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Monday, March 14, 2022

Wirtschaftspolitik in Entwicklungsländern - Marie Huber ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Marie Huber (@marie_huber) vorstellen! Marie ist Expertin für Kultur- und Wirtschaftspolitik in Entwicklungsländern. Sie hat in Berlin Geschichte und Soziologie studiert und 2017 ihre Promotion abgeschlossen. 2020 ist ihr erstes Buch erschienen: "Developing Heritage - Developing Countries", in dem Sie am Beispiel von Äthiopien erklärt, wie wichtig Geschichtspolitik und Tourismus in Entwicklungsländern für die Entstehung der UNESCO Weltkulturerbeliste waren. Aktuell leitet sie ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Luftfahrt im postkolonialen Afrika. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Eine nicht versiegende Neugier und das anhaltende Gefühl, dass ich noch nicht genug weiß und noch nicht genug verstehe. Es ist als Mutter für mich ein Beruf, der mir viel Flexibilität und Gestaltungsfreiheit und ein gutes Einkommen bietet und gute Möglichkeiten, Familie und Karriere zu vereinbaren - auch wenn es nicht immer einfach ist, empfinde ich es als vergleichsweise gut.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Als Historikerin kann ich mit immer neuem Blick in die Vergangenheit schauen, um Fragen der Gegenwart zu beantworten. Es gibt meistens keine eindeutigen und einfache Antworten, wohl aber klare Aussagen und Analysen. Mir gefällt, dass ich in der historischen Forschung sehr gut aktuelle Fragen und Probleme auf sehr grundlegende Weise durchdenken kann als Teil des Forschungsdesigns immer auch Begriffe und Vorstellungen, sowie die eigene Position und Begrenzung in Frage stellen muss. Ich wollte außerdem immer einen Beruf, bei dem es Teil der Aufgaben ist, viel von der Welt zu sehen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Zeit verbringe ich vor allem alleine am Computer oder auf Reisen - zu Archiven, Konferenzen, Treffen mit Kolleg:innen. Ich forsche zu globalen Zusammenhängen, Wirtschafts- und Kulturpolitik, mit einem besonderen Fokus auf afrikanische Länder, also komme ich durch meine Arbeit an viele spannende Orte, da die für mich wichtigen Archive und Bibliotheken überall auf der Welt sind, zB in New York, Addis Ababa und Paris. Wenn ich eine Frage oder ein Thema gefunden habe, dann beschaffe ich mir möglichst viele originale Dokumente und Unterlagen dazu, die Primärquellen, die das Herzstück des historischen Arbeitens sind. In der Regel digitalisiere ich alle Unterlagen und verbringe dann sehr viel Zeit damit, alles durchzulesen und Informationen und Daten aus den Dokumenten aufzuschreiben. Wenn ich genug Material analysiert habe, kann ich neue Erkenntnisse formulieren und in Vorträgen vorstellen und in Aufsätzen und Büchern veröffentlichen. 

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
1. Wir wissen zu wenig über Afrika und unser Bild von afrikanischen Ländern ist sehr einseitig und in vielen Punkten nicht zutreffend.
2. Wirtschaftliche Angelegenheiten sind nicht zu kompliziert, um sie zu verstehen - und jede:r sollte sich mehr damit beschäftigen, sie müssten vielfältiger und besser erklärt werden.
3. Ich habe richtig coole Themen: ich forsche zum Beispiel zu Tourismus, Flugzeugen, Museen und Ruinen, Bleistiftfabriken, "alten weißen Männern" und anderen Experten, Prinzessinnen, Bauern, Archäologen, Managern und vielem mehr. 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin schon seit einigen Jahren Mentorin bei mentorme, einem beruflichen Förderprogramm für Frauen. Zusammen mit einem tollen Team haben wir gerade den perspektiven.blog gestartet, in dem es um berufliche Perspektiven und Lebensentwürfe für Geistes- und Sozialwissenschaftler:innen geht. Gelegentlich ist sie auch als Beraterin in Politik und Wirtschaft tätig. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Meine drei Kinder und mein Haushalt halten mich genug auf Trab, wenn ich Zeit für mich habe, dann sehe ich vor allem fern oder verbringe Zeit mit Freund:innen  

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Vor allem habe ich Zeit und wenig Pläne und bin ganz alleine (so sehr ich meine Familie liebe), außerdem bin ich ausgeschlafen und habe Lust, mir etwas besonderes zu Essen zu kochen und lange ungestört einen Roman zu lesen. Idealerweise würde ich dazu am Strand in der Sonne liegen. 

Bitte begrüßt Marie ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, February 27, 2022

Geschichten hinter den Objekten - Nicola Scheyhing ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Nicola Scheyhing (@Prehistorytellr) vorstellen zu dürfen! Nicola ist gelernte Reiseverkehrskauffrau und hat in Tübingen Ur- und Frühgeschichte, Vorderasiatische Archäologie und Vergleichende Religionswissenschaften studiert. Eigentlich wollte sie danach  zu einem Thema der Ausgrabungen in Nordsyrien promovieren. Der Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien haben diese Pläne zunichte gemacht, deswegen absolvierte sie dann im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ein Volontariat. Danach arbeitete sie als unabhängige Wissenschaftlerin für verschiedene Projekte und entdeckte dabei ihre Begeisterung für das Geschichte(n) erzählen.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Ich hatte in meiner Kindheit und Jugend wenig Vorstellung davon, was Wissenschaft ist. Ich bin in einem eher konservativen Elternhaus aufgewachsen, die einzige geisteswissenschaftlich Interessierte auf weiter Flur, und seit der Kindheit als Leseratte etwas beäugt von meiner eher technisch-bodenständigen Verwandtschaft. Museen und Forschung spielten keine Rolle, waren höchstens im Urlaub als Freizeitaktivität ein Thema. Ich habe mich schon seit meiner Grundschulzeit für Menschen der Vergangenheit interessiert, historische Romane und Expeditionsberichte verschlungen und mich gegen die Vorstellung meiner Eltern durchgesetzt und auf dem zweiten Bildungsweg Abitur gemacht. In dieser Zeit habe ich mich vermehrt auf historische Themen fokussiert, aber wollte gern etwas mit mehr praktischem Bezug. Ein Bekannter weckte mein Interesse an Archäologie, und erst durch ihn und sein Studium wurde mir bewusst, dass das etwas ist, was nicht nur britische Adelige in Ägypten oder der Türkei machen. Mein Wunsch nach einem Studium musste ich aber zunächst zurück stellen und eine Lehre zur Reiseverkehrskauffrau absolvieren, worauf meine Eltern bestanden. Wider ihren Erwartungen hatte ich meinen Traum vom Archäologiestudium nach drei Jahren Ausbildung aber nicht ad acta gelegt, und begann 2004, Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie in Tübingen zu studieren. Mein Studium habe ich zu einem großen Teil selbst durch Grabungsjobs finanziert, und 2011 mit dem Magister abgeschlossen. Die geplante Doktorarbeit ist seitdem aufgrund unzählicher Hindernisse bis heute immer noch genau das – ein Plan. Tja, und damit stellt sich die alles entscheidende Frage: bin ich denn in der Wissenschaft gelandet? Ab wann ist man denn ein Wissenschaftler? Sicherlich ein Thema, was ich in „meiner“ Woche bei RealSciDE zur Diskussion stellen werde.  

