Sunday, July 17, 2022

Wie wir mit Behinderung umgehen - Dorothee Marx ist jetzt bei Real Scientists!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Dorothee Marx (@Dori_Kiel) vorstellen zu dürfen! Dorothee ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für North American Studies am Englischen Seminar der Universität Kiel. In ihrem Dissertationsprojekt untersucht sie die Lebenserzählungen von traumatisierten, behinderten oder chronisch kranken Figuren in Romanen und Comics. Ihre Forschungsinteressen beinhalten außerdem self-tracking, die Figur des Zombies, die Darstellung von Mutterschaft, African American literature, sowie die Rolle von Behinderung im Hochschulkontext. Sie ist die erste Gewinnerin des Martin Schüwer-Publikationspreises für Herausragende Comicforschung (2019) für ihren Aufsatz „The ‚Affected Scholar‘: Reading Raina Telgemeier’s Ghosts as a Disability Scholar and Cystic Fibrosis Patient.“ 2020 erhielt sie den Sabin Award for Comics Scholarship der International Graphic Novels and Comics Conference. Sie ist Co-Sprecherin des Diversity Roundtables der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien, Redaktionsmitglied bei CLOSURE. Kieler e-Journal für Comicforschung und arbeitet gerade zusammen mit Gesine Wegner an einer Sonderausgabe des Journal of Literary and Cultural Disability Studies zum Thema „Cripping Graphic Medicine.”

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet? 


Ich habe schon im Bachelorstudium (Anglistik/Amerikanistik und Skandinavistik) gemerkt, dass mein Wissensdurst was die englischsprachige Literatur- und Kulturwissenschaft angeht, quasi unstillbar ist. Ich wollte gern immer noch mehr wissen und neues lernen und habe mich im nBachelor oft in die literaturwissenschaftlichen Masterseminare gesetzt. Ich hatte das Glück, dass ich schon während meines Studiums als Hilfskraft sowohl in der Anglistik als auch in der Kulturwissenschaft arbeiten konnte und so einen guten Einblick in den Wissenschaftsbetrieb bekam. Nach meinem Bachelor entschied ich mich, in Kiel zu bleiben, weil dort ein Ein-Fach-Master „English and American Literatures, Cultures, and Media“ angeboten wird, in dem ich mich voll auf die Literaturwissenschaft konzentrieren konnte. Spätestens während des Masterstudiums stand für mich dann fest, dass ich auf jeden Fall für eine Promotion an der Uni bleiben wollte und ich hatte großes Glück, dass mit Ende meines Studium in Kiel in der Amerikanistik, meinem Wunschfach, eine Promotionsstelle frei wurde und ich diese auch bekam.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

In den Disability Studies, meinem Hauptschwerpunkt in der Amerikanistik, bin ich durch einen Umweg gelandet. Ich habe in meiner Masterarbeit über die amerikanische Kultur nach den Anschlägen vom 11. September geschrieben und mir das Verständnis von Heimat und Heimatland angesehen – und zwar anhand der Zombieserie The Walking Dead. Ich fand es extrem spannend, wie die Ideologie hinter den Terroranschlägen immer wieder mit einem ansteckenden Virus verglichen wurde (was ich dann auf die Popularität des Zombies in den 2000ern bezogen habe). G. W. Bush sagte damals zum Beispiel in einer Rede „our immunity has been shattered.“ Ich habe also angefangen, mich in das Thema Krankheit und Viren in der amerikanischen Kultur einzulesen und bin dann darauf gestoßen, dass es, besonders in der anglophonen Forschung, ein riesiges Forschungsfeld zum Thema disability gibt. Das war mir hier in Deutschland während meines Studiums nicht begegnet. Zu dieser Zeit habe ich auch angefangen, mich mit Comics zu beschäftigen – vor allem durch das Engagement meiner beiden Kolleg*innen Cord-Christian Casper und Victoria Allen, die mich überzeugt haben, in der Redaktion von CLOSURE Kieler E-Journal für Comicforschung mitzuarbeiten. Deshalb sind jetzt auch Comics Teil meiner Forschung.


Mittlerweile ist es auch sehr wichtig für mich, mein persönliches Erfahrungswissen in meine Forschung einzubringen, da ich selbst mit einer Behinderung lebe. Es hat aber erst die Beschäftigung mit den Disability Studies gebraucht, um zu verstehen, dass ich auch als selbst Betroffene zu diesem Thema forschen darf. Hier bestärkt mich die positive Haltung der Disability Studies und die engagierte gegenseitige Unterstützung behinderter Forscher*innen untereinander nicht nur für meine weitere Forschung, sondern auch für mein Leben außerhalb der Uni.


Erzähle uns etwas über deine Arbeit! 

Ich bin ja gelernte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und jetzt wie gesagt in der Amerikanistik tätig. Mein Forschungsschwerpunkt sind die Disability Studies und in diesem Feld schreibe ich auch meine Doktorarbeit zur Darstellung von Zeit in den Lebensgeschichten von chronisch kranken und behinderten Figuren in der nordamerikanischen Gegenwartsliteratur.


Die Disability Studies beschäftigen sich mit der Art und Weise, wie Behinderung gesellschaftlich wahrgenommen wird und wie diese Vorstellungen zustande kommen und untersucht dann zum Beispiel auch, wie diese Vorstellungen sich in die Kultur einschreiben, weitergegeben und reproduziert werden. Um das besser nachzuvollziehen, beschäftige ich mich mit ganz vielen verschiedenen kulturellen Produkten. Ich forsche sowohl zu Romanen als auch zu Autobiographien, aber auch zu (autobiographischen) Comics, Filmen oder YouTube-Videos. Für ein Kapitel zu Selbstquantifizierung habe ich mir mal Zyklusapps angesehen. Ich glaube diese Auswahl zeigt ganz gut, in wie vielen verschiedenen Bereichen unsere Vorstellungen von Behinderung und Normalität eine Rolle spielen.


Die Disability Studies betrachten Behinderung nicht als ein individuelles medizinisches Problem, also als einen „Defekt“ der geheilt oder überwunden werden muss, sondern verstehen Behinderung als eine soziale Identität. Die Gesellschaft betrachtet es als „Normalzustand,“ keine Behinderung zu haben und sieht deshalb Behinderung als eine negative besetzte Abweichung von der Norm an. Menschen mit Behinderungen werden also gegenüber nichtbehinderten Menschen abgewertet. Das nennt man Ableismus. Ableismus bedeutet auch, dass behinderte Menschen im Alltag immer wieder auf Barrieren stoßen – etwa in der Architektur, durch fehlende Aufzüge und barrierefreie Toiletten, fehlende Blindenleitsysteme usw. – aber auch in den Köpfen, durch Vorurteile und Diskriminierung. Wir schreiben behinderten Menschen oft bestimmte, meistens negative Eigenschaften zu, betrachten sie mit Vorurteilen oder haben stereotype Vorstellungen von Behinderung. Dies äußert sich dann zum Beispiel darin, dass behinderten Menschen unangenehme Fragen gestellt werden, etwa „Warum sitzt du im Rollstuhl?“ oder „Kannst du Sex haben?“ oder ungefragt Tipps gegeben werden, wie die Person die Behinderung überwinden können soll („Hast du schon mal Yoga/eine bestimmte Ernährung probiert?“). Auch glauben viele Menschen, dass behinderte Menschen grundsätzlich nicht arbeiten können oder im Pflegeheim leben. Das merkt man zum Beispiel auch daran, wie die sogenannten „vulnerablen Gruppen“ in der Covidpandemie in der Politik und den Medien dargestellt werden – nämlich als meistens ältere Menschen im Pflegeheim. Jüngere Menschen mit Vorerkrankungen oder Behinderungen, die studieren, einen Beruf ausüben oder eine Familie haben, kommen da gar nicht vor. Durch die Pandemie habe ich mich auch stärker mit dem Thema Eugenik beschäftigt und gemerkt, wie aktuell die Vorstellung ist, dass behindertes Leben weniger lebens- und schützenswert ist.


Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren? 

Mein Forschungsfeld hört sich zwar sehr speziell an, aber tatsächlich betrifft die Vorstellung davon, was wir unter Behinderung verstehen und wie wir behinderte Menschen bewerten – und, ganz wichtig, was wir im Umkehrschluss als Normalität verstehen – also unsere gesamte Gesellschaft. Ich habe die Pandemie schon erwähnt, wo es um die Frage vom Schutz vulnerabler Gruppen geht, zwischendurch auch um die Frage von Triage, aber immer mehr auch um die Prävention von Schäden durch Long Covid – all das sind Fragen, wo es eigentlich darum geht, wie wir gesellschaftlich mit Behinderung und Erkrankung umgehen. (Im Moment alles andere als wertschätzend). Aber auch ganz viele ethische Fragestellungen, z.B. was wir unter „Lebensqualität“ verstehen, das Thema Abtreibung, Präimplantationsdiagnostik/ Pränataldiagnostik, Sterbehilfe – alle diesen Themen hängen mit unseren Vorstellungen von Behinderung zusammen. Meine Forschung zeigt, wie diese Vorstellungen in Medien zirkulieren, also zum Beispiel in Filmen, Büchern, Comics oder auf Social Media. Es ergibt Sinn, sich damit auseinander zu setzen, wie zum Beispiel Filme wie Forrest Gump (1994), Million Dollar Baby (2004), Ziemlich Beste Freunde (2011) oder Die Entdeckung der Unendlichkeit (2014) Behinderung darstellen. Wenn ein Film wie Ein Ganzes Halbes Jahr (2016) eine Geschichte erzählt, in der ein vom Hals abwärts gelähmter Mann für Sterbehilfe in die Schweiz fährt, vorher aber noch seine junge Pflegerin zu einem neuen Leben inspiriert, ist das keine romantische Feel-Good-Story, sondern ein ableistischer Inspirationsporno, der letztlich aussagt, dass ein Leben mit Behinderung so schrecklich und so wenig lebenswert ist, dass es besser ist, tot zu sein. Aber zumindest hat der Tod der behinderten Figur positive Folgen für die nichtbehinderte Figur, die nicht nur sein Geld erbt, sondern auch endlich ihr eignes Trauma überwindet. 0 von 10 Sternen. Das ist zwar scheinbar „nur“ ein Film, aber wenn wir dann noch mal zurück an die Pandemie und bestimmte Aussagen denken, dass Menschen mit Behinderungen, die AN Covid sterben ja sowieso keine gute Lebensqualität hatten, was impliziert, dass deren Tod ja nicht so schlimm ist (und dass man jetzt wirklich keinen Bock mehr hat sich wegen den paar Leuten wieder einzuschränken, die sollen doch bitte zuhause bleiben), wird hoffentlich deutlich, dass die Darstellung von Behinderung in Medien einen sehr großen Einfluss auf unsere gesellschaftlichen Vorstellungen hat. Diese Vorstellungen bleiben ja auch nicht abstrakt, sondern werden in konkrete politische Maßnahmen umgesetzt (Maskenpflicht im Krankenhaus, aber nicht im Supermarkt). Zusammengefasst: Behinderung ist ein Thema, das auch nichtbehinderte Menschen betrifft und das in den Medien tatsächlich sehr viel häufiger vorkommt, als man vielleicht beim ersten Nachdenken glaubt. 


Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten? 

Ich bin seit 2 Jahren zusammen mit einer Kollegin Diversity and Equality Counselor am Englischen Seminar. Wir beraten Studierende wenn es um Fragen der Diskriminierung geht, aber zusätzlich bin ich noch bis Ende des Jahres gewählte Co-Sprecherin des Diversity Roundtable der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien, wo ich mich zusammen mit meinen Kolleg*innen auch für mehr Bewusstsein für Diversität und verschiedene Formen von Benachteiligung einsetze. Im Mai haben wir ein Symposium mit dem Titel „Moving Towards Collective Action: Activism and Academia“ in Kiel organisiert, wo wir uns ganz gezielt für eine möglichst große Barrierearmut eingesetzt haben – das war unglaublich bereichernd. Mittlerweile hat mein Engagement für mangelnde Barrierefreiheit an Universitäten auch Eingang in meine Forschung gefunden und ich beschäftige mich auch mit der Situation von behinderten Lehrenden und Studierenden. 


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest? 

Ich habe während meines Studiums ehrenamtlich als Sanitäterin beim Roten Kreuz gearbeitet. Mittlerweile schaffe ich das körperlich nicht mehr, aber ab und zu zieht es mich für die realistische Unfalldarstellung zurück ins „Blaulichtmilieu.“ Ich schminke dann mich und andere Verletztendarsteller*innen mit viel Kunstblut für Übungsszenarien, damit Feuerwehr und Rettungsdienst oder auch die Polizei für den Ernstfall üben können. Letztes Jahr hat mich die Feuerwehr mehrmals aus kaputten Autos geschnitten, aus einem „brennenden“ Haus und Anfang des Jahres aus einer Baugrube gerettet. Ich habe wahnsinnigen Spaß daran und es ist ja auch noch für einen guten Zweck. Im Büro ist es zwar auch spannend, aber meistens etwas weniger aufregend. Während der Pandemie habe ich auch mit dem Backen angefangen und bin mittlerweile eine recht gute Tortenbäckerin. 


Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher*innen sind ja auch nur Menschen)? Am liebsten verbringe ich einen freien Tag am Stand. Ich liebe es, dass ich an der Ostsee wohne und arbeite und ich kann problemlos den ganzen Tag im Sand in der Sonne liegen -- und natürlich dabei lesen. Dann auch am liebsten etwas, was nicht für die Arbeit relevant ist. Postapokalyptische Szenarien haben es mir sehr angetan, da hängt mir noch die Masterarbeit nach. Ich hoffe, dass ich im Urlaub Stephen King’s The Stand lesen kann. Zwischendurch paddle ich gern mit meinem SUP den Strand entlang, oder kühle mich im Wasser ab. Und ein Fischbrötchen darf an dem Tag auch nicht fehlen 😊


Bitte begrüßt Dorothee ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, July 10, 2022

Schützer der Artenvielfalt - Thomas Hörren ist jetzt bei Real Scientists!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unseren neuen Kurator Thomas Hörren (@thoerren) vorstellen zu dürfen! Thomas ist langjähriges Mitglied und Vorsitzender des Entomologischen Vereines Krefeld und forscht im Wesentlichen zu Insektendiversität und Biodiversitätsschäden. Er ist Teil der Wissenschaftlichen Leitung und koordiniert die Forschungs- und Untersuchungsprojekte des Vereines. Taxonomisch bearbeitet er als Insektenforscher vor allem die Käfer, wobei ihm jedoch immer die Einordnung in Gesamtdiversität wichtig ist. Er ist Koautor der Langzeitstudie zum Verlust von Biomasse bei Fluginsekten in Naturschutzgebieten, die im Jahr 2017 gesellschaftspolitisch die Debatte zum Insektensterben auslöste. Seit dem betreibt er auch Wissenschaftskommunikation in Social Media. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Durch die Amateurwissenschaften. Ich habe als Jugendlicher Anschluss an ein paar entomologische (also insektenkindlichen) Arbeitsgruppen an naturkundlichen Museen in Nordrhein-Westfalen gehabt und war vollkommen begeistert von dem Wissen der Personen dort. Das Entdecken von den unterschiedlichen Insektenarten vor der eigenen Haustüre, die irgendwie nicht fassbare Artenvielfalt und die oft schwierige Bestimmung fand ich enorm spannend. Ich habe schon recht früh an Untersuchungen zu Insektendiversität mitgewirkt und erste Artikel zu ersten Käferfunden für neue Regionen bearbeitet. Dabei war es eigentlich immer der wissenschaftliche Ansatz, der mich faszinierte.  

Seit diesen Anbindungen habe ich eigentlich immer nach dem Job gesucht, der mir die Möglichkeit gibt, mich mit diesen Inhalten zu beschäftigen. Also das zu tun, was mich so sehr fasziniert. Das hat mich relativ orientierungslos durch eine Ausbildung zum biologisch-technischen Assistenten sowie durch mehrere Versuche, einen entomologischen Job zu finden, geführt. Letztlich dann in ein Biologiestudium an der Universität Duisburg-Essen. Und parallel habe ich im Entomologischen Verein Krefeld geforscht, der eine wissenschaftlich ausgerichtete Fachgesellschaft ist. Naja, und irgendwann hat es dann plötzlich auch Leute interessiert, was ich so mache. Ich habe das nie davon Abhängig gemacht aber mein heutiger Job hat sich mehr entwickelt, als dass es ihn konkret gegeben hätte und ein junger Mensch bei einer Suche überhaupt auf ihn stoßen könnte

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Die bloße Faszination hat mich dort hinein getrieben. Mir war relativ früh klar, dass ich im Prinzip gar nichts anderes tun möchte. Und ich habe früher eigentlich immer das Leben um mein Hobby, meine Passion oder wie man es auch nennen mag, gebastelt. Schon zu Schulzeiten. Aus heutiger Sicht hat sich das gelohnt. Mich erfüllt, was ich tue.  

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Aktuell forsche ich u.A. in mehreren Verbundforschungsvorhaben zu Insektendiversität und dem Einflüssen von Landnutzung auf biologische Vielfalt im Schutzgebietsnetz. Das sind sogar die größten bisherigen Projekte in diesem Bereich. Letztlich haben wir die Grundsituation, dass menschliche Einflüsse auf Biodiversität diese überall auf diesem Planeten irreversibel schädigen. Auch direkt vor unserer Haustüre. Um biologische Vielfalt zu erhalten, gibt es bei uns rechtsverbindliche Ansätze, die dafür sorgen sollen, dass sie lokal halt möglichst gut erhalten bleibt. Das sind zum Beispiel Schutzgebiete wie beispielsweise Naturschutzgebiete. Da gibt es allerdings das Versäumnis, dass wir uns erst heute mit der umfassenden Aufdeckung der Artenvielfalt beschäftigen und wissen, dass dort an einem Standort im Laufe eines Jahres mal eben 2000-3500 verschiedene Insektenarten an nur einem Punkt leben. Zu den Risikofaktoren, die diese Vielfalt bedrohen, wissen wir ebenfalls viel zu wenig. Das ist gerade wirklich überwiegend noch Neuland, und das im Jahr 2022. Und das ist eigentlich mein Job: die aktuelle Sachlage dokumentieren, Risikofaktoren zu ermitteln und Handlungsempfehlungen aus Forschungsperspektive für den lokalen Erhalt der Vielfalt zu geben.

Mein absoluter Antrieb ist dabei aber die Faszination von Insekten und anderen Organismen. Und die versuche ich auch in meinem persönlichen Ansatz von Wissenschaftskommunikation rüberzubringen. Auf Instagram (@totholz.thomas) habe ich irgendwann einmal damit begonnen, zu biologischer Vielfalt, Insekten, Biodiversitätsforschung und Wissenschaft generell zu informieren. Und das hat langsam zunehmend immer mehr Menschen erreicht, die diese Inhalte in irgendeiner Form spannend fanden und finden. Zum Teil motivierte es sogar schon eine ganze Reihe junger Menschen dazu, selbst ein Biologiestudium anzufangen, obwohl ihnen ältere Generationen dauerhaft vorhalten, dass das keine guten Jobs seien. Das ist natürlich eine zu unrecht pauschalisierte Falschinformation, die einfach nicht zeitgemäß ist (schon alleine die ganzen Umweltbehörden, die in den 1970er Jahren gegründet wurden erfahren jetzt den Generationswechsel, da die Menschen in Ruhestand gehen). Für Wisskomm gehe ich aber auch ganz unübliche Wege, z. B.  mit neuen Buchkonzepten (be prepared!) oder aber die Veranstaltung lebendigerer Wissensvermittlung mit Forschungsinhalten. So kam es sogar mal dazu, dass ich gemeinsam mit dem Musikproduzenten und Biologen Dominik Eulberg und der grandiosen Biologin Dr. Kim Mortega vom Museum für Naturkunde in Berlin eine Biodiversitätsshow in einem Berliner Techno-Club veranstaltete, bei denen wir Sachinhalte in einer Multimedia-Show vermittelten. Und im Anschluss wurde getanzt. Ich versuche also gelegentlich aus meiner eigenen Komfortzone herauszukommen und mal ganz neue Konzepte auszutesten. Ich halte aber auch ganz klassische Vorträge oder bin hier und da als Dozent tätig.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Die Wichtigkeit vom Erhalt von biologischer Vielfalt ist mir persönlich eigentlich schon länger klar. Dass die Öffentlichkeit sich irgendwo schon für die Arbeit interessiert habe ich mehr erfahren, als das irgendwie proaktiv einzufordern. Im Jahr 2017 hatten wir in einem internationalen Forschungsteam den Verlust von 75% der Biomasse von Insekten über 27 Jahre in deutschen Naturschutzgebieten veröffentlicht. Die Publikation ging irgendwie durch die Decke und hatte weltweit (bis heute) einen sehr großen Einfluss, was letztlich bei uns ja auch zu der gesellschaftspolitischen Debatte zum Insektensterben führte. Der Umstand, dass heute eigentlich alle den Begriff „Insektensterben“ kennen und um den Verlust biologischer Vielfalt Bescheid wissen, zeigte uns schon, dass die Bedeutung des Themas gegeben ist. Unser Projekt ist gerade auch Projekt des Monats beim Bundesamt für Naturschutz. Die öffentliche Wahrnehmung hat mich mehr in die Richtung geschubst, dass wir als Wissenschaftler*innen auch eine Verantwortung haben, Sachlagen zu den eigenen Forschungsinhalten zu kommunizieren. 

