Diese Woche freuen wir uns sehr, euch Franziska Sattler (@ohyeahfranzi & @WisskommKaffee) als unsere neue Kuratorin vorstellen zu dürfen! Franziska ist
Wirbeltierpaläontologin und Evolutionsbiologie Absolventin der Freien
Universität Berlin. So lange sie sich erinnern kann, hatte Franziska eine
Leidenschaft für Wissenschaftskommunikation, Lehre und internationale
Beziehungen in der Hochschulbildung. Sie ist bei Formaten wie Pint of Science
und Soapbox Science in Deutschland tätig und hat nun auch die Rolle der
Kommunikatorin bei Science Borealis Canada übernommen. Franziska forscht an
Dinosaurierzähnen und arbeitete bis vor kurzem am Tyrannosaurus-rex-Zahnersatz am Museum für Naturkunde Berlin, wo
sie heute als Wissenschaftskommunikatorin mit ihrem eigenen Bildungsformat
"Kaffeeklatsch mit Wissenschaft" arbeitet.
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich glaube, da muss ich meinem Opa für danken. Er hat sich selbst immer
schon sehr für die Welt, Sprachen und Forschung interessiert. Ich hatte schon
als kleines Kind eher Dinosaurierfiguren zum Spielen anstatt Puppen. Mit meinen
Eltern bin ich schon immer viel gereist, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Ich
glaube ich war insgesamt acht Mal in Ägypten und wollte eigentlich Ägyptologie
oder Altertumswissenschaften studieren. Die Paläontologie war immer meine erste
Liebe, aber ich war in Physik und Chemie in der Schule nie sonderlich gut und
hatte große Angst, das Geowissenschaftenstudium nicht zu schaffen. Anstatt
gleich nach dem Abitur zu studieren, bin ich dann doch lieber erst einmal nach
London gezogen um “richtige” Berufserfahrung zu bekommen. Dort war ich für
ungefähr vierzehn Monate, was dazu geführt hat, dass ich die Bewerbungsfrist
für das Bachelorstudium verpasst habe. Ich wollte jedoch keine weitere Zeit
verlieren und habe mich für ein Praktikum am Museum für Naturkunde Berlin (MfN Berlin) beworben. Damals ging das
noch relativ einfach. Ich hatte keinerlei Erfahrung in der Forschung oder der
Arbeit an einem Museum. Ich wurde aber trotzdem akzeptiert, was glaube ich auch
daran lag, dass sich zur der Zeit (2009) vor allem Jungen und Männer dort
beworben haben und ich somit meiner Betreuerin gleich positiv aufgefallen bin.
Und was soll ich sagen, seit 2009 bin ich eigentlich immer wieder am MfN
Berlin, denn ich bin tatsächlich Wirbeltierpaläontologin geworden. Ich liebe
die Forschung, bin aber momentan viel mehr in die Kommunikation involviert.
Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was
hält dich dort?
Ich habe schon ziemlich früh im Studium mit der Wissenschaftskommunikation
begonnen. Während des Bachelorstudiums (Geowissenschaften) habe ich ja wie
erwähnt im Museum für Naturkunde Berlin gearbeitet. Dort bin ich also
eigentlich schon on und off seit Januar 2009 angestellt und hatte wohl jede
Stelle und jeden Vertrag, den es da so zu holen gibt. Alles von Praktikantin
und wissenschaftlichen Mitarbeiterin, bis hin zu Bürgerwissenschaftlerin und
Grabungsarbeiterin. Das alles kommt auch immer mit einer eigenen Art von
Wissenschaftskommunikation. Das Museum ist so gut vernetzt, dass man dem Thema
eigentlich auch nicht entkommen kann, selbst wenn man wollte. Jedoch hat mir
die Mitarbeit bei der Langen Nacht der Wissenschaften den ersten Einblick gegeben. So richtig
selbst aktiv wurde ich 2016 bei Pint of Science Germany, wo ich seitdem auch einige Jahre die Berlin Koordinatorin war.
Wissenschaft und Bier passt immer gut zusammen. Dort wurde auch eine
Projektleiterin des zukünftigen Experimentierfeld für
Partizipation und Offene Wissenschaft am MfN Berlin auf mich aufmerksam. Ich sage
„zukünftig“, weil es das damals noch gar nicht gab.
Dem Museum hat wohl gefallen, wie ich Pint of Science leite und
organisiere, was dazu geführt hat, dass mir mein eigenes Format angeboten
wurde. Ich habe lange gegrübelt was mir wirklich Freude bereitet und was auch
die Besucherinnen und Besucher toll finden können, und so bin ich auf „Kaffeeklatsch mit Wissenschaft“ gekommen. Einmal im Monat, meistens der
erste Sonntag, findet mein Programm statt. Ich lade mir interessante Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler ein, trinke mit ihnen Kaffee und sitze in einer richtig
spannenden Kaffeerunde mit ihnen und den Besuchern zusammen. Einfach toll, dass
das tatsächlich mein Job ist!
