Sunday, September 26, 2021

Mensch und Maschine im Einklang - Johannes Schoening ist jetzt bei Real Scientists DE!

 Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unseren neuen Kurator Johannes Schoening (@JohannesSchoeni) vorstellen zu dürfen. Jonnes studierte Geoinformatik an der Universität Münster und promovierte an der Universität des Saarlandes und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Seine Forschung führte ihn unter anderem nach Großbritannien und Belgien sowie an die Universität Bremen, wo er eine Lichtenberg Professur inne hatte. Aktuell ist er Professur für Informatik an der Universität St. Gallen in der Schweiz.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Das gibt es auch in der Retrospektive keine einfache Antwort. Was mir zuerst durch den Kopf ging war, dass es ähnlich ist wie auf Twitter: Einmal eingeloggt und dann fällt es schwer wieder „abzuschalten“. Nein, nun im Ernst. Eine wissenschaftliche Karriere habe ich nie geplant. Ich denke ich habe an den „richtigen Stellen“ einfach weitergemacht. Ich hatte gute MentorInnen und viel Glück nun Wissenschaft als Beruf ausüben zu dürfen. Ich denke es geht vielen von Euch auch so. Ich habe auch Zeiten außerhalb der Wissenschaft verbracht und gemerkt, was ich an der Wissenschaft als Beruf sehr schätze.


Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Als Informatiker mag ich klare Strukturen und die komplexen Konstrukte, die sich daraus ergeben können. Auch mag ich die „Power“, die die Informatik besitzt, tolle Erkenntnisse zu gewinnen und auch den Erkenntnisgewinn in anderen Disziplinen voranzutreiben. Darüber hinaus mag ich das Arbeiten in interdisziplinären Teams sehr gerne, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, und ich habe ein besonderes Interesse an der Anwendung von nutzerzentrierten Designmethoden.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Sehr gerne! Mit unserer Forschung an der HSG wollen wir Nutzern die Informationen zur Verfügung stellen, die sie benötigen, um bessere datengestützte Entscheidungen zu treffen, indem wir gemeinsam mit ihnen neuartige Benutzerschnittstellen entwickeln und menschliche und technologische Bedürfnisse in Einklang bringen.
Wir wollen ein tieferes Verständnis des Zusammenspiels zwischen sich schnell entwickelnden Technologien und der Art und Weise erlangen, wie digitale Schnittstellen die Nutzer bei ihren vielfältigen Aktivitäten unterstützen können.
Das klingt jetzt natürlich etwas abstrakt, aber wir fokussieren uns auf ein breites Spektrum von Anwendungskontexten, wie beispielsweise der Geoinformatik, der Medizin, sowie der Nutzung von Benutzerschnittstellen unter extremeren Bedingungen wie auf Weltraummissionen. Ich freue mich darauf Euch in der Woche viele Beispiele geben zu können.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

„Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche, …“ So oder so ähnlich könnte ich starten und so oder so ähnlich haben viele sicherlich schon die Bedeutung der Informatik und der Digitalisierung motiviert bekommen. Ich möchte Euch in dieser Woche aufzeichnen, welchen Einfluss schon jetzt viele Algorithmen auf unser alltägliches Leben haben und wir – aus meiner Sicht – oftmals zu wenig über ihren Einfluss und Einsatz diskutieren.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?

Klar, in der akademischen Selbstverwaltung gibt es immer viel zu tun. Die Woche könnt ihr mich sicherlich in viele Meetings an der HSG und darüberhinaus begleiten. Wir sind gerade in der 2. Woche in unserem Herbstsemester!

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich bin gerne in den Bergen unterwegs – dazu eignet sich die Ostschweiz natürlich hervorragend! An Regentagen baue ich gerne mit Klemmbausteine! Das ist genauso entspannend wie eine schöne Bergtour – auf eine andere Art und Weise.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Berge und Lego! 

Bitte begrüßt Johannes herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, September 19, 2021