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Ich bin fasziniert davon, wie kleine Fragmente von Objekten Geschichten erzählen können. Das Erzählen der Geschichten von Objekten, die von lange vergangenen Zeiten und der Menschen dieser Zeiten berichten, können in der Archäologie unter anderem die archäologischen Museen und die Menschen, die dort arbeiten, leisten. Durch meine Arbeit in Museen, erst als Volontärin in der Ausstellungskuration, dann als Gästeführerin, hat mir gezeigt, dass ich meine eigene Begeisterung und Faszination durch meine Erzählung auf andere Menschen übertragen und dadurch ihr Interesse wecken kann. Daher fühle ich mich als Wisenschaftskommunikatorin, als Vor-Geschichtenerzählerin, in Museen am richtigen Platz um das zu tun, was ich mit Leidenschaft mache: Menschen Geschichten über das zu erzählen, was mich selbst begeistert.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Ich bin seit August 2021 angestellt auf einer halben Stelle für PR und Öffentlichkeitsarbeit im Besucherzentrum Arche Nebra am Fundplatz der Himmelsscheibe von Nebra. Eine weitere, befristete halbe Stelle habe ich als Koordinatorin des Tourismusnetzwerks Himmelswege inne. Hier koordiniere ich Marketing- und Kooperationsvorhaben von fünf Stationen mit archäologischer und astronomischer Relevanz in Sachsen-Anhalt und den dahinter stehenden Institutionen.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Obwohl Archäologie in der Öffentlichkeit auf großes Interesse stößt, und wir Archäologen mit Geschichten, die viele Menschen interessieren, aufregenden Fundstücken, gut etablierten und vernetzten „Werkzeugen“ wie Museen, Publikationen oder Dokumentationen eigentlich super aufgestellt sein müssten, unsere Wissenschaft und ihre Erkenntnisse zu vermitteln, verlieren wir doch immer häufiger die Deutungshoheit an pseudowissenschaftliche Auslegungen. Der Erfolg von Verschwörungserzählungen a la „Ancient Aliens“ spricht Bände, und trägt dazu bei, dass bestimmte Narrative als Grundlage von extremistischen Ideologien missgedeutet und missbraucht werden können. Dagegen hilft, wenn wir Forschenden Geschichten selbst und besser zugänglich erzählen, und dafür versuche ich (wie viele andere SciCom-Archäologen auch), Verständnis und Interesse zu wecken.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Mein Arbeitsalltag lässt mir nicht allzu viel Freizeit. Die nutze ich für Projekte, die ich bereits vor dem Antritt meines Jobs begonnen hatte, und die im Job keinen Platz finden: Mitarbeit in verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften wie bspw. HAWK digital Network zur Wissenschaftskommunikation in den historischen und archäologischen Wissenschaften. Verschiedene Talks und Papers zu Themen, an denen ich forsche, wie jungsteinzeitliche Tonfiguren aus Nordmesopotamien, und was sie uns über die Mensch-Tier-Verhältnisse erzählen. Oder zu der Frage, wie divers die Bilder sind, die wir von Gesellschaften der Vergangenheit produzieren und kommunizieren. Mein zeitaufwändigstes Hobby, dass aktuell ziemlich zu kurz kommt, ist meine Promotion: dabei arbeite ich zu Bestattungen des 6. Jahrtausends vor Christus in Nordmesopotamien. Wenn dann Zeit bleibt, und ich den Kopf frei bekommen muss, greife ich auf eher weniger spektakuläre Tätigkeiten zurück: ich backe, und ich mache ein wenig Yoga.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Mein perfekter Tag fängt nicht allzu früh an, ich bin nicht gerade ein Frühaufsteher.

An einem perfekten Tag hätte ich aber ausreichend Schlaf bekommen, und Energie und Motivation, ein paar Yoga-Asanas in der Sonne am offenen Fenster oder im Freien zu machen. Dann ginge es zu einem Frühstück in ein kleines Café, vor dem man sitzen und Menschen beobachten kann. Nach ausreichend Kaffee, gutem Essen und Sonne geht’s auf Erkundungstour: Straßen erforschen, einen neuen Wanderweg mit interessanten Aus- und Einblicken am Wegesrand, oder eine Tour durch ein Museum. Ich liebe es, neue Eindrücke aller Art zu sammeln. Zwischendurch darf es gern eine kleine kulinarische Neuentdeckung Streetfood sein. Meine Entdeckungstouren mache ich am liebsten zu Fuß, dabei kommen gern schonmal 20 bis 30 Kilometer Fußweg am Tag zusammen. Daher endet der Tag herrlich erschöpft, am liebsten in einer lauen Sommernacht, wieder vor einem Café oder Restaurant, mit einem guten Glas Rotwein oder einem lokalen Bier, während ich die neu gewonnenen Geschichten des Tages Revue passieren lasse.  

Bitte begrüßt Nicola ganz herzlich bei Real Scientists DE!   

