für viel einen neuen Blick auf das 19. Jahrhundert eröffnen wird und ihnen unerwartete, ungewöhnliche und einfach sehr spannende historische Figuren näherbringen wird: Charlotte Cushman, die erste international bekannte Schauspielerin der USA und die Frauen – Schriftstellerinnen, Bildhauerinnen – mit den sie ihr Leben verbrachte; eine afro-amerikanische Friseurin, Eliza Potter, die noch vorm Ende der Sklaverei in den USA nicht nur ein Vermögen machte, sondern auch noch ein skandalöses Buch über ihre reiche Kundschaft schrieb; das erste Tratsch-Magazin der USA und die New Yorker High Society, die sich in ihren Seiten tummelte; die erste Pulitzer-Preisträgerin, Edith Wharton, und ihre literarischen Analysen unterschiedlicher sozialer Schichten.
Meine Arbeit gibt zudem einen Einblick in die historische Entwicklung des Verständnisses von Sexualität und Geschlecht – gerade in unserer aktuellen Zeit, in der „diversity“ oft heiß diskutiert wird, lohnt es sich, sich noch einmal vor Augen zu führen, dass Vieles, was uns heute „natürlich“ erscheint, historisch gewachsen und kulturell spezifisch ist. Zuletzt sind die Thesen zur Definition von Tratsch und dessen Abgrenzung von anderen Wissens- und Kommunikationsformen (zum Beispiel vom Gerücht) auch für zeitgenössische Phänomene aussagekräftig ist, auch wenn meine Forschung hauptsächlich im 19. Jahrhundert angesiedelt ist. Ein Nebenprojekt, das ich im Rahmen eines DFG-Netzwerkes verfolge, widmet sich zum Beispiel celebrity gossip und der Entwicklung des closet, auch der Frage wie digitale Kontexte Wissen anders vermitteln / suggerieren. Es gibt also viele Anknüpfungspunkte.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

An der Uni bin ich noch Mittelbauvertreterin unterschiedlicher Gremien rund ums Thema Chancengleichheit und Diversität. Zu Hause bin ich Mutter dreier Kids (1, 3 und 5 Jahre alt) – das reicht mir derzeit an Aufgaben.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Hobbies ist vielleicht etwas hochgegriffen, aber ich backe sehr gerne. Zudem habe ich Spaß am Heimwerken und Gärtnern – das war und ist erfreulicherweise Alles recht Lockdown-tauglich. Wenn die Kids etwas mobiler sind, freue ich mich auf Wander- und Städtetouren.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?  

Ich hätte am Vorabend Teig für Bagels vorbereitet, die ich dann fürs Frühstück mit den Kids formen und backen würde. Wir hätten Freund*innen zu Besuch, die bei uns übernachtet haben. Nach einem langen Frühstück würden wir alle zusammen einen Ausflug machen. Bayreuth hat in der näheren Umgebung sehr schöne Parkanlagen und Wildgehege zu bieten – da ließe sich also leicht etwas finden. Nach einem entspannten Tag mit viel Sonnenschein und viel Bewegung, würden die Kids alle gut einschlafen und wir würden den Tag mit leckeren Cocktails auf der Terrasse ausklingen lassen.

Alternativ wären wir zusammen mit der Familie meines Bruders im gemeinsamen Nordsee-Inselurlaub. Sonnenschein und Bewegung wären gleich – angereichert mit Meeresrauschen, Dünenwanderung und viel leckerem Fisch zum Abendessen.


Bitte begrüßt Katrin ganz herzlich bei Real Scientists DE!