Forschung kreativ kommuniziert - Johanna Barnbeck ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Johanna Barnbeck (@johannabarnbeck) vorstellen zu dürfen! Johanna ist künstlerische Forscherin und Kreativberaterin in Berlin. Ihre Forschung konzentriert sich auf selbstreflexive Prozesse, wie beispielsweise im Projekt Categories to Come zu Sprache und Sexualität. Sie wendet kreative Methoden an, um künstlerisch-wissenschaftliche Erkenntnisse voranzubringen und arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Design, Wissenschaft und Technologie. Johanna hat Kulturanalyse und Künstlerische Forschung in Amsterdam studiert, wo sie später auch am Rijksmuseum forschte. Seitdem leitet sie interdisziplinäre Teams aus unterschiedlichen Bereichen inner- und außerhalb der akademischen Welt. Ihr Wissen gibt sie in Form von interaktiven
Workshops und Online-Seminaren weiter. Ein essenzieller Teil ihrer Forschungsarbeit ist es, durch Wissenschaftskommunikation zu experimentieren. Deshalb hat sie Spread the Nerd gegründet, eine Agentur für innovative Wissenschaftskommunikation und Formatentwicklung.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich bin an zwei unterschiedlichen Stellen in der Wissenschaft gelandet: einmal als visuelle Kommunikatorin und einmal als künstlerische Forscherin.
Nach meinem Studium war mir klar, dass ich als Künstlerin oder künstlerische Forscherin stark von Fördertöpfen abhängig sein würde und das war ungünstig, weil ich nicht auf ein bestimmtes Medium festgelegt war. So fiel ich bei Förderungen gerne mal durchs Raster, weil ich nicht nur Fotografin, Filmemacherin, Performerin oder Konzeptkünstlerin war.
Ich überlegte mir also früh, dass ich auch unabhängig von Förderstrukturen meine künstlerischen Projekte umsetzen wollte und habe dann das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden: Kreative Formate für die Wissenschaftskommunikation zu entwickeln. So habe ich die Gelegenheit mich jeden Tag mit spannenden Forschungsthemen auseinander zu setzen und künstlerisch forschend tätig zu sein.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Visuelle Wissenschaftskommunikation ist ein Bereich, den es eigentlich schon länger gibt, aber nicht per se als solcher bezeichnet wurde. Mich interessiert es, wie Wissen entsteht und welche Formen Wissen auch visuell annehmen kann, um uns Menschen miteinander zu verbinden und weiterzubringen.
Ich glaube, dass Wissen auf ganz unterschiedliche Arten entstehen und verbreitet werden kann. Und faktenbasierte Wissenschaft zu kommunizieren finde ich sehr wichtig. Gleichzeitig glaube ich, dass es auf diesem Gebiet noch viele Möglichkeiten und Potenzial gibt.
Diese Möglichkeiten zu ergründen und auch zu erforschen, wie Wissenschaft visuell kommuniziert werden kann, finde ich besonders spannend.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Meine Arbeit ist ziemlich vielfältig und das liebe ich so an ihr. Ich bewege mich an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft, Design und Technologie. Ich forsche selbst, bin künstlerisch tätig und kommuniziere die Forschung anderer in kreativen Formaten. 

Früher dachte ich - und wurde mir suggeriert - ich müsste mich auf einen Bereich spezialisieren – heute bin ich darauf spezialisiert unterschiedliche Bereiche miteinander sinnhaft zu verbinden. So bewege ich mich in ganz unterschiedlichen Welten, was mir viel Inspiration liefert.
Und es bedeutet, dass ich es mit ganz unterschiedlichen Personen aus allen Disziplinen zu tun habe. So bin ich ständig am Verstehen, Übersetzen und Vermitteln.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Meine künstlerische Forschungsarbeit beinhaltet immer auch eine Einladung zur Selbstreflektion. Ob es sich nun um Formen der Zusammenarbeit oder das Thema Sexualsprache handelt – sie berühren viele Personen auch in ihrem alltäglichen Leben und geben idealerweise Inspiration oder zeigen neue Perspektiven auf.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich bin in verschiedenen Kontexten als Beraterin für künstlerisch-wissenschaftliche Zusammenarbeit unterwegs. Mich interessiert es neue Formen der Kooperation zu finden und im Austausch mit allen Beteiligten passende Ideen für die Zusammenarbeit zu finden.
Dabei geht es mir also nicht so sehr darum, eine bestimmte Form der Zusammenarbeit zu verbreiten, sondern auch wieder eher um die Reflektionsarbeit und dadurch klarere Kommunikation nach außen. Wodurch dann mehr Leute an derartigen Prozessen und Projekten teilhaben können.
Ich versuche gemeinsam zu gestalten, alle Beteiligten miteinzubeziehen und Kontexte zu schaffen, in denen neue Kommunikationsmöglichkeiten entstehen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ich koche sehr gerne ausschweifend, fermentiere Gemüse und experimentiere mit Essen. Dabei kann ich wunderbar entspannen, meiner Kreativität ihren Lauf lassen und Freunde und Familie zusammenbringen. Fermentation ist ja sowieso ein Trend gerade, der es ermöglicht Überproduktion auszugleichen und wahnsinnig lecker und gesund ist. 

Experimentieren heißt in dem Zusammenhang, dass ich z.B. feststelle: es gibt inzwischen veganen Ei-Ersatz oder veganes Rührei. Aber wie kann ich ein veganes gekochtes Ei herstellen? Da bin ich dann am Herumtüfteln, bis es mir gelingt und man den Unterschied weder visuell noch geschmacklich merkt.
So ähnlich ist auch ein künstlerisches Forschungsprojekt entstanden bei dem ich die Essplätze von Menschen fotografiert habe, die das gleiche gegessen haben, um der Frage nachzugehen, ob man aus ihnen soziokulturelle Zusammenhänge herauslesen kann.
[Publiziert in Hannah Dingeldein „Diskurse des Alimentären – Essen und Trinken aus literatur-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive“, LIT Verlag.]