Wir tragen alle unseren Teil zu laufenden Biodiversitätsschäden bei und nehmen damit - wenn man es mal rein anthropozentrisch betrachten möchte - künftigen Generationen von Menschen die Möglichkeit, in einer ähnlichen Lebensqualität zu leben, wie wir heute. Viele Menschen in modernen weißen und westlichen Kulturen haben sich sehr stark von der Wahrnehmung entfernt, dass Biodiversität nach wie vor ihre Lebensgrundlage ist und beispielsweise unsere vollständige Ernährungssicherung und Wasserversorgung davon abhängt. Damit laufende Schäden nicht völlig ungehemmt vorangehen, braucht es Menschen, die diese Sachlage dokumentieren und sich mit Begeisterung dafür einsetzen, um die Wichtigkeit deutlich zu machen. Jede*r Einzelne sollte eine gewisse Grundbildung und Sensibilisierung zu Biodiversität haben, wenn ein nachhaltiger Umgang in den hiesigen Kulturkreisen schon nichts Selbstverständliches ist. 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Oh, jetzt hatte ich oben schon fast ausufernd ausgeholt. Nein, das ist eigentlich ein Spektrum von Tätigkeiten in meinem Job. Etwa 80-90% nimmt die Forschung ein, der Rest ist die Kommunikation dazu. Ich möchte das künftig auch einfach in schwankendem Maße tun, je nachdem welche Projekte mir zusagen oder was ich ausprobieren möchte.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Nein, ich bin wie viele Nerds eher langweilig und in meinem Fall 24/7 Insektenforscher. Ehrenamtlich bin ich Vorsitzender des Entomologischen Vereines Krefeld, wo sich eine ganze Reihe von Mitgliedern um die Bewahrung alter musealer Sammlungen der Stadt Krefeld kümmert. Da gibt es immer sehr viel zu tun. Ansonsten schlendere ich gerne mal über Antikmärkte, kaufe mir zu viele Bücher oder schaue mir Städte an, um letztlich doch nur irgendwo zu landen, wo es was leckeres zum Essen gibt.  

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Momentan ist sehr viel los und ich muss ehrlich sagen, manchmal bin ich einfach froh, wenn ich überhaupt mal durchatmen kann. Am besten gefällt es mir, wenn ich Kreativität ausleben kann. Dazu reicht aber ein freier Tag nie, das funktioniert erst, wenn ich wirklich Ruhe habe und 2-3 Tage frei habe. Alle paar Wochen ist das aber mal der Fall über die Wochenenden. 

Bitte begrüßt Thomas ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, July 3, 2022

Neurowissenschaft mit Virtual Reality - Michael Wiesing ist jetzt bei Real Scientists!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unseren neuen Kurator Michael Wiesing (@VR_Neuroscience) vorstellen zu dürfen! Michael ist gelernter KFZ Mechaniker und studierte zwischen 2009 und 2015 Biologie und Experimentelle Neurowissenschaften an der Universität Köln. Von 2015 bis 2019 war er als Doktorand am Forschungszentrum Jülich am Institut für kognitive Neurowissenschaften tätig und ist nun seit 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Wahrnehmungspsychologie (Twitter: @MotorPerception) der Uni Düsseldorf.  

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Dass ich eines Tages in der Wissenschaft landen werde, hätte ich mir lange Zeit selbst in meinen
Träumen nicht vorstellen können. Nach meinem Realschulabschluss habe ich damals eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker angefangen. Im Laufe der Ausbildung wurde mir aber immer deutlicher, dass das nicht der richtige Beruf für mich ist. Stattdessen habe ich mich damals schon lieber mit Computern beschäftigt und fand auch wissenschaftliche Themen immer spannender als Autos. Nach meiner Ausbildung habe ich mein Abitur im zweiten Bildungsweg nachgeholt. Während dieser Zeit fand ich immer mehr Interesse an psychologischen und neurowissenschaftlichen Themen,
weshalb ich mit dem Gedanken gespielt habe, etwas in die Richtung zu studieren.
Bevor ich mit dem Studium begonnen habe, wollte ich noch einen Einblick in den Forschungsalltag
bekommen und habe ein Praktikum am Institut für kognitive Neurowissenschaften (INM-3) im
Forschungszentrum Jülich absolviert. Im Rahmen des Praktikums war ich in eine Studie über
Synästhesie mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) involviert. Ich fand sowohl das
Thema und auch den ganzen Prozess, Experimente zu entwickeln, sehr spannend. Die Erlebnisse in
der Zeit haben mir die letzte Gewissheit gegeben, mich für eine wissenschaftliche Laufbahn im
Bereich der kognitiven Neurowissenschaft zu entscheiden.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Bei der Wahl des Themas für meine Dissertation hat man mir viel Freiraum gegeben und ich konnte
mein Thema selbst wählen. Zu der Zeit habe ich auch zum ersten Mal die Oculus Rift Development Kit
2 bei einem Freund getestet und war sofort angetan von den Möglichkeiten zur Untersuchung
kognitiver Prozesse, die sich mit der Technik ergeben. Am Ende habe ich mich dafür entschieden,
Virtual Reality (VR) als Werkzeug zur Erforschung kognitiver Prozesse zum Thema meiner Dissertation zu untersuchen. Bis heute finde ich sowohl die Möglichkeiten die VR für kognitive Neurowissenschaft bringt sowie die technischen und methodischen Herausforderungen, die die Technik an uns Wissenschaftler stellt, sehr spannend.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Aktuell arbeite ich an der Heinrich-Heine-Universität in der Gruppe für Wahrnehmungspsychologie
und untersuche, wie motorische Prozesse unsere Wahrnehmung beeinflussen. Wenn wir uns
bewegen, erhalten wir über unsere Sinne zahlreiche Informationen über die Beschaffenheit unserer Umgebung. Virtual Reality ermöglicht es mir sensorische Informationen in Abhängigkeit von den
Bewegungen der Versuchspersonen in Echtzeit zu manipulieren und dabei zu untersuchen, wie sich
das Gehirn auf neue Zusammenhänge zwischen Wahrnehmung und Motorik einstellt und
Verhalten sich den Gegebenheiten der Umwelt dynamisch anpasst.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Virtual Reality wird in Zukunft eine immer größere Rolle in unserem Leben spielen. Bislang ist aber
noch nicht wirklich verstanden, welche Auswirkungen die Technologie auf uns haben wird. In meiner
eigenen Forschung nutze ich VR als Werkzeug, um kognitive Prozesse zu untersuchen. Dafür ist es
wichtig, erstmal zu verstehen, wie die Technik sich auf die Wahrnehmung und das Verhalten von
Versuchspersonen auswirkt. Anders formuliert: Verhalten sich Versuchspersonen in einem
Experiment anders, nur weil das Experiment in VR stattfindet?