Monday, October 25, 2021

Politischer und religiöser Extremismus - Annika Brockschmidt ist jetzt (wieder) bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch eine alte Bekannte vorstellen: nachdem sie 2018 bereits eine Woche bei Real Scientists DE kuratiert hatte, ist Annika Brockschmidt (@ardenthistorian) zum zweiten Mal bei uns zu Gast. Annika hat einen Bachelor in Geschichte und Germanistik von der Uni Heidelberg und einen Master in War and Conflict Studies von der Uni Potsdam. Sie ist als freie Journalistin für den Tagesspiegel, ZEIT Online und ZEIT Geschichte tätig und hat zwei Sachbücher bei Rowohlt veröffentlicht: "Goethes Faust und Einsteins Haken" und diesen Oktober "Amerikas Gotteskrieger. Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet". Wenn sie nicht gerade (zu Recherchezwecken) Predigten von Televangelists schaut, oder über die Religiöse Rechte schreibt, ist sie mit ihrem Hund in der Natur oder mit der Nase in einem Buch zu finden.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich fand es immer schon spannend, was Menschen dazu bringt, sich Extremen anzuschließen - sei es politischem oder religiösem Extremismus, oder beidem. In meiner historischen Ausbildung habe ich mich viel mit Propaganda und Genozid beschäftigt, ein Hintergrund, der mir auch jetzt bei der Arbeit am Buch "Amerikas Gotteskrieger" geholfen hat, wenn es darum ging, rechtsextreme Rhetorik zu entschlüsseln und Gewaltmechanismen herauszustellen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich halte mich täglich auf dem Laufenden, was in der amerikanischen Politischen und Religiösen Rechten geschieht - das ist mühsam, deprimierend und kann frustrierend sein, gleichzeitig ist es aber auch wahnsinnig spannend, quasi an einem "lebendigen" Thema zu recherchieren und darüber zu schreiben. Man weiß nie, was als nächstes kommt. 

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Ohne Christlichen Nationalismus und die Religiöse Rechte in den USA zu verstehen, kann man die aktuelle politische Lage in den USA weder richtig begreifen noch durchdringen. Wer beides unterschätzt, trifft eine fatale Fehleinschätzung: Denn so oft die Religiöse Rechte auch für tot erklärt wurde, ist sie nie von der politischen Bildfläche verschwunden. Und sie wird auch in der nahen Zukunft der USA weiterhin eine massive Rolle spielen, da sie die Radikalisierung der Republikaner massiv vorantreibt. 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich produziere den Podcast "HistoPod" für die Bundeszentrale für Politische Bildung und "Wissen Entgrenzen" für die Max Weber Stiftung. Außerdem habe ich einen neuen Podcast zur Religiösen Rechten in den USA gestartet, namens "Kreuz und Flagge", der sowohl für Deutsch - als auch Englischsprachige Hörer*innen spannend sein könnte. Über Patreon erhalten Abonnenten zusätzlich erweiterte Episoden, den Patreon-exklusiven Podcast "USA-Update" zur aktuellen politischen Lage in den USA und weitere Inhalte, wie Texte, Essays und Fotos. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Um den Kopf freizukriegen verbringe ich vielen Stunden mit dem Hund draußen - sonst hätte ich vermutlich längst den Verstand verloren. 

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ausschlafen (Hündchen ist Langschläferin), ausgedehntes Frühstück, Spaziergang mit Frieda und ihren Hundefreunden am Meer, ein fauler Tag inklusive Mittagsschlaf (Schlafdefizit hat mittlerweile besorgniserregende Ausmaße erreicht) mit vielen Büchern, Pausen zum Spielen und einem Abendessen mit Freunden.

Bitte begrüßt Annika ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, October 17, 2021

Sprache als Schlüssel zur Geschichte - Maria Zielenbach ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Maria Zielenbach (@dietweeterei) vorstellen! Maria hat Linguistik an der Universität zu Köln studiert und auch einen BA in Islamwissenschaften („Sprachen und Kulturen der islamischen Welt“). Zurzeit promoviert sie an der Vrijen Universiteit Amsterdam zur Geschichte der Nord-Halmahera-Sprachen im ERC Projekt OUTOFPAPUA (Papuans on the move). Thema ihrer Dissertation ist eine Rekonstruktion von Proto-Nord-Halmahera und weiter die Untersuchung eines möglichen Anschluss der Sprachfamilie an Sprachen in Westpapua. Maria ist Schriftführerin des Verein Junge Sprachwissenschaft e.V. Weiterhin ist sie bei der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V. aktiv, moderiert das Diskussionsformat TolkShow und den Podcast Silmaria.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Während meines Studiums habe ich im Institut für Linguistik in Köln gearbeitet und dabei den Wissenschaftsalltag kennengelernt. Obwohl der natürlich seine Tücken hat, war mein Plan A immer in die Forschung zu gehen, einfach, weil ich gerne Dinge herausfinden möchte. Nach meinem Masterabschluss im Frühjahr habe ich dann zu meinem eigenen Erstaunen sehr schnell eine Promotionsstelle gefunden, sodass ich seit September jetzt voll drin bin.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich wusste schon relativ früh, dass ich Linguistik studieren möchte. Ich fand Grammatik einfach toll und jeder Aspekt von Sprache hat mich fasziniert. Das ist immer noch so. Mein Weg zur historischen Linguistik war etwas verwickelt. Im Bachelor in Köln muss man im ersten Semester Kurse zu allgemeiner Sprachwissenschaft, Phonetik und historischer Sprachwissenschaft belegen. Letzteres heißt konkret klassische Indogermanistik. Ich habe mich dann zuerst dafür entschieden, aber im 3. Semester die Sprachtypologie für mich entdeckt und die Indogermanistik erstmal hinter mich gelassen. Da ich im Nebenfach Islamwissenschaften studiert hab, bin ich über Arabisch zur Semitistik gekommen und dabei habe ich festgestellt, dass es nicht die historische Sprachwissenschaft, sondern die indogermanischen Sprachen sind, die mich nicht wirklich interessieren. Darum habe ich angefangen mich mit der Diachronie (der Entwicklung) von anderen Sprachfamilien zu beschäftigen und nebenher weiterhin Kurse zu Typologie und Sprachdokumentation belegt. Daher bin ich ziemlich breit aufgestellt. Meine Stelle in Amsterdam vereint alles, was ich im Studium so gemacht hab: Historische Sprachwissenschaft, Sprachdokumentation, Austronesistik und Typologie. 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich erforsche die Familie der Nord-Halmahera-Sprachen. Halmahera ist eine indonesische Insel vor dem Vogelkopf von Neuguinea, etwas kleiner als Sachsen. Dort leben etwa 500.000 Menschen. Aus linguistischer Perspektive ist die Insel geteilt: im Süden werden austronesische Sprachen gesprochen (weitläufig verwandt mit Indonesisch, Maori usw.), im Norden Sprachen, die keiner größeren Sprachfamilie zugeordnet werden können. Zu der Familie gehören auch Sprachen auf den umliegenden Inseln Ternate, Tidore, Makian und Morotai. Die ersten drei kennt man vielleicht als „Gewürzinseln“. Sie waren lange Zeit der einzige Ort der Welt, an dem Gewürznelken wuchsen. Keine der Sprachen hat mehr als 100.000 Sprecher*innen. Durch die zunehmende Rolle der Kommunikationssprachen Moluccan Malay und der Amtssprache Indonesisch, gelten sie alle als von Sprachtod bedroht. Außerdem sind sie bislang nur wenig erforscht. Thema meiner Dissertation ist eine Rekonstruktion der Ursprache, aus der sich alle Nord-Halmahera-Sprachen entwickelt haben. Außerdem beschäftigt sich unser Projekt mit der Frage, ob die Nord-Halmahera-Sprachen mit Sprachen im Westen von Neuguinea verwandt sind und ob sich darüber Populationsbewegungen erschließen lassen.
Da ich noch ganz am Anfang meiner Promotion bin besteht meine Arbeit aktuell noch hauptsächlich aus der Lektüre der vorhandenen Literatur und dem Abtippen von Wörterbüchern (kein Witz), um Datensätze in die Datenbank unseres Projekts einzupflegen. Mit deren Hilfe kann ich dann hoffentlich bald mit der eigentlichen Forschung (Rekonstruktion) beginnen. Es ist auch vorgesehen, dass ich zur Sprachdokumentation nach Indonesien reise. Durch Corona ist das aber erstmal in den Hintergrund gerückt.
Kurzfassung: Ich starre auf Daten. 