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Am liebsten beginne ich einen freien Tag mit einem Besuch auf dem Markt. Da lasse ich mich treiben und von Zutaten inspirieren, kaufe etwas zu viel ein und entscheide daraufhin spontan (jedenfalls pre-Corona) Freunde abends zum Essen einzuladen.
Wenn ich zuhause bin, treffe ich einige Vorbereitungen für den Abend und entspanne, lese, recherchiere irgendwas. Abends schlemmen wir dann gemeinsam, tauschen uns aus und diskutieren über alles Mögliche, bevor wir den Abend ausklingen lassen.

Bitte begrüßt Johanna ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, September 12, 2021

Sehen verstehen - Benedikt Ehinger ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unseren neuen Kurator Benedikt Ehinger (@BenediktEhinger) vorstellen zu dürfen! Benedikt Ehinger ist ein 100%iger Kognitionswissenschaftler, mit einem BSc, MSc und Doktor in Cognitive Science von der Universität Osnabrück. Nach einem Abstecher am Donders Institute in den Niederlanden ist er jetzt im Schwabenländle gelandet mit einer Juniorprofessur für Computational Cognitive Science an der Universität Stuttgart. 

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Irgendwas mit Biologie, Psychologie und Informatik wollte ich studieren. Nimmt man noch Mathematik, Philosophie und Linguistik dazu, hat man Cognitive Science. Das konnte man  damals nur in Osnabrück studieren - also bin ich dahin, ohne groß auswählen zu müssen. Meine Bachelorarbeit habe ich innerhalb eines recht großen Forschungsprojekts abgeschlossen und hatte wahnsinnig viel Gestaltungsmöglichkeiten. Meine Betreuer:innen waren super und meine Ideen wurden alle sehr ernst genommen. Da wurde mir sehr schnell klar, dass richtige Forschung jede Menge Spaß macht - und das Gehirn ist alles andere als verstanden, es gibt also viel zu tun.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?

Visuelle Wahrnehmung hat mich schon immer begeistert - tatsächlich gibt es noch einen alten Zeitungsschnippsel aus meiner Schulzeit, wo ich als "Mr. Optische Täuschung" abgebildet bin. Das sieht in Anblick meines jetzigen Berufs ziemlich zielstrebig aus, war es das aber eigentlich gar nicht. Eine Aneinanderreihung von Zufällen und schwubs ist man da, wofür man am Anfang in der Zeitung stand. Jetzt Untersuche ich zwar nicht optische Täuschungen direkt, aber Augenbewegungen und die unterliegende Hirnaktivität. Das ist ein sehr spannendes Thema - underappreciated fact: Die häufigste Muskelbewegung ist die Augenbewegung, mit 4-5mal pro Sekunde! Es liegt also nahe, dass der visuelle Teil des Gehirns sich um Augenbewegungen herum entwickelt hat. In den meisten Experimenten sind aber Augenbewegungen aus verschiedenen Gründen streng verboten - zumindest bis das nicht mehr so ist, will ich in diesem Bereich arbeiten.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!

Mein Schwerpunkt ist das Sehen: Ich möchte ein tiefgehendes Verständnis von der Ursache und Wirkung der Augenbewegungen auf das Gehirn bekommen und untersuche Hirnaktivität während Augenbewegungen.

Daran anknüpfend beschäftigt ich mich mit statistischen Methoden zur Analyse von Hirnströmen und anderen Zeitreihen. Durch Corona und Laborgründung kann ich bisher noch keine eigenen Daten aufnehmen und arbeite viel an Simulationen. Zurzeit versuche ich Methoden zu entwickeln, die es uns erlauben Hirnstromdaten unter Bewegung zu analysieren, z.B. bewegte Bilder, bewegte Arme, Beine, und natürlich auch bewegte Augen. Das ist aus vielerlei Gründen schwierig, von elektrischen Artefakten, zu zeitlich überlappenden Aktivität bis hin zu konzeptionellen Problemen. Ein paar davon werde ich diese Woche sicherlich besprechen.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?

Das Gehirn hält alle Erinnerungen inne, alle Erfahrungen, Wahrnehmungen, kontrolliert alle Fähigkeiten und fällt alle Entscheidungen. Bisher versuchen wir diese verschiedenen Bereiche sehr getrennt und kontrolliert im Labor zu betrachten. Das hat mehrere Gründe, einer davon ist, dass wir keine guten Methoden haben Gehirnaktivität in alltäglichen Situationen zu messen. Es fängt bei den Augenbewegungen an: In welcher alltäglichen Situation bewegen wir unsere Augen nicht? Eigentlich fast nie. Das heißt, ich fange mal an Augenbewegungen und Gehirnaktivität zu verbinden, und daraus folgenden dann sehr viele Anwendungen um Gehirnaktivität in natürliche(re)n Umgebungen zu verstehen. 

