Diese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin
Susanne Gruß (@susannegruss.bsky.social)! Susanne ist
Anglistin und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Renaissance und mit
zeitgenössischer britischer Literatur und Kultur. Seit April 2024 ist sie
Professorin für Englische Literaturwissenschaft an der
Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Davor war sie nach Vertretungen an den
Universitäten Frankfurt/Main, Passau und Bonn Professorin für Englische
Literatur und Kultur (mit Schwerpunkt Gender und Queer Studies) an der
Universität zu Köln. Studiert (Lehramt für Gymnasium und Magister im Doppelstudium),
promoviert und habilitiert hat sie an der FAU Erlangen-Nürnberg. In ihren
Spezialgebieten konzentriert sie sich insbesondere auf frühneuzeitliche Kultur
und Drama (v.a. Rachetragödien und Tragikomödien), Kollaboration im Theater,
frühneuzeitliche Piraterie und Recht und Literatur auf der einen Seite; auf der
anderen arbeitet sie zu Gender Studies und feministischer Theoriebildung,
Neoviktorianismus (und kulturellen Aneignungen des 19. Jahrhunderts), den
kulturellen und literarischen Implikationen der Welt der Pilze, sowie seit
Kurzem auch zur Darstellung von Hexenfiguren. In beiden Forschungsfeldern
interessiert sie sich für Populärkultur und Fragen von Kanonisierung und Genre.
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Wie viele der Menschen in meinem Umfeld durch eine Mischung aus Zufall, Glück und Sturheit. Als ich angefangen habe zu studieren, hatte ich noch nie darüber nachgedacht, dass „Professorin“ ein echter Beruf ist. Mein Vater war Lehrer, ich bin also in einem bildungsbürgerlichen Haushalt aufgewachsen und habe (Achtung, Klischee) schon immer gerne gelesen. Studiert habe ich dann zunächst Englisch und Deutsch auf Lehramt (mit Erweiterungsfach Geschichte), hatte aber eigentlich den vagen Plan, Journalistin zu werden. Den habe ich dann schnell wieder verworfen, und obwohl ich zu Beginn meines Studiums als Lehrerstochter nie Lehrerin werden wollte, fand ich die Schulpraktika überraschend spannend. Viel spannender allerdings waren für mich von Anfang an insbesondere die literaturwissenschaftlichen Kurse in Anglistik, und dann hatte ich riesiges Glück: mir wurde nach Abschluss des Magisters eine volle Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Promotion angeboten. Wie selten das ist, ist mir erst nach einer Weile bewusst geworden. Ich habe dann parallel zur Stelle trotzdem noch mein erstes Staatsexamen gemacht (als Sicherheitsnetz), aber schnell festgestellt, dass die Kombination aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Forschung und universitärer Lehre für mich ein Volltreffer ist. Nach Promotions- und Habilitationszeit (in der ich auch zwei Kinder bekommen habe) hatte ich dann tatsächlich das Glück, ziemlich schnell eine erste und dann eine zweite, meine jetzige Professur zu bekommen.
Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich bin noch mit einem sehr kanonischen Verständnis von Literatur aus der Schule gekommen – große, wichtige (männliche, weiße, tote) Autoren. Dass an der Universität dieser Kanon v.a. in der Anglistik/Amerikanistik hinterfragt und aufgebrochen wurde, hat mich fasziniert. Bei einem Auslandsjahr am Trinity College in Dublin ist mir dann zum ersten Mal Literaturtheorie untergekommen, das war eine ganz neue, fordernde und spannende Herangehensweise an Literatur für mich, die inzwischen ganz selbstverständlicher Teil des Studiums ist. Außerdem wurden parallel zu meinem Studium und meiner Promotionszeit in der Anglistik im deutschsprachigen Raum die Cultural Studies als neue Subdisziplin etabliert. Nicht nur literarische Werke, sondern auch (pop)kulturelle Phänomene als Texte verstehen und analysieren zu können und damit etwas über eine Kultur und die Ideologien, die sie unterfüttern, zu lernen, finde ich nach wie vor produktiv und aufschlussreich. Aktiv zu gestalten, wie sich unser Blick auf (historische) Texte verändert, ist ein weiteres Privileg meines Jobs. Ich habe heute z.B. ein ganz anderes Bild vom Theater der Shakespeare-Zeit als noch vor 15 Jahren, weil archäologische Forschung oder das Arbeiten mit den Repertoires einzelner Theatergruppen unser Verständnis korrigieren und erweitern.
Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Mich interessieren sehr häufig widerständige Figuren: In der frühen Neuzeit habe ich die Rolle von Piraten auf der Theaterbühne in den Blick genommen. Dort werden sie nicht nur für Abenteuer auf dem Meer eingesetzt, sondern auch, um Recht und politische Systeme kritisch zu hinterfragen. In der zeitgenössischen Literatur beschäftige ich mich gerade mit Hexen, die eine ähnliche Funktion haben: insbesondere Hexen in historischen Romanen werden oft dazu benutzt, ein kritisches Schlaglicht auf die Position von Frauen heute zu werfen. Dabei stelle ich mir begleitend Fragen nach der Funktion von Genres und Produktionsbedingungen: Wie wirkt sich die Struktur eines Textes darauf aus, wie wir ihn lesen? Inwiefern unterscheidet sich ein Stück, das für ein Open Air-Theater wie das Globe in London geschrieben wurde, von einem, das für eine Innenbühne konzipiert wurde?
Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Weil die literatur- und kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit Texten so viel mehr ist als „Spaß am Lesen und Texte verstehen haben“. Über das Verstehen von Texten lernen wir etwas über Gesellschaften sowie über kollektives und kulturelles Gedächtnis. Mit einer Freundin und Kollegin arbeite ich beispielsweise gerade an einem Projekt zur Rolle von kollaborativem Schreiben und Arbeiten in der frühen Neuzeit und darüber hinaus. Das klingt vielleicht erst einmal nicht relevant für den Alltag, aber unser Verständnis von Autorschaft ist an eine Fiktion von Einzelautorschaft geknüpft. Wenn wir Kollaboration als Regelfall kultureller Praxis positionieren, ändert sich auch unser Verständnis davon, was „ein Text“ ist und unsere Wertung davon, was wir als „guten“ oder „wichtigen“ Text ansehen.
Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin (Mit)Herausgeberin von mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften – das ist viel Arbeit, die häufig unsichtbar bleibt. Gleichzeitig behalte ich dadurch einen Überblick über aktuelle Entwicklungen in den Bereichen, die mich interessieren (die Renaissance, Neoviktorianismus, Feminismus und Gender Studies).
Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Weil die Arbeit an geisteswissenschaftlichen Projekten manchmal erst nach Jahren greifbare Ergebnisse bringt (in der Form von Sammelbänden, Zeitschriftensonderheften oder Aufsätzen), beschäftige ich mich gerne mit Dingen, die schnell sichtbare, materielle Ergebnisse haben. Ich häkle und stricke (nicht gut, aber mit Enthusiasmus) oder dekoriere und zeichne in ein Bullet Journal. Nichts davon mache ich besonders professionell, aber ich freue mich trotzdem über die Ergebnisse.
Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?
Mein perfekter Tag wäre in erster
Linie faul – aber mit zwei Kindern klappt das eher selten. Deshalb vielleicht
ein ganz klassischer Familientag ganz ohne Haushalt und organisatorischen
Balanceakt: ein bisschen im Bett lesen, ein ausgiebiges Frühstück, ein kleiner
Ausflug und dann ein gemeinsamer Film.
Bitte begrüßt Susanne ganz herzlich bei Real Scientists DE!
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