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Durch meine Arbeit habe ich gemerkt, dass ich sehr viel Spaß am 3D Rendering habe und so kommt
regelmäßig vor, dass ich meine Freizeit nutze und an den Umgebungen für meine Experimente feile.
Ob die Details, an denen ich dabei arbeite, einen experimentellen Vorteil bringen, sei erstmal
dahingestellt. Spaß macht es auf jeden Fall! Außerdem habe ich mir letzten Jahr einen 3D Drucker gekauft, der seitdem selten stillsteht.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Erst einmal ausschlafen und dann ein wenig in den Tag hineinleben, Freunde treffen und abends auf
die Couch, Serien oder Filme schauen, vorzugsweise mit ausreichend Junkfood.

Bitte begrüßt Michael ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, June 26, 2022

Wissenschaft und deren Kommunikation - Katja Knuth-Herzig ist jetzt bei Real Scientists!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Katja Knuth-Herzig (@KKnuthHerzig) vorstellen zu dürfen! Katja seit Juli 2019 Koordinatorin im Graduiertenkolleg WiMaKo „Wissenschaftsmanagement und Wissenschaftskommunikation als forschungsbasierte
Praxen der Wissenschaftssystementwicklung“ an der Deutschen Universität für
Verwaltungswissenschaften Speyer tätig. Katja Knuth-Herzig promovierte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main im Bereich Pädagogische Psychologie zu "Der Einfluss nicht-inhaltsrelevanter Abbildungen auf die Vertrauenseinschätzung und das Verstehen wissenschaftsbezogener Texte im Internet" im Rahmen des DFG geförderten SPP 1409 „Wissenschaft und Öffentlichkeit“. Als Postdoc
konnte sie zudem Erfahrung im Bereich Bildungsforschung in einem interdisziplinären Projekt zur Evaluation des Praxissemesters in Hessen sammeln. Seit Februar 2022 arbeitet sie zusätzlich zu ihrer Arbeit als Koordinatorin des Graduiertenkollegs noch als Referentin für Weiterbildung beim Zentrum für Wissenschaftsmanagement (ZWM) in Speyer, um einen Blick in die Welt außerhalb der
Hochschule zu werfen. Dort betreue sie aktuell u.a. ein Weiterbildungsprogramm zum
Thema Wissenschaftskommunikation.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet? 
Klassische Rekrutierung. Der Betreuer meiner Diplomarbeit hat sich nach meinem Abschluss
gemeldet und mir die Stellenausschreibung für ein Projekt geschickt, das er gerade mit zwei anderen
Professoren bewilligt bekommen hat. Es ging um Wissenschaftskommunikation mit Texten und
Bildern im Internet. Nachdem sich meine Diplomarbeit schon um das Thema gedreht hatte, wie
Wahrnehmung und Erinnern von Webseiten passiert, fand ich das Thema natürlich spannend und
habe mich beworben. Über das alltägliche Arbeiten in der Wissenschaft wusste ich damals nur sehr
wenig. Ich hatte nie einen Job als Hilfskraft o.ä., sondern immer nur Jobs außerhalb der Uni.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich bin eigentlich über das Thema Verarbeitung von Informationen im Internet durch den
Seiteneingang zum Thema Wissenschaftskommunikation gekommen. Über die sechs Jahre, die ich
dann in meinem Projekt im DFG geförderten Schwerpunktprogramm „Wissenschaft und
Öffentlichkeit“ gearbeitet habe, ich mir das Thema immer mehr ans Herz gewachsen. Einen großen
Anteil daran hatte Rainer Bromme als Sprecher des Schwerpunktprogramms, der sich unermüdlich
und mit großer Begeisterung für das Thema Wissenschaftskommunikation eingesetzt hat – und das
heute noch macht. Nach Ende des Projekts war ich eine Weile im Bereich der Bildungsforschung
unterwegs mit einem großen Evaluationsprojekt. Das war auch ein spannendes Thema aber als ich
(auf Twitter😉) eine Stellenanzeige für ein Kolleg gesehen habe, das einen Schwerpunkt im Bereich
Wissenschaftskommunikation hat, war mir schnell klar, dass ich wieder zurück in das Themenfeld
möchte. Seither haben sich mein Horizont und meine Begeisterung für das Thema nur noch
vergrößert, besonders dadurch, dass ich jetzt neben der Forschung auch ganz viel Kontakt zur Praxis
der Wisskomm habe.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Im Graduiertenkolleg WiMaKo geht es hauptsächlich um die Betreuung und Unterstützung der
Promovierenden. Dazu zählt die individuelle Betreuung ebenso wie die Orga des Rahmenprogramms
und des Austauschs über unsere drei Standorte (Speyer, Magdeburg, Wittenberg) hinweg. Dazu
kommt natürlich noch Wissenschaftskommunikation im Rahmen des Kollegs. Meine eigene
Forschung im Rahmen des Kollegs ist über die Corona Zeit komplett in den Hintergrund getreten.
Aktuell läuft sie aber wieder an und in den nächsten Tagen geht eine Befragung zum Vertrauen, das
Forschende in die Kommunikationsabteilung ihrer Einrichtung haben an den Start. Über die Zeit, in
der Hirnkapazität und Konzentration für die Forschung zu knapp waren, habe ich viel zu
Wissenschaftskommunikation in der Praxis und auf der eher wissenschaftspolitischen Ebene
gemacht. Ich habe bei der #FactoryWisskomm mitgearbeitet, war beim Siggener Kreis dabei, haben
Diskussionen moderiert, größere und kleinere digitale Veranstaltungen, bis hin zu einem kompletten
Veranstaltungsjahr oder einer Science Watch Party (mit)organisiert, Workshops zu Wisskomm
gegeben und durfte mich selbst mit vielen Formaten ausprobieren.
Im vergangenen Herbst ist noch ein neues Projekt (SPARK) hinzugekommen, das ich zusammen mit
meinen beiden tollen Kolleginnen Rubina Zern-Breuer und Julia Rathke eingeworben habe. In dem
Projekt geht es darum, Frauen in der Wissenschaft darin zu unterstützen, mehr Sichtbarkeit zu
bekommen. Dazu haben wir gemeinsam mit Expertinnen ein Workshop Format entwickelt, das wir
gerade testen und eine große Befragung gestartet, die gerade noch läuft.
An der Uni mache zusätzlich noch Lehre im Bereich Wissenschaftskommunikation und Methoden im
Masterstudiengang Wissenschaftsmanagement. Dazu bin ich noch in mehreren Gremien der Uni und
mit zwei Kolleginnen zusammen Gleichstellungsbeauftragte.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Schwierige Frage, ich hoffe einfach, dass sie das tut. Ich möchte einen Blick hinter die Kulissen geben,
der nicht von der perfekten Karriere und der großen Forschung erzählt. Es wird gerade viel über die
wissenschaftliche Karriere und den Ausstieg aus der Wissenschaft gesprochen. Hierzu möchte ich
meine Perspektive erzählen und über den Versuch eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis zu
bauen, ohne dabei in den Fluss zu fallen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Eigentlich ist meine „externe“ Tätigkeit gerade meine Haupttätigkeit. Ich bin im Februar mit dem
größeren Teil meiner Arbeitszeit beim Zentrum für Wissenschaftsmanagement in Speyer
eingestiegen und arbeite dort als Referentin für Weiterbildung. Ich plane und organisieren also
Weiterbildungen, auch im Bereich Wissenschaftskommunikation. Momentan stehe ich daher mit
jedem Fuß in einer Welt und sehe die Vorteile und die Nachteile von beiden mit den Augen der Halb-
Außenseiterin.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich mache sehr gerne Fotos, zocke am Rechner oder auf der Switch und arbeite gelegentlich als Mod
für einen Kanal auf Twitch.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Zuerst einmal ausschlafen, dann mit der Fotokamera und mit Musik auf den Ohren in einer fremden
Stadt auf Entdeckungstour gehen, danach mit meinem Sohn auf der Switch zocken und zum
Abschluss mit meinem Mann einen schönen Serien Abend machen. 