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Verletzungsbedingt hängen meine Tanzschuhe am Nagel, dafür mach ich jetzt Tanzmusik. Das Bandonion, *das* argentinisches Volksinstrument (aber eigentlich ein vergessenes deutsches Volksinstrument), hat mich in seinen Bann geschlagen. Es ist ein, sagen wir mal, spezielles Akkordeon. Leider hat jemand die 70 Knöpfe auf den ersten Blick wahllos angeordnet und man muss sie auswendig lernen, fies: Zug und druck unterscheiden sich auch noch, also 140 "Knöpfe" auswendig lernen. Dafür belohnt wird man mit einem einmaligen und fantastischen Klang, und das mit einem Tonumfang eines Klaviers. Und das ganze zum Mitnehmen ins Handgepäck! Ich selber spiel ein Instrument das bald 100 Jahre alt wird und begnüge mich noch mit vielen klassischen Stücken, Tangos und freier Improvisation.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Morgens bis neun ausschlafen und gleichzeitig mit Kind und Partnerin wachwerden - schönes Wetter natürlich. Dann etwas auf dem Bandonion Musik machen. Später Freunde besuchen, Tanzen im Park, vielleicht ein Schachspiel, Menschen beobachten und abends in mittelgroßer Runde Essen kochen, quatsch machen und diskutieren.

 Bitte begrüßt Benedikt ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, September 5, 2021

Ein Sinn für Schönheit - Aenne Brielmann ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Aenne Brielmann (@aabrielma) vorstellen zu dürfen!Aenne hat ihren Bachelor und Master in Psychologie an der Uni Konstanz gemacht und ist danach für die Promotion nach New York gezogen. Dort hat sie fünf Jahre zum Thema Schönheit geforscht und sich heillos in Brooklyn und das Laufen verliebt. Jetzt ist sie zurück in ihrer schwäbischen Heimat und arbeitet als Postdoc am Max-Planck Institut für biologische Kybernetik in Tübingen.


Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?

Ich bin gleich zu Beginn meines Studiums in die Wissenschaft gerutscht. Ich wollte einen kleinen Nebenjob und dachte: Wieso nicht HiWi, darin bist du bestimmt gut? Und so bin ich seit dem 2. Semester eigentlich immer irgendwie in der Forschung tätig gewesen. Als bei uns im Studium dann das Praxissemester dran war, war mir klar: Forschungspraktikum muss sein. Ich hatte durchweg wundervolle Mentorinnen (ja, allesamt Frauen!) und von dem her habe ich mein gesamtes Studium lang gewusst, dass ich in der Forschung bleiben will.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Ich bin quasi über das Ausschlussprinzip bei Psychologie gelandet. In einem Jahr Auszeit vor dem Abi habe ich mir so ziemlich alles angeschaut, was mich berufstechnisch interessiert hat: Kunstakademie, Unterrichten, Pflegepraktikum (fürs Medizinstudium), aber das hat alles nicht so wirklich gepasst, war aber auch nicht wirklich falsch. In der Schnittmenge von Geistes- und Naturwissenschaften lag da aber ein Feld, von dem ich dachte, dass es alle Vorteile (mit wenigen Nachteilen) verbindet: Psychologie. Also habe ich mir die 1,300 Seiten von “Meyer’s Psychologie” innerhalb einer Woche verschlungen und als ich es dann immer noch spannend fand, war klar: Das studier’ ich. Zum Thema Aesthetik bin ich dann halb per Zufall gekommen. Ich habe mich eigentlich mit Interessenschwerpunkt Ambiguität und deren Aufloesung (mit Schwerpunkt ambige Bilder, so wie Necker-Würfel oder der Enten-Hase) an der NYU beworben, aber in meinem Motivation Letter mit einer Beschreibung, wie ich male begonnen. Das hat das Interesse meines Doktorvaters (Denis Pelli) geweckt. Als er fragte, ob ich nicht lieber zu Schoenheit forschen will, musste ich einfach ja sagen!

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich arbeite gerade am Max-Planck Institut für biologische Kybernetik an einem Modell des Belohnungswertes ästhetischer Erfahrungen (aesthetic value). Das heisst, ich erforsche, warum wir bestimmte sensorische Erfahrungen – was wir sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen – mehr mögen und aufsuchen als andere. Wir untersuchen zum Beispiel, wie lange Menschen sich ein Bild anschauen, bevor sie weiter klicken – wie beim Scrollen durch Instagram. Bei Ästhetik denken ja viele gleich und fast ausschließlich an Kunst, und natürlich interessiere ich mich auch  dafür, warum wir so ‘sinnlosen’ Dingen wie Gemälden, Musicals, und Filmen so viel Zeit und Geld ‘opfern’. Aber meine Arbeit möchte eine Brücke schlagen zwischen der klassischen empirischen Ästhetik und der klassischen Forschung zu Lernen und Entscheidungsverhalten. Das Modell, an dem ich gerade arbeite, wendet Algorithmen aus diesen etablierten Feldern (Lernen, Entscheidungsverhalten), die in den letzten Jahren dank KI so viel in der Presse waren, auf einen Bereich menschlichen Verhaltens an, das wir bislang als ‘irrational’ oder ‘nebensächlich’ ignoriert haben.