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Eine kleine Inselgruppe in Indonesien ist für die meisten erstmal sehr weit weg und auch meine Forschung hat für viele keinerlei praktische Anwendung. Im Grunde leistet sie aber einen Beitrag zu sehr grundlegenden Frage: wie verändern sich Sprachen und wie sind Populationen auf und um Papua gewandert. Dein Leben wird es also nicht verändern, aber es ist spannend. Und die Sprecher*innen der Sprachen haben genauso ein Recht, etwas über die Geschichte ihrer Sprachen zu wissen, wie wir hier in Europa es über unsere Sprachen tun. 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
An der Uni habe ich bislang keine, allerdings bin ich seit einem halben Jahr im Vorstand der Jungen Sprachwissenschaft e.V., einem Verein für Linguistikstudierende und -promovierende. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Historische Linguist*innen haben den Ruf weg, die nerdigsten unter den ohnehin schon nerdigen Linguist*innen zu sein. Ich tu mein Bestes, um diesem Klischee zu entsprechen und bin sehr aktiv in der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V. In diesem Rahmen gebe ich öfters Vorträge, die auch immer was mit Linguistik zu tun haben. Seit einem halben Jahr moderiere ich auch ein Online-Diskussionsformat (die TolkShow) und seit Kurzem habe ich einen Podcast zum Silmarillion: Silmaria (ja, der ist nach mir benannt – nein, ich habe den Namen nicht erfunden). 

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Lesend auf einer Couch liegend während jemand für mich kocht (an dieser Stelle möchte ich meine Eltern grüßen)

Bitte begrüßt Maria ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, February 23, 2020

Politikwissenschaft in freier Wildbahn - @wimipolis ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin @wimipolis vorstellen! Marlene ist in Berlin geboren und aufgewachsen und hat 2005 ihren Bachelor in Sozialwissenschaften/Rechtswissenschaft und Literaturwissenschaft an der Universität Erfurt gemacht. Ihre Schwerpunkte waren Geschlechtersoziologie, Öffentliches Recht und Anglistik/Amerikanistik. Danach hat sie vier Jahre für eine Bundestagsabgeordnete und zwei Jahre in einem Callcenter im technischen Endkundensupport gearbeitet, bevor sie 2012 wieder Vollzeit studieren gegangen ist und an der Universität Potsdam ihren Master in Militärgeschichte/Militärsoziologie gemacht hat. Dort waren ihre Schwerpunkte Frauen in den Streitkräften, US-Militärgeschichte ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts und Militär und Popkultur. Ihre Master-Arbeit hat sie über das Bild von fiktionalen Soldatinnen in Serien und Videospielen geschrieben. Seit Anfang 2019 arbeitet sie am Lehrstuhl für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München als Projektmitarbeiterin.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Über Umwege. Ich wollte eigentlich eher in Richtung Ministerium oder nachgeordnete Dienststellen, als Referentin. Das war eher nicht von Erfolg gekrönt. An meine jetzige Stelle bin ich gekommen, weil ich (mit einem anderen Account) den richtigen Tweet zur richtigen Zeit abgesetzt habe und die Stelle von meinem jetzigen Chef daraufhin angeboten bekommen habe.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Militär und Verteidigungs- bzw. Außen- und Sicherheitspolitik hat mich schon seit etwa der achten Klasse irgendwie immer interessiert. Ich war 2001 auch für sechs Monate Offiziersanwärterin, habe aber die Bundeswehr aus verschiedenen Gründen Ende 2001 wieder verlassen und zivil erst meinen Bachelor in Sozialwissenschaften/ Rechtswissenschaft und Literaturwissenschaft an der Uni Erfurt gemacht, sechs Jahre etwas ganz anderes gemacht und dann noch mal meinen Master in Militärgeschichte/Militärsoziologie an der Uni Potsdam. Militär und Außen- und Sicherheitspolitik haben mich dabei die ganze Zeit entweder im Studium oder durch privates Interesse begleitet, und ist immer noch das, was ich in allen Disziplinen, die ich mal irgendwie wissenschaftlich berührt habe, als mein Hauptinteresse sehe. Ich finde das das spannendste Politikfeld, Militär ist als Raum für die Soziologie unglaublich spannend, weil man dort Felder wie formelle und informelle Hierarchien, sozialen Aufstieg, Geschlechterkonflikte etc. sozusagen wie in einem ganz speziellen Biotop behandeln kann und auch literarisch finde ich das Thema Krieg und Militär nach wie vor sehr spannend. Selbst Wehrrecht ist super interessant!