Bitte begrüßt Katja ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, June 19, 2022

Über den Schulunterricht hinaus - Kristin Eichhorn ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Kristin Eichhorn (@DrKEichhorn) vorstellen zu dürfen! Kristin studierte zwischen 2005 und 2010 Germanistik und Nordistik in Kiel, wo sie 2013 mit einer Arbeit zur Fabel des 18. Jahrhunderts promovierte. Zwischen 2015 und 2021 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn und habilitierte 2020 dort zu Johannes R. Becher und der literarischen Moderne. Seit dem Wintersemester 2021/22 vertritt sie die Professur von Sandra Richter für Neuere Deutsche Literatur I an der Universität Stuttgart. Sie ist auf Twitter sehr aktiv und bekannt vor allem durch die Aktion #IchBinHanna, die sie zusammen mit Amrei Bahr (@AmreiBahr) und Sebastian Kubon (@SebastianKubon) initiiert hat.
 
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Das war schon im ersten Semester zu Beginn meines Studiums in Kiel klar, das ich bewusst begonnen habe, um Literaturwissenschaftlerin zu werden. Nach dem Studium habe ich in Kiel meine Promotion begonnen und 2013 abgeschlossen. Danach hatte ich dort anderthalb Jahre eine halbe Stelle mit relativ viel Lehre, bevor ich die Gelegenheit bekam, nach Paderborn auf eine volle Habilitationsstelle zu wechseln. Meine Habilitation habe ich 2020 abgeschlossen. Während dieser Zeit habe ich meine beiden Forschungsschwerpunkte - die Aufklärung einerseits und die Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts andererseits - aufgebaut und immer wieder zu neuen Themen publiziert. Ich bin auf viele Konferenzen gefahren und habe 2015 die Zeitschrift "Expressionismus" ins Leben gerufen, um ein interdisziplinäres Austauschforum für die Erforschung dieser künstlerischen Strömung zu schaffen. Weiterhin bin ich seit 2018 im Vorstand der "Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts" (DGEJ) und habe mich gerade in Paderborn stark in hochschulinternen Gremien engagiert: Ich war dort zwei Jahre im Senat und außerdem Mittelbausprecherin des Instituts für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft. 

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Es ist einfach das, was mir am besten liegt. Ich war schon immer sehr gut im Umgang mit Sprache und interessiert an Literatur. Wir haben ja auch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, indem wir in der Germanistik sehr viel Lehramtsausbildung machen. Natürlich wäre das alleine für mich nicht mehr recht erfüllend. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen - daher auch das hochschulpolitische Engagement. Deshalb ist es gut, dass ich jetzt auf der Vertretungsprofessur auch endlich Führungs- und Leitungsaufgaben übernehmen kann, die ich als absolute Bereicherung empfinde. Außerdem ist Stuttgart ein sehr angenehmer Standort für meinen Fachbereich, nicht zuletzt wegen der Nähe zum Deutschen Literaturarchiv in Marbach. 

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Im Augenblick vertrete ich die Professur von Sandra Richter an der Universität Stuttgart. Dabei übernehme ich alle Aufgaben, die mit einer Professur verbunden sind: Neben Forschung und Lehre leite ich die Abteilung Neuere Deutsche Literatur I. Ich habe da also die Haushaltsverantwortung und bin die Fachvorgesetzte aller dortigen Mitarbeiter*innen. Ich unterschreibe also die Dienst- und Urlaubsanträge, treffe aber auch viele Entscheidungen, organisiere Arbeitstreffen und bin in dieser Funktion auch im Fakultätsrat.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Zum einen: Es ist ein faszinierendes Fach. Viele Menschen laufen mit bestimmten Vorstellungen von der deutschen Literatur herum, die z. T. Schulunterricht stammen, der aber dann auch schnell lange her ist. Wenn sie die Gelegenheit haben, punktuell tiefer einzutauchen, stellen sie meist schnell fest, dass es doch alles etwas anders ist, als sie es in Erinnerung hatten. Wenn ich während meiner Gastwoche etwas davon vermitteln kann, wäre das schön. Im Alltag kommt es ja schnell zu unterkomplexen Weltbildern, weil natürlich niemand Zeit hat sich mit allen Dingen intensiv auseinanderzusetzen. Aber erst die Einblicke schaffen Verständnis und die Möglichkeit der Wertschätzung. Geisteswissenschaftliche Fächer sind ohnehin geradezu prädestiniert dazu, vorhandene Deutungen zu hinterfragen und auf komplexe Zusammenhänge hinzuweisen. Sie stören natürlich auch immer ein bisschen, weil es einfacher ist, eindeutige Antworten zu haben. Aber wir müssen immer wieder stören, denn nur auf dieser Basis des differenzierten Denkens kann Demokratie, die eigenverantwortliches kompetentes Handeln und Urteilen voraussetzt, funktionieren. 

