Sunday, February 18, 2024

Afrikanisch-migrantische Organisationen in der internationalen Politik - Susan Bergner ist jetzt bei Real Scientists DE!

Heute begrüßen wir unsere neue Kuratorin Susan Bergner! Susan (@bergnersusan.bsky.social) ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an dem Exzellenzcluster SCRIPTS an der Freien Universität Berlin. Sie schreibt ihre Dissertation in dem Fachbereich Politikwissenschaften mit einem besonderen Schwerpunkt auf die Teildisziplin Internationale Beziehungen. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit migrantischen Organisation aus der afrikanischen Gemeinschaft, die aus Deutschland heraus international aktiv sind. Bevor sie zum Promovieren an die Freie Universität Berlin wechselte, war sie an dem Stiftung Wissenschaft und Politik in dem Projekt für Globale Gesundheit tätig. Sie hat einen Master in Politikwissenschaften und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaften. Ihr findet Susan auf LinkedIn, Bluesky und Mastodon.




Wie bist du in der Wissenschaft gelandet? 

Hmm, ich frage mich, ob ich jemals nicht in der Wissenschaft war. Na klar, als Kind und in der Schule war ich ehrlich gesagt noch sehr unentschlossen in welche Richtung es gehen soll. Aber im Studium hab ich schon früh gemerkt, dass mir die Wissenschaftsarbeit mit Recherche und Analyse Spaß macht. Das heißt nicht, dass alles immer rosig ist, auch ich habe mich durch Hausarbeiten gerungen. Die Grundrichtung war mir aber schon klar. Trotzdem habe ich nicht direkt nach meinem Master mit der Promotion angefangen. Ich hatte damals genug von dem universitären Rahmen und bin dann in die praxisorientierte Forschung an einem Think Tank gegangen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich bin bis heute dankbar in einem so tollen Team gelandet zu sein. Da war für mich klar, Wissenschaft ja, aber bitte praxisorientiert und im Austausch mit verschiedenen Communities (Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft). So war das.Nachdem das Projekt am Think Tank zu Ende ging, war für mich ein super Zeitpunkt in die Promotion zu starten.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden und/oder was hält dich da?

Was Gesellschaften global verbindet, welche Konflikte es da gibt und was Menschen für Theorien dazu erarbeitet haben, fand ich schon immer faszinierend. In meinem Bachelorstudium hatte ich Politikwissenschaften als Nebenfach und merkte schnell, dass ich das noch lieber im Hauptfach gehabt hätte. Zu meinem Promotionsthema – afrikanisch-migrantische Organisationen in der internationalen Politik – bin ich tatsächlich durch die Black Lives Matter Demonstrationen in Europa und auf der ganzen Welt nach dem Tod von George Floyd gekommen. Ich habe mir diese Bewegung und ihre internationalen Wellen angeschaut und gedacht: Was bedeutet das für die klassische internationale Politik, wenn solche zivilgesellschaftliche Gruppen ihre Energie entfalten? Das ist zwar nicht die Frage meiner Dissertation, aber es hat mich auf den Weg gebracht. Und was mich hier hält, ist der unglaublich spannende Austausch mit migrantischen Gruppen, mit der Politik und Wissenschaft. Gleichzeitig habe ich auch die Freiheit meine wissenschaftliche Arbeit individuell auszugestalten. 


Erzähl uns etwas über deine Arbeit!

Meine Arbeit dreht sich um mein Dissertationsprojekt, in dem ich mir migrantische Organisationen aus den afrikanischen Gemeinschaften genauer mit Blick auf ihre internationale Aktivitäten anschaue. Ich schaue mir also an was sie machen und wie sie arbeiten und bin dabei vor allem an ihrer Beziehung zu deutschen Regierungsinstitutionen interessiert. Also wie treten sie zum Beispiel mit Ministerien in den Austausch, die sich um internationale Angelegenheiten kümmern? Ihr könnt vielleicht schon am Thema heraushören, dass meine Arbeit nicht nur am Schreibtisch passiert - auch wenn ich zu viel am Schreibtisch sitze. Ich bin durch Interviews und Beobachtungen mit Gruppen aus der afrikanischen Diaspora und aus der Politik in Kontakt. Ich unterstütze auch bei Austauschformaten zwischen diesen beiden Gruppen, nutze Social Media Content, um über meine Arbeit zu reflektieren und darf auch dazu an der Uni lehren.


Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für eure Forschung/Arbeit interessieren?

Weil es begeistert! Ihr seht, ich liebe, was ich tue. Aber nun konkreter: Migrantische Realitäten sind oft unterbelichtet, vor allem im internationalen Kontext ist noch viel Nachholbedarf. Meine Themen haben zwar einen internationalen Bezug, berühren im Kern jedoch Fragen des Zusammenlebens, die viele interessieren können. Zum Beispiel die Frage nach Teilhabe in der deutschen Gesellschaft und im internationalen Raum; wie können wir Bedingungen schaffen, dass politische Teilhabe möglichst verschiedene Perspektiven miteinbezieht? Aber auch die Frage, wie rechtsradikale, rassistische oder koloniale Denkmuster auf die Arbeit von migrantischen Organisationen und auf nationale oder internationale Politiken einwirken können. Große Fragen, zu denen meine Forschung einen kleinen Beitrag mit Blick auf afrikanisch-migrantische Positionen leisten kann.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich mache seit meiner Schulzeit eine japanische Kampfkunst, was ein super Ausgleich zur vielen Bildschirmarbeit ist. Ansonsten bringe ich meinen Hund gerne neue Tricks bei und koche gern.


Wie sieht für dich ein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?

Einen entspannten Tag mit meiner Familie, an dem wir draußen unterwegs sind und viel schlemmen.


Bitte begrüßt Susan ganz herzlich auf dem Kanal! 

Sunday, February 11, 2024

Wissenschaftsalltag in Heidelberg - Julia Philipp und Ulrike Träger sind jetzt bei Real Scientists DE!

Bitte begrüßt heute eine Doppelkuration: Julia Philipp (julia-philipp.bsky.social)  &  Ulrike Träger (immunoblogist.bsky.social)! Sie sind aus Data Manager bzw. Data Scientist & Communications Officer am EMBL Heidelberg & DKFZ Heidelberg tätig. 





Wie seid ihr in der Wissenschaft gelandet?

Julia: Auch wenns ein bisschen klischeehaft ist, war es ein Buch, das mich damals neugierig auf die Lebenswissenschaften gemacht hat und zwar “Der Schwarm” von Frank Schätzing. Ich war ca 13 oder 14 und hatte das Gefühl, durch dieses Buch das erste Mal zu verstehen wie Wissenschaftler*innen arbeiten. Deshalb wollte ich dann Meeresbiologen werden. In der Oberstufe hatte ich dann zwei sehr motivierte und engagierte Biologie Lehrerinnen und dann hat sich der Wunsch, Biologie zu studieren, schnell gefestigt. In den ersten Semestern habe ich relativ schnell festgestellt, dass Krabbeltierchen nichts für mich sind und ich vielleicht auch keine Angst vorm Tauchen haben sollte in der Meeresbiologie. Das war aber nicht schlimm, da hatte ich dann schon die Molekularbiologie für mich entdeckt. 


Ulrike: Klischee kann ich auch - ich habe nämlich angeblich schon mit 5 verkündet, ich will Krebs heilen. Das hab ich zwar nicht, aber ich habe Biologie studiert und viele Jahre im Labor gearbeitet. Erst an Immunreaktionen in neurodegenerativen Krankheiten und später an der Entwicklung von Immunzellen. Mittlerweile habe ich dem nächtlichen Zellen sortieren aber abgeschworen und machen das zweitbeste in der Wissenschaft: drüber reden! 


Warum habt ihr euch  für euer aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält euch dort?
Julia: An der Molekularbiologie & Genomik gefällt mir, dass der Bereich sehr weit reicht und unglaublich vielfältig ist. Die Begriffe beschreiben viel mehr Methoden und weniger das Studienobjekt. Man kann also Methoden aus der Molekularbiologie oder Genomik auf das Immunsystem anwenden, zum Beispiel um Krebs zu verstehen, aber auch auf Viren, Pflanzen und ganze Ökosysteme. Meine Arbeitsweise hat sich aber im Laufe meines Studiums geändert: Angefangen habe ich im Labor mit den klassischen Experimenten, mittlerweile beschäftige ich mich nur noch mit der computergestützten Auswertung von Experimenten und das sind meistens Hochdurchsatz-Experimente, wie z.B. Genom-Sequenzierungen. Hier entwickelt sich sowohl die Technik als auch die Auswertung so schnell weiter, dass man kontinuierlich am Lernen und Neues Entdecken ist.