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit ist weniger forschungsorientiert als angewandt. Sozusagen Politikwissenschaft ganz praktisch. Ich bin Teil einer Projektgruppe, die die Simulation "Politik & Internationale Sicherheit", die die Jugendoffiziere der Bundeswehr vorrangig mit Schüler*innen durchführen, zum Teil digitalisieren soll und bearbeite da die inhaltliche Weiterentwicklung, zusammen mit den Jugendoffizieren. Das klingt erstmal viel trockener und technischer, als es ist. In der Praxis heißt das, dass ich mir sowohl die Grundlagen ansehe, auf denen die Simulation beruht und mir anschaue, was da geändert und aktualisiert werden muss, als auch an einer Form des Wissensmanagements für die Jugendoffiziere und an neuen Szenarien, die in die Simulation eingespielt werden können, arbeite. Dazu bin ich tatsächlich ziemlich viel unterwegs, weil ich das, was ich mir in meinem Büro ausdenke, auch immer wieder in laufenden Simulationen ausprobieren muss und möchte. Ich habe am 1.3.2019 angefangen und habe seitdem sieben volle Pol&IS-Simulationen (immer zwischen drei und vier Tagen am Stück) mitgemacht und begleitet. Dazu kommen noch ein paar Tagungen und Besprechungen in der Dienststelle, die von Bundeswehr-Seite aus das Projekt managt. Insgesamt war ich im letzten Jahr vermutlich etwa zehnmal so viel unterwegs wie in den ganzen vier Jahren vorher, und habe, da mein Büro in München ist, ich aber für Simulationen meistens im Raum Berlin-Brandenburg unterwegs bin, vermutlich schon eine vierstellige Anzahl an Bahnkilometern geschrubbt.
Außerdem promoviere ich seit Sommer 2019 zur "Rolle und Funktion der Jugendoffiziere in der Bundeswehr und für die Bundeswehr" und bin gerade dabei, meine Forschungsfrage auszuarbeiten und meinen Forschungsplan aufzustellen. Ich sitze zwar nicht auf einer Promotionsstelle, aber das Thema ist so nah am Projektgegenstand dran, dass ich es trotzdem gerne erwähnen wollte.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Sicherheitspolitik geht uns alle an. Das ist ganz oft das Politikfeld, bei dem die meisten Leute abwinken, weil es ihnen zu weit weg von ihrem eigenen Leben vorkommt und oft dem Gefühl nach gar nichts mit ihnen zu tun hat. Empirisch gesehen hat zum Beispiel die Mehrheit der Deutschen eine durchaus positive Einstellung zur Bundeswehr, weiß aber eigentlich gar nicht so richtig, was die Soldat*innen und Zivilangestellten (so eine bin ich, zum Beispiel) wirklich machen. Das ist schon alleine deshalb problematisch, weil Soldat*innen der Bundeswehr in die meisten ihrer Einsätze nur mit Zustimmung des Parlaments gehen (sogenannter Parlamentsvorbehalt, wird immer dann "fällig", wenn es sich um bewaffnete Einsätze wie zum Beispiel in Mali oder Afghanistan handelt), mithin also wir alle als Wähler*innen zumindest mittelbar auch daran beteiligt sind, die Soldat*innen in Einsätze zu schicken, in denen sie potentiell Leib und Leben gefährden und auch schon verloren haben. Dazu kommt, dass die oft belächelte Kampagne der Marine über Handys und Bananen (die älteren erinnern sich vielleicht...) inhaltlich zwar etwas vereinfacht, aber im Großen und Ganzen korrekt war: wir leben in einer globalisierten Welt, und wir sind davon abhängig, dass zum Beispiel Seewege sicher sind und sich alle an die dort geltenden Regeln halten. Und Geflüchtete, die in Deutschland ankommen, kommen oft aus Ländern, in denen Konflikte herrschen, die uns vielleicht zunächst weit weg erscheinen, aber viel mehr mit uns zu tun haben, als viele von uns wissen. Und so weiter und so fort. Deswegen ist es wichtig, dass sich Bürger*innen eines Landes für dessen Außen- und Sicherheitspolitik interessieren, und die ganz konkrete Arbeit, die ich mache - eine Simulation dazu, wie Außen- und Sicherheitspolitik funktioniert weiterentwickeln - ist ein wirklich gutes Instrument der politischen Bildung, um schon Jugendlichen ein Interesse und ein paar Grundwerkzeuge an die Hand zu geben, um besser zu verstehen, wie Konflikte entstehen, wie man sie verhindern oder beilegen kann etc.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Leider keine, was unter anderem daran liegt, dass ich wie viele anderen Kolleg*innen einen zeitlich befristeten Vertrag habe und noch nicht weiß, wie es danach weitergeht. Das macht es schwierig, sich zum Beispiel in den akademischen Gremien oder in der Personalvertretung zu engagieren. Wenn man weiß, dass man unter Umständen nur die Hälfte einer Legislatur an einer Uni ist, dann will man eigentlich gar nicht erst kandidieren, denn wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig und höre nicht auf der Hälfte auf.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Zur Zeit leider "nur" Laufen (das aber regelmäßig zwei- bis dreimal in der Woche). Ich war auch lange begeisterte Fechterin, und es gibt hier an der UniBw auch eine aktive Fechtgruppe. Leider bin ich durch meine Dienstreisen aber zu oft weg, dass es sich lohnen würde, meine Ausrüstung aus Berlin (da komme ich ursprünglich her) nach München zu bringen und dann hier zu trainieren. Ich bin außerdem seit 20 Jahren mehr oder weniger aktive Fanfiction-Autorin, muss das aber momentan wegen des Jobs - der schon sehr viel kreative Energie braucht und bindet, die ich sonst in meine Geschichten stecke - hinten anstellen. Aber ich arbeite daran, das wieder zu ändern!