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Gerade im letzten Jahr bin ich vor allem durch mein hochschulpolitisches Engagement gut beschäftigt. Ich habe mit Amrei Bahr und Sebastian Kubon zusammen im Juni 2021 die Twitter-Aktion #IchBinHanna gestartet, die auf die prekären Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft sowie viele weitere strukturelle Missstände in diesem Arbeitsumfeld aufmerksam macht. Im März 2022 ist bei Suhrkamp unser Buch zur Aktion erschienen. Auch hier sind viele lange unhinterfragte Narrative im Spiel - etwa, dass Befristung Innovation fördere und der Wissenschaftsfreiheit diene. Für beides gibt es keine wissenschaftliche Grundlage, die man bei Wissenschaftler*innen eigentlich unterstellen müsste. Darauf immer wieder hinzuweisen und die argumentativen Widersprüche dieser Perspektive herauszustellen, damit sich hier endlich etwas verbessert, ist eine wichtige Aufgabe, der wir uns deshalb intensiv widmen. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Hobbies langweilen mich im Allgemeinen schnell, ich möchte lieber etwas bewirken - insbesondere weil ich ja auch der privilegierten Position heraus agieren kann, recht viel Zeit und Energie zu haben. Das möchte ich dann auch nutzen. Das heißt aber nicht, dass ich meine Grenzen nicht kennen würde. Ich überarbeite mich nie und achte immer auf Ruhezeiten. So bleiben die Batterien voll und alle haben etwas davon.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Da ich zur Zeit zwischen Paderborn und Stuttgart pendle, ist das auf jeden Fall ein Tag ohne Zugfahrten, den ich alleine zu Hause verbringe. Ich habe mich während der Homeoffice-Zeit doch sehr an das Essen gewöhnt, das ich selbst koche und nutze das also soweit wie möglich aus. 

Bitte begrüßt Kristin ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, June 12, 2022

Die Rechengrundlage - Philipp Thiele ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unseren neuen Kurator Philip Thiele (@PhilippThiele2) vorstellen zu dürfen! Philipp wollte eigentlich immer schon Wissenschaftler oder Ingenieur werden. Nach dem Abitur hat er Computergestützte Ingenieurswissenschaften studiert und ist dabei immer weiter in den Bereich der angewandten Mathematik gewandert. Aktuell promoviert er im Bereich Wissenschaftliches Rechnen am Institut für Angewandte Mathematik der Leibniz Universität Hannover.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Im Master Computergestützte Ingenieurswissenschaften war ein Praxisprojekt vorgesehen, dass wir entweder in der Industrie, bei einer der Forschungsgemeinschaften oder im Ausland an einer Universität machen sollten.
Ich habe mich für letzteres entschieden und bin für ein halbes Jahr an die NUI Maynooth in Irland ans Centre for Ocean Energy Research gegangen. Dort wurde im Großen und Ganzen an der Regelung von Wellenenergieumwandlern geforscht. Ohne schwimmen die diversen Konzepte nämlich einfach nur mit der Strömung mit und der Energiegewinn ist nicht sonderlich gut. Ich selbst habe mich mit der Vorhersage von Wellenhöhen beschäftigt und dort neue Modelle untersucht.
Die gesamte Arbeitsatmosphäre, das eigenständige und gemeinsame Tüfteln an Problemen und der insgesamt rege Austausch haben mir sehr gefallen, so dass ich gerne im wissenschaftlichen Feld weiterarbeiten wollte.
Meine Masterarbeit am Institut für Meteorologie und Klimatologie hat das Ganze dann bekräftigt, da dort eine ähnliche Atmosphäre war. Also habe ich mich dann nach einer Stelle als Doktorand umgeschaut.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ursprünglich wollte ich Mechatronik studieren, bis ein Kumpel mir vom Studiengang Computergestützte Ingenieurswissenschaften erzählt hat. Die Mischung aus Ingenieurskursen, Mathematik und Informatik fand ich spannend und habe mich dann auch eingeschrieben.
Im Laufe des Studiums hat sich mein Interesse dann immer mehr in Richtung Strömungsmechanik und mathematische Methoden entwickelt. Dementsprechend habe ich mich auch nochmal für einen Master in Mathematik eingeschrieben mit Schwerpunkt in der angewandten Mathematik.
Zum Ende meiner Masterarbeit habe ich dann gesehen, dass es an meinem jetzigen Institut eine neue Arbeitsgruppe „Wissenschaftliches Rechnen“ gibt und habe mich bei meinem aktuellen Chef initiativ beworben. Die Mischung aus mathematischer Methodenentwicklung, Programmieren und Hochleistungsrechnen hat mich damals interessiert und macht die Arbeit nach wie vor immer wieder abwechslungsreich und spannend.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich beschäftige mich mit der Entwicklung von neuen und verbesserten Methoden in der Numerik partieller Differentialgleichungen und in der Entwicklung zugehöriger Software.
Bei partiellen Differentialgleichungen kommen Ableitungen (Differentiale) der unbekannten Lösung in einzelne Raumrichtungen vor.
Ein gutes Beispiel ist die Veränderung der Raumtemperatur durch Anschalten der Heizung. Der Heizkörper hat dann eine höhere Temperatur als die gegenüberliegende Wand, wir haben also von der Heizung zur Wand eine sinkende Temperatur. Die Steigung dieser Kurve sorgt dann dafür, dass sich das ganze Zimmer aufheizt und bestimmt wie schnell und wie stark das passiert.
Diese Gleichungen müssen dann näherungsweise gelöst werden. Dazu verwenden wir in unserer Arbeitsgruppe hauptsächlich die Methode der Finiten Elemente (FEM). Für diese Methode müssen die Gleichungen häufig erst in eine passende Form umgeformt werden. Danach zerteilt man sein Gebiet in einzelne Elemente. Die einfachste Variante für unser Zimmer wären miteinander verbundene Quader oder Würfel, bei denen wir die Lösung jeweils an den Eckpunkten bestimmen wollen.
Nachdem diese Vorarbeit geleistet ist setze ich mich an den Rechner und baue das alles in eine FEM Softwarebibliothek ein. Diese Softwareentwicklung ist in meiner Forschung tatsächlich auch eine der Hauptaufgaben und es gibt eigentlich immer was zu tun und verbessern. Entweder an der Software selbst, oder an den zugrundeliegenden Methoden.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Simulationen bilden die Grundlagen für sehr viele technische Weiterentwicklungen. Die Basis dafür bildet die Numerik, ein Fachgebiet das als solches in der Schule eigentlich selten namentlich genannt wird. Dagegen sind Analysis, Lineare Algebra, Geometrie und Wahrscheinlichkeitsrechnung  bekannte Gebiete.
Ich möchte gerne einerseits einen kleinen Einblick in die Numerik geben und andererseits anhand meiner Forschung zeigen, was man damit dann auch anfangen kann.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Auf meiner Stelle bin ich auch in die Lehre eingebunden. Ich finde es immer wieder spannend mit den Studierenden zu Diskutieren. Wenn möglich lasse ich ab und zu Informationen aus meiner Forschung in die Grundlagenkurse einfließen. Das kommt bei den Studierenden gut an und erhöht bei einigen die Motivation zu wissen wofür man die Algorithmen und Methoden am Ende eigentlich gebrauchen kann.
Da die Lehre neben meiner eigenen Forschung aber einen großen Teil meiner Arbeitszeit beansprucht war bisher nicht allzu viel Zeit für zusätzliche Tätigkeiten.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ehrenamtlich bin ich bei den Maltesern in der Verpflegung und in der Jugendarbeit tätig. Da ich keine Zeit mehr für regelmäßige Gruppenstunden habe bin ich aber inzwischen eher in Gremien und bei der Planung von Veranstaltungen beteiligt.
Ansonsten habe ich inzwischen vier 3D Drucker und bemale so manche der Figuren die aus dem UV-Harz Drucker kommen, wenn die Zeit es zulässt. Falls ihr da Fragen habt
stellt diese gerne während der Woche oder danach auf meinem eigenen Twitteraccount.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Da ich vom Typ Eule bin beginnt mein idealer freier Tag üblicherweise etwas später. Ansonsten ist es eher bunt gemischt, Freunde oder Familie treffen, einen längeren Spaziergang und dabei Podcasts oder Hörbücher hören, aufwändigere Gerichte kochen, Story-lastige Computerspiele Spielen, Bücher lesen oder an den 3D Druckern schrauben, alles ist mal dabei.