Ulrike: Forschung braucht Daten. Genomdaten von Patient:innen haben enormes Potential für Forschung und Medizin, da gerade neuartige KI-basierte Techniken viele Daten brauchen, um Wirkung zu zeigen. Niemand kann so viele Daten selbst produzieren - also sollten sie in der Wissenschaftsgemeinschaft geteilt werden, um ihr volles Potential zu entfalten. Zum Wohl aller. Genetische Daten sind aber auch einzigartig, wie unser Fingerabdruck. Sie bedürfen Schutz. Diese Balance aus Chancen für die Forschung und Gesundheitsversorgung, und den notwendigen Datenschutz zu kommunizieren, ist eine vielfältige Herausforderung. Spannend ist auch der Mix aus strategischer Arbeit und praktischer Ausführung!


Erzählt uns etwas über eure Arbeit!
Julia: In meinem aktuellen Job habe ich oft ganz verschiedene Hüte auf. Eingestellt wurde ich um eine Datenmanagement-Infrastruktur für ein großes Sequenzierungsprojekt aufzubauen und zu pflegen. Dazu durfte ich mich auch an der Auswertung dieser Daten beteiligen. Aktuell betreue ich auch Student*innen oder Praktikant*innen, die in diesem Projekt Datenanalyse lernen und durchführen wollen. Fast durch Zufall kam dann die Aufgabe der Trainingskoordination bei GHGA (dem Deutschen Genom-Phänomarchiv) dazu. Hier organisiere ich vor allem Veranstaltungen rund um die Themen biologische Datenanalyse, Forschungsdatenmanagement und Datenschutz. Manchmal führe ich aber auch selbst Webinare oder Kurse durch. Durch unsere kollaborative Arbeit bei GHGA, komme ich auch immer wieder dazu, bei Projekten für die Öffentlichkeitsarbeit zu helfen.


Ulrike: Da wir - wie wenige vergleichbare Projekte- gut besetzt sind in der Öffentlichkeitsarbeit, können wir Lieblingsprojekte durchsetzen. Ein neuer Podcast, Lego um auch Kindern die DNA näher zu bringen oder eine Unterhausdebatte mit Schüler:innen im Futurium. Diese Formate machen Spaß und helfen uns in der Kommunikation.


Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für eure Forschung/Arbeit interessieren?

Julia & Ulrike: Genom-Forschung und auch Datenschutz sind Themen, die jeden etwas angehen und zu denen es oft schon starke Meinungen gibt, die auch mal in Misinformationen und negative Gefühle umschlagen können. Deshalb finde ich es wichtig, über diese Themen kontinuierlich und offen zu kommunizieren. Genomforschung ist so cool und nicht beängstigend, wenn man die Chance hat, sie zu verstehen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen ihr uns erzählen möchtet?
Julia: Da mein Arbeitsalltag so sehr vom Arbeiten am Computer geprägt ist, habe ich mir während meines PhDs gezielt Hobbies gesucht, die nicht vor einem Bildschirm stattfinden. Aktuell sind das Laufen, Wandern und Stricken. Das Laufen nutze ich auch gerne mal mitten am Tag zum Ausgleich zur Schreibtisch-Arbeit.


Ulrike: Ich laufe auch gerne - vor allem auch mit Julia zusammen :) Ich fotografiere auch sehr gerne, aber  nicht beim Laufen. Aber wenn ich reise oder auch einfach im Alltag. Ich finde ja, wir machen viel zu wenig Fotos von ganz alltäglichen Situationen. Eins meiner Lieblingsbilder ist ein Selbstauslöserbild vom Feiertagsessen bei meiner Oma. Qualitativ nicht perfekt, aber emotional perfekt.


Wie sieht für euch ein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?

Julia: Mein idealer Tag beginnt mit einem ausführlichen Frühstück und dann geht es wandern. Wenn ein bisschen mehr Zeit ist, gerne auch mit einer Übernachtung unterwegs. Abends dann noch gemütlich auf der Couch lesen.

Ulrike: In einer neuen Stadt, denn ich liebe es zu reisen und den ganzen Tag einen neuen Ort zu erkunden!


Bitte begrüßt die beiden ganz herzlich auf dem Kanal! 

Sunday, February 4, 2024

Wie Menschen über Moral denken und was das mit KI zu tun hat! Lara Kirfel ist jetzt bei Real Scientists DE!