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Ich darf ausschlafen (kann auch gut mal bis 11 oder 12 Uhr sein *nachteule), werde nicht von einem Wecker geweckt und darf sehr langsam und gemächlich in den Tag starten. Ich habe keine Termine (auch keine privaten) und niemand stört sich daran, dass ich bei Netflix oder mit den Sims vor meinem Rechner versumpfe und erst abends wieder auftauche. Außerdem koche ich irgendwas richtig gutes und vielleicht sogar etwas aufwendigeres und kann das ganz für mich alleine genießen. Ja, ich bin im Herzen eine Einsiedlerin ;)

(besonders wichtig ist das, wenn ich in der Woche auf einem Pol&IS war. Es macht wahnsinnig viel Spaß und es ist toll zu sehen, wie engagiert die Schüler*innen zum Teil richtig komplexe Problemstellungen lösen und wie sie aus ihren Fehlern lernen und am Ende wirklich daran gewachsen sind. Aber es sind auch immer drei oder vier zum Teil sehr lange Arbeitstage (bis 1 oder 2 Uhr nachts noch aufbleiben und arbeiten ist nicht sonderlich ungewöhnlich, je nachdem, was das für eine Gruppe ist und was die Simulationsleitung bzw. -unterstützung noch für den nächsten Tag vorbereiten muss), die dem Sozial-Akku eines introverts ziemlich zusetzen, und es ist mir einfach aus Gründen der Selbstfürsorge und um nicht auszubrennen wichtig, mir selbst die Zeit und die Möglichkeit zu geben, mich für ein oder zwei Tage zum Aufladen meines Akkus mal ein bisschen zurückzuziehen. Das hilft ungemein, um den Job auch über Monate hinweg noch mit demselben Enthusiasmus und Engagement zu machen.)

Bitte begrüßt Marlene ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, October 14, 2018

Wie man ein Jahrhundert wendet - Anette Schlimm ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Anette Schlimm (@AnetteSchlimm) vorstellen! Anette arbeitet als Akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der LMU München. Dort stellt sie gerade ihre Habilitationsschrift mit dem Titel „Übergangsgesellschaften. Politik und Regierung im ländlichen Raum, 1850 bis 1950“ fertig. Sie wurde an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit einer Untersuchung über Verkehrsexperten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Großbritannien promoviert, vorher studierte sie erst Sozialwissenschaften auf Diplom, dann Geschichte und Politikwissenschaft auf Magister in Oldenburg und Huddinge (Schweden). Besonders interessiert sie sich für die Geschichte des ländlichen Raums in Europa, für die Geschichte von Herrschaftspraktiken und für die Theorie der Geschichte.


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Tja, das ist eine längere Geschichte - wo soll ich anfangen? Als ich mit dem Studium begann, war ich der festen Überzeugung, dass ich den gewählten Diplomstudiengang so schnell wie möglich durchziehen würde, um der Uni wieder den Rücken zu kehren. Einen Fachwechsel und einige Semester später stellte ich fest, dass das, was ich an der Uni tun konnte, mir wirklich sehr viel Spaß machte. In selbst organisierten studentischen Lesekreisen, "Intellektuellen Wochen" und studentischen Tagungen fand ich ein wirklich schönes, aber auch zeitraubendes Hobby - und das konnte ich mit viel Glück (Stellen fallen in den Geisteswissenschaften nicht vom Himmel) zum Beruf machen. Ich hoffe, dass das so bleibt, denn, nunja, unbefristete Stellen fallen in den Geisteswissenschaften noch viel seltener vom Himmel.



Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich bin eine Historikerin mit einem Schwerpunkt in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Besonders interessiert mich die "erweiterte" Wende zum 20. Jahrhundert - sprich: die Zeit ca. zwischen 1880 und 1930. Diese Zeit finde ich deshalb so faszinierend, weil sie auf den ersten Blick noch recht nah an unserer eigenen Lebenswelt ist, denn viele Aspekte unserer Gegenwart haben ihre "Geburststunde" in dieser Zeit der Jahrhundertwende. Schaut man aber genauer hin, vergräbt sich in Quellenmaterial, dann wird mir diese Zeit schnell sehr fremd - und das ist das Faszinierende daran!


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit besteht ungefähr zur Hälfte aus eigener Forschung - im Moment ist das fast ausschließlich meine Habilitationsschrift, die ich im nächsten Sommer einreichen muss, d.h. ich bin mit der Niederschrift meines Buches über die Regierung ländlicher Gesellschaften zwischen 1850 und 1950 beschäftigt. Die andere Hälfte ist sehr abwechslungsreich; in meiner Kuratorinnen-Woche beginnt das Wintersemester und damit auch meine beiden Kurse, die ich unterrichte. Außerdem gibt es Vorträge, die ich halte, Workshops, die ich besuche, allerlei Verwaltungskram an der Uni, ich schreibe an mehreren Rezensionen gleichzeitig und habe auch noch das eine oder andere Schreibprojekt am Start. Insgesamt also: ein bunter Blumenstrauß!



Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Zum einen weiß ich, dass viele Leute keine Vorstellung davon haben, was man an der Universität alles tut und macht. Nach außen wird nur sichtbar: Ach, die unterrichtet zwei Lehrveranstaltungen. Und was macht sie die restliche Zeit? Schlafen? Die Vielfalt des Arbeitsfeldes Universität, das will ich zeigen (und auch Verständnis UND Begeisterung dafür wecken). Zum anderen will ich natürlich über meine Forschungen berichten, über Politik und Regierung in ländlichen Räumen im 19. und 20. Jahrhundert. Das ist ein wenig bekanntes Thema, aber ein sehr spannendes!



Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Neben meiner Tätigkeit an der Uni betreibe ich - mit mal mehr, mal weniger zeitlichem Aufwand - ein Blog zu meinem Habilitationsprojekt. Weitere zusätzliche Tätigkeiten fallen mir gerade gar nicht ein - aber ich finde, die Vielfalt reicht auch wirklich schon!



Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Mein Hobby ist (im Moment) vor allem meine Familie - mein Mann und mein kleiner Sohn. 



Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Mein idealer freier Tag beginnt mit einem Frühstück in Ruhe (viel Kaffee!), danach scheint hoffentlich die Sonne und wir machen uns auf nach draußen, machen eine Fahrradtour oder eine Wanderung. Nachmittags gibt es selbstverständlich Kuchen (und Kaffee!). Abends kochen wir etwas, und wenn unser Sohn im Bett ist, spielen wir noch etwas an der Konsole - ich bin bekennender Fan (und sehr schlechte Fahrerin) von SuperMarioKart.