Motivation: warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Meine Arbeit hat Implikationen für fast jeden Bereich des täglichen Lebens: Egal ob es darum geht was wir anziehen, was wir Essen, wo wir leben, und mit wem, was uns auf der sensorischen Ebene gefällt ist (fast) immer mit entscheidend dafür, wie wir uns entscheiden. Das haben bis jetzt fast nur die Werbeagenturen begriffen und ausgenutzt. Ich hoffe, das meine Arbeit deutlich macht, dass es nicht nur ‘nett’ ist, wenn Dinge gut aussehen oder klingen, sondern dass wir damit das Verhalten der Menschen beeinflussen und dass wir das zum Guten oder zum Schlechten tun können. Nur als ein Beispiel: Ich unterhalte mich gerade viel mit Architekten. Wie wir bauen und wohnen kann einen ganz entscheidenden Beitrag zur mentalen und sogar körperlichen Gesundheit leisten. Menschen, die sich im Krankenhaus wohl fühlen heilen schneller, brauchen weniger Schmerzmittel. Wer im richtigen Umfeld arbeitet tut das effizienter, stressfreier und bleibt damit auch länger gesund.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Ich finde es immer spannend, mit Leuten außerhalb der ‘reinen’ Psychologie zusammen zu arbeiten. Im letzten Jahr habe ich immer mehr Kontakt zu Architekten gehabt und bin in dem Zuge sowohl immer mal wieder bei (online) Seminaren dabei und habe auch einen kleinen Artikel mit einer Gruppe Kollegen aus Architektur, Mathematik, und Physik in der Arbeit. Ich arbeite auch mit Philosophen zusammen und habe dieses Jahr zum Beispiel endlich meinen Eintrag zur empirischen Ästhetik für die Internet Encyclopedia of Philosophy fertig geschrieben.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Ob es für alle anderen so interessant ist, weiß ich nicht, aber mein großes Hobby ist der Langstreckenlauf, auch gerne Distanzen, die über den Marathon hinaus gehen. Am liebsten laufe ich mittlerweile im Wald – dafür ist Tübingen ein idealer Standort, auch wenn sich auf der schwäbischen Alb ganz schön Höhenmeter ansammeln! Das zusammen mit ein bisschen Rudern, Schwimmen, Krafttraining, und was man halt so machen sollte, damit einem die Gelenke das Laufen verzeihen, gleiche ich dann mit ruhigeren Hobbies aus: Lesen und Zeichnen vor allen Dingen. Im Winter stricke ich auch mal ganz gern.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Mein idealer freier Tag startet kühl und leicht bewölkt mit einem langen, langsamen Lauf quer durch den schwäbischen Wald. Danach wartet ein ausgiebiges Mittagessen auf mich, und ein gutes Buch oder eine meiner Lieblingsserien auf der Couch – wenn’s sich ergibt, ein Nickerchen. Danach entweder ein Date oder Treffen mit Freunden zum Abendessen und einem Besuch im Theater oder Konzert. Anschließend gehen wir noch was trinken und wenn ich ganz viel Glück (und besagtes Nickerchen) habe, tanzen.  [Weil es ein idealer freier Tag ist, ist es auch einer, an dem die Gefahr einer Pandemie nicht (mehr) besteht] 

Bitte begrüßt Aenne ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, August 29, 2021

Forschungsanträge in der Biomedizin - Marthe Ludtmann ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Marthe Ludtmann (@MartheHR) vorstellen zu dürfen! Hier ist Marthe in ihren eigenen Worten:

Nach meiner Biologielaborantenausbildung in Deutschland bin ich 2005 in die UK ausgewandert und habe dort 2012 im Bereich der Alzheimerforschung meinen PhD abgeschlossen. Während meines Postdocs und Fellowships habe ich besonders viel mitochondrial and bioenergetic research betrieben. Ich habe in 9 verschiedenen Laboratorien (4 Länder, 3 Kontinente) geforscht, sehr viel Spaß und Erfolg in der Forschung gehabt und habe mich dennoch entschieden einer neuen Karriere in der NHS nachzugehen. Nach 14 Jahren London hat es mich nach York verschlagen. A word of warning - mein Deutsch ist ein wenig eingerostet 😉