 

Diese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin Dr. Lara Kirfel (larakirfel.bsky.social)! Lara ist Kognitions- und Verhaltenswissenschaftlerin am Max Planck Institute for Human Development in Berlin. Sie erhielt ihren Ph.D. in Kognitionspsychologie 2021 am University College London (UCL) und war danach zwei Jahre an der Stanford University beschäftigt. Ihre Forschungsthemen befassen sich mit Moral- und Kognitionspsychologie sowie Ethik der KI.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet? 

Mit 12 Jahren ist mir das Buch "Sofies Welt" von Jostein Gaarder in die Hände gefallen  eine Art Einführung in die Philosophie für Kinder und Jugendliche  und der Grundstein war gelegt. Seitdem habe ich mich langsam aber kontinuierlich über die Philosophie in die Psychologie, und dann weiter in die Kognitionswissenschaft bewegt — und dabei meine Liebe zur Philosophie nie aufgegeben. 


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Kognitionswissenschaften sind ein einzigartiges Spielfeld, auf dem sich eine Vielzahl von Forschungsthemen, Methoden und Disziplinen tummeln. Allgemein ausgerichtet auf Fragen nach der Natur und den Mechanismen des menschlichen Geistes (das englische Wort "mind" ist hier passender), darf man sich hier je nach Bedarf und Expertise unterschiedlichster Ansätze und Werkzeuge aus Psychologie, Linguistik, Informatik, Neurowissenschaft, Philosophie etc. (you name it...) bedienen. Wie funktioniert Wahrnehmung, wie entwickelt sich unser Verständnis von Kausalität, welche Modelle beschreiben das menschliche Gedächtnis am besten? Nimm dazu noch die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz, und man hat ein faszinierendes Tätigkeitsfeld, das einen nicht nur zu einer forschenden Persönlichkeit mit Weitblick ausbildet, sondern auch zahlreiche relevante Skills an die Hand gibt.


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der sogenannten "higher level cognition", d.h. komplexe mentale Prozesse, die über die grundlegenden Funktionen wie Wahrnehmung oder motorische Reaktion hinausgehen. Konkret interessiert mich dabei, wie Menschen über Moral denken, was sie als moralisch gut oder schlecht beurteilen, wie sie Verantwortung zuschreiben, und wie bei all dem unser Nachdenken über Möglichkeiten und Alternativen ("counterfactual reasoning") eine Rolle spielt. Mit dem rasanten Einzug der Large Language Models (LLMs, "große Sprachmodelle") wie ChatGPT oder Bard in unseren Alltag und dem generellen Boom der generativen KI verschiebt sich meine Forschung immer mehr: Dahin, wie Menschen KI nutzen und mit ihr interagieren, aber auch zu den kognitiven Prozessen von KI selbst, also wie KI "denkt und entscheidet". Die Fusion von menschlichem und künstlichem Denken und Handeln ethisch und human zu gestalten ist mir dabei ein Hauptanliegen als Wissenschaftlerin. 



Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Unser Denken über uns selbst und die Welt liegt an der Schnittstelle zwischen Philosophie und Psychologie und berührt gleichzeitig den Kern unseres menschlichen Selbstverständnisses. Wir erleben uns als Wesen mit Verstand und freiem Willen, denken nach über die großen Fragen der Welt und bemühen uns dabei gleichzeitig, die Grundlagen und Mechanismen unserer eigenen kognitiven Fähigkeiten zu verstehen. Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, ob er in seinen Entscheidungen gänzlich frei ist, ob das eigene Selbst unveränderlich ist, oder ob ChatGPT uns genauso versteht, wie wir andere Menschen? Ich glaube, kaum eine andere Forschung berührt unser Selbstempfinden und Nachdenken über uns selbst so sehr wie die Kognitionswissenschaft. Die zentralen Fragen der Philosophie und Psychologie werden sich uns dabei immer stellen. Lediglich die Methoden, mit denen wir sie untersuchen, und die Antwortversuche, die wir geben, ändern sich.



Bitte begrüßt Lara ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, January 21, 2024

Wie die russische Literatur des 18. Und 19. Jahrhunderts osteuropäische Geschichte darstellt und warum das heute relevant ist! Sophia Sonja Guthier ist jetzt bei Real Scientists DE!