Bitte begrüßt Anette ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, March 4, 2018

Krieg und Propaganda - Annika Brockschmidt ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Annika Brockschmidt (@ardenthistorian) vorstellen! Annika studiert derzeit im Master War and Conflict Studies an der Universität Potsdam. Sie ist als freie Journalistin für den Tagesspiegel, ZEIT Wissen und ZEIT Geschichte tätig und hat im letzten Sommer ein populärwissenschaftliches Sachbuch bei Rowohlt geschrieben: "Goethes Faust und Einsteins Haken". Wenn sie nicht gerade über Quellen sitzt, oder anderweitig schreibt, ist sie auf dem Pferderücken oder mit der Nase in einem Buch zu finden.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Erstmal über die Uni - ich habe schnell gemerkt, dass ich mit Geschichte im richtigen Fach gelandet bin. Parallel dazu habe ich habe im Journalismus mit Kulturthemen begonnen, dann aber mehr und mehr gemerkt, wie spannend ich es finde, auch in einem nicht-universitären Kontext über Wissenschaft zu schreiben, sei es im Format einer Zeitung, eines Podcasts oder - wie letzten Juli zusammen mit Dennis Schulz das populärwissenschaftliche Sachbuch "Goethes Faust und Einsteins Haken" bei Rowohlt, das sich aus unserem Podcast "Science Pie" entwickelt hat. Es macht Spaß, andere mit meiner Begeisterung für Wissenschaft anzustecken und zu zeigen, dass Wissenschaft wahnsinnig spannend ist!


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Das Interesse an der Vergangenheit hat mich zur Geschichte gebracht - ganz klassisch, auch wenn ich das Fach bis zur Oberstufe nie mochte. Dann gab es einen Lehrerwechsel und ich habe gemerkt, dass Geschichte viel mehr ist als eine Aneinanderreihung von Jahreszahlen. Mein Bachelor in Heidelberg war recht breit aufgestellt: von Antike bis zur Zeitgeschichte war alles mit dabei. Ich habe mich dann auf die Frühe Neuzeit konzentriert. Jetzt im Master forsche ich zur Geschichte von Konflikten und Kriegen. Ich finde es wahnsinnig spannend, sich in Quellen einzugraben und herauszufinden, wie Konflikte funktionieren, weshalb sie ausbrechen und was das für unser aller Zukunft bedeuten könnte. Der zeitliche Fokus ist hier etwas später angesetzt, etwa ab der Napoleonischen Kriege.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich interessiere mich besonders für Propaganda: wie sie wirkt, wer sie macht, was das überhaupt ist. Vor allem der Erste Weltkrieg ist momentan mein Hauptfokus, als die sogenannte Gräuelpropaganda zum ersten Mal auf volle Touren kommt. Und das auf allen Seiten - man versucht, den Gegner möglichst barbarisch, möglichst unmoralisch und teuflisch darzustellen. Ich habe mich zuletzt mit der Darstellung von Frauen im Bezug auf die Besetzung Belgiens durch die Deutschen im Ersten Weltkrieg konzentriert. Propaganda sagt viel aus über die Gesellschaft, für die sie gemacht ist! Parallel schreibe ich, wenn es sich anbietet, für den Tagesspiegel, ZEIT Wissen oder ZEIT Geschichte - letztens einen Artikel über Literatur im Dreißigjährigen Krieg, das war sehr spannend.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Gerade heute ist Geschichtswissen und -bewusstsein extrem wichtig. Wenn man nicht tagtäglich damit zu tun hat, kann das im Alltag schnell untergehen - dem wirkt gute Wissenschaftskommunikation entgegen: Forscher, die Lust haben, ihre Inhalte ans Publikum zu bringen - und zwar verständlich. Wir müssen runter aus dem Elfenbeinturm, der ist ja quasi seine eigene Echokammer. In Zeiten, in denen die Rhetorik der 30er Jahre wieder Einzug in den Bundestag erhalten hat, ist es umso wichtiger, dass wir uns an unsere Geschichte erinnern. Aber nicht nur im Bezug auf Deutschland: jeden Konflikt dieser Welt, der heute schwelt und jeden Krieg, der herrscht, kann man nur verstehen, wenn man seine Ursachen kennt. Und dazu muss man viel tiefer graben. Wir Historiker buddeln quasi in der Geschichte - und präsentieren der Welt unsere Fundstücke.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Wie schon gesagt - neben dem Studium habe ich mit Dennis Schulz ein Buch geschrieben und bin als freie Mitarbeiterin für verschiedene Publikationen tätig.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Um den Kopf freizukriegen gehe ich reiten - vielleicht ein Nachklapp meines inneren Nerds, der eigentlich auch Mittelaltermärkte immer ganz cool fand :) Oh, und Podcasts - ich bin ganz vernarrt in Podcasts.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Morgens ein Ausritt in Brandenburg, danach ein ausgiebig langes Frühstück. Den restlichen Tag würde ich mit Lesen verbringen (zum Spaß! Nur zum Spaß lesen ist auch himmlisch), Freunde treffen und mich abends im BKA Theater bei Edith Schröder und Konsorten in Berlin schlapplachen.

Bitte begrüßt Annika ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Monday, October 30, 2017

Drachentöten und viktorianische Satire - Sandra Schwab ist jetzt bei Real Scientists DE!

Nach Wochen voller Mikroorganismen machen wir einen Ausflug in eine ganz andere Richtung: Mit großer Vorfreude möchten wir euch unsere neue Kuratorin Sandra Schwab (@ScribblingSandy) vorstellen! Sandra ist promovierte Anglistin und arbeitet zur Zeit als freiberufliche Übersetzerin und Coverdesignerin. Am liebsten "verwurschtelt" sie ihre wissenschaftliche Forschung zu Literatur, Geschichte und Kulturgeschichte in kreativen Werken.
Sie schreibt unter anderem Unterhaltungsliteratur für den nordamerikanischen Markt - ihr Debüt "The Lily Brand" wurde 2005 für einen Romantic Times Reviewers' Choice Award nominiert - und hat sich zu einer Expertin für die viktorianische Zeitschrift "Punch" entwickelt.  Wenn sie gerade nicht zu Punch-Archivbesichtigungen eingeladen oder von der BBC zu den Brüdern Grimm interviewt wird, beschäftigt sich Sandra mit dem Ausbau ihrer Bibliothek (inklusive rund 140 Kilo "Punch"!) und verbringt Zeit bei Miss Hetty, ihrem Wohnwagen.