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Wie so viele andere Wissenschaftler – ich habe den NC fürs Medizinstudium nicht geschafft. Meine Mutter hat mir damals eine Biologielaborantenausbildung ans Herz gelegt. Und genau das habe ich dann auch getan.
Von 2002-2005 war ich in der Tropentierhygiene an der Uni Göttingen bevor ich zum Studieren nach London gegangen bin. An der Kingston University habe ich Medizinische Biochemie studiert und durfte dank meiner Ausbildung direkt ins 2. Studienjahr einsteigen. Von 2007-2008 habe ich ein MSc by research an der Kingston Uni & Natural History Museum London absolviert bevor ich 2008 meinen PhD an der Royal Holloway University begonnen habe. 2012 war ich endlich fertig und habe am Institute of Neurology (Queens Square, UCL) eine Postdocstelle angenommen. Mein eigenes Fellowship (Alzheimer’s Research UK) und eine tenure track position am Royal Veterinary College in London habe ich 2017 begonnen und 2019 hinter mir gelassen um meinen jetzigen Job anzutreten.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Meine akademische Zeit habe ich im Bereich der Mikrobiologie, Parasitologie, Alzheimer- und Parkinsonforschung verbracht. Die Zeit in der Alzheimer- und Parkinsonforschung habe ich besonders genossen.
Mein jetziger Job beinhaltet sehr viel Abwechslung und ich freue mich, wenn Forschungsanträge erfolgreich sind. Und ich freue mich umso mehr, dass ich die Forschung nicht selber betreiben muss 😉

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Es ist vor allem vielfältig! Wir sind ein kleines teaching hospital das momentan versucht seine Forschung auszubauen. Meine Arbeit umfasst research grant applications aus jedem Bereich: von Anästhesie über Gastroenterologie bis hin zur Zahnmedizin. Und natürlich in den letzten 18 Monaten auch Covid-Forschung. Dadurch lese ich natürlich viele verschiedene Forschungsvorhaben und lerne ich jeden Tag etwas Neues. Ich helfe Medizinern Kollaborationen mit der University of York aufzubauen, helfe Akademikern Kontakte mit Medizinern zu knüpfen, Grantsmanship und Kostenberechnung. Zudem unterstützte ich Ko im Krankenhaus und organisiere Forschungstreffen. 

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Meine Arbeit unterstützt Forschung im Gesundheitswesen. Die angewandte Forschung im Krankenhaus ist vielfältig und involviert Patienten. Die Pandemie hat sehr viele Studien ans Krankenhaus gebracht – die Leitungsstruktur der NHS ermöglichte das Covidstudien sehr schnell gestartet wurden. All dies macht meine Arbeit sehr interessant und niemals langweilig.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Meine kleine Familie – ich habe einen 9 Monate alten Sohn und bin seit ein paar Wochen wieder bei der Arbeit.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Früh aufstehen und mit einem Kaffee am Fluss im Garten sitzen und Zeitung lesen. Ins Fitnessstudio (Spinning und HITT) und danach nach York fahren und mit meiner Familie und Freunden in ein schönes Restaurant oder Pub gehen. Oder meine Freunde in London besuchen was natürlich auch einen Pub beinhalten würde ;-) 

Bitte begrüßt Marthe ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, August 22, 2021

Die Energiewende entschlüsseln - Julius Wesche ist jetzt bei Real Scientists DE!

Mit großer Vorfreude möchten wir euch unseren neuen Kurator Julius Wesche (@juliuswesche) vorstellen! Julius hat zunächst in Hamburg BWL studiert, sich dann aber in seinem Master an der Universität Kassel dem nachhaltigen Wirtschaften und der Energiepolitik zugewandt. Aktuell arbeitet er in der Energy Transition Initiative der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU) in Trondheim. Zusätzlich hat Julius 2020 den Energiewende-Podcast enPower gegründet und bringt in diesem Monat den Science Communication Accelerator Podcast an den Start.

Wie bist du in der Wissenschaft gelandet?
Ich möchte einen Beitrag zur Energiewende leisten. Nach meinem Studium hatte ich zwei Angebote von Beratungsfirmen und eins von Fraunhofer. Ich habe mich für Fraunhofer entschieden, weil ich dachte, dass ich leichter von der Wissenschaft in die Wirtschaft wechseln könnte als umgedreht. Naja, jetzt bin ich seit 9 Jahren in der Wissenschaft 😊. Und das ist gut so. 😊

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort?
Meine Eltern hatten ein Ferienhaus in der Nähe des Endlagers in Gorleben. Ich wurde schon als Kleinkind auf Anti-Atom-Kraft Demos mitgenommen. Das hat sich wohl in meinen Synapsen verfangen. Ich habe aber erst mal BWL in Hamburg studiert und nach dem Bachelor gemerkt, dass ich nicht glücklich werde, wenn ich rosa Fotokameras verkaufe. Ich wollte etwas mit Sinn machen. Ich war dann erst mal Backpacken (von Mexiko Stadt bis Buenos Aires) und Pilgern (Jakobsweg) und habe Praktika u.a. im Bundestag (Grüne) gemacht. Von da an war klar, dass es Energiewirtschaft und Energiepolitik werden würde.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit!
Ich habe mir in meiner Diss angeschaut warum die Wärmewende so viel langsamer beschleunigt als die Elektrizitätswende. Und habe dabei herausgefunden, dass die Implementierung von Wärmetechnologien viel mehr vom lokalen Kontext abhängig sind, als dies bei Elektrizitäts-Technologien der Fall ist. Dies wirkt sich direkt auf das Innovationssystem und die Technologiediffusion aus. Über diesen Unterschied plane ich auch in der kommenden Woche viel zu tweeten.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren?
Wenn wir die Energiewende nicht schnell hinbekommen können unsere Enkel nicht mehr so ein schönes Leben haben wie wir. Deswegen sollten wir diese Energiewende möglichst schnell hinbekommen. Meine Arbeit leistet (hoffentlich) einen kleine Beitrag die sozio-technischen Herausforderungen besser zu verstehen und Akteur*innen dabei zu unterstützen clevere Entscheidungen zu treffen.