Bitte begrüßt Philipp ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, June 5, 2022

Über das große, weite Universum - Jens Kube ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unseren neuen Kurator Jens Kube (@jenskube) vorstellen zu dürfen! Jens studierte Physik in Erlangen und Göttingen. Er wurde 2002 an der Universitätssternwarte Göttingen in Physik promoviert. Von 2003 bis 2004 war er Stationsleiter der deutschen Arktisforschungsstation auf Spitzbergen. Im Anschluss arbeitete er als Postdoc in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Alfred-Wegener-Instituts, bevor er 2007 als Chefredakteur von Welt der Physik ans DESY wechselte. Dort baute er den Abschnitt Wissenschaftskommunikation beim Projektträger DESY auf. Seit 2016 ist er mit awk/jk als Wissenschaftskommunikator selbständig.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Früh hat mich der Blick in den Nachthimmel fasziniert. Auch die Abenteuer von Wissenschaftler:innen in exotischen Gegenden fand ich immer spannend, wenn sie in Fernsehsendungen wie „Aus Forschung und Technik“, „Querschnitte" oder „Expeditionen ins Tierreich“ präsentiert wurden. In der Teenagerzeit war ich dann Mitarbeiter der Volkssternwarte eines Nachbarorts, bevor es mich zum Studium der Physik erst nach Erlangen, dann nach Göttingen gezogen hat. Dort – in der Universitäts-Sternwarte von Gauß, die auf dem letzten 10-DM-Schein abgebildet war – habe ich dann auch meine Diplom- und Doktorarbeit über enge Doppelsterne angefertigt. Der Sehnsucht nach Expeditionen bin ich erst danach gefolgt, als ich als Stationsleiter die Arktis-Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts für eine Saison betreut habe – ich war dort Überwinterer. Nach der Rückkehr aus dem Eis wurde ich hauptberuflicher Wissenschaftskommunikator: Erst am AWI, dann am DESY als Chefredakteur von Welt der Physik. Ende 2015 habe ich den Weg in die Selbständigkeit gewählt. Warum? Das erzähle ich wahrscheinlich in der Kurations-Woche.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Die Faszination für das Universum und unseren Planeten und wie alles funktioniert und zusammenhält finde ich extrem spannend. Da ich mehr als nur ein Spezialthema bis zu einem gewissen Punkt durchdringen möchte, habe ich mich dann entschieden, die eigene Forschung nicht weiter zu verfolgen sondern stattdessen anderen Wissenschaftler:innen zu helfen, über ihre Themen zu kommunizieren. Daher bin ich in der Wissenschaftskommunikation gelandet und bin dort sehr glücklich, da ich fast jeden Tag neue Zusammenhänge, Methoden oder Fragestellungen kennenlernen darf. Das ist nicht immer einfach, aber mein Traum vom lebenslangen Lernen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Viele Tage sind ähnlich und zugleich anders: Zwar sitze ich viel am Schreibtisch vor dem Computer, lese, verfasse Texte, denke nach und redigiere. Doch die Themen und Formate wechseln sich dabei ab. Mal ist es eine Pressemitteilung über vierdimensionale Holografie, mal die zwanzigste Version eines Ausstellungsposters über das Standardmodell der Teilchenphysik, mal ein 20-Sekunden-Video über Klimaforschung. Manchmal wird es nämlich auch multimedial: Dann programmiere ich eine Website, drehe einen Film in einem Labor oder nehme ein Interview für einen Podcast auf. Tatsächlich sehe ich die Arbeitsweise eines Wissenschaftskommunikators – wie sagt man wohl? – holistisch: Ich möchte ein Thema verständlich aufbereiten, einen inhaltlichen Punkt rüberbringen. Dann darf ich nicht nur in Texten denken, die schon irgendwer bebildern wird, nicht nur in Interviewfrage oder in Skizzen. Das Produkt der Wissenschaftskommunikation ist immer mehrkanalig. Und in Arbeitssituationen, die mich wirklich zufrieden machen, darf ich möglichst viele diese Kanäle selbst gestalten und optimal aufeinander abstimmen.
Einige Male im Jahr geht es dann ganz anders zu: Ich gebe Seminare und Workshops, um die Kommunikation von Wissenschaftler:innen zu trainieren und zu verbessern. In den letzten zwei Jahren ist da viel per Videoseminar geschehen, aber so langsam geht es auch vor Ort wieder los.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Meine Arbeit ist es ja gerade, die Öffentlichkeit anzusprechen und mit Forschung zu konfrontieren. Insofern sollten sich alle dafür interessieren, die nicht bei drei auf den Bäumen sind! Das ist mein Job.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich habe ein Kind, das ich bei seiner Entwicklung mit vollem Herzblut unterstütze. Reicht das?

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Alles, was irgendwie mit Technik zu tun hat, kann mich begeistern. Dabei finde ich Technik besonders spannend, wenn sie komplett zu durchdringen ist – jedenfalls im Prinzip. Das trifft zum Beispiel auf alte Computer zu. Mein erster Computer, ein C64 aus dem Jahr 1984 oder 85, tut mir immer noch treue Dienste – zwar nicht oft, aber prinzipiell. Genauso erfreue ich mich am Nerd-Hobby Amateurfunk (ja, das, was fast nur alte Männer betreiben …). Ich kann einigermaßen morsen. 

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Morgens motiviert aus dem Bett kommen, dann lecker Backwaren vom besten Bäcker der Stadt holen und bei Kaffee und Croissant ein paar Seiten eines digitalen Magazins auf dem Tablet lesen. Mit dem Rad rüber ans Segelboot und ein paar Stunden auf der Weser Wind und Wellen genießen. In der Abenddämmerung ein paar Funkverbindungen in möglichst große Entfernung schaffen, bevor ich das Teleskop rausholen und mindestens zwei Planeten in Ruhe betrachten und der Familie zeigen kann. Nach so viel Action gehts dann müde ins Bett. Vielleicht kann ich noch eine halbe Seite lesen, bevor die Augen zu fallen.

Bitte begrüßt Jens ganz herzlich bei Real Scientists DE!