Hier ist Sandra in ihren eigenen Worten:

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Ich wollte schon immer irgendetwas mit Literatur machen und hatte ursprünglich vor, zu versuchen, einen Job in einem Verlag zu bekommen. Aus diesem Grund fing ich nach dem Abi ein Magisterstudium in Mainz an, und zwar in Germanistik, Anglistik und Buchwissenschaft. Mir wurde dann aber schnell klar, dass mir die Anglistik besser lag, was auch damit zu tun hatte, dass die Mainzer Germanistik zu diesem Zeitpunkt recht konservativ war, und irgendwann hatte ich halt die Nase voll von Lessing, Goethe und Schillers Fantasien von sterbenden Frauen (Mensch, Emilia Galotti, hättste den blöden Prinzen nicht einfach abmurksen können?!?!). Ich wechselte also noch einmal die Fächer und blieb schließlich bei Anglistik, Germanistik und Kulturanthropologie hängen.

Kultur-was? mag sich manch einer jetzt fragen. Kulturanthropologie ist das Fach, das früher mal "Volkskunde" hieß, doch diese Bezeichnung war nicht nur etwas angestaubt, sondern auch recht belastet, weshalb sich die Institute in Deutschland in den 1980er und 90er Jahren umbenannten. Das Fach ist extrem spannend und behandelt Aspekte des Alltagslebens. Traditionelle Themenbereiche sind Brauchtumsforschung und Märchenforschung, die es mir besonders angetan hatte. (Mit anderen Worten: Die Brüder Grimm sind dran schuld...)

Nach meinem Auslandsjahr in Galway, Irland (mit Dauerregen) bekam ich eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft im Bereich der British Studies in Mainz und hatte das Glück, dass eine Mitarbeiterstelle frei war, als ich mit dem Studium fertig war. Und so kam es, dass ich die nächsten zwölf Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni verbracht habe. Leider lernte ich dabei auch die Schattenseiten des deutschen Unisystems kennen (Stichwort #metoo) und fand zudem die Arbeitsbedingungen und Arbeitsatmosphäre zunehmend problematisch. Erschwerend kam hinzu, dass meine Forschung zwar im Ausland sehr gut ankam, dass sie jedoch in Deutschland als zu bodenständig angesehen wurde.

Aus diesen Gründen entschloss ich mich dazu, nach Ablauf meines letzten Vertrags nicht weiter eine Unikarriere zu verfolgen. Stattdessen machte ich mich im Frühjahr 2016 als Übersetzerin und Coverdesignerin selbständig. Forschen tue ich allerdings immer noch - aber jetzt ausschließlich für meine kreativen Werke.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Ich habe über das Drachentöten promoviert (echt jetzt) und bin bei den Recherchen zu diesem Thema über den viktorianischen Illustrator Richard Doyle gestolpert, der in den 1840er Jahren für die satirische Zeitschrift "Punch" arbeitete. Von seinen Kollegen wurde er "Professor of Mediæval Design" genannt, da viele seiner Zeichnungen die Mittelalterromantik des 19. Jahrhunderts aufs Korn nahmen. Genau darüber hielt ich 2010 einen Vortrag an der Yale University bei der Konferenz der Research Society for Victorian Periodicals.

Und diese Konferenz haute mich schlichtweg um. Nicht nur, dass die Vorträge alle sehr, sehr gut waren oder dass es sich bei den anwesenden Wissenschaftlern um eine extrem nette Truppe handelte, nein, es war auch das Forschungsfeld selbst, das mich in seinen Bann schlug: ein weites Forschungsfeld, interdisziplinär, eng verbunden mit Kultur- und Alltagsgeschichte, in Teilen leicht skurril - einfach perfekt! Nach meiner Rückkehr nach Deutschland fing ich sofort an, AbeBooks zu durchwühlen und wurde auch schnell fündig: Schon wenige Wochen später zogen 70 Kilo Mr. Punch bei mir ein, nämlich die Bände der Zeitschrift von 1841-91. Und naja, wenn man so viel Mr. Punch in seinem Wohnzimmer sitzen hat, muss man ja einfach über "Punch" forschen. :-)

Wenige Jahre später kam mir dann die Idee, dass ich meine wissenschaftliche Forschung mit meiner kreativen Arbeit als Schriftstellerin verbinden könnte, und so entstand meine Serie über die fiktive viktorianische Zeitschrift "Allan's Miscellany".

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich übersetze Bücher ins Deutsche (oder lektoriere bestehende Übersetzungen), erstelle Buchcover und Figurenporträts und schreibe nebenbei noch eigene Romane und Kurzromane, die im 19. Jahrhundert oder in der Römerzeit spielen. (Twitter hat mich zu den Römern überredet. Das kommt davon, wenn man auf Twitter kundtut, dass man in der Nähe der Saalburg wohnt...)

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Spätestens seit "Game of Thrones" sind Drachen wieder in aller Munde. Und was die Zeitungen und Zeitschriften des 19. Jahrhunderts angeht - wer sich für Geschichte und Literatur der Zeit interessiert, kommt eigentlich an den Periodika nicht vorbei. Man hat in den letzten Jahren dank der Forschung auf diesem Gebiet viele spannende neue Erkenntnisse zum Buchmarkt, Literaturproduktion und Alltagsleben gewonnen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich schreibe seit 2000 Unterhaltungsliteratur für den nordamerikanischen Markt und bin seit 2005 veröffentlichte Autorin.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
2011 habe ich urban sketching für mich entdeckt und renne seitdem gerne auch einmal mit Skizzenbuch durch die Gegend. Das hat den Vorteil, dass man lernt, ganz genau hinzuschauen und auf Details zu achten. Da ein zeichnender Mensch in freier Wildbahn einen ziemlich ungewöhnlichen Anblick darstellt, kommt man immer schnell mit fremden Menschen ins Gespräch und es ergeben sich häufig ganz wunderbare Begegnungen.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Meinen idealen freien Tag verbringe ich bei meinem Wohnwagen auf dem Campingplatz. Bei Sonnenschein lässt es sich faul ausgestreckt auf einer Liege unter einem Baum hervorragend lesen, und bei Regenwetter ist es im Wohnwagen gleich doppelt gemütlich. Ich habe dort weder Handyempfang (es sei denn, ich stehe am Stein neben dem kleinen Baum vor dem Vorzelt und halte das Handy in Richtung Süden - dann funktioniert es manchmal mit dem Empfang) noch eine Internetverbindung - was einfach himmlisch ist!


Bitte begrüßt Sandra ganz herzlich bei Real Scientists DE!