Hast du irgendwelche interessanten externen/zusätzlichen Aufgaben/Tätigkeiten?
Mit einem Kollegen vom Fraunhofer ISI habe ich vor ca. 1,5 Jahren den enPower Podcast gegründet. Mittlerweile hat der Podcast mehr als 140.000 Streams verzeichnet und wurde sogar für den Umweltmedienpreis der Deutschen Umweltstiftung nominiert. Wir finden das alles surreal, freuen uns aber, wenn meist junge Menschen unseren Podcast hören und etwas mitnehmen.
In der kommenden Woche werde ich noch einen weiteren Podcast launchen. Und zwar den Science Communication Accelerator Podcast. Seit letztem Jahr unterstütze ich Universitäten und Forschungsorganisationen dabei Strategien für ihre Social-Media Aktivitäten zu entwickeln. Dabei habe ich bemerkt, dass es keinen Wissens-Hub gibt, der hierzu Wissen bündelt. Um dem Abhilfe zu schaffen, gründe ich diesen neuen Podcast. Bis Weihnachten werde ich jede Woche eine Folge publizieren. Mal gucken, wie das wird, zwei Podcasts neben einander zu betreiben. Vielleicht muss ich dann irgendwann auch wieder herunterschalten. Mal schauen.

Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?
Viel Bergsteigen. Und hier in Norwegen ist der Winter ja länger, deswegen auch mehr Ski-Fahren als vorher.

Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?
Mit meiner Freundin im Winter auf eine Ski-Tour gehen und anschließend irgendwo ein Jakuzzi finden und sich unter dem Sternenhimmel und mit Mütze auf (damit der Kopf nicht kalt wird) ein Bier genehmigen.

Bitte begrüßt Julius ganz herzlich bei Real Scientists DE!

Sunday, August 15, 2021

Die Welt im Videospiel - Anh-Thu Nguyen ist jetzt bei Real Scientists DE!

Diese Woche freuen wir uns sehr, euch unsere neue Kuratorin Anh-Thu Nguyen (@Kayde_Nuen) vorstellen zu dürfen! Anh-Thu, eigentlich aus dem Ruhrpott, schließt derzeit ihr Masterstudium an der Universität zu Köln in Medienkulturwissenschaften und English Studies ab. Seit Beginn ihres Studiums war sie an verschiedenen Game Studies Projekten beteiligt, wie in etwa als wissenschaftliche Hilfskraft am Sammelband “Game | World | Architectonics” (2021 Marc Bonner), oder nahm mit Vorträgen an der Clash of Realities Konferenz 2019 und 2020 teil. Zwischenzeitlich ging es auch für einen Austausch nach Japan an der Sophia University in Tokio und 2020 durfte sie kurz mit einem (virtuellen) Praktikum die Wissenschaftskommunikation im New Yorker Büro der Universität zu Köln kennenlernen. Der Austausch in Japan, sowie die Game Studies haben Anh-Thu nie losgelassen und so wird sie Ende 2021 nach Kyoto ziehen und 2022 als Doktorandin an der Ritsumeikan University weiter an Videospielen in einem globalen Kontext forschen.

 
Wie bist du in der Wissenschaft gelandet? 

Die Wissenschaft um und über Videospiele ist noch sehr jung – so jung, dass ich über die Jahre selbst quasi die Entwicklung auf nationaler und internationaler Ebene miterleben durfte. Meine eigene Verbundenheit zum Medium selbst und die Begeisterung dafür, sich auf verschiedensten Weisen mit einem der wichtigsten Medien unserer Zeit auseinanderzusetzen, hat eine große Rolle gespielt, warum ich zukünftig weiterhin in der Disziplin sein möchte. Für mich war es auch dank einiger Dozierenden an meiner Universität, die mir so eine kultur- und medienwissenschaftliche Perspektive auf Videospiele offenbart haben, die tolle und spannende Kurse in meinem Studium angeboten haben. Die Kombination aus einer Disziplin, die sich teilweise auch noch jetzt noch selbst zu definieren versucht, sowie meine eigene Begeisterung für Videospiele gestützt durch mein Studium haben mich nun dazu geführt, dass ich bald in Japan in Kyoto weiter an Videospielen forschen werde.

Warum hast du dich für dein aktuelles Feld entschieden, und/oder was hält dich dort? 