Ich liebe es zu sehen, wie begeistert das Publikum ist, wie überrascht, was
es alles an toller Forschung gibt und wie viel Wissen alle bereits oft selbst
schon mitbringen.
Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Bei meinem Wissenschafts-Format “Kaffeeklatsch mit
Wissenschaft”
(engl. Science Communication Café) am Museum für Naturkunde Berlin ermögliche
ich Besuchenden und Zuschauenden seit August 2019 in entspannten Gruppen ein
Thema zu besprechen und Fragen zu stellen, ohne sich eingeschüchtert zu fühlen.
Denn das Konzept kombiniert etwas, das viele Deutsche ihr ganzes Leben lang
kennen: sonntags mit der Familie zusammensitzen, Kaffee zu trinken, Kuchen zu
essen und über das Leben, die Woche und aktuelle Ereignisse diskutieren mit
Wissenschaft, die für viele ein unbekanntes Terrain ist. Einige unserer Gäste
fragen zum Beispiel: "Was machen Wissenschaftler*innen eigentlich den
ganzen Tag?“ oder sie stellen sich Forschende als unnahbar und distanziert vor.
Mir ist es unglaublich wichtig, meine Gäste so zu zeigen, wie sie sind und
dabei auch einfach mal über das Alltägliche zu plaudern. Die Forschung steht
dabei natürlich immer im Mittelpunkt. Aber es geht mir auch darum, die
menschliche Seite der Wissenschaft herauszustellen. Es findet Kommunikation auf
Augenhöhe statt.
Dabei sind auch Kontroversen und Differenziertheit oft Bestandteil unserer
Gespräche. Das Vertrauen in die Wissenschaft und vor allem
Wissenschaftler*innen soll somit gestärkt werden.
Zusammen Kaffee zu trinken macht den Charme von „Kaffeeklatsch mit Wissenschaft“ aus, fühlt sich familiär an und sorgt
dafür, dass unsere Besucher*innen immer wiederkommen. Dass das Format aufgrund
der Corona-Pandemie vorerst digitalisiert wurde, hat der Gemütlichkeit aber keinen
Abbruch getan. Ich treffe mich mit meinen Gesprächspartner*innen meist bereits vor dem
Event – entweder in einem Café oder zurzeit auch online, damit wir uns schon
mal kennenlernen können. Mir ist es wichtig, den Besucher*innen das Gefühl zu geben, dass die zwei
Menschen, denen sie zuschauen, sich schon lange kennen.
Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine
Forschung/Arbeit interessieren?
„Wissen verpflichtet auch zu seiner Vermittlung“, hat
Bundesforschungsministerin Anja Karliczek gesagt. Dem stimme ich 100-prozentig zu.
Außerdem ist das Interesse an Wissenschaft seitens der Öffentlichkeit absolut
vorhanden. Laut „Wissenschaftsbarometer“ der
Initiative „Wissenschaft im Dialog“ interessieren sich mehr als 70 Prozent der
Deutschen für wissenschaftliche Themen und rund zwei Drittel der
Befragten sprechen Wissenschaft und Forschung auch in Zeiten der
Corona-Pandemie ihr Vertrauen aus. Von Forschenden wird immer mehr verlangt, dass
sie nach außen kommunizieren. Schließlich wird die große Vielfalt an Forschung
auch durch die Steuern unserer Bürger*innen ermöglicht, daher sollte die
Forschung für die Öffentlichkeit transparenter und zugänglicher gemacht werden.
Der Austausch zwischen Forschenden und der Gesellschaft sollte in sämtlichen
Wissenschaftsbereichen alltäglich werden.
Ich weiß jedoch auch, dass es oft Berührungsängste mit der Wissenschaft
geben kann, aus meiner eigenen Familie - in der ich die erste Wissenschaftlerin
bin. Meine Eltern haben mich immer unterstützt und ich bin ihnen unendlich
dankbar dafür. Ich weiß jedoch auch, dass ihnen häufig nicht klar war, was ich
so mache. Manchmal haben sie mir gesagt, dass sie Wissenschaft einfach nicht
verstehen können und dass man dafür wohl sehr schlau sein muss. Diese
Einstellung scheint weit verbreitet zu sein. Das stimmt natürlich nicht.
Deshalb ist es mir so wichtig, die Allgemeinheit und Forschende zu einem Dialog
auf Augenhöhe zusammenzubringen. Mit guter Wissenschaftskommunikation können
Wissenschaftler*innen schon Grundschulkindern ihren Forschungsbereich
verständlich erklären.
Für meine Events lade ich mir auch vor allem Wissenschaftlerinnen gern ein,
um ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit zu erhöhen - beispielsweise die
Neurobiologin Dr. Vira Iefremova und Psychologinnen wie Doktorandin Helena Hartmann und Dr. Anna Henschel. Ganz toll fand ich auch Dr. Florencia Yannelli und Marta Alirangues Núñez, zwei Ökologinnen. Frauen eine Plattform zu
bieten, um als weibliche Vorbilder dienen zu können, liegt mir sehr am Herzen.