Diese Woche freuen wir uns auf unsere Kuratorin Sophia Sonja Guthier (@heastorian.bsky.social)! Sophia studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Geschichte und Politikwissenschaft (B.A.) und anschließend Geschichte (M.A.) mit Schwerpunkt Landesgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Von April 2018 bis Dezember 2019 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Koblenz-Landau, Abteilung Politikwissenschaft, Bereich „Politisches System der BRD“. Von Januar 2020 bis Ende Mai 2023 war Sophia Teil des Graduiertenkollegs 2304 „Byzanz und die euromediterranen Kriegskulturen“ im Fach Osteuropäische Geschichte. Ihre Dissertation zum Thema „Waräger und Ostslaven als Bedrohung von Byzanz in der russischen Textkultur des 18. und 19. Jahrhunderts“ reichte sie am 29. März 2023 ein. Zukünftig wird sie als Center Managerin an der Graduate School of Economic and Social Sciences am Center for Doctoral Studies in Business an der Universität Mannheim wirken.

 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Für den Master im Fach Geschichte bin ich nach Mainz gezogen und habe dort meine Liebe für Osteuropäische Geschichte entdeckt, obwohl mein Schwerpunkt eigentlich auf der Landesgeschichte lag. In meiner Masterarbeit habe ich beides vereint und über die Wahrnehmung und Integration von Russlanddeutschen im Rhein-Main-Gebiet von 1990 bis 2015 geschrieben. Den direkten Weg in die Wissenschaft habe ich nach dem Studium im Jahr 2017 nicht unbedingt gesucht, sondern habe mich auf verschiedene Stellen beworben, darunter auf die Stelle der wissenschaftlichen Mitarbeiterin an der (ehemaligen) Universität Koblenz-Landau in der Abteilung Politikwissenschaft, Bereich „Politisches System der BRD“, wo ich fast 2 Jahre blieb und viel gelernt habe. Da ich weiterhin in Mainz wohnte, hat es mich daraufhin an das Graduiertenkolleg 2304 „Byzanz und die euromediterranen Kriegskulturen“ gezogen, wo ich mich wieder meiner Liebe zur osteuropäischen Geschichte widmen konnte.

Ab Februar 2024 werde ich als Center Managerin an der Graduate School of Economic and Social Sciences zwar weniger eigene Forschung betreiben, dafür Nachwuchswissenschaftler:innen bei ihrem Weg in die Wissenschaft unterstützen. Wobei ich mich weiterhin privat mit osteuropäischer Geschichte beschäftigen möchte und assoziiertes Mitglied am Graduiertenkolleg bin.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Da ich meine neue Stelle noch nicht angetreten habe, spreche ich jetzt erstmal über meine Entscheidung, ans Graduiertenkolleg zu gehen: Als ich die Stellenausschreibung des Graduiertenkollegs damals gesehen habe, war ich direkt interessiert. Das dürfte zunächst erstaunen, weil ich eher zeitgeschichtlich bzw. politikwissenschaftlich unterwegs gewesen bin. Aber ich habe eine weitere Begeisterung: alte Sprachen! Ich war an einem humanistischen Gymnasium und hatte Latein- und Altgriechisch-Leistungskurs. Außerdem verfüge ich über Russischkenntnisse. Ich hatte das Gefühl, dass sich an dieser Arbeitsstelle alle meine Stärken vereinen könnten. Ich wählte als Dissertationsthema „Waräger und Ostslaven als Bedrohung von Byzanz in der russischen Textkultur des 18. und 19. Jahrhunderts“ in der (rückblickend etwas naiven) Vorstellung, mich erfreulicherweise mit Dingen auseinanderzusetzen, die nur bedingt mit der Gegenwart zu tun haben.  


Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Meine ursprüngliche Annahme, meine Dissertation habe nur wenig mit unserer Gegenwart zu tun, wurde nach und nach bis zur Ausweitung des Ukraine-Krieges durch Wladimir Putin am 24.2.2022 reichlich widerlegt. Er instrumentalisiert Geschichte zur Rechtfertigung des Krieges. Themen, mit denen ich mich in meiner Dissertation beschäftigt habe, wurden plötzlich aktuell:

Ich arbeitete zu der Frage, wie die Beziehungen zwischen Warägern und Ostslaven, also der Kiewer Rus, und Byzanz vom 9.-12. Jahrhundert in der russischen Textkultur des 18. und 19. Jahrhunderts dargestellt wurden. Mich interessierte dabei die Wahrnehmung der kriegerischen Auseinandersetzungen und der militärischen Kooperation zwischen der Kiewer Rus und Byzanz. Aber auch die Wahrnehmung des kulturellen Austauschs und der Handelsbeziehungen waren von Bedeutung. Ein weiterer Punkt war die Frage, ob die Waräger als das „Eigene“ oder das „Fremde“ dargestellt wurden. Ich wählte (kirchen-)historiographische, geschichtsphilosophische Arbeiten und Aufsätze aus (kirchen-)geschichtlichen Zeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts aus. Dabei nutzte ich die Methoden der historischen Diskursanalyse. Meine Ergebnisse zeigen, dass Waräger je nach Standpunkt der unterschiedlichen Autoren aus russischer Perspektive sowohl als das „Eigene“, als auch als das „Fremde“ wahrgenommen wurden. Die Beziehungen zwischen der Kiewer Rus und Byzanz werden ambivalent gesehen: Bei militärischen Konflikten mit Byzanz werden die Waräger und Ostslaven als Bedrohung dargestellt. Militärische Kooperationen werden kaum erfasst. Der kulturelle Einfluss wird wahrgenommen, aber ambivalent betrachtet. Die Arbeit berührt Fragen der Identität und des Nationsbewusstseins, die bis in die heutige Zeit in Russland wirken.

Eingereicht habe ich die Dissertation im März 2023.



Motivation: Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Wie bereits oben angedeutet, beschäftige ich mich in meiner Dissertation mit Themen, die bis heute Russland (und die Ukraine!) prägen und beschäftigen. Ein wichtiges Thema innerhalb meiner Dissertation ist die Darstellung der Christianisierung der Kiewer Rus in den Quellen des 18. und 19. Jahrhunderts. Einige meiner Quellen beziehen sich in ihren Beschreibungen auf die älteste, altostslawische Chronik aus dem 12. Jahrhundert, die beschrieb, dass die Christianisierung der Kiewer Rus im Jahr 989 durch Großfürst Wladimir I. mit einer Schlacht gegen Byzanz zusammenhing. Allerdings sind die in der sogenannten Nestorchronik beschriebenen Geschichten zur Taufe Wladimirs als legendenhaft zu bewerten. In der Forschung sind die Umstände der Taufe umstritten. Sicher ist die Taufe Wladimirs im Jahr 989, aber auch, dass das Christentum bereits davor im 9. Jahrhundert in der Gegend in Erscheinung getreten ist.

Seit 2022 wird in der Ukraine „der Tag der Taufe“ als „Tag der ukrainischen Staatlichkeit“ gefeiert. In Russland ist der Tag ein Gedenktag. Die Legenden der Nestorchronik sind dabei in der Bevölkerung sehr präsent: das habe ich im vergangenen Jahr bemerkt, als ich mir die Berichterstattung in den russischen Medien an dem Tag zu dem Thema angesehen habe. Ich habe darüber auch auf meinem Instagram-Kanal h_east_orian geschrieben: https://www.instagram.com/p/CvfRIJgsehs/



Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Ehrenamtlich setze ich mich gegen Lebensmittelverschwendung ein und bin seit November 2014 bei der Initiative Foodsharing in Mainz als Foodsaverin aktiv. In Kooperation mit Betrieben engagieren wir uns gegen Lebensmittelverschwendung und retten (legal!) Lebensmittel vor dem Müll.



Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

In meiner Freizeit betreibe ich meinen Instagamkanal @h_east_orian (480 Follower:innen), in welchem ich mich (meist) mit der Geschichte und Politik Osteuropas auseinandersetze. Außerdem betreiben mein Mann und ich gemeinsam eine Geschichte-Quiz-Webseite (www.geschichte-quiz.de). Man könnte meinen, Geschichte wäre nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Hobby.



Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forschende sind ja auch nur Menschen)?

Da ich auch sehr gerne mit meiner Spiegelreflexkamera fotografiere, wäre ein Spaziergang am Morgen mit Morgentau und Sonne ein idealer Tagesbeginn, um Fotos zu schießen. Danach eine Runde meine Bilder zu bearbeiten, wäre auch ein großer Grund zur Freude. Im Winter ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, den Wintersport im Fernsehen zu verfolgen. Meine Lieblingssportarten: Biathlon und Skispringen (und ja, ich saß die letzten Wochenenden viel vor dem Fernseher).



Bitte begrüßt Sophia ganz herzlich bei Real Scientists DE!