Obwohl es primär meine eigene Begeisterung für das Medium ist, sind Videospiele längst Mainstream geworden. Dadurch, dass die Forschung an, über und mit Videospielen noch so jung ist, ist sehr viel was gemacht wird, sehr zugänglich. Für ein Medium, dass für so viele Menschen auf der Welt eine Relevanz hat, ist das sehr wichtig: vor allem (medien)kulturwissenschaftliche Perspektiven sollten zugänglich sein, um so kritische Perspektiven aufzeigen zu können. Warum das wichtig ist, sehen wir in etwa in Deutschland an der mittlerweile eher abgeflachten Diskussion über Gewalt in Videospielen und der ab und an wieder aufflimmenden Diskussion über Videospielsucht. Dennoch ist die Videospielindustrie, auch in Deutschland, einer der größten Industrien weltweit. Ihre Omnipräsenz braucht also kritische Perspektiven, die sich damit auseinandersetzen kann. Mit was für einem Medium haben wir hier zu tun? Wie funktioniert es, wie involviert es Spieler*innen? Was können wir von diesem Medium lernen? Das Spannende ist auch, das meine medienkulturwissenschaftliche Perspektive nur eine von vielen ist. Das Medium lebt von Interdisziplinarität, ob in der Psychologie oder AI-Computing. Für mich ist das alles sehr spannend und man hat viel von anderen Forscher*innen und Disziplinen zu lernen.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit! 

Für mich ist an Videospielen vor allem eins spannend: die Beziehung vom Medium zum Tourismus. Große Videospielentwickler wie EA, Ubisoft oder CD Projekt Red versprechen vor allem großartige Erlebnisse und Abenteuer in ihren Spielen. Oft werden digitale Städte und Landschaften zu virtuellen Reiseorten und mit der derzeitigen Videospieltechnologie immer detaillierter. Die Beziehung zwischen solchen Orten, wie in etwa die Nachstellungen des antiken Griechenlands in einer der Assassin’s Creed Spiele ist in etwa für einige Forscher*innen in Deutschland und international von Interesse gewesen.

Hier kommen wir dann konkret zu meiner Forschung. Ich interessiere mich vor allem für diese Beziehung zwischen Videospielen und Tourimus im Kontext von Japan. Das Land ist ebenfalls geprägt von der Videospielindustrie und das schon mindestens seit den 80er Jahren. Wer die Olympischen Spiele mitverfolgt hat, wird vielleicht gemerkt haben, dass das Land sich vor allem durch ihre popkulturellen Erfolge präsentiert hat – in der Eröffnungszeremonie liefen in etwa Lieder von bekannten japanischen Videospielen, während die Athleten der jeweiligen Länder in das Stadion liefen. Hier zeichnet sich eine Beobachtung ab: das Land nutzt mittlerweile sehr bewusst ihr popkulturelles Image um sich selbst so bewerben und wirkt sich auf zwei Ebenen aus: Videospiele selbst, unabhängig davon ob sie aus Japan kommen oder nicht, sind fasziniert von japanischen Ästhetiken (Samurai, die Edo-Zeit, japanische Architektur und so weiter) und bringen diese in das Medium für einen gewissen virtuellen Tourismus. Gleichzeitig ist es der eigentliche Tourismus selbst der im Land so beworben wird. Damit möchte ich mich näher in meinem Doktorandenstudium in Kyoto beschäftigen.

Warum sollte sich die Öffentlichkeit für deine Forschung/Arbeit interessieren? 

Videospiele sind überall und für jeden. Und dennoch stehen sie in einem sehr ambivalenten Verhältnis, wie in etwa zu der Frage, wieviel Energie die Technik braucht, um sie überhaupt zu spielen. Oder dass sie Produkte einer Industrie sind, die primär Profit schlagen möchte und immer neue Strategien sucht, um Gewinne zu erzielen. Vor allem in den letzten Jahren häufen sich Meldungen über die sexistischen Arbeitsbedingungen bei Spieleentwicklern, sowie dutzende unbezahlte Überstunden, die direkte psychische Konsequenzen für Miterarbeiter*innen haben. Als eine Industrie, die vor allem Produkte schafft, die einzigartige Erlebnisse versprechen, steckt sie in vielen Widersprüchlichkeiten. Es geht also schon viel mehr als um das Medium selbst, sondern direkte, kulturelle und soziale Konsequenzen, die mit dem Medium kommen.


Irgendwelche interessanten Hobbies, von denen du uns erzählen möchtest?

Es sollte keine Überraschung sein, dass ich selbst viele Videospiele spiele. Manchmal streame ich meine Abenteuer auf Twitch! Wer da mal vorbeischauen möchte, kann es gerne auf twitch.tv/kayde_nuen tun.


Wie sieht dein idealer freier Tag aus (Forscher sind ja auch nur Menschen)?

Lange Gespräche auf Discord mit meinem Partner in Australien, Streams auf Twitch schauen, und wenn ich bei meinen Eltern bin, mich von meiner Mama mit vietnamesischen Essen verwöhnen lassen.


Bitte begrüßt Anh-Thu ganz herzlich auf Real Scientists DE!