Die Vielfalt der Stadt spiegelt sich in den verschiedenen Forschungsinstituten
wider, die sich auf eine Vielzahl von Bereichen konzentrieren. Trotz alledem sind weniger
als ein Drittel der Professoren in Berlin Frauen. Ich weiß aus erster Hand, wie wichtig es
sein kann weibliche Vorbilder zu haben. In meinem Fachbereich, der
Wirbeltierpaläontologie, gibt es jetzt immer mehr junge Frauen, das war jedoch
nicht unbedingt so, als ich damals damit angefangen habe. Glücklicherweise
hatte ich bereits vor meinem Studium (und währenddessen) ganz tolle Mentorinnen
- soviel Glück hat jedoch nicht jede.
Wenn ich durch „Kaffeeklatsch mit Wissenschaft“ einen Beitrag dazu leisten
kann, dass unsere Besucher*innen mit neuem Wissen und einem revidierten Bild
von Wissenschaftler*innen das Event verlassen, dann bin ich zufrieden und
dankbar.
Hast du irgendwelche
interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich habe das Glück, dass ich in vielen verschiedenen
Wissenschaftskommunikationsprojekten mitarbeiten kann. Pint of Science Germany (PoS) zum Beispiel. Pint of Science ist ein
internationales Festival, das einige der brillantesten Forschenden in eure
lokale Kneipe bringt, um ihre neuesten Forschungsergebnisse und Erkenntnisse
mit euch zu diskutieren. Dort hat man die Chance, die Wissenschaftsverantwortlichen
der Zukunft kennenzulernen (und ein Bier mit ihnen zu trinken). Es macht
unheimlich viel Spaß und ich bin bereits seit 2016 in Berlin dabei. Ich habe
dort selbst schon als Sprecherin teilgenommen, bin aber ansonsten Teil unseres
Organisationsteams. Unsere Events finden weltweit im Mai statt.
Zusätzlich bin ich seit Anfang 2020 mit großer Begeisterung Teils des Soapbox Science Berlin Teams. Soapbox Science ist eine neuartige
Plattform für die Öffentlichkeitsarbeit zur Förderung von Frauen und
nicht-binären Forschenden sowie der Wissenschaft, die sie betreiben. Unsere
Veranstaltungen verwandeln öffentliche Bereiche in eine Arena für öffentliches
Lernen und wissenschaftliche Debatten. Sie folgen dem Format der Speaker's Corner
im Londoner Hyde Park, die historisch gesehen ein Schauplatz für öffentliche
Debatten ist. Es gibt keine PowerPoint-Folien, kein Amphitheater - nur
bemerkenswerte Wissenschaftlerinnen, die ihren neuesten Entdeckungen
präsentieren und eure Fragen beantworten.
In unserem Video erfahrt ihr mehr über unsere bevorstehenden und vergangenen Veranstaltungen. Um ein Gefühl dafür zu
bekommen, wie eine Veranstaltung aussieht.
Meine Aufgaben beinhalten das Organisieren unserer Events, Pressearbeit und
Korrespondenz mit unseren Sponsoren. Einmal pro Jahr bieten wir auch einen
Workshop für die Wissenschaftskommunikation an - das macht mir immer riesigen
Spaß. Ganz normale, einseitige Vorträge sind eher nichts für mich.
Momentan plane ich meinen Umzug nach Kanada und bereite mich bereits aktiv
darauf vor, in dem ich ehrenamtlich bei Science
Borealis im
Outreach-Team mitarbeite. Science Borealis bietet Plattformen und Schulungen
an, um Wissenschaftskommunikatoren dabei zu helfen, Geschichten über die
kanadische Wissenschaft zu teilen.
Außerdem bin ich Berlin City Brain
City-Botschafterin (Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie) - ich habe irgendwie
überall meine Hände drin.
Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Wenn ich nicht über Themen twittere, die mir wichtig sind, bin ich höchstwahrscheinlich damit beschäftigt,
mein nächstes Reiseabenteuer zu planen, mit meiner Kamera Freunde zu
fotografieren oder irgendwo in einem Café ein Buch zu lesen. Außerdem habe ich
während meines Studiums in Montana, USA, das Wandern für mich entdeckt.
Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur
Menschen)?
Wenn ich mir wirklich aussuchen darf, wie ich den Tag verbringen kann, dann
vielleicht einfach ganz entspannt, ohne Pläne. Ich plane immer meine ganze
Woche komplett durch, also einfach mal nichts tun und ausschlafen wäre
wunderbar. Kaffee im Bett, etwas Schönes lesen und dann vielleicht im Wald
spazieren gehen klingt für mich einfach toll.
Bitte begrüßt Franziska ganz herzlich bei Real Scientists DE!